Gesellschaftskritik in Games: Wie politisch sollten Spiele sein?
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Gesellschaftskritisches Kulturgut oder doch nur ein launiger Zeitvertreib? Videospiele stehen am Scheideweg und eine milliardenschwere Industrie sucht nach dem richtigen Weg. Wie viel Politik sollte in unserem liebsten Hobby stecken und wie politisch sind Games bereits?
Eine zerrüttete Endzeitwelt, mysteriöse Geschehnisse und ein wackerer Paketbote, der das Land wieder vereinen muss - das ist die Essenz von Hideo Kojimas Death Stranding. Norman Reedus als Kurier Sam Porter Bridges bringt Menschen zusammen, und wir als Spieler erhalten die Werkzeuge dazu. Wir bauen Brücken und überlassen anderen Death-Stranding-Fans in der geteilten Welt Hilfsmittel oder Botschaften. Laut eigener Aussage ließ sich Kojima von der aktuellen Politik inspirieren. Doch während in der Realität Mauern durch Donald Trump gebaut und Brücken durch den Brexit eingerissen werden, wollte der Metal-Gear-Solid-Schöpfer die Menschen lieber verbinden. Und obwohl Death Stranding kein explizit politisches Spiel ist, so spiegelt sich doch die Weltanschauung seines Machers darin wider.
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Nun stellt sich aber die Frage: Sollten Video- und Computerspiele derartige Botschaften verbreiten oder sind sie doch einfach nur ein simpler Zeitvertreib? Denn auch wenn es wie ein Klischee klingt: Games sind zwar ein sehr junges Medium, haben andere Unterhaltungsformen in Sachen Verbreitung jedoch längst überflügelt. Laut Game, dem Bundesverband der deutschen Games-Branche, erreichten Spiele 2018 allein in Deutschland über 34 Millionen Menschen. Das Durchschnittsalter der Nutzer stieg kontinuierlich und liegt inzwischen bei über 36 Jahren; natürlich auch bedingt durch die stärkere Verbreitung mobiler Endgeräte.
Quelle: Moby Games
Für Death Stranding ließ sich Hideo Kojima von der Politik Donald Trumps und auch dem Brexit inspirieren. Jedoch interpretierte er diese Motive um und betont in seinem Open-World-Abenteuer das Verbinden der Menschen in einer gescheiterten Welt.
Digitale Spiele sind ein gewaltiger Markt, der allein 2018 rund 4,4 Milliarden Euro Umsatz in Deutschland erzielte. Erst vor kurzem bestätigte das Verkehrsministerium die Gamesförderung bis 2023, jährlich fließen künftig 50 Millionen Euro Fördergelder in die deutsche Spieleindustrie. Das neue Medium ist längst Bestandteil des sozialen und politischen Alltags, will oft aber trotzdem nicht wirklich politisch sein.
Schon längst Teil der Politik
Wenn die Spieleindustrie in die politischen Schlagzeilen gerät, dann oftmals mit problematischem Ausgang. 2019 machte Branchenriese Blizzard unrühmlich auf sich aufmerksam. Was war geschehen? Der Hearthstone-Großmeister Chung "Blitzchung" Ng Wai bezog im Anschluss an einen Sieg bei den Asia Pacific Hearthstone Grandmasters Stellung zu den Protesten in seiner Heimat Hong Kong. Während des live gestreamten Interviews trug er Skibrille und Gasmaske und proklamierte den Slogan "Befreit Hong Kong, die Revolution unseres Zeitalters!"
Quelle: Moby Games
Das Mittelalter-Rollenspiel Kingdom Come: Deliverance geriet bereits vor seiner Veröffentlichung in die Kritik. Gegen den Studiochef Daniel Vávra gab es ebenso Rassimusvorwürfe wie für die sehr weiße Bevölkerung der offenen Spielwelt.
