Japanische Rollenspiele und Fanservice gehören untrennbar zusammen. Während sich der eine für die explizit sexuellen Inhalte schämt, freut sich ein anderer über die hübschen Körper, die über den Bildschirm hüpfen. In unserem Special gehen wir darauf ein, wo Fanservice herkommt und wie es damit weitergeht.
Wenn wir an japanische Rollenspiele denken, dann kommen uns einige Schweinereien in den Sinn, wie das Ausziehen unserer Gegner, das Spicken unter den Rock oder die Suche nach den erogenen Zonen unserer Begleiter. Dabei ist Fanservice nicht per se die Darstellung von riesigen Brüsten sämtlicher Charaktere. Grundlegend handelt es sich beim Fanservice um alle Inhalte in einem Werk, die keinen Beitrag zur Handlung leisten, sondern dem Konsumenten gefallen sollen - so viel zur Wikipedia-Definition. Die auffälligste und bekannteste Form dieser Gefälligkeiten sind Etchi (oder Ecchi), also sexualisierte Inhalte, die keinen Beitrag zum Plot leisten.
Let's talk about Sex
Neben den großen japanischen Rollenspielreihen wie Fire Emblem oder Final Fantasy ist Japan für seine Mangas und Animes bekannt, die sehr offen mit Sexualität umgehen. Die ungewöhnlich zwanglose Auseinandersetzung mit Sexfantasien kam in den USA und Europa schon immer gleichermaßen gut an wie die japanischen Videospiele. Die Vermischung beider Exportmedien ist dabei keine neue Idee, sondern etablierte sich bereits in den 1980er Jahren mit Spielen wie Enix' Zarth, ein Textadventure mit Bildern von hübschen Mädchen über den relevanten Textpassagen.
Quelle: PC Games
Io ist viel mehr als nur ein hilfreicher Companion in Code Vein, sondern demonstriert uns stets die Reißfestigkeit ihrer Oberbekleidung.
Dass in Japan überhaupt sexuelle Inhalte abseits von Pornos in den Medien landen, ist in der japanischen Geschichte und Kultur begründet. Im Gegensatz zu unserem christlich geprägten Weltbild war Sex in Japan nie etwas Verteufeltes, sondern stets positiv besetzt - sowohl für Frauen als auch für Männer. Bereits im 17. Jahrhundert war es gang und gäbe Bilder von Sex namens Shunga zwischen Geliebten und engen Freunden auszutauschen. Doch während große Brüste für uns ein Sexsymbol darstellen, waren sie in Japan einfach nur ein normales Körperteil, dass vor allem mit dem Füttern von Babys assoziiert wurde. Trotzdem können wir heute in Code Vein beobachten, wie die Brüste von Io fortwährend ihrem Textilgefängnis entkommen wollen. Zielgruppe für solch überzeichneten Bilder sind aber vor allem die USA und Europa und nicht etwa die Japaner selbst.
Wie für uns gemacht
Tatsächlich konsumieren viele Japaner gar keine japanischen Rollenspiele, schlicht, weil sie keine Zeit dafür haben, oder nur, wenn sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln reisen. Die meisten Spiele, die für Handhelds wie dem Gameboy oder der Playstation Vita erscheinen, sind für ein japanisches Publikum entwickelt, doch heutzutage greift man im Land der aufgehenden Sonne vor allem zu Handyspielen. Die Einbeziehung des restlichen Weltmarktes ist aber schon immer ein Kriterium, mit dem Entwickler arbeiten - und das machen sie mit Sex. So geraten auch etablierte Reihen wie Fire Emblem regelmäßig in das Visier der japanischen "Sex sells"-Kultur.
Quelle: PC Games
Nowi sieht in Fire Emblem: Awakening zwar aus wie ein junges Mädchen, das hält die 1000 Jahre alte Damen aber nicht davon ab, möglichst viel Haut zu zeigen.
In Fire Emblem: Awakening lernen wir beispielsweise Nowi kennen, die trotz ihrer tausend Jahre wie ein zehnjähriges Mädchen daherkommt, welches ihren Kleiderschrank verloren hat. Nowi hat zwar keine großen Brüste, dafür allerdings viel nackte Haut, was in Kombination mit ihrem kindlichen Aussehen durchaus kritikfähig wäre. Doch auch hier sollte man die japanische Kultur miteinbeziehen, in welcher Nacktheit ursprünglich nichts Sexuelles darstellte, sondern Gleichheit. Hadaka no tsukiai oder nackte Freundschaft steht in öffentlichen japanischen Bädern für die gesellschaftliche Gleichstellung aller Menschen. Wie beim Sex hat es erst westlichen Einfluss gebraucht, dass man Nacktheit als etwas Schamvolles sieht. Sehr viel nackte Haut bei weiblichen wie männlichen Spielecharakteren wirkt auf uns zwar sehr absonderlich, die Entwickler selbst empfinden diese Entblößung aber als gar nicht so negativ wie wir.
