Vorschau zu Paper Mario: The Origami King - glorreiche Rückkehr zu alten Stärken?
Special
Spielerisch dünn wie Papier oder ein deutlich positiveres Papier-Wortspiel, das uns aber gerade nicht einfällt? Wir haben Paper Mario: The Origami King mehrere Stunden lang gespielt und verraten in unserer ausführlichen Vorschau, warum das kunterbunte Abenteuer zwar vor Charme nur so sprüht, aber auch mit markanten Problemen zu kämpfen hat.
Das Nintendo-Jahr 2020 ist auch nach der Halbzeit noch eine große Unbekannte: Welche Spiele der Switch-Konzern für das gar nicht mal mehr so ferne Weihnachtsgeschäft in der Pipeline hat, ist die Frage aller Fragen. Lange schien auch der Sommer eine Exklusivspiel-Dürrestrecke zu werden, bevor vor wenigen Wochen völlig überraschend Paper Mario: The Origami King angekündigt wurde. Und jetzt ist der Titel auch schon da - potz Blitz!
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Den bisherigen Trailern war zu entnehmen, dass das Abenteuer, was die Weltgestaltung angeht, einen Schritt zurück zu den von vielen Fans präferierten Anfängen der Serie machen würde, andere Aspekte erinnerten hingegen stark an die neue Ausrichtung in Form von Sticker Star und Color Splash. Jetzt haben wir auch schon die fertige Fassung von Origami King im Büro, und die Antwort auf die Frage, an welchem Ansatz sich das Spiel nun mehr orientiert ist ... an keinem von beiden.
Tatsächlich ist's eine wilde Mixtur aus Neu und Alt, die bei allen vorhandenen Qualitäten leider sehr offensichtlich zwischen den Stühlen steht, auch neue Probleme mit sich bringt und wohl für manch fragende Gesichter sorgen wird. Davon konnten wir uns anhand der ersten paar Spielstunden überzeugen, welche die Grundlage für diese Vorschau bilden.
Angriff der Origamis
Quelle: PC Games
Grafisch ist Paper Mario eine wahre Augenweide. Der Papierstil wurde mit so viel Liebe zum Detail umgesetzt, dass man kaum jemals aus dem Staunen herauskommt.
Bezüglich der Geschichte merkt man, dass die Entwickler sich von der doch gar simplen Formel "Bowser macht was Böses" wegbewegen wollten. Die Stachelkröte ist zumindest im frühen Spielverlauf auf eine Nebenrolle beschränkt, stattdessen fällt der fiese Origamikönig Olly über Pilzkönigreich und Peaches Schloss her. Die royale Residenz wird in Bastelpapier gewickelt und hinfortgetragen, Bowsers Schergen zu unfreiwilligen Origamigehilfen zusammengefaltet, Peach entführt und auch sonst allerlei Schabernack angestellt. Es liegt also wieder mal an Paper Mario, dem unheilvollen Treiben gemeinsam mit Ollys deutlich weniger diabolischer Schwester Olivia Einhalt zu gebieten und die Enden der Papierstreifen zu bereisen, die Peaches Schloss umwickelt halten. Die Prämisse ist denkbar simpel, aber sympathisch und gerade der fast Horrorspiel-mäßige Vibe während der gewaltvollen Übernahme durch Ollys Schergen versprüht viel Charme. Schlussendlich ist die Geschichte aber wie in den letzten beiden Teilen vor allem eines: Ein Anlass dafür, so viele Papier- und Bastelgimmicks wie nur irgend möglich unterzubringen. Das ist ein bisschen schade, denn in den Anfängen der Serie war die papierdünne Gestaltung vor allem dafür da, die Rollenspiele von den "normalen" Mariospielen abzuheben.
Quelle: PC Games
Um Gegner effektiv angreifen zu können, muss man sie zuerst richtig anordnen. Die Idee ist toll, in der Praxis ziehen sich die Gefechte dadurch aber in die Länge.