Blizzard reagierte prompt: Die Kalifornier sperrten den populären eSportler für ein Jahr und entzogen ihm das Preisgeld für Season 2. So entbrannte nur wenige Wochen vor der Blizzcon 2019, der Hausmesse der Hearthstone-Macher, ein riesiger Shitstorm, bei dem unter anderem das Hashtag #BoycottBlizzard auf Twitter trendete. Während der Eröffnungszeremonie der Messe entschuldigte sich Blizzard-CEO J. Allen Brack und betonte, dass man dem eigenen Anspruch nicht genüge und das Ziel verfehlt habe. Blizzard stehe dafür, freie Meinungsäußerung zu fördern und Menschen miteinander zu verbinden.
Ebenfalls im Oktober kehrte die spätestens seit dem Schul-Amoklauf von Erfurt 2002 bekannte "Killerspieldebatte" auf der Bildfläche zurück. Im Anschluss an den rechtsradikalen Terroranschlag von Halle vom 9. Oktober 2019, bei dem der Täter mit selbstgebauten Waffen zwei Menschen erschoss, weitere verletzte und dies auf Twitch streamte, sagte etwa Innenminister Horst Seehofer: "Wir müssen die Gamerszene stärker in den Blick nehmen." Allerdings ebbte die Diskussion ebenso schnell wieder ab, wie sie aufgebrandet war. Diese beiden Beispiele zeigen, wie schnell Video- und Computerspiele und Politik miteinander kollidieren können. Vielleicht ist genau das der Grund, warum gerade die Mainstream-Spieleindustrie eine klare Stellungnahme zu politischen Motiven so sehr scheut.
Stereotypen und Plattitüden
Obwohl viele große Spieleproduktionen eindeutige Rückbezüge auf Zeitgeschichte und Politik nehmen, halten sich die meisten Entwickler mit einer klaren Positionierung zurück. Ubisofts The Division beispielsweise stellte in seinem Plot einen Terroranschlag in den Mittelpunkt, der ausgerechnet am "Black Friday" über Dollarscheine verbreitet wurde. Die anschließende Epidemie raffte die soziale Ordnung in den virtuellen USA dahin und sorgte für den Zusammenbruch des Staatsapparates, inklusive lautstarker Unmutsäußerungen der Bürger. Ubisoft jedoch betonte immer wieder, dass dieses Setting nicht politisch motiviert sei.
Quelle: Moby Games
Im Ego-Shooter Metro 2033 prallen politische Ideologien aufeinander. Die Überlebenden der Atomkatastrophe rotten sich in der Moskauer U-Bahn zusammen und bilden hier eigene Gemeinschaften mit teils extremem Gedankengut.
Entwickler anderer Spiele wie etwa Deux Ex: Mankind Divided verwendeten den Begriff der "Mechanical Apartheid" zur prägnanten Darstellung von Rassismus und Diskriminierung innerhalb der Spielwelt, instrumentalisierten ihn allerdings eher, als ihn wirklich politisch aufzuladen. Es gibt noch viele weitere Titel, die derartige Motive nutzen, sich jedoch trotzdem primär als virtuelle Spielwiese betrachten.
Politik und Ideologien sind ein heißes Eisen; nur wenige Entwickler trauen sich, es anzufassen. Der Grund dahinter ist simpel: Studios und Publisher machen sich dadurch angreifbar. Durch eine Positionierung stoßen Entwickler automatisch einen Teil der gigantischen Zielgruppe vor den Kopf. Das Ergebnis können ein möglicher Shitstorm und in der Konsequenz sinkende Absatzzahlen sein. Infolgedessen dampft man oftmals die Botschaft auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunter: Unterdrückung ist schlecht und Rassismus erst recht. Dagegen muss man etwas tun. Also ran an die Waffen!
Alternativ übersteigern Spiele Politik und ihre Akteure gerne bis in die Absurdität oder zeichnen Stereotypen von korrupten oder wahlweise inkompetenten Würdenträgern. Hier reicht das Angebot von der unfähigen US-Präsidentin aus Splinter Cell: Blacklist bis hin zu verkommenen Subjekten wie dem Kongressabgeordneten Thomas Stubbs III aus GTA 4 und der Download-Episode The Lost and Damned. Wirklich integre Politiker kommen in Spielen eher selten vor.
