Test zu Paper Mario: The Origami King - viel Frust, viel Freude - Video-Update

Test Lukas Schmid
Test zu Paper Mario: The Origami King - viel Frust, viel Freude - Video-Update
Quelle: Nintendo

Die Ankündigung kam überraschend, der Zeitpunkt des Releases noch mehr: Nur wenige Monate nach der Enthüllung von Paper Mario: The Origami King erscheint es nun auch schon exklusiv für die Nintendo Switch. Nachdem die letzten beiden Serienteile sich stark von dem wegentwickelten, was die Reihe dereinst war, hofften viele nun auf eine Rückkehr zu alten RPG-Werten und Stärken. War diese Hoffnung berechtigt? Nein, auch The Origami King geht einen eigenen Weg. Ist es trotzdem ein gutes Spiel? Darauf ein klares "Jein" - und alle Details in unserem großen Test. Jetzt auch mit Video!

Das Nintendo-Switch-Jahr 2020 ist aus Exklusivspiele-Sicht bisher eine rechte Enttäuschung. Bis jetzt, Stand Mitte Juli, ist erst sehr wenig in dieser Hinsicht erschienen und was uns im Weihnachtsgeschäft erwartet, ist nach wie vor ein großes Mysterium, welches frühestens im Rahmen einer gemunkelten Nintendo-Direct-Ausgabe in einigen Wochen gelüftet wird.

Lesetipp: Paper Mario Die Legende vom Äonentor - Komplettlösung mit Tipps

Gut also, dass zumindest ein Abenteuer in die Bresche springt und den Switch-Sommer davor bewahrt, völlig ohne Highlight vorüberzugehen. Und dann ist's auch noch Promi-Klempner Mario höchstselbst, der seine Aufwartung macht! Paper Mario: The Origami King führt die beliebte Spin-off-Serie auf die Switch und soll das klaffende Content-Loch füllen.
Alles gut also? Können wir als Switch-Besitzer uns zufrieden zurücklehnen und drauf warten, was da noch kommen mag? Nun, nur bedingt. Denn auch, wenn das neue Paper Mario viele der Qualitäten mit sich bringt, die man mit den Vorgänger verbindet, so stolpert es doch an mindestens ebenso vielen Stellen und dürfte vor allem Kenner der bisherigen Titel, aber auch Erstspieler mit sehr gemischten Gefühlen zurücklassen.

Papier, so schön wie nie zuvor

Test zu Paper Mario: The Origami King - Frust und Freude liegen nah beieinander (2) Quelle: PC Games Test zu Paper Mario: The Origami King - Frust und Freude liegen nah beieinander (2) Doch beginnen wir mit dem Positiven. In Sachen Technik ist The Origami King ein absolutes Brett! Spätestens seit dem 3DS-Teil Sticker Star setzt Paper Mario massiv auf Papier-Ästhetik. Soll heißen: Anders als in den Abenteuern davor ist der Gag nicht bloß, dass Mario und alle anderen Figuren flach wie Papier sind und entsprechend manche Witze und Gameplay-Elemente mit der Papier-Thematik spielen. Nein, dieser Ansatz wird voll durchgezogen! Alle Figuren, alle Levelelemente, einfach alles, was wir sehen, ist gebastelt. Drahtgestelle halten Häuser aus Krepp in Form, Büsche bestehen aus schlampig ausgeschnittener Pappe, sehen wir Objekte von der Seite oder von hinten, so erkennen wir Bastelfehler, verstärktes Papier, Klebestreifen, die Dinge an Ort und Stelle halten und andere Details.

Die Liebe und die Mühe, welche in jeden einzelnen Zentimeter der Spielwelt geflossen sind, sind beeindruckend und sogar dem in dieser Hinsicht auch schon hervorragend umgesetzten Wii-U-Teil Color Splash einen Schritt voraus. Manch einer mag sich daran stören, dass die Papier-Ästhetik fast schon zum Gimmick verkommen ist, obwohl sie dereinst bloß eine Designentscheidung war, um die Mario-Rollenspiele grafisch von den 3D-Hüpfabenteuern zu unterscheiden. Dass die Umsetzung der Bastel-Optik famos gelungen ist, dürfte dennoch kaum jemand verneinen.

