Wirrwarr zum PlayStation-5-Launch: Wer zum Teufel kauft seine Spiele vor der Konsole?

Special Andreas Altenheimer Benedikt Plass-Fleßenkämper Maria Beyer-Fistrich
Wirrwarr zum PlayStation-5-Launch: Wer zum Teufel kauft seine Spiele vor der Konsole?
Quelle: Medienagentur plassma

PS5 und Xbox Series X sorgen aktuell nicht nur für Freude, sondern auch für Missmut. Nahezu alle bislang verkauften Geräte waren reserviert für die ersten Vorbesteller, während praktisch in keinem Laden ein Exemplar für den offenen Verkauf zur Verfügung stand. Andersherum ist es kein Problem, jedes bislang veröffentlichte PS5-Spiel erwerben zu können. Da stellt sich unserem Autor Frage: Wer kauft das Zeug eigentlich, wenn kaum jemand die passende Konsole besitzt?

Es war Mitte November oder genauer gesagt Freitag, der 13. In knapp einer Woche sollte ich mich über eine PlayStation 5 freuen, denn schließlich gehörte ich zu den glücklichen Vorbestellern, die in der Nacht zum 17. September erfolgreich ein Exemplar reservieren konnten. Und, Spoiler-Alert: Ja, die Konsole kam in der Tat am darauffolgenden Donnerstag unversehrt bei mir an.

Freitags bin ich in der Regel in der Innenstadt unterwegs und mache bei dieser Gelegenheit einen Abstecher zu diversen Elektrofachgeschäften - genau wie an jenem Novembertag. Dabei ahnte ich insgeheim, was mich erwartete: die ersten Spiele für die PlayStation 5 (jetzt kaufen ). Schließlich war es kein Geheimnis, dass man all die neuen Hits wie Demon's Souls, Marvel's Spiderman: Miles Morales oder Assassin's Creed Valhalla bereits zum Zeitpunkt des US-Releases und somit vor der Veröffentlichung der Konsole in Deutschland kaufen könne.

Trotzdem fühlte ich mich von dem Anblick erschlagen. Einer der Läden hatte nicht einfach mal ein paar Reihen im Regal gesäubert und für die neue Konsolengeneration reserviert - nein, ich stieß gleich an verschiedenen Stellen auf mehrere Stände, weshalb all die neuen Next-Gen-Hits doppelt oder gar dreifach präsent waren! Sofort kam ich ins Grübeln: Wer bitte kauft das denn jetzt schon?

Die größte Ironie: Die Xbox Series X von Microsoft war offiziell bereits erhältlich, gleichwohl ich auch hier aufgrund der wenig verfügbaren Stückzahlen kein einziges Verkaufsexemplar im Laden sichtete. Umso trauriger sah es bei den verfügbaren Spielen aus: Man hatte sich damit begnügt, im bereits halb leeren Regal für die Xbox One ungefähr fünf Exemplare von Gears Tactics und The Falconeer aufzustellen. Das sind obendrein auch noch Multiplattformtitel, die sowohl auf der alten One als auch der neuen Series X laufen.
Cyberpunk 2077 ist ebenfalls bereits erhältlich und doch für viele nicht wirklich spielbar, weil die Konsolen-Versionen einem technischen Debakel gleichen. <br> &nbsp; Quelle: CD Projekt RED Cyberpunk 2077 ist ebenfalls bereits erhältlich und doch für viele nicht wirklich spielbar, weil die Konsolen-Versionen einem technischen Debakel gleichen.
 
Noch nie da gewesen?

Ich spiele seit 1983 am Computer, 1992 kam die erste Konsole ins Haus und 2003 habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht. Seit Nintendos Gamecube ist es bei mir eher die Regel anstatt die Ausnahme, das ich mir eine neue Konsole gleich zum Erscheinungstermin besorge. Und natürlich wandern gleichzeitig ein paar Launch-Titel in die Tüte; so war es etwa mit Ridge Racer 7 für die PlayStation 3, Geometry Wars: Retro Evolved (als digitaler Download) für die Xbox 360 oder The Legend of Zelda: Breath of the Wild für die Nintendo Switch. Allerdings kann ich mich beim besten Willen nicht an solch eine Situation erinnern, in der ich die Software vor der zugehörigen Hardware erstehen konnte.

