Wir blicken zurück auf den Kultklassiker und zeigen, was ihn auch zwölf Jahre später noch zu einem irren Erlebnis macht!
Nightcall
Hotline Miami spielt im Jahr 1989 in der titelgebenden Stadt, von der wir in der Rolle des stummen Protagonisten aber nur die dunkelsten Ecken zu Gesicht bekommen. Jacket, wie er von Fans getauft wurde, erhält seltsame Anrufe, die ihn dazu auffordern, an verschiedene Orte zu fahren und Alltagsdinge zu erledigen.
Mal soll auf unartige Kinder aufgepasst werden, mal wird er zur Schädlingsbekämpfung gerufen, oder ihm wird ein Date in Aussicht gestellt, das er irgendwo in Miami treffen soll. Beim ersten Klingelstreich legen ihm die Anrufer noch ein Paket mit einer Hahnenmaske vor die Tür. Die kann Jacket gut gebrauchen, denn für das, was er an den Zielorten dann eigentlich veranstalten soll, macht man sich lieber unkenntlich.
Uns erwarten Gebäude voller weiß gekleideter Schläger, und wir können nicht wieder ins Auto steigen, bevor nicht das Blut eines jeden einzelnen die Inneneinrichtung tapeziert. Das Prinzip ist schnell erklärt: Wir steuern Jacket aus der Vogelperspektive, sammeln verschiedenste Waffen auf und bahnen uns einen Weg durch die Etage.
Das Besondere dabei: Wir und die meisten Gegner segnen nach einem einzigen Treffer das Zeitliche. Wenn es uns erwischt, was jederzeit und in Sekundenbruchteilen passieren kann, landen wir sofort wieder am Anfang der aktuellen Etage. Die weißen Anzugträger reagieren zwar nicht auf Leichen, aber wenn wir eine Knarre abfeuern oder eine Sichtlinie besteht, kommen sie sofort auf uns zugestürmt - egal, ob sie uns gerade den Rücken zudrehen oder nicht.
Er ist der Mann, der Pixel schlägt und dabei Gummimasken trägt
Ein gnadenlos tickender Combo-Zähler spornt uns an, möglichst viele Pixelmännchen in einem Rutsch niederzumähen. Gute Scores fügen den Levels neue Waffen hinzu und auch neue Masken gibt es zu finden. Dass Exemplare wie Toni der Tiger, der auch unsere Fäuste zu One-Hit-Kills macht, so overpowered sind, könnte daran liegen, wie die Masken-Perks überhaupt ins Spiel gekommen sind.
Der Legende zufolge hatten sie nämlich nur eine kosmetische Funktion, bis sich Nigel Lowrie von Devolver Digital in einem Interview verplapperte und Gameplay-Features versprach, die Dennaton dann hastig ins Spiel programmieren musste. Eine der nutzlosesten Masken ist dementsprechend die Fledermaus Nigel, die die Steuerung invertiert und Hotline Miami so gut wie unspielbar macht.
Für ein Achievement, das genauso heißt wie der Devolver-Mann, müssen wir uns auf diese Weise durch eine Stage quälen. Na, vielen Dank auch, Nigel!
Viele andere Masken sind dafür Gold wert, vor allem für neue Spieler, denn Hotline Miami verzeiht kaum einen Fehler. Wir sind tot, wenn wir unsere Waffe ein paar Frames zu spät schwingen oder ein paar Pixel zu weit vom Gegner entfernt stehen. Wir sind tot, wenn unsere Shotgun am Ziel vorbeistreut. Wir sind tot, wenn wir ein paar Fensterscheiben passieren und uns jemand am anderen Ende der Etage dabei ins Visier nimmt.
Auch für Hotlines eigene Fehlerchen werden wir bestraft. So bleibt Jacket gerne am kantigen Leveldesign hängen und sich auf die Lock-On-Funktion zu verlassen, ist, wie Kopf oder Zahl mit dem Sensenmann zu spielen. Kämpfe in der Nähe der unzerstörbaren Türen gehen auch selten gut aus, denn deren Physik haben wir selbst nach vielen dutzend Stunden nicht begriffen - wenn's blöd läuft, schlucken sie genau den Angriff, der uns eigentlich den Hintern retten sollte.
Ein Spiel für den Betäubungsmittelkatalog
Dass wir uns aber auch nach dem zwanzigsten Tod noch verbissen durch die Levels kämpfen, liegt an der puren Sogwirkung, die Hotline Miami ausübt. Jede Etage ist wie ein tödliches Puzzle, das wir nicht nur mit Reflexen, sondern vor allem mit Köpfchen lösen. Wir merken uns, wo die Anzugträger entlanglaufen, locken sie mit Schüssen in ihr Verderben und decken jede Sichtlinie ab.
Hotline Miami verlangt einiges an Trial and Error, bis eine Stage verinnerlicht ist, aber durch die blitzschnellen Respawns wird dem Game Over der Schrecken genommen. Wenn wir die A+-Bewertung abstauben wollen, sollten wir die ganze Etage in einer einzigen Combo abschließen.
Über die vielen, vielen, vielen Versuche hinweg spielen wir immer kompromissloser, gehen immer mehr Risiken ein, werfen unser virtuelles Leben ohne nachzudenken in den Fleischwolf. Wir werden zu genau der triebgesteuerten Killermaschine, die die Leute am anderen Ende der Hotline bestellt haben.
