Cinéma - Sinema - Yeonghwa: 10 Highlights des fremdsprachigen Kinos ab 2010 - Teil 1

Special Tessa Friedrich
Cinéma - Sinema - Yeonghwa: 10 Highlights des fremdsprachigen Kinos ab 2010 - Teil 1
Quelle: Peripher; Wild Bunch; Arsenal

Mit den letzten kalten Tagen von 2019 neigt sich nicht nur ein Jahr, sondern ein ganzes Jahrzehnt dem Ende zu. Ein guter Zeitpunkt also, um einen Blick zurück zu werfen und zu überlegen, welche Filme uns seit 2010 besonders beeindruckt haben. Um ein paar neue Inspirationen zu bieten und den Cineasten-Horizont zu erweitern, haben wir das Mainstream-Kino außen vorgelassen und uns mit dem fremdsprachigen Film der vergangenen zehn Jahre beschäftigt.

Das heutige Kino wird von Franchises dominiert. Während zu Beginn des letzten Jahrzehnts Filmreihen wie "Harry Potter", die "Twilight"-Saga und anschließend "Der Hobbit" vorwiegend in den Top 10 der deutschen Kinocharts vertreten waren, folgten bald darauf die Kassenschlager der neuen "Star Wars"-Trilogie und weitere Produktionen aus dem Hause Disney oder des Marvel Comic-Universums. Abgesehen von deutschen Komödien wie "Fack Ju Göhte" und Co. prägen also überwiegend Filme aus dem US-amerikanischen Raum die Kinolandschaft Deutschlands.

Bei dieser Fülle an englischsprachigen Filmen, die sich beim breiten Massenpublikum großer Beliebtheit erfreuen, treten Produktionen aus anderen Ländern dieser Welt oft in den Hintergrund. Allerdings konnte man auf Filmplattformen wie IMDb, Rotten Tomatoes oder Letterboxd beobachten, wie sich in diesem Jahr ein fremdsprachiger Film auf die obersten Plätze der Bewertungslisten schob: "Parasite", eine südkoreanische Produktion von Regisseur Bong Joon Ho ("Snowpiercer", "Okja"). Diesen Erfolg nahmen wir zum Anlass, nach den besten Filmen seit 2010 aus dem fremdsprachigen Raum zu suchen. Bevor wir euch die Highlights unserer Redaktion präsentieren, starten wir in Teil 1 des Rückblicks mit einer Liste des British Film Institutes, die am 10. August 2018 veröffentlicht wurde.

Tuesday, after Christmas (2010)

Kinoplakat und Szenenbild zu 'Tuesday, after Christmas' Quelle: Peripher Kinoplakat und Szenenbild zu "Tuesday, after Christmas" Originaltitel: Marti, dupã Crãciun
Produktionsland: Rumänien
Regie: Radu Muntean

Paul (Mimi Branescu) führt ein Doppelleben: Zum einen ist da seine Frau Adriana (Mirela Oprisor), mit der er seit 10 Jahren zusammen ist und eine achtjährige Tochter großzieht, zum anderen führt er seit längerem eine Affäre mit der Zahnarzthelferin Raluca, für die er starke Gefühle hegt. Als das Weihnachtsfest näher rückt, muss er sich zu einer Entscheidung zwingen und eine der beiden Frauen verlassen.

"Tuesday, after Christmas" zeichnet sich vor allem durch sehr lange Einstellungen aus: Im Durchschnitt dauert eine Einstellung des Films 2 Minuten und 51 Sekunden, während Filme desselben Genres meist mit einer Einstellungslänge von durchschnittlich 14 Sekunden arbeiten. Bei den Filmfestspielen in Cannes 2010 lief das Ehe-Drama von Muntean also unter der Kategorie "Un Certain Regard", d. h. Filme, die unkonventionelle Themen auf besondere Art und Weise erzählen.

Poetry (2010)

Kinoplakat und Szenenbild zu 'Poetry' Quelle: Diaphana Kinoplakat und Szenenbild zu "Poetry" Originaltitel: Shi
Produktionsland: Südkorea
Regie: Lee Chang-Dong

Inspiriert von einem realen Mordfall erzählt "Poetry" die Geschichte der älteren Dame Yang Mija (Yoon Jeong-hee), die sich von ihrer Alzheimer-Erkrankung nicht in die Knie zwingen lassen will und sich für einen Lyrikkurs einschreibt. Als ihr 16-jähriger Enkel (Lee David) beschuldigt wird, ein junges Mädchen mehrfach vergewaltigt zu haben und sie somit in den Selbstmord trieb, versucht Mija ihre Ruhe in der Poesie zu finden.