Welt klasse

Test zu Paper Mario: The Origami King - Frust und Freude liegen nah beieinander (3) Quelle: PC Games Test zu Paper Mario: The Origami King - Frust und Freude liegen nah beieinander (3) Die Welt, welche die Entwickler geschaffen haben, ist zudem einfach traumhaft schön und sehr abwechslungsreich. Wir starten klassisch in Toad Town, später verschlägt es uns aber in ungemein kreative Areale wie eine Wüsten-Disco-Stadt, auf ein verlassenes Kreuzschiff oder einen Wald voller lebender Bäume. Wir wollen an dieser Stelle gar nicht zu viele der tollen Lokalitäten im späteren Spielverlauf vorwegnehmen, können aber bestätigen, dass in die Gestaltung der Welt ebenso viel Herzblut geflossen ist wie in ihre grafische Umsetzung.

Manchmal erwarten uns sogar semi-offene Gebiete, in denen wir mit unterschiedlichen Gefährten herumfahren können - ein Novum für die Paper-Mario-Serie. Open-World-Gameplay darf man sich nicht erwarten, die großen Areale laden aber zum Erkunden ein und bieten eine angenehme Abwechslung zu den anderen, linearen Abschnitten. Diese sind aber auch stets verwinkelt und sehr smart aufgebaut. Um zu bestimmten Punkten, etwa versteckten Schatzkisten, zu gelangen, bedarf es manchmal durchaus einer Portion Denkbarbeit, inklusive befriedigender Aha-Momente.

Alles ist verbunden!

Test zu Paper Mario: The Origami King - Frust und Freude liegen nah beieinander (4) Quelle: PC Games Test zu Paper Mario: The Origami King - Frust und Freude liegen nah beieinander (4) Je nach Sichtweise Grund zur Freude oder nervig: Das Level-System aus den beiden direkten Vorgängern inklusive Oberweltmap ist Geschichte. Stattdessen erwartet uns wie in den älteren Serienteilen eine zusammenhängende Welt. Nahtlos verbunden ist sie nicht und die Ladebildschirme, die wir zu sehen bekommen, sind zwar nicht lange, aber etwas zu häufig. Trotzdem fühlt sich die Spielwelt durch diesen Ansatz deutlich schlüssiger und in sich stimmiger an.

Mit den verknüpften Arealen einher geht aber natürlich mehr Laufarbeit als in Sticker Star und Color Splash. Zwar gibt es gleich mehrere Schnellreisesysteme, etwa Röhren, ein Faxgerät, mit dem wir uns zu verschiedenen Orten versenden können, Shortcuts und mehr. Trotzdem muss relativ viel gelaufen werden, auf jeden Fall wesentlich mehr, als es in den Level-basierten Vorgängern der Fall ist. Wir sind trotzdem froh, dass die Entwickler diesen Design-Schritt gegangen sind, denn das, was The Origami King durch die zusammenhängende Welt gewinnt, überwiegt unserer Meinung nach gegenüber den dadurch entstehenden Problemen.

A story of stuff and Toads

Test zu Paper Mario: The Origami King - Frust und Freude liegen nah beieinander (5) Quelle: PC Games Test zu Paper Mario: The Origami King - Frust und Freude liegen nah beieinander (5) Was gibt es zu tun im Pilzkönigreich? Jede Menge! Wo wir wann hinkönnen, bestimmt die Haupthandlung. Überall erwarten uns aber sammelbare Statuetten, Schatzkisten, in die Welt gerissene Löcher, die wir mittels eines mit uns geführten Sackes voller Papierschnipsel stopfen und spaßige Minispiele. Dann gilt es etwa, mit einem Boot Stromschnellen hinunterzufahren, gleich an mehreren Orten mit der Angel auf Cheep-Cheep-Jagd zu gehen oder uns in einem Ninja-Haus auf die Suche nach gut versteckten Ninjis, kleinen, in schwarz gekleideten Kreaturen, zu begeben. Das ist schön, das macht Spaß, zumindest, wenn man einen ausgeprägten Hang zur Komplettion hat und wenn die magischen 100% im Menü bei einem ein wohliges Gefühl im Bauch auslösen. Zusätzlich schalten wir indirekt Musikstücke, Artworks und Infotafeln zu Freund und Feind frei, die wir anschließend in einem Museum in Toad Town bewundern.

