Nioh 3 im Test: Stilwechsel und Systeme ohne Ende

Test Stefan Wilhelm
Nioh 3 im Test: Stilwechsel und Systeme ohne Ende
Quelle: PC Games

Auf Seite 2 skizzieren wir die Möglichkeiten, die der neue Stilwechsel in das ohnehin schon enorm komplexe Spiel bringt - und versuchen, dabei nicht den Verstand zu verlieren.

Samuninjarai

Sowohl die Skills des Charakters als auch eure eigenen könnt ihr diesmal noch vielfältiger zum Ausdruck bringen. Die zweite große Neuerung in Nioh 3 ist nämlich die Aufteilung eurer Spielfigur in einen Samurai- und einen Ninja-Stil. Beide verfügen über eigene Ausrüstungssets, Skilltrees, Fähigkeiten und Waffenklassen.

Wie gehabt wechselt der Samurai zwischen drei verschiedenen Waffenhaltungen und füllt seine Ausdauerleiste per gut getimtem Tastendruck wieder auf. Außerdem kann er fast alle Angriffe parieren, indem er rechtzeitig zum Block ansetzt. Das fühlt sich nicht nur klasse an, es spart auch wertvolle Ausdauer und löst je nach Charakterentwicklung Bonuseffekte aus.

Wir konnten unsere Gegner dadurch zum Beispiel mit Schadensdebuffs belegen und in mittlerer Haltung sogar von den Füßen holen. Zum timing-basierten Spielstil des Samurai passt auch, dass er die etwas langsameren Waffen im Portfolio abbekommen hat.

Die Hauptbosse fallen nicht ganz so cineastisch und vielseitig aus wie in einem Elden Ring, aber dank des tollen Kampfsystems unterhalten die Kämpfe trotzdem durchweg. Quelle: PC Games Die Hauptbosse fallen nicht ganz so cineastisch und vielseitig aus wie in einem Elden Ring, aber dank des tollen Kampfsystems unterhalten die Kämpfe trotzdem durchweg. Der Ninja ist dagegen auf Geschwindigkeit und Angriffsspam ausgelegt. Er kann nach einem Angriff fix seine Position ändern, deutlich leichter ausweichen und Gegner mit ellenlangen Combos traktieren - auch in der Luft. Zudem nutzt er Ninjutsu-Skills, um aus der Ferne anzugreifen und Debuffs zu verteilen. Am wohlsten fühlt sich der Ninja im Rücken eines Gegners, dort richtet er nämlich noch mehr Schaden an.

Wir waren als Samurai mit Odachi-Großschwert und als Ninja mit coolem Rückhand-Katana unterwegs. Damit haben wir die zwei Extreme des Kampfsystems kennengelernt: Das langsame Odachi profitiert davon, dass wir uns ein paar Kombos einprägen und unsere knappe Ausdauer überlegt einsetzen.

Als Ninja reicht oft auch simples Button-Mashing, um Gegner zu überrumpeln und Angriffen auszuweichen. Dadurch spielt sich dieser Stil zugänglicher, im Umkehrschluss fanden wir den Samurai allerdings belohnender, sobald die voll beladene Steuerung verinnerlicht war. Dann glänzt Niohs komplexes Kampfsystem nämlich wie eh und je, aber dazu gleich mehr.

Schwindelerregend-fingerbrechende Möglichkeiten

Das Spiel stellt euch frei, ob ihr auch wirklich beide Stile benutzen wollt, denn prinzipiell kann jeder Charakter alles besiegen und erreichen. Zwar hat der Stilwechsel auch die Funktion, bestimmte feindliche Angriffe zu unterbrechen, aber das könnt ihr im Optionsmenü entkoppeln, wenn ihr wirklich nur Ninja oder Samurai spielen möchtet.

Letztendlich ist die Zweiteilung auch keine Revolution, da das meiste von dem, was Nioh 1 und 2 schon ermöglicht haben, nun einfach auf die zwei Stile umverteilt wurde. Durch den jederzeit möglichen Wechsel könnt ihr die gleiche Figur aber in zwei sehr verschiedene Richtungen ausbauen.

Das macht Niohs ohnehin schon komplexe Charakterentwicklung noch tiefer, von den Kombo-Möglichkeiten ganz zu schweigen - ihr könnt nämlich auch mitten im Angriff den Stil ändern. Jedes Moveset einer jeden Waffenklasse lässt sich euren Bedürfnissen anpassen, beim Samurai natürlich noch in drei verschiedenen Haltungen.

Und wenn euch das noch zu casual ist, drückt ihr jedem Stil einfach noch eine zweite Waffe in die Hand und baut sie on the fly in eure Angriffe ein.

Wir können nicht von uns behaupten, das irre System ansatzweise ausgereizt zu haben, sonst hätten wir vermutlich einen neuen Controller oder gleich neue Finger gebraucht. Und all die, denen gerade der Kopf rotiert, werden sich freuen zu hören, dass es zum normalen Durchspielen von Nioh 3 auch nicht nötig ist. Ihr könnt euch eine Waffe in einem Stil aussuchen, euch nur ein paar ihrer Moves merken, und die Feinde werden trotzdem fallen.

