Ist Marathon Bungies Sargnagel? - Seite 2: Marathon ist nicht das Schicksalsspiel
Special
Nach Destiny kommt Marathon: Auf Seite 2 überlegen wir, ob Marathon Bungies Schicksal überhaupt entscheiden wird, oder ob diese Rolle einem anderen Spiel zufällt.
Marathon ist kein Sprint aus der Krise
Damit wollen wir aber keinesfalls sagen, dass Marathon schlecht wäre, im Gegenteil. Die Zahlen können sich bisher sehen lassen. Diejenigen, die sich für das Spiel interessieren, mögen es größtenteils auch sehr gerne, wenn man sich etwa die Stimmung im Subreddit ansieht. Nach der missglückten Alpha-Phase im letzten Jahr scheint Bungie also wieder eine kleine Trendwende gelungen zu sein.
Aber: Marathon ist im Vergleich zu einem Destiny 2 auch ein Nischenprodukt, das den größten Teil der Destiny-Zielgruppe gar nicht erst abholen will. Beide Spiele sind Online-Sci-Fi-Shooter mit Klassen und Fähigkeiten, aber ansonsten könnten die Designphilosophien kaum unterschiedlicher sein.
Destiny ist eine pure Machtfantasie, bei der wir dauerhaften Loot und Upgrades anhäufen, um zu epischer Musik wie eine Naturgewalt durch die Feinde zu pflügen. Den PvP-Modus betreten die meisten Spieler nur unter vorgehaltener Pistole, und in den Tresoren der Community stapelt sich die Beute, weil niemand bereit ist, sich von seinem Hab und Gut zu trennen.
Marathon ist dagegen ein Extraction-Shooter mit einem Season-Modell, bei dem im Drei-Monats-Takt alle Spieler auf null zurückgesetzt werden. Nur ein paar kosmetische Verdienste bleiben dauerhaft im Account. Es gibt keine Kampagne und keinen separaten PvE-Modus, Begegnungen mit fremden Spielern enden in 99 Prozent der Fälle in PvP-Kämpfen.
Quelle: Bungie
Wer Destiny 2 am liebsten im PvE spielt, muss sich bei Marathon komplett umstellen. Hier lauern immer und überall andere Spieler.
Wer Marathons hervorragendes Gunplay ausreizen will und alles angreift, was er sieht, der erlebt sein blaues Wunder: KI-Gegner können mächtig austeilen und große Schießereien locken gerne andere Spieler an. Mit heruntergelassener Hose angegriffen zu werden, endet in Sekundenbruchteilen im Tod und der ganze Loot im Inventar ist für immer verloren. Kurzum: Marathon ist so ziemlich das genaue Gegenteil von dem, was typische Destiny-Spieler kennen und haben wollen.
Das Spiel ist nun nicht so hardcore wie ein Escape from Tarkov, aber doch ein gutes Stück härter als ARC Raiders, der bisher zugänglichste und beliebteste Extraction-Shooter. Bungie lockt hier weder Destiny-Feierabend-Gamer noch Casual-Extraction-Spieler an. Die Zielgruppe sind offensichtlich Enthusiasten, die bereit sind, sich tief in Marathon einzugraben und auch mal ordentlich zu schwitzen.
Der Nachteil daran: Die Spieler, die Destiny 2 in den letzten Monaten verloren hat, werden nicht automatisch zu Marathon wechseln, nur weil es auch von Bungie kommt. Dafür ist der Unterschied zu krass.
Der Vorteil: Marathon zieht eine neue Zielgruppe an, die der Entwickler vorher nicht hatte. Es wird höchstwahrscheinlich keine gigantisch große sein, aber die Chancen stehen gut, dass es eine engagierte und treue ist, die das Spiel nicht nur solo, sondern oft auch gleich im Dreierteam in den Warenkorb legt.
Allerdings wiederholt sich hier wieder das notorisch schwache Onboarding, das neue Spieler bei Destiny 2 seit Jahren abschreckt: Auch Marathon erklärt nur das Allernötigste und verlangt einiges an Einarbeitungszeit, die außerhalb des Spiels in Wikis und Guides weitergehen wird. Es ist ein waschechtes "Git-Gud"-Programm und eine langsame, taktische Erfahrung, die Neueinsteiger erst mal ordentlich zurechtstutzt.