Jetzt wird überall gefaltet und geklebt, alles um uns herum besteht aus Karton und anderen Bastelmaterialien und spielerisch ist alles auf diesen netten, aber irgendwann doch leicht abgenutzten Gag ausgerichtet. So kann Mario nun dank Olivia an bestimmten Plattformen seine Arme in ausfahrbare Papiergliedmaßen verwandeln und damit zum Beispiel Teile der Levelstruktur wegreißen oder Klebebänder abziehen. Die Feindesarmee setzt sich wie erwähnt aus Origamigesellen zusammen, uns versperren riesige Pappmaché-Widersacher den Weg und als primäre Bosse wartet wortwörtlicher Bürobedarf auf uns. Der Fokus auf Papier mag Geschmacksache sein, uns geht er aber teilweise zu weit, denn Paper Mario hatte auch ohne ihn stets unheimlich viel Charme. Nun scheint es, als müsste das Thema auf Teufel komm raus immer Teil der Erzählung sein. So kritisch wir diesen Aspekt auch sehen, dass Paper Mario: The Origami King (jetzt kaufen 74,90 € ), wie schon der Wii-U-Vorgänger auch, absolut fantastisch aussieht, ist unbestreitbar.
Die gebastelten Figuren und Umgebungen wirken teilweise so real, als hätte man echte Objekte eingescannt, und die Liebe zum Detail auf jedem Meter Weg ist beeindruckend. Schön auch, dass der Humor in den Dialogen wieder einmal allererste Sahne ist. So viel Wortwitz und so viel gelungenen Meta-Humor findet man in kaum einer anderen Nintendoreihe! Worauf wir gerne verzichtet hätten, ist aber die riesige Toad-Schwemme, denn die Pilzköpfe stellen erneut den Großteil der NPCs dar, die wir auf unserer Reise durch die Papierwelt treffen.
Alles ist verbunden!
Quelle: PC Games
Die von fiesen Papierfressern angekaute Welt ist voller Löcher, die wir mit Papierschnipseln stopfen. Fast alles im Spiel dreht sich ums Basteln und Kleben.
Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück: wir hoffen, dieses Motto zieht sich nicht durch das ganze Spiel. Auf der Positiv-Seite verorten wir die Tatsache, dass die Entwickler von der Spielstruktur von Super Paper Mario Sticker Star und Color Splash Abstand genommen haben und nun wieder mit einer zusammenhängenden Welt aufwarten. Dadurch ist das Pilzkönigreich einfach ein in sich stimmigerer Ort mit nachvollziehbaren Dimensionen, zudem erlaubt dieser Ansatz, dass wir viele geheime Areale entdecken können und sich durch clevere Shortcuts völlig neue Zusammenhänge auftun. Zu tun und finden gibt es in der Welt auch einiges. So klauben wir etwa versteckte Statuen für unsere Sammlung auf, entdecken geheime Fragezeichenblöcke, machen so gut wie überall die erwähnten Toads ausfindig und versuchen uns an allerlei Geschicklichkeitstests wie einem Angel-Minispiel.
Immer mit dabei haben wir einen Sack voller Papierschnipsel, die wir aus so gut wie allen Gegenständen in der Welt herausschütteln beziehungsweise mit unserem allzeit bereiten Hammer heraushämmern können. Mit besagten Papierfetzen stopfen wir von fiesen Pappmaché-Unholden in die Pampa gefressene Löcher, unter denen die Drahtstruktur der gebastelten Umgebungen hervorlugt. Spielerischen Gehalt hat das keinen, es ist aber eine nette kleine Beschäftigung und entspricht den Farbverteilereien aus Color Splash. Allerdings gibt's einen großen Unterschied: Während wir unseren maximalen Farbvorrat durch Kämpfe nach oben trieben, ist die Erhöhung der Schnipselmenge fix an den Storyfortschritt gebunden.
Kampfkrampf
Quelle: PC Games
In den Auseinandersetzungen mit Endgegnern müssen wir uns auf dem Kampfrad einen Pfad zurechtlegen, um Items aufzusammeln und am Ende kräftig zuzuschlagen.