Ähnlich verhält es sich mit dem Aufblitzen von Höschen in Spielen, denn erst durch westliche Einflüsse misst man der Unterwäsche etwas Erotisches bei. Tatsächlich gab es bis zum Zweiten Weltkrieg nur wenige Unterhosen in Japan und hauptsächlich Koshimaki - Hüftwickel unter dem Kimono. Erst durch das Aufkommen von Hosen waren Frauen gezwungen, westliche Unterwäsche zu tragen und mit dem Wirtschaftsaufschwung nach dem Krieg schwappte auch die restliche Mode über. Da die meisten Frauen es nicht gewohnt waren, kurze Röcke zu tragen und dementsprechend ihre Knie beim Sitzen zusammen zu halten, war es alltäglich, Unterhosen hervorblitzen zu sehen. Für die Japaner hatte das aber wenig mit Erotik zu tun, sondern mit niedlicher Ungeschicktheit, wofür das Zeigen von Höschen übrigens immer noch steht.
Quelle: PC Games
2B bekam in Nier: Automata ein sehr knappes Outfit spendiert, nachdem Square Enix feststellte, dass die Spieler auf ihr hervorblitzendes Höschen fixiert waren.
Wenn wir in Nier: Automata 2B also gelegentlich unter den Rock schauen können, sollten wir immer daran denken, dass die Japaner hier eher an süß als an sexy denken. Erst etliche Fanarts veranlassten Square Enix dazu, 2B in einem DLC fast komplett auszuziehen und sie zu einem Objekt der Begierde zu degradieren.
Nicht alles so ernst nehmen
Obwohl wir jetzt wissen, dass erotisches Kampfgestöhne, Monsterbrüste und aufblitzende Schlüpfer durchaus positiv gemeint sind, fällt es uns doch schwer, bei manchen Spielen darüber hinwegzuschauen. Code of Princess wäre sicherlich kein schlechterer Titel, wenn die Protagonistin eine Rüstung trage, die mehr als ihre Brustwarzen schützt und in Demon Gaze 2 würden wir uns wohler fühlen, müssten wir nicht darum bangen, dass die Brüste unserer Mitstreiter aus ihren Kostümen schlüpfen.
Quelle: PC Games
In Senran Kagura: Estival Versus bleibt die Reihe ihrer Linie treu und setzt auf Fanservice als Hauptmerkmal. Ohne Fremdschämen lässt sich der Titel allerdings nicht durchspielen.
Der Fanservice dieser Titel wird nur noch getoppt von selbsternannten Parodien, die ausschließlich aus Etchi bestehen. Spiele wie Akiba's Trip: Undead & Undressed steigern den typischen Fanservice auf die Spitze, indem sämtliche Kampfhandlung zur Entkleidung der Gegner führt und Senran Kagura: Estival Versus packt sogar noch mal eine Schippe drauf. Gigantische Brüste, die bei jeder Bewegung in etliche Richtungen wippen und das Entkleiden der Gegner wirken plötzlich ganz harmlos, wenn die Protagonistinnen sich bei ihren Shinobi-Verwandlungen phallusförmige Schriftrollen aus ihrem Busen ziehen und generell sabbernd ihre Notgeilheit zur Schau stellen.
Fans dieser Serien verteidigen ihre Lieblingsspiele mit Aussagen wie "das ist ja nicht ernst gemeint" und versprechen sich die karikative Hoheit in sämtlichen Forendiskussionen. Dabei vergisst man allzu gerne, worum es bei einer Parodie geht: Das Genre ad absurdum zu führen und nicht auf die Spitze zu treiben. Statt einer satirischen Nachahmung erhalten wir Spiele, die uns beschämt zurücklassen und ein schlechtes Licht auf Videospiele und ihre Communitys im Allgemeinen werfen. Eine bessere Parodie wäre, wenn wir unsere Gegner mit jedem Schlag anziehen würden und sie schließlich verhüllt vor uns lägen.
