Agatha Christie wäre stolz: In Loco Motive jagen wir durch einen Tatort auf Schienen und suchen dabei nicht nur einen Mörder, sondern lüften eine ganze Reihe Mysterien um die anderen Passagiere.
Back in time
Auch, wenn die Charakter-Designs und Umgebungen Cartoon-ähnlich abstrakt gehalten sind, lässt sich Loco Motive ungefähr in eine echte Zeitepoche einsortieren. Der Stil des Menüs, Logos und Titelbilds deuten stark auf den Art Decó hin, der von den Zwanzigern bis in die Vierziger in der Blüte stand.
Gleichzeitig erinnert die Story des Spiels an die Whodunnit-Mysteries, die aus berühmten Federn wie Agatha Christies oder Arthur Conan Doyles entsprangen und auch erst in den Vierzigern als vorherrschendes Detektiv-Genre abebbten. Dazu kommen die technischen und ökonomischen Umstände, die wir am Rande mitbekommen.
Lady Unterwald ist um die Zukunft ihres Unternehmens besorgt, weil die Dampflok wohl nicht mehr mit den Dieselloks mithalten kann, die erst in den USA in den Vierzigern und dann mit etwas Verzug auch in Europa auf die Schienen geschickt wurden.
Arthur benutzt ein Drahttongerät, um Tonaufnahmen zu machen, die von den Zwanzigern bis in die Fünfziger verbreitet waren. Die Telefone, die uns immer wieder über den Weg laufen, haben alle schon Wählscheiben und die Reiseschreibmaschinen, die auf einigen Schreibtischen ihr Dasein fristen, gibt es etwa seit 1910.
Gewisse historische Freiheiten darf man einem fiktiven Abenteuer aber einräumen, denn beispielsweise findet auch Sprach-Authentifizierung als Sicherheitsvorkehrung Verwendung im Reuss-Express, die es eigentlich erst in den 2010ern geschafft hat, Fuß zu fassen. Für den Unterhaltungswert eines Rätsels sorgt sie aber allemal.
Quelle: Robust Games
Die Schauplätze beschränken sich aber nicht allein auf den Zug. Gelegentlich hüpfen wir auf der Zeitachse der Geschichte vor und zurück, mal vor die Ereignisse im Reuss-Express, mal ins Verhör nach der Tragödie. Während Herman beispielsweise im Büro seines Verlags verzweifelt versucht, sein neues Manuskript in den Druck zu bringen, gibt Arthur sich gleich zu Beginn größte Mühe, aus dem Verhörzimmer auszubrechen.
Jede Umgebung weist Liebe fürs Detail auf und verdichtet die Atmosphäre des gemütlichen Point-and-Click Adventures durch kontinuierliche Bewegungen, wie die vorbeiziehende Landschaft in den Fenstern des Reuss-Expresses, flackernde Kerzen oder Wasser, das in einem Tank hin und her schwappt.
Reisen mit Stil
Über den Art-Decó-Look hinaus überzeugt Loco Motive auch mit seinen Pixelsprites und frame-by-frame-Animationen, die allesamt an die vergangene Blütezeit der Point-and-Click Adventures in den Achtzigern und Neunzigern erinnern, aber den Figuren wesentlich mehr Spielraum für Ausdruck verleihen.
Das Grinsen, das jedes Mal ausbricht, wenn Arthur den Mund aufmacht, jeder beschwingte Schritt mit Hermans O-Beinen und jeder Zug der Feile über Dianas Nägel bringt viel Leben in die Figuren. Fast jeder kleinen Interaktion wurde eine eigene Animation gewidmet, die auch bei geringer Pixelzahl federnd und flüssig abläuft.
Schubladen zu öffnen unterscheidet sich von Schränken, statt einer generischen Animation für das Kombinieren von Items sehen wir unsere Figur jedes Mal beide Elemente in Händen halten und sie auf einzigartige Weise verbinden.
Quelle: PC Games
Besonders wichtige Ereignisse oder Objekte werden regelmäßig durch kurze Detailshots des jeweiligen Anlasses - sei es nun ein wichtiger Brief oder die finsteren Blicke gewisser Passagiere - hervorgehoben, die etwas detaillierter als die Sprite-Animationen sind, aber immer noch in Pixelgrafik gehalten das Geschehen unterstreichen.
Außerdem spielen Lichtquellen mit den Sprites in unmittelbarer Nähe, die Deckenlampen im Zug lassen beispielsweise Arthurs schwarze Haarpracht golden schimmern, wenn er darunter durchläuft.
Diese Elemente helfen, den Gesamteindruck von Loco Motive ins rechte Licht zu rücken, aber das wahre Kronjuwel des Spiels ist im quirligen Ensemble zu finden. Die Charaktere sind alle Archetypen der Detektivgeschichte, vom schleimigen Casino-Betrüger bis zur gerissenen Geschäftsdame sind alle dabei.
Ihre einzigartigen Stimmen sind jedoch nur auf Englisch zu genießen, denn eine deutsche Synchronisation gibt es leider nicht. Die schriftliche Übersetzung ist jedoch gut gelungen und überträgt sowohl den Slapstick-Humor als auch die Wortwitze sehr gut ins Deutsche.
Einzig im Switch-Port sind uns abgeschnittene Textboxen und nicht übersetzte Aktions-Prompts ins Auge gefallen, die das Spielerlebnis aber nicht weiter beeinflusst haben.
Die Musik, die uns beim Erkunden begleitet, fällt in diese generische Lücke zwischen Fahrstuhlmusik und Jazz, die in der Umgangssprache Swing genannt wird, lenkt aber dadurch nicht vom Spielgeschehen ab. Dafür sticht das Sounddesign positiv heraus, indem es die überzeichneten Animationen mit passenden Slapstick-Sounds unterstreicht und dem Zug ein gewisses Eigenleben verleiht.
