Das digitale Damokles-Schwert: Was wir aus Sonys Umgang mit dem PSN Store lernen sollten

Special Andreas Altenheimer Benedikt Plass-Fleßenkämper Maria Beyer-Fistrich
Das digitale Damokles-Schwert: Was wir aus Sonys Umgang mit dem PSN Store lernen sollten
Quelle: Sony

Sony hat die Ankündigung zur Teilschließung des PSN Stores für PS3 und PS Vita nun doch wieder zurückgenommen - nach neuesten Planungen ist am 2. Juli 2021 lediglich die PSP davon betroffen. Dennoch sind Schließungen digitaler Stores eine jederzeit reale Gefahr für Spieler, die bereits viel Geld in Downloads investiert haben. Ein Report über die Problematik von digitalen Vertriebsplattformen.

Ein wichtiger Hinweis gleich vorab: Dieser Report soll keine pauschale Kritik am digitalen Vertriebsweg sein. Dieser ist ganz im Gegenteil ein wichtiges Mittel sowohl für die Industrie als auch für die Spieler und hat der Indie-Welle massiv zum Erfolg verholfen. Ohne ihn hätten Hits wie Braid, Undertale oder Untitled Goose Game womöglich nie das Licht der Welt erblickt.

Nichtsdestotrotz erscheint ein Großteil der wirklich wichtigen Spiele weiterhin in physischer Form - manchmal klassisch über den Einzelhandel, manchmal über Limited Run Games, Special Reserve Games oder Eastasiasoft als limitierte Pressungen. Das liegt zum einen an den unverbesserlichen Sammlern, die ihre Lieblingsspiele weiterhin ins Regal stellen möchten. Zum anderen haben immer mehr Zocker einfach Angst, dass ein über digitale Kanäle verkauftes Spiel irgendwann nicht mehr erhältlich oder spielbar sein könnte.

Sonys Rückzieher

Dass diese Ängste durchaus berechtigt sind, zeigt unsere persönliche Erfahrung der letzten zwei Monate: Dieser Report entstand vornehmlich im April 2021 und war bereits größtenteils geschrieben, als Sony die geplante Teilschließung des PSN Stores überraschenderweise teilweise (!) zurücknahm. Will heißen: Vorerst soll nur der Support für die PlayStation Portable am 2. Juli 2021 enden. Und doch sind bereits einige Schäden entstanden, die offenbar unumkehrbar sind.

Beispielsweise hat Sony klammheimlich einige PlayStation-1-Klassiker, die ihr emuliert auf PSP und PS3 zocken könnt, aus dem europäischen Store entfernt. Wir wissen das deshalb so genau, weil wir noch am 24. März 2021 das Shoot 'em Up GaiaSeed für fünf Euro erwerben konnten. Doch als wir ein paar Wochen später unsere Recherche begonnen, da war das Spiel nirgends mehr auffindbar.

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Der amerikanische und japanische PSN Store scheint hingegen intakt zu sein; dort stehen nach wie vor massig PSOne-Titel parat. Für umgerechnet fünf bis zehn Euro könnt ihr euch seltene Perlen wie das Jump & Run Tomba! 2, das Rollenspiel-Epos Xenogears, das kunterbunte Shoot 'em Up Die Safari-Simulation Afrika (2008) zählt zu den schönsten Spielen der PS3-Ära. Um eine englische Übersetzung zu ergattern, solltet ihr entweder nach der US-Version oder dem in Asien veröffentlichten Hakuna Matata Ausschau halten.<br> &nbsp; Quelle: Medienagentur plassma Die Safari-Simulation Afrika (2008) zählt zu den schönsten Spielen der PS3-Ära. Um eine englische Übersetzung zu ergattern, solltet ihr entweder nach der US-Version oder dem in Asien veröffentlichten Hakuna Matata Ausschau halten.
 
Harmful Park oder den bizarren LSD: Dream Emulator schnappen. Ihr müsst euch gleichwohl bewusst sein, dass das Anlegen und Nutzen eines fremdländischen Accounts in eine rechtliche Grauzone fällt und Sony diesen jederzeit deaktivieren kann.

Ebenfalls keine gute Nachricht: Seit gut einem Monat sind einige Patches für PlayStation-3-Spiele (beispielsweise für Soul Calibur 4) nicht mehr ladbar. Sony selbst hat dazu bislang kein Statement abgegeben. Diese mangelhafte Kommunikation lässt befürchten, dass die Teilschließung nur vorübergehend ausgesetzt und in nicht allzu ferner Zukunft doch noch stattfinden könnte.

