Rocky Rodent, Awesome Possum, Gex und James Pond

Special Marco Cabibbo Lukas Schmid
Rocky Rodent, Awesome Possum, Gex und James Pond
Quelle: Accolade

Viele Entwickler haben versucht, Mario und Co. das Wasser abzugraben. Die meisten von ihnen sind dabei gescheitert und haben der Videospielwelt so das eine oder andere Jump & Run hinterlassen. Wir werfen in unserem Retro-Special einen Blick auf die misslungenen Versuche aus den 1990er-Jahren.

Rocky Rodent

Ausgehüpft - die gescheiterten Jump&Run-Ikonen aus den 1990er-Jahren Quelle: Irem Ausgehüpft - die gescheiterten Jump&Run-Ikonen aus den 1990er-Jahren Rote Chucks, rote Mähne, Rüpel-Attitüde: Manchmal sind die Zutaten für einen Spielecharakter sehr übersichtlich. Simpel heißt aber nicht automatisch gelungen. Rocky Rodent aus dem Jahr 1993 beweist eindrucksvoll, wie wenig Arbeit man in eine Spielfigur stecken kann, ebenso wie in das gesamte Spiel.

Sympathische Hauptfigur, oder? Man kann nur erahnen, was sich die Macher bei Rocky Rodent gedacht habt. US-Zeichentrickshows stehen ganz oben auf der Liste des Möglichen. Quelle: PC Games Sympathische Hauptfigur, oder? Man kann nur erahnen, was sich die Macher bei Rocky Rodent gedacht habt. US-Zeichentrickshows stehen ganz oben auf der Liste des Möglichen. Die 90er waren nicht nur das goldene Jahrzehnt der Videospiele - in dieser Dekade erschienen auch einige der wohl kontroversesten Zeichentrickserien.­ Ren & Stimpy oder Rockos modernes Leben dürften zu den bekanntesten Vertretern dieser Generation gehören. Ebenso wie Mario oder Sonic waren sie populär und erfolgreich genug, um anderen Studios als Inspirationsquelle zu dienen. Inspiration ist dabei noch freundlich ausgedrückt: Natürlich reden wir von billig zusammengeschusterten Klonen, die nur darauf ausgelegt sind, schnelle Kohle zu machen. Rocky Rodent stellt ein außergewöhnlich interessantes Beispiel dar. Das von Irem entwickelte Jump & Run bediente sich großzügig aus beiden Lagern der Videospiel- und Zeichentrickwelt. Auffallend ist dabei der häufige Einsatz von Zwischensequenzen im Comic-Stil, welche dezent auf die typischen Samstagmorgen-Cartoons abzielten.

Der Plot selbst war aber äußerst dünn. Rocky muss über sechs Levels verteilt die Tochter vom Besitzer seines Lieblingsrestaurants retten und dazu seine Haarpracht als Waffe einsetzen. Die unterschiedlichen Frisuren verliehen dem doch recht unansehnlichen Hauptcharakter dabei diverse Fähigkeiten, sonderlich herausragend wurde das Spiel dadurch aber leider nicht. Äußerst bedauerlich, dass Irem sich mit Rocky Rodent einen solchen Patzer im eigenen Portfolio erlaubte. Immerhin gehen auf das Konto des japanischen Entwicklers einflussreiche Spiele wie etwa der Kultklassiker R-Type. Genau wie schon Socket eine Seite zuvor, wurde das Spiel auf den heimischen Markt unter einem anderen Titel veröffentlicht. Statt Rocky Rodent musste man vor dem Händlerregal nach Nitropunks: Mightheads suchen. Auf das Schicksal des Spiels hatte der Name aber keinen Einfluss: Rocky Rodent ist völlig zu Recht aus dem Mittelpunkt des öffentlichen Interesses verschwunden. Vermissen dürfte den Rotschopf wohl niemand.

Awesome Possum

Ausgehüpft - die gescheiterten Jump&Run-Ikonen aus den 1990er-Jahren Quelle: Tengen Ausgehüpft - die gescheiterten Jump&Run-Ikonen aus den 1990er-Jahren Von einem tierischen Helden zum nächsten: Helft dem coolen Awesome Possum dabei, dem fiesen Dr. Machino gehörig in den Hintern zu treten. Doch Vorsicht, nur trashresistente Spieler werden lange genug durchhalten, um es bis zum letzten Endgegner zu schaffen. Der Weg dorthin erweist sich als ziemlich steinig und nervig.

