Komödiantische Kunst aus dem Land des Baguettes

Special Angelina Knauer
Komödiantische Kunst aus dem Land des Baguettes
Quelle: Alamode, Universum, Neue Visionen

Paris, der 28. Dezember 1895: In der Hauptstadt Frankreichs findet die erste öffentliche Präsentation eines Bewegbildes statt. Die Gebrüder Lumiere führen mit Hilfe eines Kinematographen, einem kombinierten Aufnahme- und Vorführgerät, die allererste Großprojektion der filmischen Kunst durch - die Geburtsstunde des Kinos. Heute gehören Filme aus dem Land des Baguettes zu den größten Kassenschlagern Europas. Aber weshalb kommen Werke aus der Grande Nation so gut beim internationalen Publikum an?

Wer erinnert sich nicht an die eindrucksvolle Musik und malerischen Bilder von "Die fabelhafte Welt der Amélie" aus dem Jahr 2001 oder an den urkomischen Pfleger Driss aus der Komödie "Ziemlich beste Freunde", der 2015 ganze 9 Millionen Zuschauer in die deutschen Kinosäle lockte?
Französische Filme haben ihren ganz eigenen Charme. Zum einen ist es der besondere Flair der Provence, der Normandie und natürlich auch von Städten wie Paris oder Straßburg, der eine Sehnsucht beim Kinobesucher auslöst. Der Zuschauer wird aus dem Kinosessel an malerische Orte entführt, sodass Fernweh entsteht - im positiven Sinne natürlich. Zum anderen sind französische Filme dafür bekannt unverblümt und authentisch zu sein. Das Coming-of-Age-Drama "Blau ist eine warme Farbe" (2013) gibt dem Publikum beispielsweise das Gefühl mitten im Geschehen zu sein, ohne sich der typischen Liebesgeschichten-Klischees zu bedienen. Statt mit einer riesigen Portion Kitsch á la Hollywood aufzuwarten, der immer gleich ablaufenden, dramatischen Krise des Protagonisten mit anschließendem Happy End, setzt Frankreich auf realitätsnahe, unverblümte Geschichten und verleiht den Darstellern damit ein authentisches Auftreten. Die französischen Romanzen sind so gegenwärtig und geradeheraus erzählt, dass sich der Zuschauer in den Rollen selbst erkennen. Des Weiteren spielt die Musik oder eben deren Fernbleiben bei Werken der Grande Nation eine besondere Rolle. Sie plänkelt nicht nur als Hintergrundrauschen vor sich hin, sondern ist tongebend für das Gesamtbild und wenn sie nicht unabdingbar ist, dann wird sie schlicht und ergreifend weggelassen. Französische Filme sind ein Kontrastprogramm zu den Hollywood-Blockbustern. Sie nehmen uns auf eine Reise mit, öffnen uns die Augen für kleine Details und haben sich so über die Jahre zu einer Größe des europäischen Kinos gemausert. Wir Deutschen sind vor allem von dem komödiantischen Verständnis unserer westlichen Nachbarn angetan, das zeigen Hits wie "Ziemlich beste Freunde" und "Willkommen bei den Sch'tis".

Damit ihr einen kleinen Überblick habt was Frankreich im Genre Komödie in den letzten Jahren hervorgebracht hat, wollen wir euch heute ein paar Perlen vorstellen. Um nicht die typischen Kassenschlager zu nennen, die ihr wahrscheinlich eh schon kennt, haben wir tief gegraben und dabei den einen oder anderen Schatz entdeckt.

Die brillante Mademoiselle Neïla (2017)

Szenenbild aus 'Die brillante Mademoiselle Neïla' (2018) - Neila wird vor dem gesamten Vorlesungssaal von ihrem Professor verspottet.<br>
  Quelle: SquareOne/Universum Szenenbild aus "Die brillante Mademoiselle Neïla" (2018) - Neila wird vor dem gesamten Vorlesungssaal von ihrem Professor verspottet.
 
