Grand Theft Auto: The Trilogy - The Definitive Edition: Wie konnte das so schiefgehen?

Special David Benke
Grand Theft Auto: The Trilogy - The Definitive Edition: Wie konnte das so schiefgehen?
Quelle: Rockstar

Hässliche Grafik, Bugs en masse und rekordverdächtige Negativwertungen auf Metacritic: Der Release von GTA: The Trilogy - The Definitive Edition war für Rockstar Games ein ziemliches Desaster. Aber wie konnte es eigentlich überhaupt so weit kommen? Wir gehen im Special mal den möglichen Ursachen auf den Grund.

Wie mache ich auf einen Schlag den Ruf einer heißgeliebten Spiele-Serie zunichte und gleichzeitig auch noch Millionen von Fans unfassbar sauer? Die Antwort auf diese Frage hat Rockstar Games gefunden, als das Studio am 11. November Grand Theft Auto: The Trilogy - The Definitive Edition auf den Markt gebracht hat. Die gebündelte Neuauflage von GTA 3, Vice City und San Andreas war zum Launch vollkommen verbuggt, verschwand vorübergehend aus dem Verkauf und wurde schließlich auf Metacritic mit Negativwertungen überschüttet.

Mit 0,5 hat die Trilogie einen der miesesten User Scores aller Zeiten, noch schlechter als Warcraft 3 Reforged! Ein ziemlicher Katastrophen-Release also. Aber wie konnte das Alles so grandios in die Hose gehen? Wir begeben uns in diesem Special mal auf Spurensuche.

Habt ihr denn nichts aus Cyberpunk gelernt?

Wenn man auf die Zeit vor dem Release zurückblickt, hätte man eigentlich schon ahnen können, dass mit der Remaster-Trilogie was im Argen liegt. Einige "red flags" fielen nämlich schon recht früh auf. Da wäre zum Beispiel der Umstand, dass es selbst einen Tag vor der geplanten Veröffentlichung noch immer kein offizielles Gameplay-Material aus den Spielen gab. Klar, ein paar geleakte Szenen tauchten schließlich im Netz auf. Rockstar selbst beschränkte sich allerdings auf Twitter-Gifs und YouTube-Trailer. Die legten den Fokus dann vor allem auf die überarbeiteten Cutscenes. Richtiges Gameplay bekamen wir nie mehr als fünf Sekunden am Stück zu sehen. So wusste eigentlich niemand, wie genau das fertige Spiel denn nun eigentlich aussehen würde. Mit Blick auf das Debakel rund um Cyberpunk 2077 hätte man spätestens hier misstrauisch werden sollen.

Die Screenshots, die Rockstar vor dem Release veröffentlichte, spiegeln leider nicht die finale Grafikqualität wider. Quelle: Rockstar Games Die Screenshots, die Rockstar vor dem Release veröffentlichte, spiegeln leider nicht die finale Grafikqualität wider. Und wenn nicht da, dann doch wenigstens beim No-Name-Entwickler Grove Street Games, von dem die meisten Spieler wohl noch nie was gehört hatten. Das könnte auch daran liegen, dass das Team bis August 2020 noch War Drum Studios heiß. Warum das plötzliche Rebranding? Böse Zungen würden behaupten, um die nicht ganz so glorreiche Firmen-Vergangenheit zu verschleiern. War Drum hatte nicht unbedingt den besten Track Record: Vollwertige Spiele entwickelte man nie, meist nur Ports bereits veröffentlichter Titel - zum Beispiel auch von GTA 3, GTA Vice City und GTA San Andreas. Die wurden zwischen 2011 und 2013 auf Xbox 360, PS3 und Smartphones gebracht. Und zwar in einem ziemlich bemitleidenswerten Zustand.

Die meisten Verbesserungen waren eher halbherziger Natur. Neue Shader verpassten dem Spiel einen seltsam schimmernden Look, so als habe man Charaktere und Spielwelt in Öl getaucht. Außerdem gab es plötzlich keine analoge Steuerung mehr, weil das Bedienschema ja auch auf dem Smartphone funktionieren musste. Dazu gesellten sich zahlreiche Bugs, die es in den Originalen noch nicht gegeben hatte. Spielabstürze, kaputte Speicherstände und Performance-Probleme rundeten die Katastrophe stimmungsvoll ab.

Outsourcing an die KI

Es war also kein gutes Vorzeichen, dass sich Grove Street Games nochmal an einem GTA versuchen durften. Und dann zogen sie auch noch ausgerechnet die Mobile-Ableger als Basis für die Definitive Edition heran. Die Versionen für Android und iOS wurden einfach mit Hilfe der Unreal Engine 4 neu aufgebaut. "Im Grunde haben wir die Physik-Engine des Original übernommen", erklärte Rockstar-Producer Rich Rosado im Interview mit The Gamer. "Es ist der exakt selbe Game Code" - mit all seinen Problemen, Bugs und Glitches, die es auch vor zig Jahren schon gab. Wenn ihr in GTA San Andreas auf einem Quad unterwegs seid und dann nach hinten schaut, springt euch etwa immer noch CJs entstellte Fratze entgegen.

Beim Quadfahren durch San Andreas hat Protagonist CJ wohl besonders viel Spaß. Quelle: PC Games Beim Quadfahren durch San Andreas hat Protagonist CJ wohl besonders viel Spaß. Doch auch da, wo tatsächlich Änderungen vorgenommen wurden - also vornehmlich bei der Grafik - gibt es Fehler am laufenden Band. Nicht falsch verstehen: Einige Dinge haben Grove Street Games tatsächlich verbessert. Zahlreiche Assets des Originals wurden durch Pendants aus GTA 5 ausgetauscht. So sehen Bäume und Blätter jetzt deutlich besser aus. Auch die Beleuchtung wirkt deutlich natürlicher.

