Sea of Stars im Test: So klassisch, so Rollenspiel, so gut!
Test
Zwei junge Krieger der Sonnenwende ziehen aus, um die Welt vor einem uralten Übel zu retten. Und wir wollen fast wieder das Scart-Kabel ausgraben ... Unser Test zu Sea of Stars!
Sea of Stars. Alles an diesem Rollenspiel ist ein Klassiker. Klassischer Retro-Look, mit einem großen Teil Secret of Mana, Chrono Trigger als satter Beilage und einer modernen Engine, die uns in eine herrlich detailverliebte und lebendige Spielwelt einlädt. Klassische Heldenreise, in ein Universum voller Fantasie und Geheimnisse, Dungeons, Sidequests und einer Bedrohung für die gesamte Welt, der sich unsere tapferen Recken während ihrer Coming-of-Age-Geschichte stellen müssen. Klassische Musik, die es trotz ihrer Bandbreite an Stilen und vollmundigen Instrumenten irgendwie schafft, dieses "Hach ja, damals ..."-Midi-Gefühl aus der 16-Bit-Ära hochleben zu lassen. Hätte Nintendo seinerzeit das SNES als upgradefähige Konsole konzipiert, Sea of Stars wäre ein Rollenspiel für die 2023er-Iteration des Super Nintendo.
Held trifft Welt
Sea of Stars ist ein für sein Genre etwas kürzeres Abenteuer, zeigt sich mit um die 30 bis 40 Stunden Spielzeit samt Nebenmissionen aber auch sehr kompakt. Groß Platz für Filler gönnt sich das gute Stück kaum, weswegen ich euch nicht zu viel von der Geschichte erzählen möchte, um das enorme Spoiler-Potenzial zu vermeiden.
Wenn ihr den fünften Charakter für eure Party trefft, wisst ihr, was ich meine. So gut wie alles, was ihr an Gerüchten oder Erzählungen in dieser optisch enorm wandlungsfähigen Welt aufschnappt, schleicht sich irgendwann mal mehr oder weniger prominent in eure eigene Storyline. In der Regel mehr als weniger.
Nur so viel sei verraten: In Sea of Stars schlüpft ihr in die kombinierte Haut zweier Leitcharaktere: Zale und Valere. Die beiden sind Krieger der Sonnenwende, deren Rolle es ist, ihre Welt vor einem gewaltigen, uralten Unheil zu bewahren.
Dafür trainieren die beiden ihre gesamte Kindheit über, bevor sie dann als fertig ausgebildete Recken auf Reisen gehen, um sich ihrem Schicksal zu stellen. Euch erwartet eine kurzweilige Geschichte gespickt mit übermächtig scheinenden Feinden, unerwarteten Freunden, Verrat, Hoffnung, alten Artefakten, mächtigen Waffen und jeder Menge Level-ups bei herrlich fetziger Musik.
Quelle: Sabotage Studio
Inhaltlich macht Sea of Stars so gut wie gar nichts neu. Muss es aber auch nicht. Getragen wird das Spiel durch sein hervorragendes Gameplay. Aber dazu später mehr, jetzt hab ich nämlich erst mal einiges zu motzen.
Ein Frosch bist du nicht
Ein Schwachpunkt sind für mich insbesondere die Charaktere, gerade Zale und Valere als Chefprotagonisten. Ich finde, die beiden sind liebenswert, völlig okay.
Aber unterm Strich sind sie nichts als zwei Kinder, die wortwörtlich in eine Ausbildung zum Abenteurer gefallen sind, diese abgeschlossen haben und sich dann aufmachen, um eine Welt zu erkunden, die wie für sie zum Abenteuern gemacht scheint. Mehr ist da aber nicht. Von der Tiefe eines Cyan oder Edgar aus einem Final Fantasy 6 oder eines Frog aus Chrono Trigger oder eines Ryu aus Breath of Fire sind die beiden weit entfernt.