Nur dank eines Kollegen, der früher mal in einem Videospielfachgeschäft gearbeitet hat, weiß ich von einem Einzelfall aus grauer Vorzeit: Ihm zufolge konnte man vor 14 Jahren Call of Duty 3 für die Wii bereits mehrere Tage vor der Konsole erstehen. Doch dieses Phänomen beschränkte sich offenbar wirklich nur auf dieses eine Spiel und war wohl auf Activisions anstatt Nintendos Mist gewachsen.

Nun bin ich im Laufe der Jahre etwas abgestumpft und freue mich mit jeder neuen Generation immer etwas weniger. Zum einen hat man sich irgendwie an solche Konsolen-Launchs gewöhnt, zum anderen sind die technischen Quantensprünge eben nicht mehr so groß wie damals vom Super Nintendo zur PlayStation oder von der Xbox zur Xbox 360.
Endlich kann jeder Demon's Souls auch ohne PlayStation 3 spielen – sofern man bereits an eine PlayStation 5 herangekommen ist ... <br> &nbsp; Quelle: Bluepoint Games / Medienagentur plassma) Endlich kann jeder Demon's Souls auch ohne PlayStation 3 spielen – sofern man bereits an eine PlayStation 5 herangekommen ist ...
 
Meine Euphorie steigt nichtsdestotrotz spürbar an, sobald ein neues Gerät endlich ausgepackt und angeschlossen ist. Diesmal war es allerdings irgendwie anders: Erstmals hielt ich ein Spiel für eine Konsole in der Hand, die ich noch gar nicht besitzen konnte (außer natürlich, ich wäre irgendwie an einen US-Import herangekommen). Fragt mich nicht warum, aber es fühlte sich falsch an. Schließlich kaufe ich eine neue Konsole nicht wegen der Hardware, sondern wegen der Spiele. Doch anstatt mich über mein brandneues Demon's Souls zu freuen, ärgerte es mich, weil ich es mangels Konsole nicht spielen konnte!

Darüber hinaus habe ich das Gefühl, dass es ein starkes Ungleichgewicht zwischen der Verfügbarkeit der Spiele und der PlayStation 5 gibt. Schließlich konnte ich selbst Mitte Dezember, also einen Monat später, weiterhin sämtliche Titel problemlos erstehen, egal welchen Laden ich in meiner Umgebung auch besuchte.

Auf der anderen Seite schauen viele PlayStation-Fans immer noch in die Röhre, und die zahlreichen Vorbesteller werden nur tröpfchenweise versorgt. Klar: Hier dürfte die aktuelle Situation rund um die Corona-Pandemie eine Rolle gespielt haben, weshalb Sony sicherlich nicht die Stückzahlen produzieren konnte, die man sich gewünscht hatte. Aber nochmal: Wer benötigt dann die Games und wieso sind diese in einer derart hohen Stückzahl verfügbar? Damit ich mir aus den Schachteln ein Haus bauen kann?
Während es für die PlayStation 5 bereits erstaunlich viele Spiele zu kaufen gibt (egal, ob physisch oder digital), so müssen sich Besitzer einer Xbox Series X vornehmlich mit aufgebohrten Xbox-One-Titeln wie Gears Tactics begnügen. <br> &nbsp; Quelle: Xbox Game Studios Während es für die PlayStation 5 bereits erstaunlich viele Spiele zu kaufen gibt (egal, ob physisch oder digital), so müssen sich Besitzer einer Xbox Series X vornehmlich mit aufgebohrten Xbox-One-Titeln wie Gears Tactics begnügen.
 