Ein scheußlicher Anblick: Das Mega Drive hatte grafisch mehr zu bieten als uns Awesome Possum weismachen will. Quelle: PC Games Ein scheußlicher Anblick: Das Mega Drive hatte grafisch mehr zu bieten als uns Awesome Possum weismachen will. Was in den 80ern erst langsamen Schrittes begann, rückte in den 90ern komplett ins öffentliche Interesse: ein gemeinsames Umweltbewusstsein. Um auch der jüngeren Zielgruppe vor Augen zu führen, dass es mit der Gesundheit unseres Planeten nicht wirklich gut bestellt ist, wurden unterschiedlichste Projekte ins Leben gerufen. Neben einigen Zeichentrickserien machte es sich auch so manches Videospiel zum Ziel, Kindern den Naturschutz nahezubringen. Für dieses Vorhaben kann man Awesome Possum ... Kicks Dr. Machino's Butt sein Lob aussprechen - allerdings auch wirklich nur dafür. Das von Tengen entwickelte Spiel tat wirklich alles, um möglichst viel mit dem Sega-Platzhirsch Sonic gemein zu haben. Dabei ist es fast schon eine Unverschämtheit, Awesome Possum mit Sonic the Hedgehog zu vergleichen, denn spielerisch ist der Titel ein absolutes Wrack. Wie es sich für ein Schrottspiel gehört, ist nicht nur die Grafik auf einem unterirdischen Niveau. Sogar die Steuerung und das Sprungverhalten - für ein Jump & Run von essenzieller Bedeutung - wurden gründlich in den Sand gesetzt. Was Awesome Possum aber so unglaublich nervig macht, ist der unsägliche Hauptcharakter, der einfach JEDE Situation mit einem coolen Spruch kommentieren muss. Ihr werdet von einem Feind getroffen? Dämlicher Kommentar. Ihr sammelt ein Extraleben ein? Dämlicher Kommentar. Ihr bleibt einfach nur für einen kurzen Moment stehen? Dämlicher Kommentar. Eine Sprachausgabe in Videospielen war Anfang der 90er noch nicht selbstverständlich. So wie in Awesome Possum sollte man die zur Verfügung stehende Technik aber lieber nicht nutzen. Wer das Modul in seine Hände kriegen sollte: Ab zum Recycling damit!

Gex

Ausgehüpft - die gescheiterten Jump&Run-Ikonen aus den 1990er-Jahren Quelle: Crystal Dynamics Ausgehüpft - die gescheiterten Jump&Run-Ikonen aus den 1990er-Jahren Lange vor Tomb Raider und Soul Reaver verdiente sich Hersteller Crystal Dynamics in einem anderen Genre ­seinen Monatslohn: Wo heute Miss Croft herumturnt, stand früher eine grüne Echse im Rampenlicht.

So cool wie Sonic, aber noch lange nicht so sympathisch: Gex brachte es immerhin auf drei Teile, ist seit dem Jahr 1999 aber nicht wieder aufgetreten. Quelle: PC Games So cool wie Sonic, aber noch lange nicht so sympathisch: Gex brachte es immerhin auf drei Teile, ist seit dem Jahr 1999 aber nicht wieder aufgetreten. Die meisten der bislang vorgestellten Titel in diesem Feature kamen nicht über ein Spiel hinaus und hatten keine Hoffnung darauf, mit einem zweiten Teil fortgesetzt zu werden. Anders erging es dabei Gex, der im Gegensatz zu vielen Mitbewerbern seinen Einstand auf dem 3DO feierte und kurz darauf für mehrere Systeme umgesetzt wurde. Der erste Teil mit dem coolen Gecko kam wertungstechnisch noch erstaunlich gut weg. Vor allem auf dem 3DO hatten die Macher bei Crystal Dynamics ein echtes Kleinod für die Konsole erschaffen. Eine Fortsetzung auf der Playstation ließ jedoch bis zum Jahr 1998 auf sich warten, setzte dann aber vollständig auf 3D-Grafik. Nur wenigen Serien gelang es, diesen Sprung ohne Blessuren zu meistern - selbst der hier schon mehrfach aufgegriffene Igel Sonic tat sich mit der neuen Technik äußerst schwer. Gex: Enter the Gecko hatte ebenfalls mit diesem Wechsel zu kämpfen, konnte sich aber immer noch im guten Mittelfeld halten - Umsetzungen für N64 und Game Boy Color waren im Direktvergleich jedoch deutlich schlechter.