Den Anfang macht die zeitgenössische, in der Kalenderwoche 24 erscheinende, Pygmalion-Geschichte "Die brillante Mademoiselle Neïla" (2017). Die junge Neïla hat es geschafft, sie tritt ein Studium an der renommierten Pariser Assas Law School an. Doch dann geht alles schief und sie verspätet sich am ersten Tag und platzt deshalb in die vollbesetzte Vorlesung des zynischen Rhetorik-Professors Pierre Mazard (Daniel Auteuil), der für seine strenge und unbarmherzige Art bekannt ist. Der Dozent nimmt Neïlas Fehlverhalten zum Anlass, um sie vor dem gesamten Hörsaal bloßzustellen. Einige der Studenten filmen jedoch diesen Vorfall und stellen ihn ins Netz. Der Dekan ist gezwungen zu reagieren und stellt den frauenfeindlichen Professor vor die Wahl, entweder er hilft Neïla den jährlichen Rhetorikwettbewerb zu gewinnen oder er verlässt die Fakultät. Schauspieler Yvan Attal ("New York, I Love You") inszeniert bei seiner fünften Regiearbeit ein ungleiches Paar, bestehend aus zwei Dickköpfen, die ihren Stolz schlucken müssen, um miteinander kooperieren zu können und aus ihren Fehlern zu lernen.


Wir verstehen uns wunderbar (2006)

Szenenbild aus 'Wir verstehen uns wunderbar' (2006) - Louis und Alice bei einem Lunch im Restaurant Quelle: Movienet Szenenbild aus "Wir verstehen uns wunderbar" (2006) - Louis und Alice bei einem Lunch im Restaurant Bei Antoine de Caunes "Wir verstehen uns wunderbar" handelt es sich um eine Screwball-Komödie aus dem Jahr 2006, bei der Jean Rechefort und Charlotte Rampling ein verflossenes Liebespaar spielen, das sich nach einer längeren Zeitspanne wiederbegegnet.
In den 1970er Jahren waren der Starregisseur Louis Ruinard und seine Muse, die britische Schauspielerin Alice d'Abanville, das Traumpaar des französischen Films. Die Affären des Filmemachers führten jedoch zu einem abrupten Ende der Liebesgeschichte. Alice verließ das Land und kehrte in ihre Heimat zurück. 30 Jahre nach diesem Ereignis soll Louis eine Auszeichnung für sein Lebenswerk in London entgegennehmen. Ausgerechnet Alice, die nun eine gefeierte Theaterschauspielerin ist, soll bei dieser Verleihung als Laudatorin fungieren. Doch das Wiedersehen reißt alte Wunden auf und stiftet Chaos im Leben des ehemaligen Liebespaares.


Taxi (1998)

Szenenbild aus 'Taxi' (1998) - Daniel und Émilien besprechen sich kurz vor dem Autorennen. Quelle: ARP Sélection Szenenbild aus "Taxi" (1998) - Daniel und Émilien besprechen sich kurz vor dem Autorennen. Daniel (Samy Naceri) arbeitet als Taxifahrer in Marseille. Seine wahre Leidenschaft sind jedoch Autorennen, weshalb er die Stadt zu seiner persönlichen Rennstrecke macht. Aber dann erwischt ihn der kleine Streifenpolizist Emilien (Frédéric Diefenthal) mit einer enormen Tempoüberhöhung und stellt den Raser vor die Wahl: Entweder er verliert seine Taxi-Lizenz oder er spielt einen Monat lang den Chauffeur für den führerscheinlosen Ordnungshüter. Mit Daniels Fahrerkünsten erhofft sich Emilien die gefürchtete Mercedes-Gang, eine Bande deutscher Bankräuber, dingfest zu machen.
Gérard Pirès' Actionkomödie "Taxi" war so erfolgreich, dass vier Fortsetzungen und eine US-Neuverfilmung folgten. Mit Ausnahme von "Taxi 5" (2018), waren Necari und Diefenthal stets in den Hauptrollen der Taxi-Reihe zu sehen.