In Cannes war das südkoreanische Drama 2010 zu sehen und konnte dort den Preis für das "Beste Drehbuch" gewinnen, in Deutschland erhielt der Film keinen Kinostart. Lee Chang-Dongs darauffolgender Film "Burning" (2018) erlangte allerdings mehr Aufmerksamkeit: 2019 wurde er für einen Oscar in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" nominiert und lief in diesem Sommer in den deutschen Kinos.

Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben (2010)

Kinoplakat und Szenenbild zu 'Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben' Quelle: movienet Kinoplakat und Szenenbild zu "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" Originaltitel: Lung Boonmee Raluek Chat
Produktionsländer: Thailand, Frankreich, Großbritannien, Spanien, Deutschland, Niederlande
Regie: Apichatpong Weerasethakul

Onkel Boonmee (Thanapat Saisaymar) liegt im Sterben: Die Ärzte diagnostizieren eine weit fortgeschrittene Nierenerkrankung und er erfährt, dass er nur noch 48 Stunden zu leben hat. Im Kreise der Familie möchte Boonmee nun seinen letzten Lebensabend verbringen, doch unter den Gästen finden sich nicht nur seine Schwägerin (Jenjira Pongpas) und sein Neffe (Sadka Kaewbuadee), sondern auch seine vor 19 Jahren verstorbene Frau Huay (Natthakarn Aphaiwonk).

Während sich Regisseur Weerasethakul bei der Arbeit an "Uncle Boonmee" mit dem Thema Tod und Erinnerung beschäftigte, stellte er fest, dass sein Film vom Sterben des Kinos selbst nicht allzu weit entfernt sei. Um also die Thematik der vergänglichen Tradition zu bewahren, wurde nicht digital, sondern auf 16mm Film gedreht. "Uncle Boonmee" war die erste thailändische Produktion, die die Goldene Palme von Cannes gewann.

Nader und Simin - Eine Trennung (2011)

Kinoplakat und Szenenbild 'Nader und Simin - Eine Trennung' Quelle: Alamode Kinoplakat und Szenenbild "Nader und Simin - Eine Trennung" Originaltitel: Jodaeiye Nader az Simin
Produktionsland: Iran
Regie: Asghar Farhadi

Um ihrer Tochter (Sarina Farhadi) eine bessere Zukunft zu gewährleisten, möchten Simin (Leila Hatami) und Nader (Peyman Moaadi) den Iran verlassen. Als sich Nader jedoch dazu entscheidet, die Ausreisepläne abzusagen, um seinen pflegebedürftigen Vater (Ali-Asghar Shahbazi) zu versorgen, reicht Simin die Scheidung ein und lässt ihren Mann und ihre Tochter im Iran zurück. Nun auf sich allein gestellt, engagiert Nader eine Pflegehilfe.

Die Auseinandersetzung zwischen Frau und Mann, Modernität und familiärer Tradition ist häufig Thema der Filme Asghar Farhadis. Somit zeichnet der Regisseur nicht nur Porträts der mittelständischen Familien, sondern der Gesellschaft Irans selbst. "Nader und Simin - Eine Trennung" - die fünfte Arbeit von Farhadi - war der erste iranische Film, der weitläufige internationale Erfolge feierte und Preise bei den Oscars, Golden Globes, der Berlinale und den BAFTA's abräumen konnte.

Jugendliebe (2011)

Kinoplakat und Szenenbild zu 'Jugendliebe' Quelle: Peripher Kinoplakat und Szenenbild zu "Jugendliebe" Originaltitel: Un amour de jeunesse
Produktionsland: Frankreich
Regie: Mia Hansen-Løve

Das junge Paar Camille (Lola Créton) und Sullivan (Sebastian Urzendowsky) hat das perfekte Glück gefunden. Trotzdem möchte Sullivan eine Reise nach Südafrika unternehmen - für ein Jahr, ohne Camille. Die Trennung verkraftet sie kaum, erst Jahre später entschließt sich Camille dazu, ihre junge Liebe hinter sich zu lassen und ein Architekturstudium zu beginnen. Doch gerade, als sie sich in ihrem neuen Leben sicher fühlt, taucht Sullivan plötzlich wieder auf.