Und damit kommen wir zum größten Problem, mit dem wir in The Origami King im wahrsten Sinne des Wortes bislang zu kämpfen hatten: die Kämpfe. Diese laufen serientypisch (von Super Paper Mario mal abgesehen) rundenbasiert ab und das Ressourcen-Management aus Sticker Star und Color Splash, bei dem jede Aktion an einen Sticker respektive eine Karte gebunden war, ist Geschichte. Stattdessen wartet aber ein neues Gimmick auf uns. Alle Kämpfe finden in einer kreisrunden Arena statt, und in ausnahmslos jeder Auseinandersetzung muss vor den eigentlichen Attacken erst die Positionierung der Feinde angepasst werden, um maximalen Schaden auszuteilen. Dafür können wir die beweglichen Kreise der Arena drehen und die einzelnen Spalten zudem verschieben. Im Grunde handelt es sich bei dem System um einen kleinen Geschicklichkeitstest, bei dem wir unter Zeitdruck die bestmögliche Formation für Sprung- und Hammerangriffe finden müssen. Die Theorie ist gut, allerdings zeigen sich die Probleme in der Praxis schon nach wenigen Gefechten. Erstens, findet man die ideale Formation nicht, muss man nicht nur öfter attackieren, man erhält auch weniger Angriffskraft. Man wird also doppelt bestraft, was schnell frustriert. Viel drastischer ist aber der Umstand, dass die Kämpfe durch dieses Vorspiel schlussendlich nicht schwerer werden, sich aber massiv in die Länge ziehen.
Quelle: PC Games
Das Papier-und Bastelgimmick zieht das Abenteuer konsequent durch. Neben normalen Pappkameraden und Origami warten auch noch Pappmaché-Gesellen auf uns.
Sobald der neuartige Ansatz seinen Reiz verloren hat und zur Routine geworden ist, und das geschieht sehr, sehr schnell, ist das Resultat, dass jeder der zahlreichen Kämpfe mindestens drei- bis viermal so lange dauert, wie es notwendig wäre. Der Trost: Man hat kaum Nachteile, wenn man den in der Welt sichtbaren Feinden einfach ausweicht, denn als Belohnung für die Auseinander gibt es wie erwähnt keinen erhöhten Fitzelvorrat und auch keine Erfahrungspunkte, sondern ausschließlich Münzen. Mit denen wird man dermaßen zugeschmissen, dass das Sammeln für uns schnell den Reiz verlor. Wir hoffen, dass im Verlauf des Spiels ein weiterer Anreiz geschaffen wird, um die Münzen einsacken zu wollen. Das eigentliche Kampfsystem, sobald man denn zuschlagen darf, ist allerdings zu unserer Freude so simpel und unterhaltsam wie eh und je. Wir wählen die Art des Angriffs aus, drücken im richtigen Moment "A", um noch stärker zuzuhauen und gehen beim Verteidigen genauso vor, um einen Teil des Schadens abzuwenden.
Ohne Belohnung für unsere Mühen und wegen des unnötig zeitintensiven Vorgeplänkels will aber nicht ganz so viel Kampfesfreude aufkommen wie in den den frühen Paper-Mario-Teilen. Wir können unsere Werte durch unterschiedliche Items und Amulette, die uns passive Boni verleihen, ein wenig individualisieren und am vorgegebenen Punkten steigen auch maximale Lebensenergie, Angriffskraft und Co. Zudem finden sich nach und nach all die Toads, die wir in der Welt gerettet haben, als Zuschauer auf den Rängen rund um die Kampfarena ein und für ein geringes Münz-Entgelt stehen sie uns durch zugeworfene Items, Attacken gegen Feinde und mehr zur Seite. All das ist aber nicht genug, um das Kampfsystem merkbar zum Hit zu machen.
Besser: Bosse
Quelle: PC Games
Am Sammelkram hängt, zum Sammelkram drängt doch alles, und somit gilt es in Origami King Statuetten, flickbare Löcher, Toads und versteckte Blöcke aufzuspüren.
