Gegen den Fortsetzungswahn: Warum wir anfangen müssen, loszulassen
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Es gibt unzählige Spiele, die sowohl erfolgreich als auch beliebt sind. Insofern erscheint der Wunsch nach tollen Fortsetzungen nur logisch. Doch in den Augen unseres Autors übertreiben es die Spielehersteller damit viel zu sehr. Dabei könnte sich die Branche mit mehr Mut zu Neuem ein gutes Stückchen besser und vor allem schneller entwickeln.
Schon gehört? Cyberpunk 2077 ist nicht ganz das Überspiel geworden, das sich viele erhofft hatten. Nur wenige Tage nach dem, hüstel, suboptimalen Release las ich auf Facebook einen Beitrag, indem der Verfasser das "Scheitern" von Cyberpunk als Chance sah und für eine Reanimation der Serie Deus Ex plädierte. Schließlich würden sich die Spieler nach wie vor ein modernes Science-Fiction-Spiel mit Rollenspielelementen wünschen.
Mein spontaner Gedanke, der mir beim Lesen des Kommentars durch den Kopf schoss: Nein, um Gottes willen, bitte nicht!
Versteht mich bitte nicht falsch: Das erste Deus Ex (2000) war ein Meilenstein und Invisible War (2003) ein zwar simpler, jedoch in meinen Augen unterschätzter Ego-Shooter. Das Reboot Human Revolution (2011) erschien genau zum richtigen Zeitpunkt und wirkte mit viel Liebe gemacht.
Quelle: Quantic Dreams / Medienagentur plassma
Quantic Dreams gehört zu den wenigen großen Entwicklern, die bislang keines ihrer Spiele fortgesetzt haben und sich stets etwas Neues einfallen lassen. Dazu gehört auch das 2010 erschienene Heavy Rain.
Allerdings stolperte im Anschluss die direkte Fortsetzung Mankind Divided (2016): Sie besaß rein auf dem Papier betrachtet dieselben Stärken wie der Vorgänger und fühlte sich dennoch erzwungen an.
Der "Fortsetzungswahn" ist meines Erachtens eines der größten Probleme der Spieleindustrie: Wir wünschen uns von jedem halbwegs erfolgreichen Titel automatisch einen weiteren Teil, der dem Vorgänger mindestens ebenbürtig sein muss oder, besser noch, ihn übertreffen soll. Doch immer häufiger habe ich das Gefühl, dass die Verantwortlichen bei ihren Sequels eher lustlos zu Werke gehen. Dies erscheint bei genauerer Betrachtung nur logisch, denn das Erschaffen eines Spiels ist ein kreativer Prozess und solche Auftragsarbeiten sind nur sehr selten echte Herzensprojekte. Fortsetzungen entstehen nun einmal in der Regel aufgrund des kommerziellen Erfolgs des Vorgängers und nicht, weil sie dem Geist eines wahren Idealisten entspringen.
Quelle: Guerrilla Games / Medienagentur plassma
Zugegeben: Angesichts dieser prächtigen Grafik ist es kein Wunder, dass sich viele Spieler eine Fortsetzung von Horizon Zero Dawn wünschen.
Der große Unterschied zwischen Film- und Spiele-Fans
Besonders gut belegt ist dies in der Filmbranche, in der Fortsetzungen einen eher zweifelhaften Ruf genießen - kein Wunder, wenn Cineasten sich mit jahrelang mit Machwerk-Serien wie Transformers, Saw oder Twilight auseinandersetzen müssen. Überhaupt gibt es nur wenige Film-Sequels, die landläufig als besser angesehen werden als ihre Vorgänger.
In der Welt der Videospiele sah das lange Zeit völlig anders aus, was mit der rasanten Entwicklung des Mediums innerhalb der letzten 40 Jahre zusammenhängt. Ein wundervolles Beispiel ist The Legend of Zelda: Bereits das NES-Original - das im Übrigen in diesen Tagen seinen 35. Geburtstag feiert - war ein revolutionäres Meisterstück. Es mixte gekonnt Action-, Adventure- und Rollenspielelemente, war trotz seiner damaligen Komplexität schön übersichtlich und jedes Feature, jeder Gegner sowie jedes Rätsel hatte eine sinnvolle Funktion.