Was schnell nach kitschiger Teenie-Romanze klingt, wurde von Kritikern hoch gelobt: Mia Hansen- Løves Film begegnet dem romantisierten Mysterium der ersten Liebe mit einer klaren Ernsthaftigkeit. Besonders hervorgehoben wurde die Darbietung von Lola Créton als Camille: Der damals 18-jährigen Hauptdarstellerin gelang mit "Jugendliebe" ihr Durchbruch - als Schauspielerin ist sie schon seit ihrem 10. Lebensjahr aktiv. Ihr Spielpartner Sebastian Urzendowsky ist aktuell im Cast der deutschen Serie "Babylon Berlin" als Bahnangestellter Max Fuchs vertreten.

Von großen und kleinen Haien (Neighboring Sounds) (2012)

Kinoplakat und Szenenbild zu 'Von großen und kleinen Haien' Quelle: Survivance Kinoplakat und Szenenbild zu "Von großen und kleinen Haien" Originaltitel: O Som ao Redor
Produktionsland: Brasilien
Regie: Kleber Mendonça Filho

Der erste Spielfilm des Regisseurs Kleber Mendonça Filho ist eine Collage verschiedenster Menschen, die alle in der Gemeinde Neighboring Sounds in Recife leben, eine Küstenstadt im Nordosten Brasiliens. Die dortigen Anwohner werden jedoch regelmäßig Opfer von Gewaltdelikten, sodass eine private Security-Firma beauftragt wird, um die Verbrechen einzudämmen - wodurch sich die Spaltung der Gesellschaft nur noch weiter verstärkt.

Für ein Langfilmdebüt schlug "Von großen und kleinen Haien" hohe Wellen: Ein Kritiker der New York Times, A. O. Scott, zählte die lateinamerikanische Produktion zu einen der besten Filme des Jahres 2012. Die Nähe Filhos zur brasilianischen Gesellschaft, die Scott in seiner Kritik hervorhebt, spiegelt sich auch in den Drehorten wieder: Der Großteil des Films wurde in einer Straße aufgenommen, in der der Regisseur selbst einmal wohnte, sogar seine eigene Wohnung diente als eines der Sets für den Film.

Das Turiner Pferd (2012)

Kinoplakat und Szenenbild zu 'Das Turiner Pferd' Quelle: Basis-Film Kinoplakat und Szenenbild zu "Das Turiner Pferd" Originaltitel: A Torinói Ló
Produktionsland: Frankreich, Schweiz, Ungarn, Deutschland
Regie: Béla Tarr, Ágnes Hranitzky (Co-Regie)

"Das Turiner Pferd" basiert auf einer philosophischen Anekdote: Im Januar 1889 beobachtete Friedrich Nietzsche, wie ein Kutscher sein störrisches Pferd erst anbrüllt, dann mit einer Peitsche schlägt. Der Philosoph konnte dies nicht mit ansehen und schlang unter Tränen seine Arme um den Hals des Pferdes. Als Nietzsche nach diesem Vorfall zuhause ankommt, erleidet er einen Nervenzusammenbruch. Der Film erzählt - der Theorie nach - die Geschichte dieses Pferdes.

"Das Turiner Pferd" ist der letzte Film des ungarischen Regisseurs Béla Tarr. In Schwarzweiß gehalten zeichnet sich der Film nicht nur durch eine bildliche, sondern auch seine sprachliche Ruhe aus: Nach dem Eröffnungsmonolog über Nietzsche setzt erst wieder ab Minute 22 ein Dialog ein. Die Länge von 155 Minuten ist im Maßstab des Regisseurs allerdings eher ein kurzes Kinoerlebnis - sein Film "Satanstango" von 1994 gilt mit einer Laufzeit von 450 Minuten als längster Spielfilm aller Zeiten.