Liebe mich, wenn du dich traust (2003)

Szenenbild aus 'Liebe mich, wenn du dich traust' (2003) - Sophie und Julien bei der Ausübung ihres Spiels. Quelle: Alamode Szenenbild aus "Liebe mich, wenn du dich traust" (2003) - Sophie und Julien bei der Ausübung ihres Spiels.
Mit der Tragikomödie "Liebe mich, wenn du dich traust" feierte Yann Samuell 2003 sein Regiedebüt. Es ist das normverrückende Schauspiel einer pervertierten Liebe, die mit einem scheinbar harmlosen Geschenk beginnt, das der achtjährige Julien seiner neuen Schul-Freundin Sophie zur Aufmunterung macht. Eine Spieldose, die ihm selbst wichtig ist, weshalb er sie ab und an gerne wieder haben wollen würde. Sophie ist so verdutzt über dieses Rücknahme-Recht, dass sie von Julien verlangt seine Liebe zum diesem Gegenstand zu beweisen. Das ist der Startschuss zu einem Spiel zwischen den beiden, das den Besitzer der Spieldose dazu verpflichtet eine vom Gegenpart gestellte Mutprobe zu erfüllen. Aus den beiden Kindern werden Erwachsene und aus Freundschaft entwickelt sich Liebe. Statt sich diese aber einzugestehen, stellen sich Julien (Guillaume Canet) und Sophie (Marion Cotillard) weiterhin Aufgaben, die immer extremer und existentieller werden. "Top oder Flop" ist die entscheidende Frage.


Lügen & Lügen lassen (2004)

Szenenbild aus 'Lügen &amp; Lügen lassen' (2004) - Raphaël an seinem Arbeitsplatz<br>
  Quelle: EpixMediaAG Szenenbild aus "Lügen & Lügen lassen" (2004) - Raphaël an seinem Arbeitsplatz
 
Raphaël (Edouard Baer) verfasst als Ghostwriter Biografien für Stars und Sternchen. Dadurch kennt er die Geheimnisse der Promis mit denen er diniert und auf glamourösen Partys Cocktails schlürft. Über die Jahre hat dieses Leben für ihn jedoch an Reiz verloren und Raphaël gerät in eine Existenzkrise, aus der ihn weder seine Partnerin Claire noch seine Freunde rausholen können. Dann bekommt er auch noch den Auftrag eine Autobiografie für den Fußballgott Kevin zu verfassen, der die Gehirnkapazität einer Kaulquappe besitzt. Als er jedoch seine erste große Liebe an der Seite des Rasentrottels entdeckt, wendet sich seine Stimmung schlagartig und er ist plötzlich sehr begeistert von seinem neuen Job. Regisseur Laurent Tirard erzählt die Geschichte von einem Mann, der alles hat und noch mehr will.


Angel-A (2006)

Szenenbild aus 'Angel-A' (2006) - Angela steht André bedrohlich gegenüber Quelle: Universum Szenenbild aus "Angel-A" (2006) - Angela steht André bedrohlich gegenüber
Der Film "Angel-A" vereint einige Genres, er ist sowohl ein Actiondrama, als auch eine Komödie und das alles in einer schwarzweißen Phantasiewelt. Der Kleinkriminelle André hat sich über beide Ohren verschuldet und muss nun um sein Leben fürchten. Als einzige Lösung sieht er den Todessprung in die Seine. Während er am Brückengeländer seine letzten Gebete spricht, entdeckt der vom Pech verfolgte Marokkaner die attraktive Angela, die den gleichen Gedanken hegt. Als diese den Absprung wagt, zögert André keine Sekunde und hechtet hinterher, um ihr das Leben zu retten. Aus Dankbarkeit über seine Güte heftet sich Angela an den kleinwüchsigen Marokkaner und plötzlich scheint sich mit Angelas Hilfe auch sein Leben wieder in die richtigen Bahnen einzulenken.


