Ich hole vor dem Remake endlich Gothic 1 nach - Darum motiviert das RPG auch heute noch!

Special Stefan Wilhelm
Ich hole vor dem Remake endlich Gothic 1 nach - Darum motiviert das RPG auch heute noch!
Quelle: THQ Nordic / PC Games

Nach ein paar (peinlichen) Startschwierigkeiten bekomme ich ein Gefühl dafür, wie dieses Spiel funktioniert, und der Ehrgeiz, in seiner Welt zu bestehen, wächst immer weiter.

Stefans Ausflug in Gothic 1 ist zwar schon eine Weile her, aber kurz vor dem Gothic-Remake haben wir uns entschieden, den Reisebericht noch einmal zu veröffentlichen und mit einem Video auszustatten. Viel Spaß!

Gerade durch diese Einstiegshürden funktioniert das immersive Tutorial, wenn man es überhaupt als Tutorial bezeichnen kann, aber auch so gut. Informationen bekommt man nicht durch Einblendungen, sondern indem man die grummeligen Menschen in der Kolonie danach befragt oder einfach mal herumprobiert - und hoffentlich vorher gespeichert hat. Ich lerne fast alles gemeinsam mit der Figur, die ich steuere, und dadurch fühlt es sich wirklich an, als würde ich in ihren Schuhen stecken.

Die wichtigste Lektion: Gothics Spielwelt ist ein Ort der Nahrungsketten und Hackordnungen, und die Position, die mir zu Beginn zuteilwird, liegt nur knapp über den Käfern, aus denen sich die Unterschicht ihr Essen kocht.

Meine wachsende Spielerstärke werde ich später vor allem daran messen können, welche umherstreifenden Monster ich herausfordern kann, denn auch die existieren auf festen Plätzen der Nahrungskette. Für Menschen gilt das natürlich genauso.

Euch zeig ich's noch! Irgendwann!

Im alten Lager, der ersten Siedlung, in die ich subtil gelenkt werde, erpresst man mich direkt um Schutzgeld, und weil meine ersten Erzbrocken nicht dafür draufgehen sollen, das Ego irgendeines Handlangers zu streicheln, lässt der mich prompt von anderen heruntergerockten Typen zusammenschlagen. Zwei Mal!

Vermöbelt und ausgeraubt zu werden, ist in dieser Welt Alltag, denn es gibt hier ein Gesetz, das über allem thront, und zwar das des Stärkeren. NPCs klauen mir Waffen und einen Teil meiner Erzbrocken-Währung, wenn sie mich bewusstlos geschlagen haben, und das kratzt dermaßen an meinem Gamer-Ego, dass ich allein schon deswegen weiterspiele, um es ihnen irgendwann doppelt und dreifach heimzahlen zu können.

Ich werde außerdem ständig in den (zurecht legendär gewordenen) Dialogen beleidigt, und wenn ich mal zurückbeleidige, kriege ich Schläge, gegen die ich mich zu Beginn kaum wehren kann.

Gothic 1 Kampf gegen jungen Scavenger Quelle: PC Games Diese jungen Varianten der heimischen Fauna treiben sich nur im Anfangsbereich herum, wo der namenlose Held für die erwachsenen Varianten noch zu schwach auf der Brust ist. Andere Spiele töten am Anfang irgendwelche Verwandte oder Freunde meiner Spielfigur, die ich seit fünf Minuten kenne, und erwarten dann, dass ich deswegen Rachegefühle entwickle, die mich durch die Story tragen. Funktioniert nur leider fast nie. Aber wenn eine komplette Spielwelt, ja fast schon das Spiel an sich der Antagonist ist, DAS schafft Motivation!

Ich war also ganz schön angespornt, viel mehr, als ich es mir anfangs vorgestellt hatte. In drei Tagen habe ich mal eben 18 Stunden Spielzeit heruntergerissen und befinde mich bereits auf dem besten Weg, der Typ zu werden, der dieser (gar nicht mal sonderlich rettenswerten) Spielwelt ihren zweiten Frühling beschert.

