Special-Reportage zu Nintendos neuem Präsidenten: Wer ist Shuntaro Furukawa?
Special
Nintendo hat vor Kurzem seinen neuen Präsidenten vorgestellt, der bereits Ende Juni sein Amt antritt: Shuntaro Furukawa. Doch wer ist eigentlich dieser vergleichsweise junge Amtsinhaber und wieso spricht er so gut Englisch? Woher kommt er und was bedeutet seine neue Position für Nintendo als Unternehmen und natürlich auch für die Fans? Das und noch vieles mehr klären wir in unserer ausführlichen Reportage über den 46-jährigen Japaner.
Mit dem frühen Ableben des ehemaligen Nintendo-Präsidenten Satoru Iwata im Juli 2015 kam beim japanischen Traditionsunternehmen Nintendo ein Prozess in Gang, der bis heute andauert und mit der Ernennung Shuntaro Furukawas zum neuen Nintendo-Präsidenten aus unternehmerischer Sicht seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Parallel zu diesem nun schon einige Jahre laufenden Prozess verabschiedete sich Nintendo von der gefloppten Wii U und stellte sich mit der Switch nicht nur konsolentechnisch, sondern auch unternehmerisch und in seiner Firmenpolitik neu auf. All diese notwendigen Veränderungen, um auch in der heutigen Zeit weiter als internationales Videospiele-Unternehmen mit eigenen Spieleplattformen zu bestehen und profitabel zu bleiben, wurden bereits unter Satoru Iwata vorbereitet und haben ihren Ursprung in der Zeit, als allmählich klar wurde, dass die Wii U kein Erfolg mehr wird und grundlegende Änderungen notwendig werden.
In diesem Artikel
Der neue Nintendo-Präsident Shuntaro Furukawa war damals schon ein langjähriger Nintendo-Mitarbeiter, seit 2012 allerdings nicht mehr direkt im Herzen des Unternehmens tätig, sondern als Director bei The Pokémon Company, einer Firma, die eigenständig agiert, aber Big N entspringt. Allerdings kam Furukawa genau in dem Moment im Juli 2015 zurück zur Mutterfirma, als Iwata starb. Dort wurde er vor knapp drei Jahren General Manager der enorm wichtigen Abteilung namens "Corporate Planning Department", wo alle Projekte und Spiele von Nintendo entschieden werden. Im Laufe des Jahres 2016 wurden ihm zahlreiche weitere hochrangige und repräsentative Posten innerhalb des Unternehmens zugeschrieben. Die Vermutung liegt also nahe, dass Furukawa von Beginn an als Iwatas Nachfolger vorbereitet wurde und womöglich bereits in der Zeit vor dem Ableben Iwatas viel von ihm lernte. Doch wer ist Shuntaro Furukawa eigentlich? Woher kommt er und was hat er bisher beruflich geleistet?
Werdegang
Shuntaro Furukawa wurde am 10. Januar 1972 in der japanischen Hauptstadt Tokio geboren. Während seiner Kindheit und Jugend in den 1980er-Jahren war er ein begeisterter Videospiele-Fan mit einer Vorliebe für Nintendos erste stationäre Heimkonsole, den Famicom (Family Computer), hierzulande bekannt als Nintendo Entertainment System oder kurz NES. Schon darin unterscheidet er sich von allen bisherigen Nintendo-Präsidenten. Während die Vorgänger allesamt so alt waren, dass sie erst im Erwachsenenalter mit Videospielen in Berührung gekommen sind, sieht das bei Furukawa anders aus: Er wurde so spät geboren, dass er jünger ist als moderne Videospiele.
Quelle: Wikipedia CC BY 2.0
Der neue Nintendo-Präsident studierte an der „School of Political Science and Economics“ der bekannten Waseda-Universität in Tokio.