Übertrieben hat man es wie schon in den beiden letzten Spielen mit den Toads. Nicht falsch verstehen, wir finden die dauerfröhlichen Pilzköpfe genauso putzig wie jeder andere. Allerdings sehen sie halt immer gleich aus, und wo man einst auf ein Sammelsurium an unterschiedlichen, extra für die einzelnen Spiele geschaffenen Figuren gestoßen ist, trifft man nun auf Toad nach Toad auf Toad, während alle anderen Pilzkönigreich-Bewohner die zweite Geige spielen müssen.

Test zu Paper Mario: The Origami King - Frust und Freude liegen nah beieinander (6) Quelle: PC Games Test zu Paper Mario: The Origami King - Frust und Freude liegen nah beieinander (6) In Origami King hat man die Toad-Schwemme nun auf die Spitze getrieben, denn die kleinen Kerlchen fungieren ebenfalls als Sammelgegenstand, und zwar als der mit Abstand häufigste. Zerknüllt, zusammengefaltet oder -gerollt warten sie an allen Ecken und Enden darauf, von uns gefunden und mit unserem stets treu mit uns geführten Hammer wieder in Form gebracht zu werden. Das Ergebnis: Noch mehr Toads, welche die Welt bevölkern. Das ist von der Idee her kreativ und einen Toad als Besitzer eines Shops wiederzutreffen, den man Stunden zuvor aus seiner Existenz als Origami-Schmetterling befreit hat, hat schon was. Zudem haben die Toads auch einen geringen spielerischen Nutzen - dazu später mehr. Dennoch sind wir nach unserer Zeit mit dem Spiel ganz froh, jetzt erst einmal wieder Toad-frei durch die Welt gehen zu können.

Zu Toade gelacht

Test zu Paper Mario: The Origami King - Frust und Freude liegen nah beieinander (7) Quelle: PC Games Test zu Paper Mario: The Origami King - Frust und Freude liegen nah beieinander (7) Was ein wenig die Ehre der Pilzköpfe rettet und die Aufeinandertreffen mit ihnen doch noch zum kleinen Highlight macht: Die Dialoge mit ihnen, aber auch mit allen anderen Figuren in der Welt, sind fantastisch geschrieben und sprühen (auch in der deutschen Fassung) nur so vor Wortwitz, Charme und Humor! Color Splash gilt nicht ohne Grund als eines der witzigsten Spiele in der langen Nintendo-Geschichte, und Origami King steht da nicht hintenan. Der Humor ist wunderbar meta, die Witze sind fast durchgehend wirklich lustig, ein ungewöhnlicher Charakterkopf jagt den nächsten. Was das Abenteuer in Sachen Figurenvarianz missen lässt, macht es durch die brillanten Texte (fast) wieder wett.

Vor Humor und Charme strotzt auch die Haupthandlung. Dabei ist sie wahrlich nicht kreativ: Der böse Origami-König Olly entführt Prinzessin Peach samt Schloss und verwandelt Bowsers Schergen in willenlose Origami-Krieger. Mario macht sich gemeinsam mit Ollys gutmütiger Schwester Olivia auf dem Weg, um ihrem Bruder das Handwerk zu legen. Kreativität braucht's hier aber auch nicht zwingend, vielmehr eine lustige Erzählweise, und die ist dank der naiven Olivia, jeder Menge durchgeknallter Momente und der kleinen Nebengeschichten, die uns in den verschiedenen Arealen der Welt erwarten, definitiv gegeben.

