Zensur-Special: Ist Blut grün?

Special Michael Eichhammer

Das ewig-leidige Thema der Spielebranche: Zensur. Die einen sehen darin den Schutz der Jugend vor gefährlichen Inhalten, die anderen verteufeln die USK, weil sie sich bevormundet fühlen. Wir bieten alle Infos zum deutschen System, fassen das Thema zusammen und bieten Aussagen deutscher Branchenkenner.

Wie weit darf die Gewaltdarstellung in Videospielen gehen? Eine Frage, die immer wieder für hitzige Wortgefechte zwischen verhärteten Fronten sorgt. Auf der einen Seite stehen die Hardcore-Gamer, die auf die Freiheit der Kunst pochen und Spiele ungeschnitten und so erleben wollen, wie die Programmierer sie gedacht haben. Auf der anderen Seite befürchten Jugendschützer, dass exzessive Gewaltdarstellung auf junge Spieler eine verrohende Wirkung haben könnte. Der Haken aus Sicht erwachsener Shooter- und Horror-Fans: Der Jugendschutz kümmert sich in der täglichen Praxis nicht nur um die Jugend, sondern auch die Erwachsenen, die gar nicht davor geschützt werden wollen.

Seit 2003 sind die Publisher in Deutschland verpflichtet, ihre Titel vor Erscheinen von der USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) prüfen zu lassen. Die schärfere Regelung war eine un­mittelbare Folge des geänderten Jugendschutzgesetzes nach dem Amoklauf von Erfurt 2002. Dass konservative Politiker nach dem Amoklauf von Winnenden im März 2009 erneut die Zensurschere anlegen wollten, stieß nicht nur bei eingefleischten Ballerspiel-Fans auf Unverständnis, sondern sogar bei Juristen, die bemerkten, "dass bereits heute kein anderer Staat der Welt ein derart restriktives und differenziertes Jugendschutzsystem wie das deutsche hat."

Der deutsche Sonderweg
Deutschland geht einen Sonderweg beim Alterseinstufungssystem, denn die meisten anderen europäischen Länder arbeiten mit dem PEGI-System (Pan-European Game Information). Hierzulande vergibt die deutsche USK die Altersfreigaben, die man als rautenförmiges Symbol auf den Covern der Spiele kennt. Es gibt dabei fünf mögliche Einstufungen, die farblich gekennzeichnet sind: ohne Altersbeschränkung (weißer Hintergrund), ab 6 Jahren (Gelb), ab 12 (Grün), ab 16 (Blau) und keine Jugendfreigabe (Rot). Nun sollte man meinen, dass diese Abstufung keine Auswirkung für erwachsene Spieler hat. Die Sache hat allerdings einen versteckten Haken: Liegt in den Augen der Prüfer nicht nur eine Jugendbeeinträchtigung vor, sondern eine Jugendgefährdung, muss die USK dem entsprechenden Titel sogar das rote Label versagen. Eine in den Augen von Hardcore-Gamern unlogische Regulierung: Wenn die als jugendgefährdend eingestuften Titel eine rote Kennzeichnung bekämen, dürften sie doch ohnehin nicht an Jugendliche verkauft werden.

Die Erfahrung lehrt, dass Titel, denen die USK eine Kennzeichnung versagte, schnell von der BPJM (Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien) indiziert werden. Allerdings ist es ein weitverbreitetes Missverständnis, dass "indiziert" das Gleiche wie "verboten" bedeuten würde. Indizierte Titel, dürfen lediglich nicht mehr öffentlich beworben und auch an Erwachsene nur "unter der Ladentheke" verkauft werden.