Auf immer verloren

Nun sind die Abschaltung eines digitalen Stores und die damit verbundene Angst, diverse Spiele nicht mehr erwerben zu können, ein relativ kleines Problem. Ein handfester Schaden für euch persönlich entsteht erst, wenn eure bereits getätigten Käufe nicht mehr nutzbar sind. Welch Ironie: In God of War: Ascension (2013) könnt ihr die Zeit manipulieren und einzelne Objekte vor- und zurückspulen. Genau das Gleiche wünscht sich heute der Sony-Fan, der in eine Zeit zurückkehren möchte, in denen der Kauf eines PS3-Titels noch unbeschwert gewesen ist.<br> &nbsp; Quelle: Medienagentur plassma Welch Ironie: In God of War: Ascension (2013) könnt ihr die Zeit manipulieren und einzelne Objekte vor- und zurückspulen. Genau das Gleiche wünscht sich heute der Sony-Fan, der in eine Zeit zurückkehren möchte, in denen der Kauf eines PS3-Titels noch unbeschwert gewesen ist.
 

Genau das ist einigen PC-Usern bereits passiert: Von 2010 bis 2016 existierte eine Webseite namens Desura, über die ihr legal digitale Spiele kaufen und herunterladen konntet. Mit der Abschaltung des Service war dies schlicht mehr möglich, und die Käufer verloren von einem Tag auf den anderen sämtliche erworbenen Titel, falls sie sie nicht zuvor gesichert hatten.

Zugegeben: Innerhalb der sechs Jahre, in denen Desura aktiv war, wechselte mehrfach der Besitzer der Seite, weshalb man das Debakel schon erahnen konnte. Dennoch ist der Fall ein handfester Beweis dafür, dass wir mit dem Kauf von digitalen Spielen an die Hersteller und Vertriebe gekettet sind. Dabei könnte man bezogen auf Desura noch von "Glück im Unglück" sprechen: die Spiele hatten keinen Kopierschutz hatten und können auch heute noch problemlos installiert werden. Auf der anderen Seite ist es beängstigend, dass einige Titel nirgends sonst erhältlich waren und seit der Abschaltung als verschollen gelten.

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Im Falle von GOG.com und größtenteils des Epic Stores würde die gleiche Konsequenz drohen, sollte einer der Läden dichtmachen. Mangels Kopierschutz könnt ihr jene Spiele, die ihr rechtzeitig auf Festplatte, DVD-Rohling oder USB-Stick gesichert habt, auch in 100 Jahren noch zocken. Doch was passiert, wenn zur Installation oder gar Nutzung eine aktive Internet-Verbindung vorausgesetzt wird? Spätestens hier fangen Nutzer von Origin oder uPlay leise an zu kichern, allerdings sollte sich auch die Masse an Steam-Usern nicht allzu sicher fühlen. Die meisten Teile der Strategie-Rollenspielserie Disgaea sind für verschiedene Systeme erhältlich. Disgaea 3: Absene of Justice (2008) könnt ihr jedoch nur auf der PlayStation Vita oder (wie hier auf dem Bild zu sehen) der PS3 zocken.<br> &nbsp; Quelle: Medienagentur plassma Die meisten Teile der Strategie-Rollenspielserie Disgaea sind für verschiedene Systeme erhältlich. Disgaea 3: Absene of Justice (2008) könnt ihr jedoch nur auf der PlayStation Vita oder (wie hier auf dem Bild zu sehen) der PS3 zocken.
 

Ja, richtig: Man kann Steam im Offline-Modus nutzen, und Valve bietet sogar eine Option zum Sichern und Wiederherstellen von gekauften Spielen an. Allerdings ist die Handhabung grauenhaft: Ihr könnt nur mühsam jedes einzelne Spiel abspeichern oder mehrere Games in ein kollektives Backup pressen. Eine automatisierte Sicherung, die mehrere Titel schön geordnet in verschiedene Ordner abspeichert und die man getrennt voneinander wiederherstellen könnte, gibt es leider nicht.

Unabhängig davon bleibt die Frage: Was passiert, wenn Steam seinen Service abschaltet und man anschließend seinen PC wechselt? Oder ihr auch nur euer Betriebssystem neu aufsetzt? Dann müsste man Steam neu installieren - und das wiederum geht nicht, falls es keine Server mehr gibt. Sämtliche zuvor gemachten Backups wären demnach wert- und nutzlos.

