Lost Records: Bloom & Rage entführt mich in eine unbeschwerte Kindheit - Tape 1 macht Lust auf mehr
Test
Lost Records: Bloom & Rage tritt im Test das Erbe von Life is Strange an und schickt Matthias auf einen Nostalgietrip in seine eigene Jugend.
Zwei Monate später ....
Da bin ich wieder. Dieser Teil des Artikels entstand nun zwei Monate nach allem, was ihr bis hierhin gelesen habt. Inzwischen ist Tape 2 von Lost Records: Bloom & Rage erschienen und ich habe das Abenteuer von Swan und ihren Freundinnen zu Ende gespielt.
Zum Spiel selbst, zum Gameplay und zum Aufbau habe ich ja im Grunde bereits alles gesagt. Der zweite Teil des Adventures musste mir jetzt nur noch beweisen, dass er das erzählerische Niveau halten und die Geschichte zu einem befriedigenden Abschluss bringen kann.
Sehr schnell fällt mir auf, dass sich die grundlegende Stimmung der Handlung in Tape 2 deutlich verändert hat. Das ist nach den schockierenden Ereignissen am Ende des ersten Abschnitts aber auch nicht sonderlich verwunderlich. Daher gilt es jetzt vor allem, mit dem Fallout dieser Situation umzugehen und die emotionalen Auswirkungen auf die vier Mädchen zu navigieren. Es ist nicht so leicht für mich, das genauer zu beschreiben, ohne euch Teile der Handlung zu spoilern.
Quelle: Don't Nod Entertainment
Sehr gefallen hat mir, dass der Umgang mit der neuen Situation nicht nur in der Vergangenheitsgeschichte des Sommers von 1995, sondern auch beim Treffen in der Gegenwart seine Auswirkungen zeigt. Dabei wird erneut sehr deutlich, wie stark mein Verhalten in den Dialogen den Ablauf der Handlung beeinflusst. Klar gibt es auch in diesem Spiel wieder einige Alibi-Entscheidungen, deren Konsequenzen nur auf den ersten Blick etwas verändern, am Ende aber auf das gleiche Ergebnis hinauslaufen.
Als mir am Ende des Spiels jedoch die Übersicht meiner Entscheidungen und der daraus resultierenden Ereignisse präsentiert wurde, war ich ziemlich überrascht, wie viele unterschiedliche Permutationen von bestimmten Situationen es geben kann. Eine Schlüsselszene im Finale des Spiels hat zum Beispiel neun verschiedene Arten, wie sie ablaufen kann, und ich habe eine der seltensten davon erlebt. Das Tolle dabei: Es gab in der Szene keine Auswahl, ob X oder Y passieren soll. Stattdessen wurde ihr Ausgang vor allem durch mein Verhalten den beteiligten Charakteren gegenüber im Verlauf des Spiels bestimmt.
Quelle: Don't Nod Entertainment
Ungelöstes Mysterium
Ein wenig schwach bleibt für mich der übernatürliche Aspekt der Handlung. In erster Linie, weil am Ende zu wenig davon erklärt wird. Klar sollte ein übernatürliches Mysterium nicht lang und breit in allen seinen Einzelheiten offengelegt werden, das wäre genauso wenig spannend. Aber mir haben zumindest ein paar kleine Ansätze gefehlt, mit denen man versuchen könnte zu erklären, was genau passiert ist. In Life is Strange bekomme ich zumindest eine Ahnung davon, dass die Rettung von Chloe in der ersten Episode Auslöser des zerstörerischen Sturms ist. So ein Strohhalm fehlt mir hier irgendwie.
Auch die am Anfang aufgebaute Spannung rund um die geheimnisvolle Box, die der Auslöser für das erneute Zusammentreffen der Freundinnen 27 Jahre später ist, zerfällt ein wenig unspektakulär. Zum einen hatte ich im Verlauf von Tape 2 sehr schnell eine Ahnung, was es mit der Box auf sich hat. Zum anderen bleibt das Spiel in dem Zusammenhang aber auch eine wichtige Erklärung schuldig. Ich würde nicht ganz so weit gehen, die Box schlicht als MacGuffin abzustempeln, aber viel fehlte dazu nicht. Immerhin deutet das Spiel am Ende an, dass die Entwickler offenbar noch mehr mit Swan und ihren Freundinnen zu erzählen haben.
Quelle: Don't Nod Entertainment
Ein wenig schade ist, dass Tape 2 bei mir deutlich fehleranfälliger war als noch die erste Episode. Ich habe immer mal wieder Charaktermodelle mit eigenartigem Warp-Verhalten beobachtet. Während einer Sequenz, bei der ich einem Charakter Lichtsignale geben sollte, spielte dieser irgendwann zwei verschiedene Handlungen gleichzeitig ab, was entsprechend verstörend aussah. Ein Puzzle zum Packen einer Umzugskiste verbuggte beim Reset, wo nur ein Neustart half. Außerdem fehlen bei der deutschen Übersetzung gerne mal einige Textpassagen.
Das sind leider unnötige Schlampigkeiten der Entwickler, die das Gesamtbild des insgesamt sehr gelungenen Adventures etwas trüben. Ich hatte mit Swan, Nora, Kat und Autumn unter dem Strich sehr viel Spaß. Ich habe es auch genossen, durch die Mädels einen Nostalgietrip in die 90er-Jahre zu unternehmen und mich dabei an meine eigene Jugend zu erinnern. Don't Nod hat mir gezeigt, dass sie die Life-is-Strange-Formel durchaus noch beherrschen. Sie sollten nur etwas mehr Sorgfalt an den Tag legen und darauf achten, dass ihnen zum Ende nicht die Luft ausgeht.
Lost Records: Bloom & Rage wurde von Don't Nod Montreal unter der kreativen Leitung der Erfinder von Life is Strange entwickelt. Das Adventure ist auf PC, PS5 und Xbox Series S/X erschienen. Transparanzhinweis: Für die Erstellung dieses Beitrags wurde die Release-Fassung von Lost Records: Bloom & Rage von Don't Nod gestellt.