Paulette (2012)

Szenenbild aus 'Paulette' (2012) - Ein Drogenhund reagiert auf den Inhalt von Paulettes Tasche Quelle: Neue Visionen Szenenbild aus "Paulette" (2012) - Ein Drogenhund reagiert auf den Inhalt von Paulettes Tasche
Die 80-jährige Paulette (Bernadette Lafont) lebt in einer zwielichtigen Vorsiedlung von Paris. Seit dem Tod ihres Ehegatten ist die einstige Konditorin für ihre ruppige Art und ihr unausstehliches Wesen bekannt. Nun macht ihr zusätzlich die niedrige Rente zu schaffen und ihr droht der Rauswurf aus ihrem winzigen Apartment. Nur gut, dass der Vorort in dem Paulette haust eine regelrechte Drogenhochburg ist und ihr durch Zufall eine Ladung Haschisch in die Hände fällt. Die grantige Oma beschließt also zu dealen und so aus ihrer Misere zu entfliehen. Mit ihren Backkünsten sticht sie nicht nur die Konkurrenz aus, nein, sie entwickelt sich sogar zur Königin des kultivierten Drogenhandels.
Bei Jérôme Enricos "Paulette" (2012) übernahm die bekannte, französische Schauspielerin Bernadette Lafont die Rolle der taffen Titelheldin, die leider nur eine Woche nach dem deutschen Kinostart der Komödie im Alter von 74 Jahren verstarb.


C'est la vie - Das Leben ist ein Fest (2017)

Szenenbild aus 'Das Leben ist ein Fest' (2018) - Die Hochzeitsgesellschaft richtet den Blick nach oben, zum Spektakel am Himmel. Quelle: Universum Szenenbild aus "Das Leben ist ein Fest" (2018) - Die Hochzeitsgesellschaft richtet den Blick nach oben, zum Spektakel am Himmel.
Wie schon bei dem Comedy-Hit "Ziemlich beste Freunde" (2011), führte auch bei diesem Film das französische Erfolgs-Duo, bestehend aus Eric Toledo und Oliver Nakache, Regie. In diesem Streifen geht es um eine Hochzeit die völlig aus dem Ruder läuft. Der erfolgreiche Hochzeitsplaner Max (Jean-Pierre Bacri) soll die Hochzeitsfeier von Pierre (Benjamin Lavernhe) und Héléna (Judith Chemla) auf die Beine stellen. Was erstmal nach Routine klingt, entwickelt sich zu einer mittelgroßen Katastrophe mit verdorbenem Essen, unprofessionellem Personal, überpeniblen Gästen, einem Stromausfall und zu allem Überfluss kommt noch eine Beziehungsintrige dazu - aber das Fest muss weitergehen.


Die Sch'tis in Paris - Eine Familie auf Abwegen (2018)

Szenenbild aus 'Die Sch’tis in Paris - Eine Familie auf Abwegen' (2018) - Valentin und seine Frau<br>
  Quelle: Concorde Szenenbild aus "Die Sch’tis in Paris - Eine Familie auf Abwegen" (2018) - Valentin und seine Frau
 

Nach dem großen komödiantischen Erfolg von dem französischen Film "Willkommen bei den Sch'tis" (2008), bringt Dany Boon, der erneut für Drehbuch und Regie zuständig war und wieder in einer Hauptrolle zu sehen ist, nach zehn Jahren eine Quasi-Fortsetzung aufs Parkett. Dieses Mal geht es um Valentin (Dani Boon), einen Pariser Architekten, der sich seiner Sch'ti-Wurzeln entsagt hat und fortan als kultivierter Hauptstädter mit einer wunderschönen Frau an seiner Seite lebt. Diese Rechnung hat er jedoch ohne seine Familie gemacht, denn diese beschließt ihren Spross in der Großstadt zu besuchen, was zu einigen Komplikationen bezüglich der Geheimhaltung seiner Herkunft führt. Dany Boon erneut als kauziger Hinterweltler mit Sch'ti-Akzent.

Das ist unsere kleine Sammlung der französischen Komödien, die einen Blick wert sind. Habt ihr die eine oder die andere auch schon gesehen? Was ist euer liebster französischer Film? Schreibt uns.

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