Der nächste Trend?
Als dann endlich Software und Hardware bei mir vereint waren, stellte sich immer noch keine ungebrochene Freude ein. Vielmehr ärgerten mich ungewohnte Kinderkrankheiten: Ich hatte hässliche Freezes während meiner ersten Demon's-Souls-Sitzung, das vorinstallierte Astro's Playroom war plötzlich auf der Festplatte verschwunden und musste neu aus dem Internet heruntergeladen werden und die Installation einiger physischer Titel erfolgte erst nach einer nicht erklärbaren Verzögerung.

Spätestens hier erinnerte mich dieser Kauf von Spielen vor der Konsole an eines der größten Probleme, dass ich persönlich mit dieser Industrie habe: In meinen Augen trainiert sie uns seit Jahrzehnten, dass wir uns lieber auf die noch kommenden Titel freuen und uns nicht an jenen erfreuen sollen, die wir bereits spielen dürfen. Aus diesem Grund sammeln wir einen immer größeren Backlog an Games, den kaum jemand zu seinen Lebzeiten "abarbeiten" kann.

Auch der Wahn hinter den Vorbestellungen, sei es physisch oder digital, ist meines Erachtens nicht gut für uns. Er hat den Day-One-Patch zur traurigen Selbstverständlichkeit gemacht, weil die meisten Hersteller sowieso genügend Absätze in der ersten Woche fest einkalkulieren können. Die Motivation sicherzustellen, dass gleich zu Beginn ein fehlerfreies Produkt im Regal steht, schwindet von Generation zu Generation. Das dürften aktuell ganz besonders die Cyberpunk-2077-Fans spüren, die ihr vorbestelltes Spiel schon vor Jahren bezahlt haben und nun mit einem Bug-triefenden Meisterwerk konfrontiert werden.

Und heute erlebe ich eine neue Ebene dieser Problematik: Ich halte physische Spiele in der Hand, die eigentlich fertig sind - und darf sie trotzdem nicht spielen! Womit immer noch nicht meine Frage geklärt wäre: Was verspricht sich Sony von dieser Aktion?
Die Playstation 5 Quelle: Sony Schlichte Packung, starke Konsole: Die PS5 ist aus gutem Grunde heiß begehrt, doch dürften auch zu Weihnachten viele potenzielle Käufer leer ausgehen.
 
Für die besonders Ungeduldigen
Der Zyniker in mir sagt: Der eine oder andere Unentschlossene soll spontan zum Erwerb eines Demon's Souls oder Call of Duty: Black Ops Cold War angeregt werden, damit er sich anschließend zum Kauf der passenden Konsole gezwungen fühlt - wann auch immer er ihn vollziehen kann. Dies suggerieren mir jedenfalls die verschiedenen Stände im besagten Elektrofachhandel, aufgrund derer man spätestens beim dritten Vorbeigehen ähnlich wie beim Süßigkeitenregal an der Supermarktkasse denkt: "Ach Gott, was soll's, ich nehm das jetzt mit!" Mit dem Unterschied, dass der Videospiel-Spontankauf 80 Euro anstatt 80 Cent für einen Schokoriegel veranschlagt.

Sicherlich werden auch die einen oder anderen Eltern versehentlich die PlayStation-5-Version von Sackboy: A Big Adventure unter den Weihnachtsbaum legen, obwohl der/die Kleine nur eine PS4 besitzt. Der Unterschied des Packungsdesigns hält sich nämlich arg in Grenzen und beschränkt sich auf ein weißes Banner mit dunklem PlayStation-Logo, während es bei der alten Version genau umgekehrt der Fall ist. Ja, klar: Man kann den Fehlkauf nachträglich umtauschen - oder man gibt ihrem/seinem Geplärre über die Feiertage nach und verspricht nachhaltig den Kauf der neuen PS5.

Es könnte aber auch einfach ein Ausrufezeichen seitens Sony sein, um klar zu stellen: Die neue Konsole ist wirklich da! Schließlich kann man überall richtig viele Spiele kaufen und somit sieht es für den Laien aus, als ob der Launch vollends geglückt sei.

Nur erzählt das mal den traurigen Gestalten, die daheim mit ihrem nagelneuen PlayStation-5-Spiel hocken und nicht wissen, wann sie es endlich spielen dürfen ...

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