So begeistert war ich lange nicht mehr: Der Traum vom virtuellen Fliegen
Kolumne
Selbst wenn man kein Fan von Simulationen ist, muss man den Flight Simulator von Microsoft mal gespielt haben. Das technische Wunderwerk hat Redakteurin Toni auf jeden Fall aus den Socken gehauen.
Digital Twin
Denn es handelt sich um viel mehr als nur ein Programm, mit dem man durch die Welt fliegen kann. Der MSFS ist ein digital twin, ein digitaler Zwilling der gesamten Welt, also eine möglichst nahe Kopie von der Erde. Im Gegensatz zu Kartenprogrammen wie Google Maps oder Bing ist die Welt hier aber erkundbar und stellt vieles in Echtzeit dar. Das fängt bei Wind und Wetter an und geht weiter über Flug- und Schifffahrt.
Dafür arbeitet Microsoft nicht nur mit über 25 weiteren Entwicklerfirmen, sondern auch mit etlichen Unternehmen zusammen, von denen sie teils Echtzeitdaten erhalten. Wo die Daten nicht aktuell genug sind, wie im Falle einiger Landstriche in Bing, haben die Verantwortlichen des Flugsimulators noch einmal extra Geld in die Hand genommen, um neuere Scans anfertigen zu lassen.
Quelle: Microsoft
Im Microsoft Flight Simulator 2024 sieht alles schon fast unheimlich echt aus.
Nebenbei arbeitet man an Innovationen, die man vor allem aus der Science-Fiction gibt, wie einer simultanen Live-Übersetzung von Sprache. Frühere Bemühungen gab es zwar schon von Microsoft innerhalb ihrer Skype-App - das letzte Mal hat man aber vor einigen Jahren davon gehört.
Samsung bietet eine moderne Version dieses Features bereits in ihren Handys bei Telefonaten an. Kleine Schwächen, wie Probleme oder Verzögerungen in der Übersetzung, sorgen dafür, dass Microsoft das Feature noch nicht zum Start des Flight Simulator 2024 am 19. November integriert. Zu einem späteren Zeitpunkt soll es aber möglich sein, live über den Sprachchat mit Leuten aus anderen Ländern in der eigenen Muttersprache zu reden.
Innovationen aus dem Gaming
Wie krass ist das bitte, dass ein Simulator, der vor allem für Gamer interessant ist, fortschrittlicher und auf einem moderneren Stand ist, als normale Nicht-Gamer-Programme, die viel mehr Leute erreichen? Ganz besonders, wenn man bedenkt, welche Investitionen da im Hintergrund nötig sind.
Dank 15 Millionen Spielern im Microsoft Flight Simulator 2020 gibt es einerseits aber genug Einnahmen und andererseits macht Microsoft laut eigener Aussagen sehr gute Deals. So kooperieren Fluggesellschaften in einigen Fällen, ohne überhaupt Geld zu verlangen. Die wittern so eine Art billigen Werbedeal und außerdem herrscht ein realer, weltweiter Mangel an Nachwuchspiloten. Rund 800.000 Stellen sind laut Microsoft aktuell unbesetzt - und wenn man die Enthusiasten seiner Flugsim-Community nicht motivieren kann, wen dann?
Überhaupt ist Enthusiasmus eines der Dinge, die für den Erfolg hinter der Simulation sorgen. Fast 5.000 Add-Ons kommen - Stand jetzt - aus der Community, die fleißig an Flugzeugen, Flughäfen und der Integration von Daten bastelt, um noch mehr Realität in den digitalen Zwilling der Erde zu bringen.
Nutzer(generierte Inhalte) wertschätzen
Das belohnt Microsoft bereits in der aktuellsten Flugsim mit einem Marktplatz, durch den die entsprechenden Entwickler vernünftig Geld verdienen können und rekrutiert die vielversprechendsten Talente direkt in ihr Netzwerk. Hier habe ich direkt bei den Leuten nachgefragt, wie die Zusammenarbeit mit Microsoft so ist und bekam Lobeshymnen zu hören. Allein durch die schiere Größe und Relevanz von Microsoft kommen die Entwickler an Daten, die ansonsten hinter verschlossenen Türen liegen.
Und da liegt für mich das wirklich Besondere hinter der Simulation. Ein gigantischer Konzern nimmt seine Macht und leiht sie Leuten, damit sie machen können, was sie am liebsten tun: ein richtiger Nerd fürs Fliegen sein; die komplette Aeronautik in der digitalen Welt umsetzen und das zugänglich für alle.
Trotzdem ist ganz klar, dass Microsoft definitiv nicht der Heilsbringer ist, immerhin passiert an anderer Stelle genug Mist. Allein die ständigen Entlassungen, die besonders im Activision-Blizzard-Team kein Ende nehmen. Dazu kommen Gerüchte, die davon reden, dass man intern selbst nicht so richtig weiß, wo man eigentlich hinwill. Und schließlich die Tendenz, den Gaming-Markt durch Studiokäufe und etwaige Exklusivgeschichten noch weiter zu spalten.
Aber zumindest für dieses eine Team, für dieses eine Projekt, scheinen andere Gesetze zu gelten. In gewisser Hinsicht ist es traurig, dass es nur für wenige Projekte so gut läuft und man gerade den Technikriesen nicht einfach vertrauen kann. Trotzdem ist es toll und inspirierend zu sehen, was ein kapitalistischer Weltkonzern erreichen kann, wenn einmal nicht nur aufs Geld geschaut, sondern eine Vision verfolgt wird, die über einfachen Profit hinaus geht. Transparenzhinweis: Die Kosten für Anfahrt und Unterbringung für das Spiel wurden von Microsoft übernommen.
