Die dunkle Seite des Gamepads: Endlich mal so richtig böse sein - mit Video!

Special Antonia Dreßler
Die dunkle Seite des Gamepads: Endlich mal so richtig böse sein - mit Video!
Quelle: Electronic Arts

Mal so richtig gemein sein und auf den Putz hauen, kann man eigentlich nur in Videospielen. Aber auch dort wird man ständig an Moral, Recht und Gesetz erinnert, teils mit horrenden Kopfgeldern oder anderen drakonischen Strafen. Doch manchmal erscheint ein Spiel, in dem wir böse sein dürfen und sogar sollen. Dann endlich können wir unserer fiesen Zockernatur freien Lauf und endlich die Sau herauslassen. Mit Video!

Während Blazkowicz bösen Dieselpunk-Nazis einheizt und DetSec einem totalitären Regime die Stirn bietet, überwindet Desmond etliche Hindernisse, um die menschliche Freiheit vor den Templern zu bewahren. Die eindimensional bösen Gegner dieser Geschichten lassen keinen Zweifel daran, wer der strahlende Held ist und wie er sich in der Regel zu verhalten hat: kooperativ gegenüber seinen Freunden und gönnerhaft gegenüber unbeteiligten Passanten.

Aber was ist mit der anderen Seite? Immerhin wollen wir auch mal so richtig fiese Typen spielen. Und bevor es jemand sagt, klar haben wir in tausend und einem RPG die Möglichkeit, den nicht so netten Kerl zu spielen und Knights of the Old Republic, Fable, Red Dead Redemption und Undertale sind nicht einfach an uns vorbeigegangen. Aber mal ehrlich, wer spielt schon den bösen Arsch, wenn er auch der missverstandene Antiheld sein kann?

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Infamous Second Son haben beispielsweise nur rund ein Drittel der Spieler mit bösem Karma beendet und wirklich Sinn ergeben die Zwischensequenzen mit einem bösen Protagonisten auch nicht. Zum Glück für uns und unsere sadistische Ader gibt es immer wieder Spiele, in denen wir den Bösen nicht nur spielen können, sondern sollen: Gewalt, Micro-Aggressionen und absolute Empathiefreiheit inbegriffen.

Die Schurken von damals

In Evil Genius bauen wir ähnlich wie in Dungeon Keeper eine Basis auf und bemannen sie mit Lakaien. Das Spielziel ist aber nichts Geringeres als die totale Weltherrschaft. Quelle: PC Games  In Evil Genius bauen wir ähnlich wie in Dungeon Keeper eine Basis auf und bemannen sie mit Lakaien. Das Spielziel ist aber nichts Geringeres als die totale Weltherrschaft. Wenn wir über böse Videospielprotagonisten reden, lassen wir es uns natürlich nicht nehmen, in nostalgisch-verklärten Erinnerungen zu schwelgen, denn schon vor über 20 Jahren wusste man, was gut war (beziehungsweise böse). Mit Dungeon Keeper 1 und 2 rückte Bullfrog das angestaubte Fantasygenre in ein neues Licht, indem sie den Spieler vom Heldentum befreiten und ihm die Aufsicht über ein Verlies voller Monster gaben. In diesem strategischen Aufbauspiel vermasseln wir noblen Helden die Tour und hetzen Trolle, Spinne, Skelette und andere Unholde auf sie. Zwar verstoßen wir mit sämtlichen Folteroptionen gegen die Genfer Konvention, aber natürlich lassen wir jeden, der uns darauf hinweist, solange im Kerker schmoren, bis er seinen Fehler einsieht.

Viel problematischer gestaltet sich dahingegen das Mitarbeitermanagement: Die Mehrzahl an Untertanen ist nämlich gar nicht so untertänig und hat etliche Befindlichkeiten, auf die wir eingehen müssen. So wollen Fliegen nicht mit Spinnen zusammenarbeiten, weil sie sich nicht sicher fühlen, Schlafsäle müssen vom Arbeitgeber gestellt werden und obendrein erwartet man auch noch eine Entlohnung von uns! Kommen wir den gewerkschaftlichen Forderungen nicht nach, droht die Massenkündigung und der Überlauf zur verfeindeten Fraktion. Wesentlich dankbarer sind die ebenso bunten wie blöden Schergen aus Overlord.

Etwas übereifrig nimmt Crypto 137 die Verantwortung auf sich, möglichst viele Erdenbewohner auf grausige Weise umzulegen. Quelle: PC Games  Etwas übereifrig nimmt Crypto 137 die Verantwortung auf sich, möglichst viele Erdenbewohner auf grausige Weise umzulegen. Diese Lakaien lassen sich nicht nur bereitwillig in den Tod führen und plündern auf unser Geheiß jedes noch so romantische Bergdörfchen aus, sondern verzichten auch auf jegliche Ansprüche, was Schadensersatz und Bedürfnisbefriedigung betrifft.
Im mutmaßlichen Vorbild für "Ich - einfach unverbesserlich" steuern wie den Overlord durch ein Land, das eigentlich ihm gehören sollte, aber seinem Vorgänger von sieben Helden abgenommen wurde, die nun ebenfalls zur Tyrannei neigen. Auf seinem Feldzug der Rache und Rückeroberung entblößt der eigentlich böse Overlord nur leider immer wieder sein weiches Herz und wir bekommen die Option, nett zu sein. Würg.

