No One Lives Forever im Retrospecial: Die Agentin unserer Herzen verdient ein Remake
Special
Ein Steahlth-Game in First-Person mit unvergleichlichem Humor ist genau das, was die Welt jetzt braucht. Zwar kam No One Lives Forever bereits im Jahr 2000 raus, trotzdem macht der Titel immer noch eine Menge Spaß. Geheimagentin Cate Archer darf sich inzwischen schon zu den Retro-Helden zählen, von gestern ist sie deswegen aber noch lange nicht. Eingefleischte Fans werden um das traurige Schicksal der Reihe vermutlich schon wissen, für alle anderen reden wir nochmal drüber. Aber nicht, ohne eine Träne zu vergießen.
Starke weibliche Hauptrolle: ein Ausdruck, der aufgrund unsinniger Genderswap-Filme und einer zunehmend emotionalen öffentlichen Diskussion vermehrt negativ wahrgenommen wird. Daher wenden wir uns nun verträumt an die 2000er, als Frauen stark sein durften, ohne dass sich ein Diskurs um sie spannte. Damals betrat Cate Archer das erste Mal die Bühne. Im Kultspiel The Operative: No One Lives Forever aus dem Jahr 2000 bezaubert die junge Agentin Kritiker wie Spieler mit ihrer charmanten Art, während sie sich allen Widerständen zum Trotz aufmacht, die Welt zu retten.
Neben der sympathischen Hauptfigur gibt es ebenfalls andere Gründe dafür, warum wir dringend ein Comeback brauchen. No One Lives Forever (jetzt kaufen 49,95 € ) zieht uns mit einer Story in den Bann, die teils absurd und teils mitreißend einen gelungenen Bogen spannt und nebenbei auch noch unheimlich viel Spaß macht. Der viel gelobte Titel stellt damals klar, dass ein gutes Actionspiel sowohl selbstironisch als auch kontrovers sein darf. Vor dem Hintergrund, dass nur ein Jahr zuvor Half-Life erschienen ist, ist es beeindruckend, dass No One Lives Forever trotzdem fantastisch bewertet wird. Der Vergleich mit einem der unbestreitbar besten First-Person-Story-Shooter aller Zeiten liegt damals wie heute nahe.
In diesem Artikel
Inzwischen springt aber vor allem eine Gemeinsamkeit ins Auge: Es existiert jeweils eine fantastische Fortsetzung, und seit gut 20 Jahren warten wir bei beiden Reihen auf einen dritten Teil.
60's Baby
Quelle: PC Games
Die 60er Jahre sind überall im Spiel vertreten und sorgen für eine einzigartige Atmosphäre.
No One Lives Forever ist eine Hommage an die Swinging Sixties und Spionagefilme à la James Bond. Das, was den Agenten-Shooter letztlich aus der Masse hervorhebt, ist sein Spaßfaktor. Eine wilde Mischung aus Get Smart und Austin Powers macht einfach Laune. Verrückte und exzentrische Bösewichte treffen auf eine blumig-bunte Gesellschaft, Schuft trifft auf Held.
Als Cate Archer arbeiten wir für den britischen Geheimdienst Unity und führen regelmäßig Einsätze gegen die Terrororganisation H.A.R.M. aus. Denn nicht nur tötet H.A.R.M. ständig Mitglieder von Cates Arbeitgeber, nein, sie will mithilfe einer chemischen Geheimwaffe auch noch die Weltherrschaft an sich reißen. Natürlich werden wir als weibliche Agentin immer wieder unterschätzt, doch trotz einiger Bedenken unserer Vorgesetzten triumphieren wir stets gegenüber den Oberbösen. Zumindest von letzteren werden wir als ernste Bedrohung wahrgenommen, wodurch wir uns öfters in brenzligen Situationen wiederfinden.
Quelle: PC Games
Cate muss sich regelmäßig vor ihren Chefs rechtfertigen, weil man einer Frau in dem Geschäft nicht so richtig traut.
Ein klassisches Katz- und Mausspiel treibt uns von Marokko nach Berlin und schließlich ins Weltall. Auf dem Boden bleibt die Erzählung nicht, sondern spitzt sich stets auf urkomische Momente zu, in denen wir sogar sowas wie Empathie für die Lakaien empfinden. Zumindest so lange, bis sie mit Pistolen, Maschinengewehren oder Harpunen auf uns losgehen. Innerhalb der Level sehen die Gegnerhorden im Regelfall gleich aus und begegnen uns mit stets derselben Ausrüstung.