1999 kam mit Gex 3: Deep Cover Gecko dann das endgültige Aus für den Kaltblüter. Erneut bekamen Besitzer einer PS1 das deutlich bessere Spiel als N64-Menschen. Offenbar hatten die Macher Sonys Hardware deutlich besser im Griff. Allgemeine Verbesserungen, was insbesondere die Kameraführung anbelangt, waren aber auf beiden Systemen vorhanden. Wofür das Spiel aber hauptsächlich im Rampenlicht stand, war der neue Sidekick von Gex - dabei handelte es sich nämlich nicht um eine weitere Echse, sondern das damalige Playboy-Model Marliece Andrada. Der pralle Ausschnitt genügte aber nicht, um die Serie auch ins nächste Jahrtausend zu retten. Seit dem dritten Teil ist Gex in Rente und hat bislang keinen Versuch unternommen, im Genre der Jump & Runs wieder mit von der Partie zu sein. Vielleicht ist es auch besser so.

James Pond

Ausgehüpft - die gescheiterten Jump&Run-Ikonen aus den 1990er-Jahren Quelle: Electronic Arts Ausgehüpft - die gescheiterten Jump&Run-Ikonen aus den 1990er-Jahren Wieso sollten immer nur Säugetiere die Rolle von Maskottchen einnehmen? Auch Fische haben Charisma! James Pond ist Kiemenatmer, Geheimagent und Star mehrerer (!) durchwachsener Spiele. Ein echtes Multitalent also, aber macht das auch Spaß?

James Pond sieht genauer betrachtet eigentlich eher wie eine Nacktschnecke aus. Sorry, James! Dann doch lieber Earthworm Jim. Quelle: PC Games James Pond sieht genauer betrachtet eigentlich eher wie eine Nacktschnecke aus. Sorry, James! Dann doch lieber Earthworm Jim. Dass man aus einem müden Wortwitz mehr als nur ein Spiel pressen kann, beweisen die James Pond-Spiele. 1990 nahm die Saga um den Agentenfisch unter anderem auf Mega Drive, Amiga und Atari den Anfang. Zur Wehr gegen Dr. Maybe und dessen fiese Handlanger (sowie allerlei Meeresgetier) setzt sich der Held im Puzzle-Plattformer nicht mit Knarren, sondern Luftblasen. Ein Jahr später ging es mit James Pond 2: Codename Robocod auf allen denkbaren Plattformen (unter anderem SNES, Game Boy, C64 und Amiga, später auch PS2 und Nintendo DS) weiter. Die Story knüpft direkt an das Ende des Vorgängers an - Fiesling Dr. Maybe hat in der Spielzeugwerkstatt des Nikolaus Geiseln genommen. 1993 folgte das Ende der Trilogie auf Amiga, Mega Drive und SNES. Dr. Maybes teuflischer Plan dreht sich dieses Mal um den Abbau von Mondkäse. Beeindruckt von der epischen Handlung, dem intelligenten Witz und den faszinierenden Charakteren wünscht ihr euch nun sicherlich, dass die Serie auf modernen Konsolen weitergeführt würde. Und ihr habt Glück! Besitzer eines iOS-Geräts können das Spiel James Pond and the Deathly Shallows - eine eine Anspielung auf Harry Potter - herunterladen. Während die guten alten James Pond-Spiele zwar uninspiriert und unlustig, aber immerhin nicht vollkommen furchtbar sind, ist das knallbunte Handygame ein Totalausfall.

Bildergalerie

  1. Seite 1 Aero the Acrobat, Kid Klown, Socket und Bubsy the Bobcat
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