Test zu MediEvil: Charmant und witzig - sofern ihr frustresistent seid
Test
Die Welle der Remakes und Remaster will nicht abreißen: Mit MediEvil tritt ein weiter Klassiker gegen gelungene Neuauflagen wie Shadow of the Colossus oder Crash Bandicoot N.Sane Trilogy an. Ob es dagegen bestehen kann, erfahrt ihr im Test.
Was macht ein gutes Remake aus? Soll es sich so nah wie möglich am Original halten oder darf es auch es auch tiefer in die ursprünglichen Mechaniken eingreifen? Die Antwort auf diese Frage wird je nach Alter der Spieler variieren. Wer die Urversion vor vielen Jahren gespielt hat, freut sich über eine originalgetreue Umsetzung; jüngere Generationen ziehen hingegen modernes Gameplay meistens vor. Genau für Letztere dürfte das Remake von MediEvil (jetzt kaufen 42,49 € ), einem Playstation-Klassiker von 1998, kein leichtes Unterfangen sein: Es sieht klasse aus und hat einen unvergleichlichen Charme, doch das angestaubte Spielprinzip und die altmodische Steuerung bleiben nahezu unverändert. Entwickler Other Ocean Interactive hat sich zu einem werkgetreuen Remake des Gothic-Action-Adventures entschieden - mit allen Vor- und Nachteilen.
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Die zweite Chance für einen knochigen (Beinahe-)Helden
Wir übernehmen erneut die Rolle von Sir Daniel Fortesque, einem vor 1000 Jahren verstorbenen Ritter, der als großer Held gefeiert wird. Er war einer der glorreichen Kämpfer, die damals in einer gigantischen Schlacht gegen den Hexer Zarok antraten. Das ist zumindest die offizielle Version, denn tatsächlich ist Fortesque als Erster gestorben - ein Pfeil hat ihn direkt durchs Auge getroffen. Die Totenwelt kennt die Wahrheit, ist reichlich sauer auf den Ritter und zweifelt seinen Platz in der Halle der Helden an. Doch wie das Schicksal es will, bekommt Fortesque eine zweite Chance: Zarok ist noch am Leben und löst einen mächtigen Zauberspruch aus. Der verwandelt nicht nur alle Lebewesen im Land in blutgierige Monster, sondern erweckt auch den einäugigen Toten. Das Ziel des MediEvil-Protagonisten ist klar: Den bösen Zauberer besiegen, die Welt retten - und nebenher beweisen, dass er das Zeug zum wahren Helden hat. Er besteht zwar nur noch aus Knochen, aber hey, das kann einen echten Ritter nicht aufhalten!
Quelle: PC Games
Eine der größten Errungenschaften des Remakes ist seine neue Grafik, die mit atmosphärischer Beleuchtung und Effekten punktet.
Halloween-Charme à la Tim Burton
Bereits ab der ersten Spielsekunde versprüht MediEvil eine wundervolle Halloween-Atmosphäre. Die Handlung führt uns über Friedhöfe, alte Gemäuer oder Kornfelder mit garstigen Vogelscheuchen. Wir erforschen sogar einen Insektenbau, in dem uns riesige Krabbeltiere die Knochen abnagen wollen. Die Gegner decken das ganze Grusel-Repertoire ab: Untote kriechen aus Gräbern hervor, Fledermäuse schwirren umher, sogar Kürbisse stellen sich dem Ritter in den Weg. Einen kleinen Steampunk-Einfluss hat die Welt auch, denn es gibt zum Beispiel Goblins, die große Roboter bedienen. Reizvoll wird das Gruselkabinett durch seinen Comic-Stil, der stark an von Tim Burton produzierte Filme erinnert. Wer Nightmare Before Christmas (1993) oder Frankenweenie (2013) kennt, hat eine ungefähre Vorstellung. Dazu zählt der wunderbar schwarze Humor, der vor allem in der erstklassig vertonten englischen Version mit makabrem Wortwitz auftrumpft. In der Heldenhalle treffen wir zum Beispiel einen legendären Armbrustschützen, der sich mit Anspielungen auf Fortesques einziges Auge über dessen kuriose Todesursache amüsiert. Dass der Einäugige aber allen zeigt, dass er sich nicht unterkriegen lässt, macht ihn besonders sympathisch. Schon sein Grinsen ist zum Schreien komisch, weil ihm der Unterkiefer fehlt. Die Animationen von Fortesque sind so gut, dass er problemlos nur mit einem Auge auskommt. Und auch bei den übrigen Lebewesen in der Gruselwelt fehlt es nicht an Lebendigkeit, obwohl sie eigentlich schon ziemlich tot sind.