Vage Versprechungen sind keine Sicherheiten

Valve hat Gerüchten zufolge versprochen, dass man das System rechtzeitig vor einer potenziellen Abschaltung von Steam entsprechend patchen werde. Doch glauben wir nicht so recht daran, allein weil dieses Versprechen aus grauer Vorzeit stammt. Zudem ist es zweifelhaft, ob die Hersteller der Spiele mitziehen und für einen solchen Patch ihr Okay geben. Schließlich wären ihre Games danach auf sämtlichen PCs dieser Welt nutzbar.

"Aber ich habe die Spiele doch gekauft und darf damit machen, was ich will!", werden sich jetzt einige denken. Das ist leider nicht richtig: Wer sich ein Spiel besorgt, das über Steam aktiviert wird, der ersteht nur ein Nutzungsrecht. Das ist nebenbei bemerkt auch der Grund, warum man seine Bibliothek weder gebraucht verkaufen noch an seine Nachkommen vererben kann. Und all das gilt leider auch für PSN Store, Xbox Live oder Nintendos eShop.
Welch Ironie: In God of War: Ascension (2013) könnt ihr die Zeit manipulieren und einzelne Objekte vor- und zurückspulen. Genau das Gleiche wünscht sich heute der Sony-Fan, der in eine Zeit zurückkehren möchte, in denen der Kauf eines PS3-Titels noch unbeschwert gewesen ist.<br> &nbsp; Quelle: Medienagentur plassma Welch Ironie: In God of War: Ascension (2013) könnt ihr die Zeit manipulieren und einzelne Objekte vor- und zurückspulen. Genau das Gleiche wünscht sich heute der Sony-Fan, der in eine Zeit zurückkehren möchte, in denen der Kauf eines PS3-Titels noch unbeschwert gewesen ist.
 
Fans von Nintendo-Konsolen wurden in der Tat schon mit dem Problem konfrontiert: Vor gut drei Jahren schloss der Wii-Shop-Kanal seine Pforten; bis Entgegen vieler Artikel, die gerade im Netz die Runde machen und rein digitale PlayStation-3-Spiele auflisten, ist das nette Schatten-Puzzlespiel Echochrome 2 (2010) Teil der Move Mind Benders Collection und somit auch physisch erhältlich.<br> &nbsp; Quelle: Medienagentur plassma Entgegen vieler Artikel, die gerade im Netz die Runde machen und rein digitale PlayStation-3-Spiele auflisten, ist das nette Schatten-Puzzlespiel Echochrome 2 (2010) Teil der Move Mind Benders Collection und somit auch physisch erhältlich.
 
dahin gekaufte Wii Points durfte man noch bis zum 31. Januar 2019 einlösen. Seitdem ist der Erwerb digitaler Spiele für Wii oder Wii U nicht mehr möglich. Des Weiteren sind die Käufe an die Konsole und nicht an einen Account gebunden. Geht euch also die Hardware kaputt, dann ist alles weg. Abschließend gab Nintendo an, dass der Service zum Herunterladen gekaufter Spiele irgendwann abgeschaltet werde. Wann? Das weiß niemand.

Microsoft wiederum scheint die Sorgen seiner Fans etwas ernster zu nehmen und legt sich richtig ins Zeug, damit ein Großteil seiner Spiele langfristig nutzbar bleiben. Wer beispielsweise ein altes Panzer Dragoon Orta (2002) oder den Open-World-Klassiker Red Dead Redemption (2010) in das Laufwerk seiner Xbox One oder Xbox Series X/S schiebt, der erhält frei Haus eine technisch leicht verbesserte Version.

Der einzige "Schaden", der bislang bezüglich digitaler Xbox-Spiele entstanden ist, betrifft die sogenannten Xbox Live Indie Games: Über diese Plattform konnten kleine Entwickler Spiele für die Xbox 360 vermarkten. Der Service wurde 2017 eingestellt, sodass man seither auch keine Xbox Live Indie Games mehr kaufen darf. Zudem benötigt ihr eine aktive Internet-Verbindung, um erworbene Titel überhaupt spielen zu können - was immerhin noch möglich ist.

Laut Microsoft sei man nach wie vor bemüht, die Indie-Spiele in irgendeiner Form für die Nachwelt zu sichern. Doch konkret ist nicht viel passiert. Und Microsofts Ambitionen in allen Ehren: Wir Spieler und Käufer sind erneut auf den Konzern angewiesen. Schließlich muss sich nur die Belegschaft in der Führungsetage ändern und einen Kurswechsel einläuten, um die langfristige Aufbewahrung der Spiele zu gefährden.

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