Furukawa blieb nach dem Schulabschluss für sein Studium in der Heimatstadt Tokio, wo er an der "School of Political Science and Economics" der prestigeträchtigen Waseda-Universität studierte. Genau wie sein in Japan bekannter Vater, der sich als Animationskünstler einen Namen machte, wollte Furukawa ursprünglich einen künstlerischen Werdegang einschlagen und Schriftsteller werden. Spätestens im Studium stellte sich jedoch heraus, dass er mit Zahlen besser umgehen kann als mit Poesie. Für seine folgende berufliche Karriere war das von Vorteil und so wurde er bereits im April 1994 mit noch jungen 22 Jahren Mitarbeiter bei Nintendo. Seitdem kletterte er in der Firmenhierarchie immer weiter nach oben, bis er im Mai 2012 zum repräsentativen Director bei The Pokémon Company wurde und somit erstmals den Kern-Konzern verließ. Zuvor war er unter anderem ganze elf Jahre lang in Deutschland bei Nintendo of Europe in Frankfurt tätig und sorgte dort etwa für den enormen Erfolg der Wii in Europa.
Den Job bei The Pokémon Company behielt er bis zum Zeitpunkt von Iwatas Ableben im Juli 2015. Im selben Monat kehrte er als General Manager des "Corporate Planning Department" in die Nintendo-Zentrale zurück, was einem Karrieresprung gleichkam. Seit Juni 2016 besetzte er zahlreiche weitere sehr wichtige Positionen: Director, Managing Executive Officer und Supervisor of Corporate Analysis & Administration Division. Seit September 2016 hat Furukawa außerdem die Verantwortung über das "Global Marketing Department" übernommen. Kürzlich wurde er nun als der zukünftige Nintendo-Präsident vorgestellt, genau genommen ab 28. Juni 2018, insofern er in dieser Position von wichtigen Entscheidungsträgern bei Nintendo bestätigt wird. Der bisherige Interimspräsident Tatsumi Kimishima wechselt an diesem Tag in den Ruhestand, wird aber in beratender Position weiterhin für Nintendo tätig sein.
Wieso genau Furukawa?
Wie kam Shuntaro Furukawa dazu, der neue Präsident des japanischen Traditionsunternehmens zu werden? Einen beachtlichen Namen bei Nintendo machte er sich vor allem in seiner Zeit bei Nintendo of Europe in Frankfurt, wo er entscheidend zum enormen Erfolg der Bewegungskonsole Wii auf dem europäischen Markt beitrug. Zudem arbeitete er in jüngster Vergangenheit schon einige Jahre mit Tatsumi Kimishima zusammen, der ihn wiederum beobachtete und schon eine Zeit lang als einen besonders fähigen und geeigneten Nachfolger betrachtete. Kimishima sagte dazu auf einer Pressekonferenz, dass das Nintendo-interne Führungssystem in den letzten Jahren massiv umgebaut wurde, sodass es heute deutlich schneller reagieren und Veränderungen gut aufgestellt angehen kann. Furukawa hat als General Manager des Corporate Planning Department entscheidend am neuen System mitgearbeitet. Nun sei der perfekte Zeitpunkt, so Kimishima, ihm das Ruder als Präsident zu übergeben. Auch wenn Furukawa vielen Nintendo -Fans weitestgehend unbekannt ist, so ist er Nintendo-intern alles andere als ein leeres Blatt Papier; es ist daher nicht verwunderlich, dass gerade er zum neuen Präsident ernannt wurde. Zumindest, insofern man sich mit der jüngeren Geschichte des Unternehmens auseinandersetzt und die firmeninternen Strukturen kennt.
Quelle: Wikipedia CC BY-SA 3.0
Ganze elf Jahre arbeitete der neue Präsident bei Nintendo of Europe in Frankfurt und sorgte unter anderem für den enormen Wii-Erfolg.
Nicht zu unterschätzen ist auch Furukawas Rolle bei der überaus erfolgreichen Nintendo Switch. Im Gegensatz zu Satoru Iwata ist der 46-Jährige zwar kein Entwickler, sondern ein Finanz- und Marketing-Spezialist, doch genau in diesen Bereichen hat er zum absolut überragenden Erfolg der Switch beigetragen, die auch durch das exzellente Marketing in aller Munde ist. Damit bringt er genau das mit, was es braucht, um das aktuell ohnehin gut laufende Geschäft auf die nächste Stufe zu bringen und noch erfolgreicher zu machen.