Quelle: PC Games
Per Druck auf die linke Schultertaste wechselt das Spiel in eine nahe Ansicht hinter Fortesque. Das geht aber nicht immer, da die feste Kamera diese Funktion manchmal blockiert.
Liebevolle Neuinterpretation
Audiovisuell haben die Entwickler ganze Arbeit bei der Neuinterpretation geleistet. Das 2019er MediEvil sieht wie ein aktuelles Spiel aus, ohne den Stil des Originals zu verändern. Es gibt nun viel mehr Details und weichere Animationen. Fans der Addams Family können sich zum Beispiel über die vielen abgetrennten Hände freuen, die eigenständig über das Friedhofsgelände krabbeln. Die größte optische Verbesserung sind indes die Effekte, von der die Halloween-Atmosphäre stark profitiert. Beispiele gefällig? Wir bewundern etwa dichte Nebelschwaden, die in ihr Umgebungslicht getaucht sind. Im Kornfeld wehen die Weizenfelder bei Sonnenuntergang im Wind. Und im verfluchten Wald schwirren kleine Partikel durch die Luft.
Das Playstation-Original hatte schon gute Einfälle und eine tolle Stimmung. Es war seiner Zeit aber voraus und stieß schnell an die Limitierung der 32-Bit-Hardware. Mit dem Remake bekommen die tollen Ideen von damals endlich die technische Umsetzung, die sie verdient haben! Richtig gelungen ist auch die Orchestermusik; der starke Fokus auf Trompeten und tiefe Streicher unterstreicht den monströsen Charakter des Geschehens. Vor allem, wenn die Musik richtig aufdreht, wird die Heldenreise von Fortesque schön episch, ohne die obskure Note seines Daseins auszulassen. Wer eine Playstation 4 Pro besitzt, kann das ganze Treiben in 4K mit 60 Bildern pro Sekunde genießen. Zumindest meistens, denn in diesem Modus kam es in unserem Test gelegentlich zu Rucklern. Butterweich lief das Spiel nur in 1080P.
Quelle: PC Games
Über die Landkarte steuert ihr die unterschiedlichen Levels an. Diese kann man in unterschiedlicher Reihenfolge angehen oder wiederholen.
Halboffene Levelstruktur
Das Spiel ist in mehrere Levels unterteilt, die alle über eine Landkarte erreichbar sind. Wir müssen nicht jeden Abschnitt chronologisch spielen, sondern können uns ab einem bestimmten Spielfortschritt aussuchen, welches Level wir als nächstes angehen möchten. Diese Abschnitte bestehen im Wesentlichen aus mehreren linearen Schläuchen, weshalb man sich unmöglich verlaufen kann. Abzweigungen führen zu Geheimräumen oder optionalen Herausforderungen, die teilweise gut versteckt sind. Die Aufgaben gestalten sich klassisch: Fortesque kommt nur weiter, wenn er farbige Runen für die passenden Türen einsammelt. Anders gesagt: Er sucht Schlüssel für den Ausgang. Ab und zu lösen wir auch seichte Rätsel. So muss Fortesque an einer Stelle Felsen in einen Fluss stoßen, um diesen überqueren zu können. Kopfnüsse sind aber keine dabei. Wer seine Umgebung aufmerksam beobachtet, komm schnell auf die Lösung. Zum Beispiel gibt es da einen Saal mit mehreren in den Boden eingebetteten Gräbern. Schaut man genau hin, sieht man, dass bei einem der Deckel brüchig ist. Ein paar Hiebe mit der Keule, und schon ist der Sarg aufgebrochen. Und siehe da: Mit einem beherzten Sprung in die Tiefe gelangt Fortesque eine Etage tiefer.