Ansprechender sieht die Sache bei den Bosskämpfen aus. Auch die finden in der Arena statt, allerdings wird der dreh- und schiebbare Boden dort deutlich anders und viel kreativer genutzt. Anstatt die Feinde anzuordnen, ist es hier unsere Aufgabe, uns mithilfe von Pfeilen einen Weg zum in der Mitte residierenden Boss und idealerweise seinem Schwachpunkt zu bahnen. Legen wir uns einen smarten Pfad zurecht, so stolpern wir auf dem Weg auch noch über heilende Herzen, Briefe mit Tipps, wie wir am besten gegen den Obermotz vorgehen und andere Helferlein - etwa ein Feld, wel- ches uns zweimal hintereinander angreifen lässt. Das funktioniert gut und macht Spaß, nicht zuletzt, da jeder Endgegner eine andere Strategie erfordert. Manche lassen sich nur von bestimmten Seiten angreifen, andere sind gegen bestimmte Vorgehensweisen immun, wieder andere platzieren Fallen in der Arena, die es zu umgehen gilt. Klasse! Weniger überzeugt hat uns die Wahl der Widersacher. Wir haben schon eingangs erwähnt, dass das strikt durchgezogene Bastelgimmick dafür sorgt, dass wir gegen leibhaftiges Büroequipment antreten.
Quelle: PC Games
Anstatt wie in den letzten drei Teilen der Reihe Levels erwartet uns diesmal eine zusammenhängende Welt. Von Anfang an frei erkundbar ist sie aber nicht.
So ist der erste primäre Boss des Spiels eine Schachtel Buntstifte. Das ist an sich schon durchaus für Lacher gut, und dieser Obermotz verfügt obendrein über witzig geschriebene Dialoge. Im Grunde ist diese dennoch seltsame Designentscheidung aber wohl darauf zurückzuführen, dass die Entwickler die von vielen Fans wenig geliebten "Dinge" aus den beiden Vorgängern unbedingt irgendwie ins Spiel integrieren wollten. Waren Ventilator, Winkekatze und Co. dort Items, die man im Kampf einsetzen konnte, wechseln sie jetzt halt die Seiten und geben uns auf die Mütze. Das ist schade, denn mit Rumpel, Lohviata, Lohbert, Graf Knickwitz und Co. aus den früheren Paper-Mario-Spielen lieferte man dereinst ebenso lustige wie charakterstarke Widersacher ab. Und jetzt: Stifte. Kein adäquater Ersatz, wie wir finden! Wir wollen uns hier aber nicht zu sehr beschweren, denn vor besagter Buntmalerei-Keilerei treten wir auch gegen einen anderen Endgegner an und wir hoffen auf weitere Zwischenbosse ohne Büro-Flair. Wenn wir nicht gegen diese Büro-Bosse kämpfen, dann aber immer gegen Origamiwesen. "Normale" Papiergegner gibt es zumindest in den ersten Spielstunden nicht.
Die Frage nach dem Warum
Quelle: PC Games
Der Humor des Spiels ist wie schon in Color Spash für Wii U über jeden Zweifel erhaben. Gar so eine große Toad-Flut hätte es unserer Meinung nach aber nicht gebraucht.
Die schiere Liebe bezüglich des Designs, das Talent hinsichtlich Weltgestaltung, die Atmosphäre, die famose Grafik, jede Menge extrem kreative Momente, der einmalige Humor - all diese Elemente sind in The Origami King enthalten und könnten damit Teil eines wahrhaftigen Meisterwerks sein. Spätestens seit Sticker Star, eventuell auch schon seit Super Paper Mario, befindet sich die Reihe aber auf einer Identitätssuche, die sie gar nicht gebraucht hätte. Deshalb vermissen wir bislang am neuen Teil auch einige Features der klassischen Paper-Mario-Abenteuer. Warum keine fixen Begleiter mehr, sondern nur Kurzzeitbekanntschaften? In unserer Zeit mit dem Spiel trafen wir auf Bobby, einen Bob-Omb, der uns zur Seite stand. Was er im Kampf tut oder nicht tut, darauf haben wir keinerlei Einfluss, er ist im Grunde nur schmuckes Beiwerk. Warum entschied man sich für die Arena-Mechanik, welche Kämpfe in die Länge zieht? Allerdings: Wir haben nur die ersten Stunden von The Origami King erlebt, auf diesen basieren unsere Eindrücke. In den nächsten Tagen liefern wir alle Informationen im Test!