Eines der Spiel, die Jugendschützern sauer aufstoßen, ist Dead Space. Quelle: Cynamite Eines der Spiel, die Jugendschützern sauer aufstoßen, ist Dead Space. Für den deutschen Publisher bedeutet dies allerdings fast immer das Aus für den Titel, da sich der Verkauf wirtschaftlich nicht mehr lohnen würde. Wer das Spiel dennoch unbedingt haben will, dem bleibt dann nur noch der Weg über europäische Importe. Außerdem wollen Publisher mit einem Verzicht auf die Veröffentlichung eines umstrittenen Games Probleme mit der Staatsanwaltschaft vermeiden. Wird einem Spiel in einem Gerichtsurteil Gewaltverherrlichung vorgeworfen, kann dies zu einer Beschlagnahmung führen - im Gegensatz zur Indizierung ist ein solches Spiel dann tatsächlich verboten. Im prominentesten Fall schlüpft der Spieler in die Rolle eines zum Tode verurteilten Schwerverbrechers, der einem Regisseur beim Drehen von Snuff-Videos hilft. Dass diese Idee der Macher der GTA-Reihe, Rockstar Games, als gesellschaftskritische Satire auf die moderne Medienlandschaft gemeint war, scheint für das Amtsgericht nicht bedeutend gewesen zu sein, das den Titel 2004 beschlagnahmte. Wenig Humor bewies auch das Gericht, das 2006 eine mit Kapitalismuskritik angehauchte Zombiefilm-Parodie beschlagnahmte.

Freiwillige Selbstzensur
Eine USK-Kennzeichnung ist nicht nur eine Art Gütesiegel für moralische Unbedenklichkeit, sondern gleichzeitig auch ein Indizierungsschutz. Denn hat das USK-Gremium einem Titel seinen Segen gegeben, wird der Titel von der BPJM nicht mehr angefochten. Die Folge dieser Situation: Um eine USK-Einstufung zu bekommen, modifizieren manche Publisher ein Spiel bereits vor der Veröffentlichung für den deutschen Markt. Betroffen sind meist blutrünstige Passagen von Ego-Shootern oder Survival-Horror-Games. Diese freiwillige Selbstzensur ist eine schmale Gratwanderung für die Publisher. Wird zu wenig geschnitten, droht das Durchfallen bei der USK-Prüfung, wird aber zu viel geschnitten, akzeptiert die Baller-Community die bearbeitete Version nicht mehr und besorgt sich lieber auf anderem Weg das Original, auch wenn sie dabei auf eine deutsche Übersetzung verzichten muss. Verständlicherweise hüllen Publi­sher sich deshalb auch gern in Schweigen darüber, ob und was genau an einem Actionspiel speziell für den deutschen Markt verändert wurde.

Auch GTA 4 kam nicht ohne Probleme durch die USK. Im Bild: GTA 4: The Lost and Damned. Quelle: Cynamite Auch GTA 4 kam nicht ohne Probleme durch die USK. Im Bild: GTA 4: The Lost and Damned. Die Zeiten, in denen Blut grün gefärbt wurde, um eine Indizierung zu umgehen, sind zwar vorbei, doch auch heute wird noch fleißig retuschiert, wenn Blut der rote Faden durch die Handlung ist. "Dekoleichen" werden in der deutschen Version gern entfernt. Beim "Ragdoll-Effekt" reagieren Körper auch posthum noch auf Einwirkungen - beispielsweise lassen sie sich bewegen oder zucken unter Beschuss. Nachdem die BPJM diesen Stoffpuppen-Effekt nicht gern sieht, bekommen Spieler der deutschen Versionen von Shootern ihn selten zu Gesicht. Ebenfalls oft entschärft: Besonders brutale "Finishing Moves", die in Prügelspielen dem angeschlagenen Gegner den Rest geben. Populär wurden diese Aktionen durch die Mortal Kombat-Reihe von Midway.

Was als jugendgefährdend oder gar gewaltverherrlichend gilt, ist in einer Demokratie in einem ständigen Wertewandel begriffen. Deshalb ist es wichtig, dass die Vertreter aller Meinungen miteinander ins Gespräch kommen, anstatt starre Feindbilder aufrechtzuerhalten. Das echte Leben ist schließlich kein "Killerspiel".

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