So richtig daneben
Das wäre aber natürlich nichts Neues, schließlich hat Hideo Kojima schon längst an einen solchen Fall gedacht. In Metal Gear Solid V: the Phantom Pain lernen wir Quit kennen, eine gefürchtete Frau, die wiederum Todesangst vor allzu viel Kleidung hat. Schließlich ist sie mit einem Parasiten behandelt worden, der ihr die Fähigkeit von Fotosynthese verleiht und würde ersticken, wenn ihre Haut nicht regelmäßig an Sonne und Wasser kommt. Eine recht gelungene Parodie, wenn sie in dem Spiel nicht so ernst gemeint wäre und auch den männlichen Code Talker betreffen würde, der ebenfalls Fotosynthese betreiben kann und trotzdem hochgeschlossene Kleidung trägt.
Quelle: PC Games
Dank ihrer Photosynthese-Eigenschaften trägt Quit in Metal Gear Solid V möglichst wenig Kleidung und dank eines guten Skripts dürfen wir einen genauen Blick auf sie werfen.
Die Reihe glänzte aber auch schon früher mit teils absurdem Fanservice, der uns immer wieder den Kopf schütteln lässt. Im vierten Teil der Serie treffen wir auf die Beauty and the Beast Units - vom Krieg gezeichnete Frauen, die zu mörderischen Cyborgs umgebaut wurden. Hideo Kojimas Wunsch, die Frauen in den Cutscenes unbekleidet zu präsentieren, wurde nur verworfen, weil die Jugendfreigabe nicht mitgespielt hätte. Das hielt den Produzenten allerdings nicht davon ab, die Schauspielerinnen komplett nackt ins Motion Capture zu schicken, die Bodysuits der Ingame-Charaktere sind demnach mehr so was wie Bodypainting als wirkliche Kleidung.
So richtig blöd ist Fanservice aber vor allem dann, wenn es die Immersion eines Spiels zerstört, was in einem Rollenspiel nun mal das A und O ist - auch wenn es aus Japan stammt. Der schöne Titel Ōkami lässt uns ein Japan alter Zeit erleben und spielt mit der Prämisse, dass Geschichtsschreibung nur die subjektive Sicht von Historikern ist. In diesem Falle ist der Historiker Issun, ein flohartiges Wesen, das Frauen regelmäßig auf ihre Körper reduziert. Aber wer kann ihm das verdenken, wenn die erste Frau, die wir treffen, einen Ausschnitt am Hinterteil trägt und deren Brüste jeglicher Physik zu trotzen scheinen?
Quelle: PC Games
Fanservice ist in manchen Fällen zwar ganz lustig, aber in Spielen wie Ōkami stört er einfach nur die Immersion. Sakuya zeigt neben ihrem Ausschnitt vorne auch ungewöhnlich viel Ausschnitt hinten.
Wo führt das alles hin?
Neben den irritierenden Momenten, die wir im Spiel erleben, haben solche Frauen- und Männerbilder auch Einfluss auf die Vorstellung von Sex im echten Leben - vor allem in Japan. Während die Erwachsenen sich vornehmlich mit Handyspielen aufhalten, greift die Jugend durchaus zu japanischen Rollenspielen, Mangas und Animes. Frauenrollen wie die Bibliothekarin Lisa aus Genshin Impact vermitteln Männern, dass Frauen wahnsinnig sexuell sind und Spiele wie Touken Ranbu vermitteln ein unrealistisches Männerbild, dem kein echter Mensch standhalten kann. Dass rund die Hälfte der Japaner Single sind und wiederum die Hälfte der verheirateten Japaner keinen Sex haben, ist vielleicht ein politisch gemachtes Problem, aber rund die Hälfte der Frauen und ein Viertel der Männer zwischen 16 und 24 Jahren wollen in Japan überhaupt nichts von Sex wissen.
Im Interview mit der BBC verrät der Japaner Ano Matsui, dass er Angst vor Frauen habe sowie viele andere Männer auch, weil sie nie gelernt haben mit einer Abfuhr klar zu kommen. Das verschrobene Fanservice-Frauenbild hat nämlich keinen Platz für weibliche Ablehnung und vermittelt eine verzerrte Wahrnehmung. Das Männerbild in japanischen Medien ist ebenfalls nicht ideal und Frauen erwarten, dass ihre Traummänner geradezu übergriffig um ihre Herzen werben. Der Wunsch nach dem Heiraten ist indes nicht zurückgegangen, nur wissen die Japaner einfach nicht mehr, wie sie überhaupt eine Beziehung finden sollen. Kein Fanservice ist vielleicht auch keine Lösung, aber ein Schritt in Richtung Aufklärung würde dem Genre besser tun als noch weitere überspitzte Titel, die sich als Parodie tarnen.