Hoffentlich seid ihr jetzt schlauer! Der Hilfe-Button kann die vielen Fragen, die beim Betrachten eurer Beute auftreten werden, beantworten. Zumindest in den allermeisten Fällen. Quelle: PC Games Hoffentlich seid ihr jetzt schlauer! Der Hilfe-Button kann die vielen Fragen, die beim Betrachten eurer Beute auftreten werden, beantworten. Zumindest in den allermeisten Fällen.

Systeme über Systeme

Vorausgesetzt natürlich, ihr habt fleißig die Menüs durchkämmt und eure Figur mit Level-Ups, Equipment, Skills und Boni weiterentwickelt. Das geschieht Nioh-typisch wieder über verschiedene Systeme, die sich oft gegenseitig beeinflussen - und eine Prise Einarbeitung erfordern.

Das Spiel gibt sich zwar Mühe, euch behutsam an all seine Features heranzuführen, aber trotzdem werden Neulinge in den ersten Spielstunden ordentlich zu beißen haben. Euch erwartet ein wahrer Tsunami an Tutorial-Boxen, voller Begriffe und Attribute, die oft, aber nicht immer selbsterklärend sind.

Beim Hochzüchten der Figur sollte der praktische "Hilfe"-Button daher euer bester Freund werden. Nach dem Sieg über einen dicken Gegner können in bester Team-Ninja-Manier schon mal sieben neue Items, ein zusätzlicher Schutzgeist und ein Seelenkern in eurem Inventar landen. Deren Attribute und Bonuseffekte könnt ihr euch mit der Hilfefunktion fein säuberlich erklären lassen, und das werdet ihr auch müssen, wenn ihr sie ausreizen wollt.

Vor allem bei Schutzgeistern und Seelenkernen lohnt sich das, denn die Geister statten euch mit durchschlagenden Spezialfähigkeiten und die Kerne mit neuen Zaubersprüchen aus. Hier sind im Hilfefenster sogar kleine Videos der Angriffe, die ihr bekommt, eingebunden.

Immerhin gibt es aber auch wieder einen übergeordneten Angriffs- und Verteidigungswert, der eine grobe Orientierung bietet. Zusammen mit dem Hilfemenü findet ihr so recht schnell die besten Items, die ihr aktuell in jeden Slot legen könnt.

Wie bei den Kampfstilen ist das volle Potenzial dann aber noch nicht ausgeschöpft, denn es gibt auch noch Set-Gegenstände und stapelbare Boni mit teils sehr nischigen Effekten.

Leise rieselt der Loot: Wir haben uns oft dabei erwischt, wie wir schlichtweg zu faul waren, uns die neue Beute anzusehen. Eilt ja auch nicht! Quelle: PC Games Leise rieselt der Loot: Wir haben uns oft dabei erwischt, wie wir schlichtweg zu faul waren, uns die neue Beute anzusehen. Eilt ja auch nicht! Oder anders gesagt: Nioh 3 bietet Min-Maxing-Möglichkeiten bis zum Abwinken, aber wer nicht vorhat, bis in die schwierigsten New-Game-Plus-Zyklen vorzudringen, muss auch nicht allzu viel Zeit in die Menüs investieren.

Optional kann das Spiel eure Figur sogar automatisch mit Equipment ausrüsten, nachdem ihr die gewünschte Gewichtsklasse gewählt habt. Und wenn das Inventar mal wieder überquillt, ist das Feature genauso willkommen wie die vielen Optionen zum massenhaften Loswerden des Schrotts.

95 Prozent aller Items sind nämlich genau das: Schrott, der nur zum Zerlegen oder Verkaufen taugt. Obwohl es einer der häufigsten Kritikpunkte an seinen Spielen ist, bekämpft der Entwickler hier nur die Symptome, nicht die Ursache. Ja, ihr könnt den Loot nun etwas komfortabler verwalten. Das ändert nur nichts am Grundproblem, dass es viel zu viel und vor allem zu langweiliger Loot ist.

Ein einzigartiges Item, das wir nicht mehr aus der Hand geben wollten, haben wir in unserem ganzen Durchgang nicht gefunden. Egal, ob Waffen, Rüstungen oder Accessoires: Ihr sammelt hier nur Massenware mit vielen, aber auch nicht sonderlich spektakulären Zufallsboni. Die werdet ihr trotz dafür vorhandener Optionen nicht upgraden wollen, sondern sie einfach durch das nächste Item mit einer höheren Zahl ersetzen.

Zumindest im ersten Durchgang, denn das New Game Plus fügt eine neue Seltenheitsstufe und neue Effekte hinzu. Zu dem Zeitpunkt seid ihr allerdings schon knapp 50 Stunden im Spiel und habt Hunderte, wenn nicht sogar Tausende Items zerlegt. Den Besuch im Inventar möchte man da eigentlich nur möglichst schnell hinter sich bringen - kein gutes Zeichen für ein RPG mit Loot-Fokus.

  1. Seite 1 Prämisse und offene Spielwelt(en)
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  3. Seite 3 Trotz Recycling und mieser Performance eine Empfehlung?
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