Quelle: PC Games
In den Levels sind diese Dämonenköpfe zu finden. Sie essen wortwörtlich Geld und spucken als Gegenleistung Munition aus.
Harte Strafen für Ungeduldige
Kein Level im Spiel ist länger als zehn Minuten, doch ohne Vorkenntnisse wird man selten einen auf Anhieb meistern. Das liegt an der Platzierung der Gegner und tödlichen Fallen: Diese sind darauf ausgelegt, dass unvorsichtige Spieler unweigerlich hineinlaufen werden. Da fallen in einem Tunnel plötzlich Zombies von der Decke, die Fortesque mit nur zwei Schlägen (erneut) töten können. An anderer Stelle bricht auf einmal der Boden ein, wenn er sich eine Rune schnappt. Bei sofortigem Ableben wird eine der Lebensflaschen verbraucht, die ziemlich großzügig im Level verteilt sind. Für ungeduldige Spieler kann die Erfahrung mit MediEvil trotzdem frustrierend sein: Kleine Fehler werden sofort mit dem Tod bestraft und etwas Auswendiglernen gehört zum Spielprinzip dazu. Checkpoints suchen wir in den Levels vergeblich, deshalb heißt es beim Bildschirmtod: Zurück an den Levelanfang! Jeglicher Fortschritt bis dahin ist verloren. Knallhart. Selbst beim Scheitern an einem Endgegner! Das ist besonders ärgerlich, wenn die Kämpfe sich in die Länge ziehen. Beispielsweise nimmt es Fortesque in einer Szene mit zwei Wölfen auf, die ihn umkreisen. Sie sind erst verwundbar, wenn sie für einen Angriff in die Mitte springen. Bis dahin müssen wir warten, weil sie erst lange um uns herumschleichen. Für Retro-Fans ist das alles nichts Neues, aber wer die Komfortfunktionen aktueller Spiele bevorzugt, beißt sich an MediEvil die Zähne aus.
Quelle: PC Games
Der knochige Held kann Kelche erst einsammeln, wenn er eine bestimmte Anzahl an Gegnern besiegt hat. Außerdem sind sie meistens im Level versteckt.
Kelche gegen Waffen tauschen
Zwischen den Levels können wir die Halle der Helden besuchen, in der sich der Spielfortschritt bemerkbar macht. Fortesque sammelt in den einzelnen Welten Kelche, die erscheinen, wenn er genug Gegner getötet hat. Diese Gefäße kann er bei den Helden in der Halle gegen neue Waffen eintauschen. Die bleiben optional, machen das Spiel aber gegen Ende deutlich einfacher. Mit seinem unzerbrechlichen Schwert bleibt der einäugige Ritter immer wehrhaft, doch mit einem magischen Langbogen kann er Monster auch aus der Distanz mit nur einem Schuss das Lebenslicht auspusten. Andere Hiebwaffen sind stärker, zerbrechen aber nach einer Zeit. Deshalb lohnt es sich im Sinne des Waffenvorrats, die Levels mehrmals zu spielen, um wirklich alle Kelche zu ergattern. Und sämtliches Geld, denn Fortesque findet eben Goldtaler, die er bei geldgeilen Dämonen gegen Munition eintauschen kann.