Der beste Vergleich ist da vielleicht erneut Secret of Mana - der Junge und das Mädchen dort gehen eigentlich auch nur vor die Tür, um einem Pogopuschel auf die Umme zu kloppen.
Witzigerweise ist das erste zusätzliche Partymitglied, dem ihr in Sea of Stars über den Weg lauft, da deutlich spannender als die zwei Haupthelden: Garl, den gutherzigen Kombatwombat, lernt ihr ja quasi schon zu Beginn des Spiels kennen - er wird eigentlich nur durch seine optimistische Natur geprägt, aber selbst das langt schon, um Zale und Valere als blasse Figuren zu überflügeln.
Quelle: Sabotage Studio
Die zusätzlichen Charaktere, die deutlich später im Spiel auftauchen, sind noch besser. Aber dazu ziehe ich den Reißverschluss an meinem Mund, weil Spoiler. Sehr viel Spoiler.
Welches Cheaterl hätten's denn gerne?
Kennt ihr noch das demotivierend-hungrige Geräusch aus Chrono Trigger in der Postapokalypse, wenn ihr aus einer der Speichermaschinen steigt? Genau so grummle ich, wenn ich mir die Relikte in Sea of Stars anschaue. Diese Mutatoren sind eine echt verschenkte Spielmechanik: Wenn ihr Relikte findet oder beim Händler kauft, könnt ihr durch Knopfdruck im Menü bestimmte Aspekte des Spiels verändern.
Beispielsweise dürft ihr vorgeben, dass sich eure Lebens- und Magiepunkte nach jedem Kampf auffüllen, was Sea of Stars deutlich leichter macht. Oder ihr entscheidet euch für einen dauerhaften Preisnachlass von 10 % bei allen Händlern. Oder ihr erhöht massiv das Timingfenster für effektive Attacken und Blocks.
Angemessene Nebenwirkungen dieser Relikte? Keine. Die Höchstzahl gleichzeitig aktivierbarer Relikte? Keine. So werden diese Kleinode zu Cheats zum Einkaufen degradiert, wenn sie zum Beispiel durch spürbare Nachteile oder wenigstens Einsatzbeschränkungen eine spannende zusätzliche Strategie-Schicht hätten sein können.
Kleinvieh macht auch Mist
Und dann gibt es noch so ein paar Kleinigkeiten, die mich ab und an die Zähne zusammenbeißen lassen, während ich mit meiner Schaluppe durch die Spielwelt schippere. Hin und wieder - vor allem bei Bosskämpfen - neigt Sea of Stars dazu, ungefragt die Aufstellung meiner Party-Reihenfolge zu verändern. Das ist jetzt kein Kategorie-Lavos-Weltuntergang, aber es ist halt auch nicht gut fürs Muskelgedächtnis.
Ein paar kleine Rechtschreibfehler und vergessene Buchstaben sind eine minimale Kerbe in der ansonsten echt guten deutschen Übersetzung, die auch den Humor und das Flair von Sea of Stars sauber einfängt. Dass sich Garls Spritesheet hin und wieder nicht ganz entscheiden kann, auf welcher Seite die Sache mit seinem Auge passiert ist, verzeihen wir dem feinen Spiel ebenfalls.
Ein echter Schnitzer ist hingegen, dass einige der Charakter-Skills oft von der Geometrie der Umgebung behindert werden. Ein hervorragendes Beispiel ist etwa Valeres Monderang-Skill.
Bildergalerie
Während meines Druchzockens ist die gute Mondkriegerin mehr als einmal hinter einen Baum oder mitunter sogar in einen Gebäudeteil auf der Spielkarte gesprungen, weswegen ich ihren Monderang nicht timen konnte - ich habe schlicht nichts gesehen. Bei dem ersten Skill des ersten geheimen Charakters ist das Problem sogar noch deutlich schlimmer. Zweimal haben es sogar Gegner im Kampf hinbekommen, ihre Spezialattacken hinter Sichtblockaden zu verstecken. Die Angriffe hab ich dann entsprechend voll auf die Waffel bekommen.
