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Die Geschichte meines ersten PCs, Teil 1: Warten aufs Christkind

Autor Sebastian Göttling erzählt aus seiner Jugend und davon, was wohl viele Leser mit ihm teilen: Die nostalgische Erinnerung an seinen ersten Spiele-PC!
Sebastian GöttlingLukas Schmid
Quelle: Christian Höfer

Im Gegensatz zu Simon war Christian einer dieser untypischen Jugendlichen, die sich für Computerspiele kaum interessierten. Das spiegelte sich auch in seinem Rechner wider, der kein spieltaugliches Monster war, sondern schwachbrüstiger daherkam: Ein 386er mit deutlich geringerem Arbeitsspeicher, ohne Soundkarte oder anderem Schnickschnack, dafür mit einem für damalige Verhältnisse schon vorsintflutlichen Diskettenlaufwerk in der Größe 5¼ Zoll - zusätzlich zu einem 3½-Zoll-Laufwerk.

Christians Faszination mit dem PC war stets das Nerdtum in seiner vielleicht unverfälschtesten Art: Er war und ist fasziniert von Anwendungsprogrammen wie Textverarbeitungen zum schriftlichen Festhalten der Tagesereignisse, aus denen ich soeben zitierte, aber auch von Datenbank-Programmen zur Katalogisierung von Musik-CDs oder Astronomie-Programmen oder Straßenatlanten oder Übersetzungsprogrammen oder Rechtschreibdatenbanken.

Von diesen Programmen brauchte Christian in seinem täglichen Leben als Mittelstufenschüler nur die allerwenigsten akut, aber in seinem Forscherdrang liebte er es, darin herumzustöbern, die unterschiedlichsten Möglichkeiten auszuprobieren, vor allem aber auch die Programme an ihre Grenzen zu bringen und ihre Funktionsweisen in unvorhergesehenen Arten und Weisen zu verwenden, mit oft faszinierenden und ulkigen Ergebnissen.

Immer, wenn ich ihn besuchte, potenzierte sich unser beider Nerdtum zu beinahe ekstatischer Albernheit und der Experimentierkasten PC wurde für uns einer Art Comedy-Maschine - und das lediglich unter Zuhilfenahme staubtrockener Anwendungsprogramme.

Vielleicht war ich so eine Art Mittelding zwischen Simon und Christian, denn ich spielte zwar gerne, war aber nie ein Gaming-Ultra, und ich war auch fasziniert von abstrusen Anwendungen. Auch wenn mir im Gegensatz zu Christian die Geduld fehlte, beispielsweise in einem 3D-Vektorprogramm die Umrisse meines eigenen Zimmers darzustellen.

Und dennoch war mir klar, dass diese Art des Homecomputings eine Tür für mich aufstoßen würde, die weit über das hinausging, was mir mein zwar liebgewonnener, aber dennoch biblische sechs Jahre alter C64 bieten konnte. Ob es wohl möglich wäre, irgendein Mittelding zwischen dem High-End-Rechner Simons und Christians Möhre zu bekommen?

Etwas, das einigermaßen erschwinglich war für meine Eltern und vielleicht eine Kombination aus Geburtstags- und Weihnachtsgeschenk darstellen könnte?

Doch erst einmal wurde mir dieser Zahn am 25. November 1993 gründlich gezogen. Ich zitiere aus meinen eigenen Aufzeichnungen und stelle damit die dritte Person vor, die verantwortlich dafür ist, dass ich unbedingt einen PC haben wollte:

"[Ich ging zu meinem Patenonkel Rainer], um etwas vorbeizubringen. [...] Da ich noch Zeit hatte, schlug er vor, dass er mir in zehn Minuten seinen PC vorstellte. Da hatte ich natürlich überhaupt nichts gegen. Er zeigte mir 'Maniac Mansion 2 - Day of the Tentacle' (englische CD-ROM-Version mit Sprachausgabe), das Intro von 'The 7th Guest', zwei Werbespots (Dinosaurier-Telekom und Audi), den 'Jurassic Park'-Kinotrailer, das Intro von 'X-Wing', eine Enzyklopädie, Videodat, Photo-CD, das vom PC gesteuerte Fax und Telefon usw., sodass aus den vorgesehenen zehn Minuten ganze 1½ Stunden wurden. Gegen 21.40 Uhr holte meine Mutter mich ab, da mein Vater sich bereits Sorgen machte."

Rainer und seine Frau waren ein sogenanntes DINK-Pärchen, also Double Income No Kids. Deswegen war es für ihn durchaus erschwinglich, seine Technologieleidenschaft zu befriedigen und immer die neuesten Computer zu Hause stehen zu haben.

Praktisch jedes Jahr fand ein gerade erst auf der Cebit vorgestelltes Gerät den Weg in die beeindruckende Technikecke seines Wohnzimmers, für mich ein unbegreifliches Wunderland.

Bei Onkel Rainer sah ich seinerzeit auch erstmals einen Commodore Amiga. Doch was Rainer hatte, ging nicht nur technisch, sondern auch budgetmäßig weit über unsere Möglichkeiten hinaus. Angefixt war ich aber auf jeden Fall und schien auch, obwohl es gerade mal nur noch ein Monat bis zum Weihnachtsfest war, erst jetzt meinen endgültigen Geschenkwunsch gefasst zu haben.

Irgendwie musste ein PC drin sein! Das fand anscheinend auch mein Vater und so waren wir beiden fünf Tage später dazu inspiriert, in der Innenstadt auf Suche zu gehen. Aus meinen Aufzeichnungen: "Wir sahen uns bei Saturn, Quelle, Vobis und Allkauf nach einem geeigneten PC (486er, 250 MB Festplatte, 66 MHz, 8 MB RAM, SVGA, Windows 3.1, DOS 6, nicht zu teuer) um, fanden aber nichts Gescheites. Am Abend telefonierte mein Vater mit Rainer."

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