Die Party muss warten

Test zu Paper Mario: The Origami King - Frust und Freude liegen nah beieinander (8) Quelle: PC Games Test zu Paper Mario: The Origami King - Frust und Freude liegen nah beieinander (8) Schade: Feste Begleiter wie einst in Paper Mario auf dem N64 und dem Nachfolger Die Legende vom Äonentor für den Gamecube gibt es nicht. Stattdessen treffen wir auf temporäre Weggefährten, allen voran Bob-Omb Bobby, die uns einen Teil unseres Weges begleiten. Die bereichern zwar auch die Erzählung und bringen jede Menge zusätzlichen Witz mit sich. Ein festes Team, welches wir nach und nach immer besser kennenlernen, hätten wir aber trotzdem vorgezogen.

So haben wir in den Kämpfen auch keinerlei Kontrolle über diese Kurzzeitbegleiter, sie greifen von sich aus an oder eben nicht. Und damit sind wir nach all dem Lob leider bei dem Punkt angelangt, welcher Paper Mario: The Origami King (jetzt kaufen 74,90 € ) aller Qualitäten zum Trotz massiv nach unten zieht und aus einem potenziellen Humor-Meisterwerk einen Wechselbad der Gefühle macht, bei dem Freude und Frust sich ständig die Klinke in die Hand geben: dem Kampfsystem und allem, was damit zusammenhängt. Um das zugrunde liegende Problem zu erörtern, müssen wir ein wenig ausholen.

Es war einmal ...

Test zu Paper Mario: The Origami King - Frust und Freude liegen nah beieinander (9) Quelle: PC Games Test zu Paper Mario: The Origami King - Frust und Freude liegen nah beieinander (9) Früher, also im ersten Paper Mario, dem Nachfolger und sogar schon im ersten Mario-Rollenspiel namens Legend of the Seven Stars für das SNES, erwartete uns klassische Rollenspiel-Kost. Wir wählten verschiedene Attacken an, verfügten über sogenannte Blumenpunkte, die uns wie Mana begrenzten Zugriff auf Spezialattacken erlaubten, setzten Items ein und erlangten für unsere Mühen Erfahrungspunkte, die uns immer stärker machten. Als kleines Novum konnten wir unsere Angriffe verstärken und unsere Verteidigung erhöhen, indem wir zu den richtigen Zeitpunkten einen Knopf drückten. Das brachte etwas Echtzeit-Action in die ansonsten streng rundenbasierten Auseinandersetzungen, bereicherte das Spielgefühl und wurde später in Titeln wie South Park: Der Stab der Wahrheit und dem Nachfolger übernommen.

Super Paper Mario für die Wii ging einen ganz anderen Weg und setzte auf stark an die Mario-Hauptspiele angelehntes Hüpf-Gameplay, bei dem es trotzdem Erfahrungspunkte gab und wir immer stärker wurden.

Beginnend mit Sticker Star für den Nintendo 3DS beschloss Nintendo aber aus einem bis heute unerfindlichen Grund, dass Paper Mario ab sofort kein Rollenspiel mehr sein dürfte. Erfahrungspunkte wurden ersatzlos gestrichen, statt normalen Angriffen und Spezialattacken gab es nun ein Ressourcen-System. Jede Aktion im Kampf benötigte einen Sticker, hatte man keine mehr, hatte man Pech gehabt. Das wurde schon sehr kritisch gesehen, viel schlimmer war aber, dass die Kämpfe schlicht und ergreifend keinen Nutzen mehr hatten. Wir bekamen bloß weitere Sticker und ein bisschen Geld, das Ausweichen war trotz in der Welt sichtbarer Feinde aber nicht immer möglich.

  1. Seite 1 Paper Mario: The Origami King im Test, Seite 1 - Technik, Spielwelt, Story, Humor und mehr
  2. Seite 2 Paper Mario: The Origami King im Test, Seite 2 - Kampfsystem, Bosskämpfe, vermeidbare Fehler, Meinung und Wertung
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