An vielen Stellen haben die Macher aber offensichtlich die schnelle und billige Variante gewählt: Für bereits existierende Assets nutzte Grove Street Games einfach ein KI-Programm, das die Texturen der Spiele automatisch hochskalierte. Gegebenenfalls wurde händisch nachgebessert, denn "die KI hasste Schilder und brachte ihre Beschriftung immer ordentlich durcheinander", so die Producer. Das sieht man auch im fertigen Spiel noch recht gut, denn die Entwickler haben bei weitem nicht alle Rechtschreibfehler entfernt. Allein beim Musik-Shop "Screamin' Colins Guitar" aus Vice City stechen einem gleich mehrere Vertipper auf einmal ins Auge.

Dunkle Wolken ziehen auf

Dazu kommt der furchtbare Regen, der so dicht vom Himmel fällt, dass es gerade nachts beinahe unmöglich ist, überhaupt irgendetwas zu sehen. Hier liegt die Vermutung nahe, dass die Entwickler einfach eine Art Grafik-Effekt über das Gameplay gelegt haben, der stur eurer Spielfigur folgt. So als hättet ihr dauernd eine schlechtgelaunte Gewitterwolke über dem Kopf.

Das würde auch erklären, warum es teilweise sogar in Garagen oder Tunneln tropft. Oder warum es bei Gewittern regelmäßig zu Darstellungsproblemen kommt. Wenn der Regen-Effekt auf Wassermassen im Hintergrund trifft, sorgt das für hässliche Grafikprobleme. Aber auch die Performance leidet unter dem miesen Wetter. Framedrops und Freezes sind keine Seltenheit. Insgesamt ist die Definitive Edition in einem miesen technischen Zustand - egal, ob auf der Nintendo Switch oder einem PC mit High-End-Grafikkarte.
Der Regen in der GTA-Trilogie ist ein echtes Ärgernis. Quelle: PC Games Der Regen in der GTA-Trilogie ist ein echtes Ärgernis.

Fuck-Up Deluxe

Das war aber tatsächlich nicht der Grund, warum Rockstar das Spiel dann zwischenzeitlich aus dem Verkauf nehmen musste. Der tatsächliche Anlass ist sogar noch viel dümmer: Wie Dataminer entdeckten, hatten Grove Street Games einfach beim Code geschlampt. Ein paar Beispiele: Während einige Musikstücke aus Lizenzgründen aus der Remaster-Trilogie gestrichen wurden, sind viele andere tatsächlich noch immer vorhanden. Sie wurden einfach nur behelfsmäßig durch ein Skript deaktiviert, damit sie nicht mehr im Radio laufen. Dieses Skript funktionierte nur leider nicht besonders gut, sodass Spieler sogar Lionel Ritchies "Running With the Night" zu hören bekamen. Das war zum ursprünglichen Release von GTA San Andreas eigentlich exklusiv dem Soundtrack der Playstation-2-Version vorbehalten.

Noch pikanter ist der Umstand, dass die Game Files der Definitive Edition diverse Entwicklernotizen und Tools enthalten. So wissen wir jetzt zum Beispiel, dass Prawn Island aus GTA Vice City intern nur Porn Island genannt wurde. Dass ein gewisser Neil aus dem Entwicklerteam auf Kräne steht. Oder dass Überbleibsel des berüchtigten Hot-Coffee-Minispiels sogar noch in der Remaster-Trilogie zu finden sind.

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Die Spitze der Unfähigkeit ist aber wohl die Tatsache, dass im Quellcode der Neuauflage sogar eine Version des main.scm Files steckt, das alle Scripte von GTA III, Vice City and San Andreas beinhaltet. In ihm befindet sich quasi das Fundament für alle Spielmechaniken. Der heilige Gral für jeden Modder, für die Macher ein weiteres peinliches PR-Debakel.

Ist der Ruf erst ruiniert...

Insgesamt muss man festhalten: Rockstar Games hat sich mit der Definitive Edition nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Zumal zum Release auch noch die Originale der GTA-Klassiker aus dem Store entfernt wurden und man per Copyright-Klage zahlreiche Mods aus dem Netz verbannte. Man trieb Fans also quasi dazu, die verbuggte Neuauflage zu kaufen, obwohl man offensichtlich von den eklatanten Problemen wusste. Warum sonst hätte man das Review Embargo auf den Release-Tag gelegt und Testmuster erst kurz vor knapp verteilt. Das hat alles den bitteren Beigeschmack eines skrupellosen Cash Grabs. Hier sollte mit möglichst wenig Arbeit, möglichst viel Geld gemacht werden - auf kosten ausgehungerter GTA-Fans. Eine ganz schön miese Nummer.

Rockstar hat sich zwar mittlerweile in einem öffentlichen Statement entschuldig. Die Trilogie sei nicht in einem Zustand veröffentlicht worden, der den eigenen Qualitätsansprüchen genüge, heißt es. Zur Wiedergutmachung wurden zudem zahlreiche Patches angekündigt und auch die Originale der GTA-Klassiker sind wieder auf Steam verfügbar. Der Schaden ist aber angerichtet. Und er wird so schnell auch nicht vergessen werden. Denn mit der Definitive Edition hat man Spielern weltweit vor Augen geführt, dass man mittlerweile nicht mal mehr dem großen Namen Rockstar Games vertrauen kann.

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