Furukawas Pläne
Dass er das Unternehmen Nintendo noch mal deutlich nach vorne bringen will, versprach Shuntaro Furukawa bereits selbst. So sagte er bei einer Konferenz in Osaka, dass er als Präsident Nintendos Potenzial voll ausreizen wolle. Dazu will er die Balance zwischen zwei Traditionen des Unternehmens schaffen: Originalität und Flexibilität. Dazu das baldige Nintendo-Oberhaupt: "Nintendo muss sich auf die Dinge fokussieren, die nur wir können. Ansonsten würde die Firma einen Teil ihrer Existenzberechtigung verlieren." Konkret heißt das: Das Smartphone-Geschäft soll massiv ausgebaut und für sich alleine profitabel werden. Rund 800 Millionen Euro jährlicher Umsatz ist das konkrete Ziel für die Mobil-Sparte. Dieses Ziel will Furukawa eher mit einem einzigen, besonders erfolgreichen Titel (ähnlich wie Pokémon Go) erreichen und weniger mit vielen kleinen Titeln. Die Switch soll außerdem in Zukunft ein noch größeres Publikum ansprechen. Damit meint Furukawa in erster Linie nicht neue Käuferschichten in den klassischen Absatzgebieten Japan, Europa und USA, sondern Kunden in Ländern des arabischen Raums und Südasiens, in denen bisher noch keine Nintendo-Konsolen vertrieben werden.
Auch zur neuen Führungsriege hat Furukawa konkrete Pläne. Zukünftig wird ein Team aus fünf Leuten wichtige Entscheidungen gemeinsam treffen, darauf arbeitete der neue Präsident zusammen mit Kimishima und anderen bereits seit Jahren hin. Zu Shigeru Miyamoto, der als Nintendo-Urgestein Teil der Führungsriege bleibt, hat er Folgendes zu sagen: "Ich bin mit dem NES aufgewachsen und stamme aus dieser Generation. Nun bin ich Teil der Führungsriege, zusammen mit Shigeru Miyamoto, vor dem ich sehr viel Respekt habe. Dennoch werde ich als Präsident auch unangenehme Themen ansprechen, wenn das nötig ist, um die Firma zu leiten." Trotz seines großen Respekts vor Nintendo-Legenden wie Miyamoto wird Furukawa also in seiner Rolle als Präsident kein Blatt vor den Mund nehmen, sondern die Firma nach bestem Gewissen unternehmerisch sinnvoll leiten. Ein wichtiger und richtiger Schritt für das sonst meist sehr verhaltene Traditionsunternehmen mit seinen vielerorts starren Strukturen.
Quelle: Wikipedia CC BY 2.0
Als Satoru Iwata 2015 recht jung starb, kehrte Furukawa von The Pokémon Company zurück zum Mutterkonzern Nintendo selbst.
Zur grundsätzlichen Frage nach der Zukunft Nintendos hatte Furukawa eine so passende und aussagekräftige Antwort parat, dass wir sie an dieser Stelle einfach (auszugsweise) unkommentiert wiedergeben: "Die eine Sache, die wir alle nicht vergessen dürfen, ist die: Nintendo ist eine Firma, die ihr Geld mit Unterhaltung und Spielzeug macht, also nicht mit notwendigen Dingen. Wir arbeiten in einer Branche, in der wir sehr schnell vergessen werden, wenn Kunden unsere Produkte nicht mehr spaßig und interessant finden. Ganz egal, wie sehr sich die Rahmenbedingungen auch ändern, im Grunde wird unser Geschäft immer das gleiche bleiben. Wir arbeiten in einem sehr risikoreichen Bereich, es wird also immer gute, aber auch schlechte Zeiten geben. Als Präsident werde ich das Unternehmen so leiten, dass wir vom Spaß nicht in die Verzweiflung abrutschen. Falls Sie mich fragen, zu welchem Unternehmen ich Nintendo machen will: zu einem, dass weiterhin eigene Plattformen mit eigenen Spielen anbietet; Spielekonsolen also, die vor allem und in erster Linie zum Spielen da sind."
