Nach Cyberpunk jetzt GTA Trilogy: Wir müssen den großen Studios misstrauen

Kolumne Lukas Schmid
Nach Cyberpunk jetzt GTA Trilogy: Wir müssen den großen Studios misstrauen
Quelle: PC Games

Es kann nicht alles spitze sein, ganz so schlecht wie die GTA Trilogy oder Cyberpunk auf Konsolen ist dann aber doch übertrieben. Redakteur Lukas Schmid meint: Gesundes Misstrauen ist angesagt.

Kennt ihr Strauss Zelnick? Der gute Mann ist Chef von Take-Two, dem Unternehmen gehört unter anderem auch GTA-Entwickler Rockstar Games.

In ebendieser Funktion verlautbarte Zelnick im März dieses Jahres, dass Perfektion bei der Spieleentwicklung unabdingbar sei. Das war eine direkte Reaktion auf den völlig versemmelten Launch von Cyberpunk 2077 von CD Projekt Red. Er hielt da nicht mit Kritik hinterm Berg.

Tja, manche Aussagen altern wie guter Wein. Andere hingegen wie Joghurt auf dem Fensterbrett im Hochsommer. Und mit Blick auf den Launch der GTA Trilogy mit dem fast schon sarkastischen Zusatz Definitive Edition war diese Aussage ein ganz klarer Griff in die Sch- ähm, ins Joghurt.

Bugs noch und nöcher. Abstürze. Gameplay-Fehler. Generell einfach eine richtig, richtig schlampige Entwicklung. Wenn das für Strauss Zelnick Perfektion ist, will ich nicht wissen, was für ihn eine schlechte Umsetzung ist. Es wäre CD Projekt Red nicht zu verdenken, hätten sie sich nach diesem Katastrophen-Release gehörig ins Fäustchen gelacht.

Abgehalfterter Rockstar

Nach Cyberpunk jetzt GTA Trilogy: Wir müssen den großen Studios misstrauen (7) Quelle: Rockstar Games Nach Cyberpunk jetzt GTA Trilogy: Wir müssen den großen Studios misstrauen (7) Aber wie kann das sein? Sowohl bei CD Projekt Red als auch bei Take-Two, oder genauer eben bei Rockstar Games? Das sind doch die "Guten" oder? Die, die auf die Fans hören? Die so viel Mühe in ihre Spiele stecken, dass die 10/10 als Wertung quasi gesetzt ist?

Ich glaube, es ist wichtig, sich gewahr zu werden: Große Spieleunternehmen und große Unternehmen generell sind nicht unsere Freunde. Auch nicht unsere Feinde, nicht falsch verstehen. Ja, es gibt furchtbare Strukturen und Probleme in Firmen. Das haben zuletzt Ubisoft und vor allem Activision mit ihren verachtenswerten Sexismus-Skandalen bewiesen.

It's all about the money

Nach Cyberpunk jetzt GTA Trilogy: Wir müssen den großen Studios misstrauen (5) Quelle: buffed Nach Cyberpunk jetzt GTA Trilogy: Wir müssen den großen Studios misstrauen (5) Aber: Schlussendlich geht es aber, hurra Kapitalismus, natürlich ums Geld. Und das ist nicht per se verwerflich, sondern halt erst einmal Fakt. Dieser Fakt ist aber halt schwer auf einen Nenner mit der romantisierten Verklärung von den "guten" Herstellern zu bringen.

Was nicht heißt, dass die Firmen nicht sehr darauf erpicht sind, den Spielern ihre Wünsche von den Lippen abzulesen. Ja, Witcher 3 wurde grandios mit DLCs versorgt, viele davon gratis. Aber nicht, weil da gute Samariter werkeln, die sich für die Fanbase aufopfern. Nein, das ist auch nichts Anderes als eine Werbestrategie, kein Selbstzweck.

Der Ruf der "guten" Firma ist bares Geld wert, er sorgt für höhere Verkäufe, besseres Medienecho, dafür, dass kleinere Fehler eher mal verziehen werden.

Unangenehmer Nebeneffekt: Dadurch wird die Fallhöhe aber natürlich auch deutlich ausgebaut.

Willkommen am Boden

Nach Cyberpunk jetzt GTA Trilogy: Wir müssen den großen Studios misstrauen (6) Quelle: Electronic Arts Nach Cyberpunk jetzt GTA Trilogy: Wir müssen den großen Studios misstrauen (6) CD Projekt Red, Rockstar, davor Blizzard, Bethesda und viele andere: Die ehemaligen bis Gerade-noch-so-Publikumslieblinge sind in ihrer Struktur nicht anders als Ubisoft, Electronic Arts, Activision und, und, und. Also, hoffentlich schon anders auf die Sexismus-Skandale bezogen. Wäre das überall Standard, hätten wir ein richtiges Problem.

