Wir blicken zurück auf den Kultklassiker und zeigen, was ihn auch zwölf Jahre später noch zu einem irren Erlebnis macht!
Special
Wir blicken zurück auf den Kultklassiker und zeigen, was ihn auch zwölf Jahre später noch zu einem irren Erlebnis macht!
Rhythmus im Blutbad
Wie das alles aussieht und vor allem wie es sich anhört, macht das Erlebnis aber erst komplett. Hotline Miami ist bunt, es flimmert, blinkt und wackelt wie ein psychedelischer Albtraum. Die Pixel-Optik bewahrt die Gewalt gerade noch davor, in die Geschmacklosigkeit abzudriften, und auch die Top-Down-Perspektive stellt eine gewisse Distanz zu unseren Taten her.
Jacket und die Männer in den Anzügen sind entmenschlichte Figuren ohne Gesichter. Wenn wir uns zwischen den Stages mit jemandem unterhalten und ihm in die Augen sehen können, gibt der Artstyle ihm eine groteske Fratze, egal, ob er Freund oder Feind ist. Hotline Miami will uns nicht abstoßen, aber es will auch nicht, dass wir uns wohlfühlen.
Wie seinem Publisher verhalf das Spiel auch einigen der Künstler auf dem Soundtrack zum Durchbruch. Die Musik ist perfekt auf die Situationen abgestimmt: In den Stages werden wir von schnellen Beats zum schnellen Kämpfen angestachelt, dazwischen hören wir entspannte oder abgründige Tracks, je nachdem, welche Stimmung gerade erzeugt werden soll. Die Songs laufen auch weiter, wenn wir mal wieder ins Gras beißen, wodurch jede Stage wie aus einem Guss wirkt.
Inzwischen bekannt gewordene Künstler wie M|O|O|N wurden von Söderström und Wedin auf Bandcamp ausfindig gemacht, als sie nach Musik suchten, die dem Soundtrack eine filmische Note geben sollte. Das Vorhaben ist geglückt. Hotline Miami klingt, wie es sich anfühlt. Wie Neon, Nostalgie und Narkose.
Die Elefantenmaske im Raum
Und dieses Spiel, dieser durchgestylte Trip, bei dem uns vom Combozähler bis zur Musik alles anspornt, immer mehr und immer schneller Menschen zu töten - das soll eine Aussage über virtuelle Gewalt treffen?
Nein. Aber es soll eine Frage aufwerfen.
Hotline Miami liefert zwar einen Story-Kontext für sein Gameplay, aber der offenbart sich nur, wenn wir ein winziges Puzzleteil in jeder Stage finden und am Ende ein Passwort daraus machen.
Der Organisator des ganzen Schlachtfests ist eine Gruppe von Ultranationalisten namens 50 Blessings, die einen tiefen Hass gegen Russland und seine Zusammenarbeit mit der US-Regierung hegen. Die Leute, die sie anrufen, werden mit Drohungen dazu gebracht, massenhaft russische Gangster zu töten, die alle denselben Dresscode befolgen: weiße Anzüge. Die Leute am anderen Ende der Hotline sind zwei als Hausmeister getarnte Psychopathen, die den Entwicklern Söderström und Wedin frappierend ähnlichsehen.
Wie desinteressiert das Spiel daran ist, uns eine Moralpredigt zu halten, fasst einer der beiden treffend zusammen: "Wen kümmern schon die ganzen Toten? War doch eh alles Abschaum."
Unsere Spielfigur Jacket erfährt diese Details nicht einmal. In den letzten Kapiteln schlüpfen wir in die Rolle eines anderen Killers, der wissen wollte, von wem er eigentlich angerufen wurde. Jacket hat mitgemacht, ohne zu hinterfragen, und damit ist er uns vor dem Bildschirm nicht unähnlich. Zumindest, solange wir im Flow des Spiels gefangen sind.
Wir haben beschrieben, wie uns Gameplay und Musik in diesen Flow versetzen, aber einen besonderen Kniff haben wir bisher außen vorgelassen. Sobald der letzte Gegner einer Stage erledigt ist, endet der Rausch nämlich sofort. Das Vinyl wird vom Plattenteller gerissen und wir müssen uns Etage für Etage ansehen, was wir gerade veranstaltet haben.
Keine aufblinkenden Punkte mehr, die die sterbenden Menschen verdecken, keine Musik, die brechende Schädel und zerfetzende Schüsse übertönt. Wie wir das wahrnehmen, ob wir nun Abscheu oder vielleicht sogar Stolz empfinden, kümmert das Spiel dabei herzlich wenig. Es will nur, dass wir uns damit auseinandersetzen.
Macht es dir Spaß, andere Menschen zu verletzen? Diese Frage wird Jacket am dunkelsten Ort gestellt, den wir in Hotline Miami zu Gesicht bekommen: seinem Verstand. Von einem Teil seiner selbst, der eine Hahnenmaske trägt, und der keine Antwort darauf erwartet.
Die Frage verschwindet schnell wieder aus unserem Kopf, wenn wir beim nächsten Durchgang ausprobieren, wie die Finisher-Animation unserer neuen Waffe aussieht oder versuchen, uns noch effizienter durch die Stages zu schlagen.
Wenn wir das nächste Actionspiel einlegen und einem virtuellen Menschen in den Kopf schießen, ist es unwahrscheinlich, dass uns die Hahnenmaske noch behelligt. Der Verstand verdrängt eben gerne, was ihm unangenehm ist. Und darunter fällt auch, sich einzugestehen, dass die meisten von uns Hotline Miamis Frage mit "ja" beantworten müssen.