Dafür erleben wir mitunter so ausgefallene Welten mit so cleveren Mechaniken, dass sich das Spiel nie abnutzt oder gar langweilig wird. Regelmäßig schmunzeln wir über die Dialoge unserer baldigen Opfer, bevor wir ihnen den Garaus machen. Vorbeischleichen ist in diesem Agenten-Shooter oftmals gar nicht möglich, leises Abmurksen aber auch nicht so ohne Weiteres, was letztlich der einzige wirkliche Kritikpunkt ist.
Technische Macken
Das Spielen der charmanten und lustigen Story macht auch heute noch Spaß, wobei lange nicht so sehr wie vor 20 Jahren. Die Schleichmechanik, das Kernstück eines solchen Spiels, ist so gewöhnungsbedürftig, dass sie als solche kaum durchgeht.
Bei einer guten, fehlerfreien Schleichmechanik weiß man als Spieler, warum man wann erkannt wird. In No One Lives Forever hingegen ist Trial & Error oft bedeutend effizienter als echte Planung, die geht gerne nach hinten los.
Grundsätzlich erklärt uns das Spiel alle Mechaniken und lässt uns im Trainingsparcours sämtliche Spionagetechniken ausprobieren. Kameras muss man ausweichen und auch Leichen dürfen theoretisch nicht von ihnen entdeckt werden. Sie werden in der Praxis vom Spiel aber gerne ignoriert. Und das ist auch gut so, denn wenn ein Gegner ungünstig umfällt, bekommen wir ihn da nicht unbedingt wieder weg. Zudem sehen uns alle Schurken schon aus weiter Entfernung.
Quelle: PC Games
Die Armbrust erhält man erst ab Mitte des Spiels und ab da wird sie nicht mehr weggelegt. Mit der einzigen wirklich leisen Waffe im Spiel wird das Agentenleben um einiges leichter.
Stehen wir hinter den Gegnern, können wir bedeutend näher heran: was uns nur leider gar nichts bringt, weil es keinen verlässlichen Nahkampf-Knockout gibt. Stattdessen ist es wesentlich effizienter, allem was sich bewegt, einen schallgedämpften Kopfschuss zu verpassen. Das funktioniert vor allem ab der zweiten Hälfte des Spiels gut, in der wir eine Armbrust erhalten. Die ist im Gegensatz zu allen anderen Waffen tatsächlich leise. Es ist kein Wunder, dass den meisten Cate-Archer-Fans vor allem diese Waffe in den Sinn kommt, wenn sie an das Spiel denken.
Mehr Rambo als Bond
Trotzdem finden wir uns mehrfach in Situationen wieder, in denen wir mit einem Maschinengewehr Rambo-mäßig alles umnieten, was sich bewegt. Eine rasche Reaktion unsererseits ist auch Pflicht. Denn sämtliche Gegner reagieren ihrerseits nicht nur überirdisch schnell und haben ein ausgesprochen gutes Seh- und Hörvermögen. Sie wissen auch alle immer sofort Bescheid, wo wir sind, wenn der Alarm erst einmal losgegangen ist.
Quelle: PC Games
Spionage-Gadgets für die Frau von Heute? Das heißt für die Frau aus den 60ern.
Schlimm ist lautes Vorgehen zwar nicht, denn außer in bestimmten Levels wird es nicht wirklich bestraft. Das heißt, wenn man einen nervenzehrenden Alarmton nicht als Strafe empfindet. Der lässt sich nicht ausschalten und erklingt bis zur nächsten Zwischensequenz.
All die Schwächen beiseitegelassen, trumpft No One Lives Forever mit noch viel gewichtigeren Stärken auf. Neben dem überraschend präzisen Waffengefühl und der amüsanten Story schleicht sich das allgemeine Gameplay ebenfalls auf die Pro-Seite. Die Welt ist stimmig, die meisten Mechaniken sind dann doch gut gealtert und die Liste an Gadgets würde nicht nur James Bond, sondern auch Q vor Neid erstarren lassen.
Die Waffen einer Frau
Das wohl Beste daran, eine weibliche Geheimagentin zu spielen, ist die zum Klischee passende Montur. Ja, eine Pistole bleibt eine Pistole, aber eine Granate kann sich schon mal in einem Lippenstift verstecken. Ein Dietrich passt perfekt in eine Haarspange und Duftflakons befüllt man optional mit Schlaf-, Betäubungs- oder Giftgas. Wem das nicht ausgefallen genug ist, der nutzt weitere Helferlein wie einen Roboterpudel oder Plüschpantoffeln.
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