Wer Unschuldige am Leben lässt, erhält sogar ein eigenes Ende, das dem echten/bösen Overlord-Spieler vorenthalten bleibt. Wir greifen lieber zu Overlord 2, denn statt für Gut oder Böse entscheiden wir uns zwischen Beherrschung und Zerstörung. Je nachdem, welchem Laster wir mehr frönen, legen wir das Land in Schutt und Asche oder versklaven alle seine Einwohner - so, wie sich das als Oberschurke gehört.

Neu aufgelegte Übel

Bereits zu Anfang von Overlord 2 werden wir dazu angehalten, unsere mit Knüppel bewaffneten Schergen auf kleine Robbenbabys zu hetzen. Nicht sehr nett. Quelle: PC Games  Bereits zu Anfang von Overlord 2 werden wir dazu angehalten, unsere mit Knüppel bewaffneten Schergen auf kleine Robbenbabys zu hetzen. Nicht sehr nett. Dass ein guter Bösewicht auch in nicht-mittelalterlichen Settings klarkommt, beweist der Titel Evil Genius. Der Name verrät es bereits: Wir dürfen einen superintelligenten, superbösen Superschurken spielen, der mit eigener Basis, Lakeien und fiesen Fallen nichts Geringeres als die Weltherrschaft anstrebt. Als strategisches Aufbauspiel bedient sich Evil Genius einiger Mechaniken von Dungeon Keeper wie dem Basisbau, das Trainieren der Untertanen und einem umfangreichen Micromanagement. Einen großen Unterschied gibt es aber dennoch, denn wo man in Dungeon Keeper stets die Aufgabe hat, einen bestimmten Helden oder konkurrierenden Kerkerwärter auszuschalten, ist das Endziel in Evil Genius nichts Geringeres als die totale Weltherrschaft. Je nach gewählter Massenvernichtungswaffe sehen wir eines von drei Enden, in denen sich die Entwickler bei Rebellion keinesfalls zurückhalten, denn in allen Endsequenzen geht auch mindestens ein Hund mit drauf - wenn das nicht böse ist, dann wissen wir auch nicht.

Ebenfalls unverzeihlich finden wir, dass wir auf den zweiten Teil bis jetzt warten müssen! Wenigstens ist es inzwischen quasi sicher, dass Evil Genius 2 nächstes Jahr auf Steam veröffentlicht wird und nur rund 16 Jahre nachdem die Fortsetzung das erste Mal angekündigt wurde. Mit hundert möglicher Arten, die Vereinten Nationen zu unterdrücken und die Macht an sich zu reißen, verspricht der Titel uns die Vergeltung, die wir uns für das Jahr 2020 redlich verdient haben.

Mit Tentakeln und Zähnen bewaffnet, rächen wir uns auf möglichst grausame Art an der Menschheit daran, dass sie uns einfach so gefangen nimmt, nur weil wir beim Erstkontakt nicht kooperierten. <br> &nbsp; Quelle: PC Games  Mit Tentakeln und Zähnen bewaffnet, rächen wir uns auf möglichst grausame Art an der Menschheit daran, dass sie uns einfach so gefangen nimmt, nur weil wir beim Erstkontakt nicht kooperierten.
 
Wer seine Mitmenschen noch nie mochte, der kam mit Destroy All Humans bereits dieses Jahr voll auf seine Kosten. Eigentlich in geheimer Mission seinen Bruder zu finden und menschliche DNS zu sammeln, verursacht Alien Cryptosporidium 137 einen Berg von "Kollateralschäden". Wer sehen will, wie in lustiger Comicgrafik Menschen bis auf die Knochen verbrennen und Schädel in grünem Glibber platzen, kommt hier voll auf seine Kosten. So richtig intelligent wirkt das Gemetzel zwar nicht, aber auch als das Böse lehnt man sich gerne mal zurück und schaltet den Kopf aus - oder vielmehr Köpfe.

Neuer, böser, stärker

Neben solchen Remakes entstehen zum Glück auch immer wieder neue Titel, in denen das Böse gefeiert wird und das Monster unter dem Bett endlich seine Sicht der Dinge schildern darf. Carrion spielt mit der Prämisse, dass das Ding aus einer anderen Welt gerne wieder nach Hause will, aber die fiesen Menschen haben es eingesperrt. Zumindest so lange, bis wir das Blut-vergießende Monster kontrollieren. Bewaffnet mit Tentakeln, Reißzähnen und einer Menge undefiniertem Gewebe dezimieren wir eine Forschungseinrichtung voll wimmernder Menschlein, die sich besonders gegen Ende als erstaunlich widerspenstig erweisen. Immer kreativer und grausamer ist letztendlich unser Weg in die Freiheit: egal, ob wir unseren Opfern leise die messerscharfen Tentakel ins Rückgrat rammen, oder sie mit herumstehenden Möbeln zu Brei hauen. Der Pixelgrafik des 2D-Scrollers ist es vermutlich zu verdanken, dass der Splatter in Deutschland erscheinen dürfte, auch wenn die grafische Darstellung deswegen kaum weniger explizit wirkt.