Unsere Vermutung: Das nächste ARC Raiders wird Marathon damit nicht werden. Ob man allein daran Erfolg oder Misserfolg misst, hängt allerdings stark von den Entwicklungskosten ab, die in Bungies neuen Shooter geflossen sind - und die kennen wir nicht. Bei einem 300-köpfigen Team gehen wir aber jedenfalls nicht davon aus, dass Marathon ein günstiges Unterfangen war.
Quelle: Bungie
Marathon hebt sich vor allem durch seinen einzigartigen Artstyle von der Konkurrenz ab.
Das eigentliche Schicksalsspiel
Im Alleingang wird ein Nischenspiel wie Marathon einen Riesenentwickler wie Bungie nicht aus der Krise holen, da hat die Marke Destiny deutlich bessere Chancen. Die Frage ist: Kann es Destiny 2 noch, oder wird es Zeit für einen frischen Start mit Destiny 3?
Wenn ihr uns fragt: Es ist höchste Eisenbahn, dass Bungie einen dritten Teil der MMO-Shooter-Saga ankündigt. Bisher kursieren nur Gerüchte, laut denen sich das Projekt im sehr frühen Entwicklungsstadium befindet. Offiziell bestätigt oder dementiert wurden die noch nicht. Destiny bräuchte aber aktuell einen Fahrplan, der über die nächsten Erweiterungen hinausgeht.
Destiny 2 könnte mit guten Updates einen Teil seiner eigenen Zielgruppe zurückholen, aber nach The Final Shape ist auch klar geworden, dass viele Fans schlicht und ergreifend fertig mit dem Spiel sind. Weil seine Story auserzählt ist, weil es zu groß und sperrig geworden ist, und weil Bungie zu unentschlossen daran herumdoktort.
Quelle: buffed
Mit The Edge of Fate wird die Benutzeroberfläche von Destiny 2 angepasst - statt einer Karte des Sonnensystems laden Spieler jetzt über fade Menüs in den gewünschten Content.
Die Aussicht auf einen Neustart könnte da dringend nötige Hoffnungen wecken und es zumindest nachvollziehbar machen, wenn Destiny 2 langsam heruntergefahren wird. Wir sind aber kein milliardenschweres Entwicklerstudio und wir sind auch nicht Sony, die für dieses Studio 3,6 Milliarden Dollar hingelegt haben. Entsprechend leicht lassen sich solche Wünsche natürlich aussprechen.
Von Sonys Seite existiert eine konkrete Aussage: Vom ursprünglichen Plan des Deals, Bungie zu kaufen, aber ihm seine Unabhängigkeit zu lassen, zieht man sich zurück. Jetzt lautet das Ziel, Bungie langfristig in die Playstation Studios zu integrieren und mehr Kontrolle zu übernehmen.
Ob das heißt, dass Bungie vollständig zerschlagen wird und die Entwickler auf Sonys andere Studios umverteilt oder entlassen werden? Möglich wäre es, denn ähnlich war Sony schon bei den letzten Sparmaßnahmen mit Bungie vorgegangen.
Das komplette Aus für Bungie und seine Marken, vor allem für Destiny, können wir uns aber trotz aller Krisen nur schwer vorstellen. Ob die Spieler den Begriff mögen oder nicht: Live-Service kann ein verdammt lukratives Geschäftsmodell sein. Und neben den Entwicklern von Helldivers 2 ist Bungie nun einmal das Studio bei Sony, das die meiste Expertise und die größten Erfolge mit diesem Modell vorzuweisen hat.
Den Geschäftszweig kann und wird Sony unserer Meinung nach nicht aufgeben, gerade weil seine eigenen Versuche, Singleplayer- und neue IPs in den Service-Markt einzuführen, so krachend gescheitert sind.
Die Marke Destiny ist erwiesenermaßen widerstandsfähig und in ihren Hochphasen lockt sie Unmengen an Spielern an. Sie braucht dafür aber auch einen Fahrplan und Führungskräfte, die das enorme Talent ihrer Entwickler richtig einzusetzen wissen. Ob sich die eher in den Chefetagen von Bungie oder Sony finden, ist nach all den Pannen der letzten Monate und Jahre bei beiden schwer zu sagen.
Wir hoffen jedenfalls, dass Marathon nicht das letzte neue Spiel ist, das wir von Bungie sehen. Aber in einem Punkt sind wir uns ziemlich sicher: Wenn Marathon Bungies potenzieller Sargnagel ist, dann ist Destiny trotzdem der Hammer, der ihn hineinschlägt. Oder das Werkzeug, mit dem endlich das Haus renoviert wird.
