Lasst mich raus aus dem Keller - Ich bin mehr als ein Nerd

Kolumne Antonia Dreßler
Politikerin im Kabinett von Kutnà Hora
Quelle: Roger Sieber

Der gesellschaftliche Status von Videospielen ist vor allem daran geknüpft, wie viel Geld sich mit ihnen machen lässt - dabei sind Spiele so viel mehr, als ihr Beitrag zum Bruttosozialprodukt.

Und am Ende benötigen Videospiele natürlich auch ein viel höheres Commitment als andere Medien. Wenn ich mit meiner Mutter über ihren Lieblingsfilm quatschen will, schaue ich mir vier Stunden an, wie Kevin Costner mit dem Wolf tanzt. Aber deswegen wird sie trotzdem nicht 30 Stunden lang Skyrim spielen, um sich mit mir über den fantastischen Endkampf gegen Alduin zu freuen.

Bestimmte Filme und Serien kennt jeder: Titanic, Pretty Woman, The Fresh Prince of Bel Air, Friends, Game of Thrones oder Harry Potter ... diese Werke haben ganze Generationen geprägt und ihnen eine Identität verliehen. Das bleibt Videospielen größtenteils verwehrt. Ikonische Entwickler wie FromSoftware können gar nicht aus ihrer Nische heraustreten, weil der Großteil der Menschheit gar nicht in der Lage ist, den Endboss jemals zu erreichen, geschweige denn über den Übungsboss hinauszukommen.

Der Befleckte blickt über die Grabhügel-Ebene Richtung Scadubaum. Quelle: Bandai Namco  FromSoftware brachte bereits vor Elden Ring ikonische Spiele auf den Markt und damit ein eigenes Genre aus dem Boden gestampft. Die Teilhabe ist aber an die eigenen Fähigkeiten und Frusttoleranz genknüpft statt an das tatsächliche Interesse.

Eingeschränkte Reichweite

Es schaffen nur bestimmte Genres, über ihre Nische hinaus den Mainstream anzusprechen: Minecraft, Fortnite und natürlich das berühmt-berüchtigte Genre der Match-3-Spiele wie Candy Crush. Sie erreichen Massen an Leuten und jeder kennt sie.

Nicht nur bekannt, sondern gesellschaftlich auch noch gern gesehen, ist eigentlich nur Nintendo. Wobei auch eher als ein schwammiges Bild, das Nicht-Gamer zwar positiv im Kopf haben, aber dem sie nicht unbedingt mehr zuordnen können, als "das, wo man sich so bewegen muss". Der Verbindung zu Tetris und Mario ist selbst bei diesem großen Namen nicht selbstverständlich, aber immerhin geläufig.

Mario Kart Quelle: Nintendo Nintendo ist mit Abstand das bekannteste aller Studios und hat es (auch durch Zugänglichkeit) geschafft, vielen Menschen im Kopf zu bleiben, selbst, wenn sie sonst keine Verbindung zu Spielen haben. Das so umschriebene Wii Sports ist vielen im Kopf geblieben, eben, weil es zugänglich und simpel war. Merkmale, die sich fast alle übermäßig erfolgreichen Spiele teilen. Ausgehend von diesen Vorbildern gibt es dementsprechend Bemühungen, mit simplen Konzepten Spiele als Leitmedium für Bildungs- und Informationszwecke zu nutzen.

Videospiele nicht verstanden

Diese Versuche zählen oft zu den sogenannten Serious Games und sollen ernste Themen spielerisch vermitteln. Eine grundsätzlich schöne Idee, deren Umsetzung allerdings oft an sich selbst scheitert. Spiele, die gezielt zu Lernzwecken entwickelt wurden, machen oft keinen Spaß, denn: Nachrichtensender, die meinen, mit einer Foto-Story jetzt ins Gaming-Business einzusteigen, haben leider nicht begriffen, warum Gamer zocken. Und Ministerien, die sich mit Visual Novels in unangenehmer Dialogführung üben, sind, wenn überhaupt, ein Mahnmal dafür, warum gute Story-Writer unabdingbar für ein gutes Videospiel sind.

Zwei Figuren auf grünem Hintergrund und dem Text Little Impacts Quelle: Umweltbundesamt Das Umweltbundesamt hat mit Little Impacts ein Spiel herausgebracht, dass vor Klischees trotzt und nicht so richtig weiß, wer eigentlich die Zielgruppe ist. Aber gut, auch diese Versuche kann man als Kulturgut sehen. Vielleicht schauen wir in 50 Jahren auf diese Zeit zurück und lachen darüber, wie lange es gedauert hat, bis der Wert von Videospielen bei allen angekommen ist und man nicht mehr als Nerd gilt, weil man einen Controller bedienen kann. Immerhin war Lesen auch mal verpönt und wurde mit der Faulheit der Jugend verbunden. Genauso wie Filme- und Fernsehschauen sich seinen Platz als künstlerisches Medium erkämpfen musste.

Und ein wenig freue mich schon darauf, meinen Enkeln irgendwann zu erzählen, dass wir in der Schule damals keine Videospiele gespielt haben, nicht jeder eine Konsole besaß oder gar einen Controller bedienen konnte. Und ich hoffe, dass ich in leuchtende, ungläubig aufgerissene Augen schauen werde, weil dann alles anders ist und Videospiele endlich angekommen sind.

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