Leute in die luftsprengen, anzünden, erstechen und Elektroschocken sind nur ein kleiner Teil vom Repertoire des Party-Hard-Killers, wenn es darum geht seinen Schlaf zu verteidigen. Quelle: PC Games  Leute in die luftsprengen, anzünden, erstechen und Elektroschocken sind nur ein kleiner Teil vom Repertoire des Party-Hard-Killers, wenn es darum geht seinen Schlaf zu verteidigen. Ebenfalls im Pixelgewand und nicht minder brutal haben auch Party Hard und seine Fortsetzung uns etliche Stunden in ihren Bann gezogen. Das repetitive Gameplay und etliche Fehlschläge fallen unter das Konzept "easy to learn, hard to master". Eine beliebige Person auf einer Party zu erdolchen ist nämlich noch lange keine Kunst, selbst ein Massenmord wirkt ohne Plan und Killer-Kombo wie dilettantisches Fingerfarben-Geschmiere. Im Gegensatz zu sämtlichen 80er-Jahre-Serienmördern, weiß man bei Pinokl Games eben, dass ein guter Killer effizient tötet und eine umfangreiche Hintergrundgeschichte nur ablenkt. Außerdem ist die Motivation unseres Protagonisten in ihrer Simplizität absolut nachvollziehbar: Wachgehalten von lauter Musik zieht er aus, selbst Party zu machen. Mit einem Messer. In deinem Bauch.

Für Spieltiefe sollte man allerdings zu anderen Titel greifen wie der RPG-Perle Tyranny. Als Handlanger eines echten Despoten unterwerfen wir ganze Völker, schlagen Rebellionen nieder und treffen etliche böswillige Entscheidungen. So äschern wir eine ganze Region im Auftrag des gottgleichen Herrschers Kyros ein, einfach, weil ihm das mit der Belagerung nicht schnell genug voranschreitet.

Wir selbst sind natürlich auch nicht sehr freundlich, zwar können wir uns ab und an gnädig erweisen, aber dass wir für einen übermächtigen Kriegstreiber in den Kampf ziehen, vergessen wir nie. Passend dazu erstreckt sich unser Handlungsspielraum nicht klassisch auf gut und böse, sondern auf chaotisch und pflichtbewusst - symbolisiert durch die Militärfraktionen scharlachroter Orden und Legion der Geschmähten. Und wie es sich für ein RPG gehört, erhalten wir für jede Entscheidung Loyalität und Furcht von etlichen Fraktionen und Charakteren. Besonders gefällt uns, wie reaktiv die Welt auf uns reagiert. So können durch bestimmte Lebenswege ganze Kartenabschnitte unserem virtuellen Ich verborgen bleiben und müssen gegebenenfalls in einem neuen Spieldurchlauf erkundet werden.

We want to watch the World Burn

Obwohl wir in diesem Spiel eigentlich keine böse Motivation haben, steigen wir über Leichen, wenn es ums Geldscheffeln geht, oder auch, wenn wir einfach gelangweilt sind. (1) Quelle: PC Games  Obwohl wir in diesem Spiel eigentlich keine böse Motivation haben, steigen wir über Leichen, wenn es ums Geldscheffeln geht, oder auch, wenn wir einfach gelangweilt sind. (1) Doch kein Spiel hat uns jemals so dazu ermutigt, Zerstörung und Leid zu verursachen wie GTA Online. Obwohl wir per se gar nicht der Böse sind und uns mit unserer Arbeit mit illustren Ganoven wie Ocean's Eleven messen, können wir uns einfach nicht helfen. Immer wieder bombardieren wir schwer bewaffnet die Stadt, machen anderen Spielern grundlos das Leben zur Hölle, nehmen als Geisterfahrer etlichen Fußgängern das Leben und eröffnen eine Runde Menschenjagd auf unsere Freunde. Ganz, ohne dass wir davon profitieren würden, treibt uns das Spiel immer wieder dazu an, Amok zu laufen und bestraft uns anschließend mit einer fetten Zielscheibe auf der Brust in Form eines Kopfgeldes.

Trotzdem fühlt es sich einfach gut an der Böse zu sein, in moralischen Zwickmühlen immer die größtmögliche Zerstörung zu provozieren und gefürchtet statt geliebt durch virtuelle Welten zu streifen. Und wenn ihr noch nicht überzeugt seid, dann stellt euch nur mal vor, dass ihr in Skyrim ein Huhn killt und die Dorfbewohner so viel Angst und Respekt vor euch hätten, dass sie es einfach ignorierten. Oder wie wäre vielleicht ein Assassin's Creed, in dem ihr nicht desynchronisiert, weil euch ein Zivilist in die Klinge rennt? "Use your aggressive feelings, boy. Let the hate flow through you." Und leistet uns auf der dunklen Seite des Gamepads Gesellschaft.

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