Es ist erstaunlich, wie gut die Fortschrittssysteme in Gothic gealtert sind, wie viel Freude es immer noch bereitet, sich die Minenkolonie nach und nach Untertan zu machen. Das liegt vor allem daran, dass es sich bei Gothic um ein sehr kompaktes Rollenspiel mit einer überschaubaren, aber dicht "bemonsterten" Spielwelt handelt. Es dauert trotz des harten Anfangs nicht lange, bis man sich mal aus der Startsiedlung trauen darf, denn man wächst schnell und kontinuierlich.

Gothic 1 altes Lager von vorne Quelle: PC Games Jedem menschlichen NPC in Gothic kann man die Waffe abluchsen - wenn man es schafft, ihn umzuhauen, ohne von seinen Freunden übermannt zu werden. Man lernt flugs die ganze Karte kennen und prägt sich die Gegner und Wege ein, die der eigenen Stärke entsprechen. Der nächstgrößere Feind, an dem ich mich nach einem Level-up oder dem Kauf einer neuen Waffe versuchen kann, ist stets nur ein paar Meter entfernt, und liefert mehr Erfahrungspunkte, damit der Schneeball meiner Macht gleich weiterrollt. Das ist simpel, aber ungemein effektiv.

Ein besonders gelungener Kniff ist auch die Tatsache, dass sich das Aufleveln der Kampffähigkeiten nicht nur in Stats, sondern auch in den Animationen niederschlägt. Die vorher erwähnten Zwangspausen zwischen den Schlägen lassen sich damit irgendwann so weit reduzieren, dass ich viele Gegner mit endlosen Links-Rechts-Kombos zu Tode stunlocke, ohne ihnen auch nur den Hauch einer Chance zu lassen. Overpowered und ziemlich broken?

Klar, aber weil ich weiß, dass die Säcke vorher genau das gleiche mit mir abgezogen haben, fühlt es sich umso besser an. Dass ich die meisten Leute in dieser Welt ohne Konsequenzen niederprügeln und bis auf die Unterhosen ausrauben darf, tut sein Übriges. Gefällt mir die Waffe eines NPCs und er hat nicht gerade seine Kollegen um sich herumstehen, dann erlaubt mir das Gesetz des Stärkeren, sie ihm einfach wegzunehmen.

Bullit zum Beispiel, der schmierige Typ, der dem Namenlosen als erstes die Visage poliert, sitzt später einsam und verlassen an seinem Posten im alten Lager herum und wartet nur darauf, von einem erstarkten Helden gestunlocked und geplündert zu werden. Nettes Schwert, du Hackfresse!

Ich sehe also, wo die Parallelen zu einem modernen Spiel wie Kingdom Come: Deliverance 2 herkommen, über die unser Gothic-Experte Carlo auch schon philosophiert hat. Beide Spiele erschaffen ein strenges Ökosystem, dem man sich anfangs unterzuordnen hat, bis man irgendwann stark genug wird, um es zu seinem Vorteil zu verwenden oder sich ganz darüber hinwegzusetzen.

Beide können zu Beginn wirken wie fiese, sperrige Spiele, die es einem richtig schwer machen wollen, aber sie verfolgen ein Ziel damit: eine Progression durch eine glaubwürdige Welt zu bieten, in der man allein schon aus Trotz bestehen will. Und sie machen einen echt fantastischen Job dabei!

Wie sah euer erster Ausflug in die Minenkolonie von Gothic aus? Nutzt gerne die angebotene Kommentarfunktion und teilt uns eure Meinung zum Thema mit. Beachtet beim Kommentieren aber bitte die Forenregeln und die allgemeine Netiquette im Internet. Solltet ihr noch keinen Account haben, könnt ihr über eine Registrierung nachdenken, die viele Vorteile mit sich bringt. Unsere Video-Inhalte findet ihr bei Youtube, Instagram und Tiktok.

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