Quelle: Moby Games
In Papers, Please arbeiten wir als Grenzbeamter in einem totalitären Staat. Arbeiten wir gut, erhalten wir Vergünstigungen, begehen wir Fehler oder helfen gar Menschen bei der Flucht, leidet darunter womöglich unsere (virtuelle) Familie.
Die wenigen Ausnahmen
Natürlich existieren aber durchaus Spiele, in denen Politik eine gewichtige Rolle einnimmt. Und damit meinen wir an dieser Stelle nur bedingt Strategiespiele, da hier Diplomatie zwar ein wichtiges Kriterium und oft auch eine Siegbedingung darstellt, jedoch andere Aspekte bei der Erweiterung des eigenen Einflussgebiets schlichtweg beiseite gewischt werden - siehe etwa Civilization. Andere Titel wie beispielsweise die Democracy-Reihe betonen diese Punkte stärker.
Quelle: Moby Games
Die Democracy-Reihe stellt vor allem die Bürger in den Mittelpunkt des Gameplays. Wir müssen versuchen, die Ordnung durch Gesetzeserlasse und strategische Entscheidungen aufrechtzuerhalten.
This War of Mine (2014) ist dagegen aus mehreren Gründen bemerkenswert: Das Spiel der 11 bit studios rückt den Krieg aus der Sicht der Zivilisten in den Mittelpunkt und thematisiert Punkte wie Hunger, Kälte, Angst und andere Nöte. Die immer wieder eingestreuten moralischen Entscheidungen machen es zu einem enorm intensiven und wichtigen Spiel der jüngeren Vergangenheit. Gleiches gilt im Übrigen für Papers, Please aus dem Jahr 2013, in dem wir die Rolle eines Grenzbeamten in einem totalitären Staat übernehmen und immer wieder mit schwierigen Situationen konfrontiert werden. Trotz dieser kontroversen Themen erfreuen sich beide Werke einer erstaunlichen Beliebtheit - und beweisen, dass auch "unbequeme" Spiele durchaus ihren Platz in dieser Industrie haben können.
Politisch: Ja oder nein?
Jetzt stellt sich natürlich erneut die Eingangsfrage: Müssen Spiele politisch sein? Wir meinen: Natürlich nicht, aber die meisten sind es ohnehin schon längst. Dadurch, dass sie dem schöpferischen Geist der Entwickler entspringen, fließt ein Teil derer Überzeugungen mit hinein. Ganz egal, ob Anspielungen auf den aktuellen Zeitgeist, die Verwendung politischer Ideologen oder satirischer Humor - in einem darstellenden Medium wie Video- und Computerspielen spielt Politik und alles, was damit im weitesten Sinne zusammenhängt, eine wichtige Rolle.
Das bestätigte 2017 auch Neil Druckmann, Vizepräsident und Creative Director von Naughty Dog, bezüglich politischer Motive in The Last of Us und dem 2020 erscheinenden Nachfolger. Als ein Fan ihn via Twitter bat, politische Ansichten doch bitte aus dem Spiel zu lassen (der Tweet ist mittlerweile gelöscht), konterte Druckmann:
"Nein, das kann ich nicht. Autoren arbeiten auf Basis ihrer eigenen Weltanschauung. Das Ende von The Last Us wurde etwa stark inspiriert durch meine 'persönliche Politik'."
Wir fassen zusammen: Spiele dienen zu weitaus mehr als nur zu einfachem Eskapismus. Sie sind, ebenso wie Bücher und Filme, künstlerische Darstellungsformen. Als solche sollten deren Macher jedoch auch stärker Position beziehen und frei darüber sprechen, was sie dazu inspiriert hat, die aufgeführten Motive oder Charaktere in der Art und Weise zu präsentieren, wie es schlussendlich geschehen ist. Zugleich müssen Spieler lernen, mit unterschiedlichen politischen Motiven ebenso wie mit der Kunstfreiheit der Entwickler zu leben und nicht bei jeder Gelegenheit auf die Barrikaden steigen, sobald ihnen etwas nicht passt. Vielleicht bedarf aber gerade dieser Findungsprozess noch ein wenig Zeit und Reife auf beiden Seiten.