Quelle: Mobius Digital / Medienagentur plassma
Ein derart kreatives Spiel wie Outer Wilds wäre wohl niemals in Form eines Sequels zustande gekommen.
Dennoch wirkte das Spiel bereits nach fünf Jahren "alt": Es war eben für die 8-Bit-Konsole Nintendo Entertainment System konzipiert. Die nachfolgende Generation in Form von Sega Mega Drive und Super Nintendo ermöglichte bereits deutlich ausgereiftere Spiele. Folgerichtig klotzte das erste 16-Bit-Zelda mit einer detaillierteren Grafik, einem Soundtrack in orchestraler Qualität und einem ausgeweiteten Spielprinzip, weil auf das Modul mehr Gegner, Spielwelt sowie Features passten.
Anders ausgedrückt: Nintendo hatte es ohne jeden Zweifel geschafft, nach gerade mal einer halben Dekade seinen eigenen "Game of the Year"-Kandidaten zu toppen. Überlegt nun einmal andersherum, wie viele "Best Picture"-Oscar-Gewinner auch nur eine halbwegs anständige Fortsetzung
Quelle: Ubisoft / Medienagentur plassma
Ausnahmen gibt es immer wieder: Prince of Persia: The Sands of Time von 2003 war eine Fortsetzung, dank der integrierten Rückspulmechanik aber auch ein überraschend innovatives Spiel.
zustande brachten. Sicherlich Der Pate (1972), die längst vergessene Komödie Der Weg zum Glück (1944), Der Herr der Ringe: Die Gefährten (20021), Star Wars: Episode 4 - Eine neue Hoffnung (1977) und vielleicht noch Rocky (1976) ... und dann wird es schon ernsthaft eng.
Bei Spielen hingegen wurden wir insbesondere in den 1990er-Jahren mit grandiosen Sequels wie Super Mario World (1990), Super Probotector (1992) oder Final Fantasy 6 (1994) bombardiert, wodurch der im Vergleich zur Filmbranche dramatisch bessere Ruf entstanden ist.
Die unbeschwerte Sequel-Party ist vorbei
Das Blatt wendete sich erst mit dem Wechsel von der 16- zur 32- beziehungsweise 64-Bit-Generation, als PlayStation, Sega Saturn und Nintendo 64 auf den Markt drängten. Plötzlich mussten wir mit Schrecken feststellen, dass liebgewonnene Marken wie Castlevania oder Prince of Persia mit ihrem Sprung von 2D auf 3D eine Bruchlandung nach der anderen vollzogen. Eigentlich wäre dieser Zeitpunkt für die Entwickler sogar eine gute Chance gewesen, uns die Lust nach Sequels abzugewöhnen. Allerdings waren wir bereits zu verwöhnt, wünschten uns einfach alternative Fortsetzungen und stempelten die gefloppten 3D-Experimente als schwarze Schafe ab.
Heute ist jedenfalls der Vorteil der großen Hardware-Sprünge dahin; die Technik entwickelt sich in deutlich kleineren Schritten weiter. Deshalb ähneln moderne Fortsetzungen rein optisch viel mehr ihren Vorgängern und müssen verstärkt mit möglichst unverbrauchten Inhalten glänzen.
Quelle: Naughty Dog / Medienagentur plassma
Alle Welt hat auf The Last of Us Part 2 gewartet und es bereits im Vorfeld als bestes Spiel des Jahres 2020 auserkoren. Und obwohl es rein von der Qualität zu den wenigen Fortsetzungen gehört, die durchaus eine solche Auszeichnung verdienen, reagierten viele Spieler enttäuscht – schlicht, weil sie sich etwas anderes vorgestellt hatten.