Tabu - Eine Geschichte von Liebe und Schuld (2012)

Kinoplakat und Szenenbild zu 'Tabu - Eine Geschichte von Liebe und Schuld' Quelle: RealFiction Kinoplakat und Szenenbild zu "Tabu - Eine Geschichte von Liebe und Schuld" Originaltitel: Tabu
Produktionsland: Frankreich, Portugal, Brasilien, Deutschland
Regie: Miguel Gomes

Das Leben der Portugieserin Aurora (Laura Soveral) neigt sich dem Ende zu. Ihren letzten Wunsch richtet sie an ihre Nachbarin Pilar (Teresa Madruga): Sie soll für die alte Dame ihre Jugendliebe Gian Luca Ventura (Henrique Espírito Santo) finden. Pilar stößt somit auf die Spuren einer Beziehung, die seit 50 Jahren besteht und ihren Ursprung im portugiesischen Kolonialkrieg hat - aber immer noch lebendig ist.

Ähnlich wie "Das Turiner Pferd" spielt "Tabu" mit den klassischen Erwartungen an Sound und Sprache, indem ab der zweiten Hälfte der Film von einer Stimme erzählt wird, die nur durch Hintergrundgeräusche und Musik ergänzt wird. Dialoge oder von Figuren gesprochene Texte fallen einfach weg. Eine Hommage an den Stummfilm, die auch durch den Titel getroffen wird: Ein Film des berühmten Stummfilmregisseurs Friedrich Wilhelm Murnau ("Nosferatu") heißt ebenfalls "Tabu".

Ida (2013)

Kinoplakat und Szenenbild zu 'Ida' Quelle: Arsenal Kinoplakat und Szenenbild zu "Ida" Originaltitel: Ida
Produktionsland: Polen, Dänemark
Regie: Pawel Pawlikowski

Bald steht Annas (Agata Trzebuchowska) Gelübde bevor, um von einer Novizin zur Nonne zu werden. Zuerst muss Anna jedoch einen Auftrag erfüllen, den sie von der Oberschwester des Klosters bekommt: Sie soll ihrer Tante Wanda (Agata Kulesza) einen Besuch abstatten. Als die junge Novizin bei ihrer Tante eintrifft, lüftet sich für Anna ein Geheimnis, das ihre bisherige Identität infrage stellt.

Es war ein glücklicher Zufall, dass der Oscar-nominierte Film von Pawel Pawlikowski überhaupt das Licht der Leinwand erblickte: Der Regisseur wäre auf der Suche nach einer passenden Hauptdarstellerin beinahe verzweifelt, sodass er verschiedene Freunde darum bat, mit einer Kamera loszuziehen und Fotos von potentiellen Darstellerinnen zu machen. So wurde Agata Trzebuchowska in einem Warschauer Café entdeckt und bekam die Rolle, obwohl sie bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei schauspielerische Erfahrung besaß.

Leviathan (2014)

Kinoplakat und Szenenbild zu 'Leviathan' Quelle: Wild Bunch Kinoplakat und Szenenbild zu "Leviathan" Originaltitel: Leviafan
Produktionsland: Russland
Regie: Andrey Zvyagintsev

In einer Kleinstadt an der russischen Küste herrscht Korruption und Unterdrückung. Grund dafür ist der Bürgermeister (Roman Madyanov), der vor allem am Hab und Gut des Automechanikers Kolia (Aleksey Serebryakov) interessiert ist. Kolia bittet seinen Freund Dmitri (Vladimir Vdovichenkov), einen Anwalt aus Moskau, um Hilfe, um den Bürgermeister vor Gericht zu stellen.

Mit "Leviathan" zeichnete Andrey Zvyganitsev eine Skizze der russischen Gesellschaft. Ein Aspekt wurde jedoch vom russischen Kulturministerium stark kritisiert: Im Film werden Unmengen an Alkohol getrunken. Um diese Trinkszenen so realistisch wie möglich darzustellen, hatten sich Schauspieler und Regisseur außerdem dazu entschlossen, tatsächlich Hochprozentiges während der Drehs zu verwenden. Das führte auch gerne einmal dazu, dass die Schauspieler so betrunken waren, dass sie die Szene verlassen und der nüchterne Roman Madyanov allein weiterspielen musste.

Welche Filme aus dem fremdsprachigen Raum sind euch in Erinnerung geblieben, was steht noch auf eurer Watchlist? Schreibt es uns gerne in die Kommentare.

Quelle: BFI

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