Aber eben, was ihre Funktionsweisen angeht. Und wenn man dann doch mal den einfachen Weg gehen will, weil eine weitere Verschiebung nicht finanziell tragbar ist, man aber zum Launch möglichst viele Einheiten eines Spiels absetzen will: Ja, dann werden halt mal keine Testmuster rausgegeben oder die technisch besonders blamablen Versionen zurückgehalten.

Der Aufschrei ist entsprechend größer als bei einem eher enttäuschenden Battlefield 2042, das ja auch mit genug Problemen zu kämpfen hat. Aber ist ja EA, da ist das dann nur eine Kritik unter vielen.

For the players?

Nach Cyberpunk jetzt GTA Trilogy: Wir müssen den großen Studios misstrauen (3) Quelle: Rockstar Games Nach Cyberpunk jetzt GTA Trilogy: Wir müssen den großen Studios misstrauen (3) Dass bei Rockstar und Co. nicht gütige Gebernaturen die Management-Zügel in der Hand haben, sollte ja auch schon dadurch klar sein, welche Berichte es da über alle die genannten Studios schon gab, bevor sie ihren Good-Guy-Ruf einbüßten.

Blizzard und Bethesda, vor allem aber Rockstar und CD Projekt Red: Bei allen gibt es glaubhafte Berichte zu ausbeuterischem Verhalten, harten und ewiglangen Crunch-Phasen, Drohungen und ständiger Angst der Angestellten auf niedrigeren Ebenen, ihre Jobs zu verlieren. Ein Wohlfühlort sieht anders aus.

Nicht falsch verstehen, auch bei kleinen Studios und Indies kann es schlimm zugehen und auch die verkaufen sich freilich als Marke. Aber: Dort ist die nicht absolute Fixierung auf Profit natürlich noch wesentlich wahrscheinlicher und glaubwürdiger.

Gesunde Skepsis

Was ist die Moral aus der Geschicht'? Nicht unbedingt, dass man Spiel A oder B nicht mehr kaufen oder genießen soll, solange man das mit sich selbst moralisch vereinbaren kann. Aber, dass man aufpassen sollte, der Romantisierung kapitalistisch agierender Unternehmen nicht zu verfallen. Auch das absolute Lieblingsstudio kann mal Mist abliefern oder eine wirklich miese Nummer drehen.

Das meine ich nicht als lodernde Kampfrede gegen den Kapitalismus, sondern finde ich als Selbstschutzmaßnahme wichtig.

Keine Spiele vorbestellen, Entscheidungen hinterfragen, sich mal denken: Würde ich diese oder jene Sache auch in Ordnung finden, würde sie bei Electronic Arts oder Ubisoft geschehen?

Das Ergebnis: Die Chance, dass man von einem Spiel enttäuscht ist oder sich gar betrogen fühlt, sinkt deutlich. Und: Studios und Publisher kommen mit krummen Nummern weniger leicht davon.

Und davon profitieren nicht nur wir, sondern auch die einfachen Angestellten dort. Die Entwickler, die Programmierer, die Gestalter, denen wir die Spiele, die wir lieben, ja schlussendlich eigentlich verdanken.


Über den Autor

Nach Cyberpunk jetzt GTA Trilogy: Wir müssen den großen Studios misstrauen (1) Quelle: Lukas Schmid Nach Cyberpunk jetzt GTA Trilogy: Wir müssen den großen Studios misstrauen (1) Lukas Schmid arbeitet seit 2010 in unterschiedlichen Funktionen bei Computec Media und damit bei PC Games, zuerst als Praktikant, anschließend als freier Mitarbeiter, dann als Volontär, Redakteur und inzwischen als Leitender Redakteur für pcgames.de, videogameszone.de, gamesaktuell.de und gamezone.de. Er liebt Action, Adventure, Action-Adventures, Shooter, Jump & Runs, Horror und Rollenspiele, mit Strategietiteln, den meisten Rogue-likes und Militärsimulationen kann man ihn jagen. (Fast) jeden Samstag um ca. 09:00 Uhr teilt er euch in seiner Kolumne mit, was ihn gerade wieder nervt oder freut. Hasskommentare und Liebesbriefe gerne in die Kommentare unter der Kolumne, an [email protected] oder auf Twitter an @Schmid_Luki.


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