Hinzu kommt eine immer höhere Erwartungshaltung der Spieler, an der beinahe sogar ein The Last of Us Part II gescheitert wäre. Es zählt zu den umstrittensten Spielen des Jahres 2020, obwohl - oder gerade weil - es vor seiner Veröffentlichung von vielen als sicheres "Game of the Year" gehandelt wurde. Das Tragische: In der Tat ist Naughty Dog eine in vielen Punkten fantastische Fortsetzung geglückt. Doch auf der einen Seite gefällt nicht jedem die neue, mutige Stilrichtung der Geschichte und zum anderen hat sich das Spiel an sich kaum verändert. Einige dieser Streitpunkte wären vermutlich nicht entstanden, wenn Naughty Dog von Anfang an auf eine neue IP gesetzt hätte.
Natürlich muss auch ich mir an meine eigene Nase fassen, wenn ich in regelmäßigen Abständen für Fortsetzungen von in Vergessenheit geratenen Klassikern wie Wizball (1987) oder Magic Carpet (1994) plädiere. Allerdings wurde meine Gier jüngst bestraft, als mit Underworld Ascendant (2018) endlich ein Quasi-Nachfolger zum brillanten Ultima Underworld (1992) in meiner Steam-Bibliothek landete: Hilfe, das Ding ist eine absolute Katastrophe!
Nicht nur nach dieser Negativerfahrung bin ich immer skeptischer, ob wir wirklich von allem und jedem eine Fortsetzung benötigen - egal, ob globale Strategiespiele wie Europa Universalis (ab 2000), experimentelle Action-Adventures der Marke Hellblade: Senua's Sacrifice (2017) oder das letzte The Legend of Zelda namens Breath of the Wild (2017), das bekanntlich 2021 fortgesetzt werden soll. Letzteres folgt zudem einem völlig irren Trend, den Square Enix nach Final Fantasy 10 (2001) losgetreten hatte: die Fortsetzung einer Fortsetzung!
Speziell Final Fantasy war ja als Rollenspielreihe dafür bekannt, mit jedem Teil eine völlig neue Geschichte zu erfinden. Doch natürlich war uns auch das nicht genug, weshalb es Sequels, Prequels sowie DLCs zu Final Fantasy 4, 7 sowie 10 bis 15 gibt. Fürs Protokoll: Ja, auch von Final Fantasy 12 (2006) existiert ein direktes Sequel, nämlich Revenant Wings für das Nintendo DS.
Neue Spiele bereichern die Welt
Das vor zwei Jahren erschienene Outer Wilds (nicht The Outer Worlds!) zeigt meiner Meinung nach, wie es richtig geht: Es ist ein einmaliges 3D-Adventure, das bis ins Mark vor Kreativität strotzt. Und ich werde die Entwickler persönlich aufsuchen und schimpfen, wenn sie davon eine Fortsetzung konzipieren! Sie sollen lieber ihre kreative Energie nehmen und in ein neues Projekt stecken, das mich genauso überrascht und begeistert.
Quelle: Factor 5 / Medienagentur plassma
Viele deutsche Spieleveteranen wünschen sich sehnlichst ein Turrican 4. Aber warum? Würde nicht ein Spiel im Geiste des alten Run'n'Guns reichen? Im Bild seht ihr die kürzlich für PS4 und Switch erschienene Neuauflage Turrican Flashback.
Eine ähnliche Warnung habe ich im Übrigen schon einmal vor knapp elf Jahren ausgesprochen, nachdem Quantic Dream das famose Interaktiv-Adventure Heavy Rain veröffentlicht hatte. Glücklicherweise musste ich die Franzosen damals nicht rüffeln. Kreativkopf David Cage und seine Kollegen wissen selbst, dass Sequels zu ihren Spielen schlichtweg keinen Sinn ergeben. Sie verlieren sich lieber in neuen Welten und konnten mich deshalb bislang auch mit den "Nicht-Fortsetzungen" Beyond: Two Souls (2013) und Detroit: Become Human (2018) aufs Neue begeistern.
Nun seid ihr dran: Wie steht ihr zum Thema Fortsetzungen? Schreibt uns eure Meinung in die Kommentare!