Köstlich: Die Kreaturen hängen wie eine Jagdtrophäe an ruhigen Stellen eines Levels in der Wand und lassen sich mit Barem füttern. Ja, sie kauen wortwörtlich auf dem Zaster herum! Die Munition braucht Fortesque für Schusswaffen, etwa Armbrust oder Wurfmesser. Sie unterscheiden sich vor allem in Schussfrequenz und Reichweite.
Quelle: PC Games
Das Menü für Waffen und Schilde ist zwar übersichtlich, leider gibt es für beides keine Schnellwahl. Im Menü sieht man auch, welche Schlüssel man dabeihat.
Mangelndes Trefferfeedback
Gegner auf Distanz bekämpfen bleibt bei MediEvil auch in der Neuauflage die beste Methode, denn
Kampfsteuerung und Kollisionsabfrage sind problematisch gelöst. Der knochige Ritter hat bloß einen schnellen und schwachen oder einen langsamen und kräftigen Schlag zur Auswahl. Insgesamt fühlt sich das Kampfsystem sehr lose an: Es gibt keine Kombos, keine kontextsensitiven Attacken oder sonstige Mechaniken. Frei nach dem Motto: Mit dem Schwert druff, und gut is'!
Dabei können wir Gegner allerdings nicht anvisieren, wie man es von anderen Actionspielen gewohnt ist. Die Folge: Wir fuchteln wild mit dem Schwert in der Luft herum und hoffen, den Feind irgendwie zu treffen. Wenn das passiert, weicht der jedoch nicht zurück, sondern macht mit seinem Angriff einfach weiter. Stürmt zum Beispiel gerade ein Zombie auf uns zu, läuft der Untote einfach weiter, auch wenn ihn volle Breitseite eine Keule getroffen hat. So steckt man Treffer ein, obwohl man selbst erfolgreich austeilt. Da bleibt nur Reißaus nehmen und den Gegner in eine Sackgasse laufen lassen, damit man ihn von hinten angreifen kann. Weil sich die Kamera aber nicht in jeder Situation frei bewegen lässt, verlieren wir dabei oft den Überblick. Nervig!
Da hilft auch das Schild auf Dauer wenig. Erstens zerbrechen selbst gute Exemplare nach einigen Treffern und zweitens hat man selten das Gefühl, richtig zu blocken. Dem Spiel fehlt schlichtweg ein gutes Feedback beim Kampfsystem. Wann man erfolgreich austeilt und wann man einsteckt, ist nicht immer gut zu erkennen. Dass bei Schusswaffen zudem ein kleines Irrlicht darüber bestimmt, was man aufs Korn nimmt, ist auch nicht sonderlich hilfreich. Es schwirrt eigenständig durch die Gegend und visiert automatisch den nächstgelegenen Gegner an - bloß oft zu spät. Gehen wir in die - auf Knopfdruck aufrufbare - Schulterperspektive, sehen wir Monster schon von weitem. Damit das Irrlicht sie aber auch markiert, müssen wir meistens so nah ran, dass uns die Kreaturen bemerken und attackieren. Schnelles Wechseln der Waffen ist ebenso nicht möglich. Dazu müssen wir extra in ein Menü wechseln, was den Spielfluss stört.
Nicht frei von Mängeln, für frustresistente Spieler aber unterhaltsam
All diese Eigenheiten hatte MediEvil schon in der Urfassung, daher werden Fans jetzt womöglich mit der Schulter zucken. Mittlerweile hat die Spielewelt sich aber weitergedreht und sinnvollere Lösungen für die Steuerung gefunden. Diese hätte man im Remake anwenden können, ohne dem Spiel seinen Charme zu nehmen. Könnt ihr euch aber auf die angestaubte Spielmechanik einlassen, erwartet euch dennoch ein lohnenswertes und einzigartiges Abenteuer. Das hohe Niveau der PS4-Neuauflagen von Crash Bandicoot oder Spyro erreicht das neue MediEvil aber nicht.
