God of War-Kolumne zum PS4-Spiel: Baldur und die Trolle - Kritik an den Bosskämpfen im Action-Hit von 2018

Kolumne Peter Bathge 44,99 €
God of War-Kolumne zum PS4-Spiel: Baldur und die Trolle - Kritik an den Bosskämpfen im Action-Hit von 2018
Quelle: pcgames.de

Redakteur Peter Bathge hatte viel Spaß mit God of War - aber er hat in seiner Kolumne zum PS4-Actionkracher auch eine Problemzone in Sachen Gameplay ausgemacht. Dabei handelt es sich ausgerechnet um eine der Stärken der Vorgänger: die Bosskämpfe. Achtung: Der Text enthält leichte Spoiler zur Art und Darstellung der Bossgegner im neuen God of War-Spiel.

Diesen sagenhaften Erfolg mit über fünf Millionen verkauften Exemplaren hat sich God of War redlich verdient. Das PS4-Debüt von Action-Held Kratos ist ein grandioses Singleplayer-Erlebnis, liebevoll zusammengesetzt von Entwickler Santa Monica Studio. Auch wenn viele God of War-Features genauso gut aus anderen Playstation-Exklusivspielen stammen könnten, der Trip in die nordische Sagenwelt ist so stimmungsvoll, abwechslungsreich und fordernd wie kaum ein anderes Spiel im noch jungen Spielejahr 2018. Aber God of War ist nicht perfekt, wie schon der Test gezeigt hat! Für meine Kolumne zum Thema behaupte ich einfach mal, dass der PS4-Kracher am meisten Potenzial ausgerechnet in einer alten Paradedisziplin der Serie liegen lässt: den Bosskämpfen.

God of War-Vorgänger: Zwischen epischer Action und Quick-Time-Events

Was waren das für fulminante Szenen in God of War 1-3 und dem (nicht mehr ganz so prallen) Prequel Ascension! Monumentale Titanten, rachsüchtige Götter, Effektgewitter: Die Bosskämpfe wurden in den Vorgängern hervorragend eingefangen, was auch an den festen, teils regelrecht isometrischen Kameraperspektiven lag. Mit der Kontrolle darüber, wohin der Spieler schauen durfte, hatte es Santa Monica Studio auch in der Hand, die immensen Größenunterschiede zwischen dem Spartaner Kratos und seinen teils gigantischen Gegenspielern deutlich zu machen. Das gelang selbst in den Handheld-Ableger für PSP und PS Vita so gut, dass in knapp 13 Jahren God of War-Geschichte kein Test ohne das Attribut "episch" auskam.

Die Veränderung in Sachen Kameraperspektive trägt ihren Teil dazu bei, dass die Bosskämpfe im neuen God of War nicht so spektakulär ausfallen wie bei den Vorgängern. Quelle: pcgames.de Die Veränderung in Sachen Kameraperspektive trägt ihren Teil dazu bei, dass die Bosskämpfe im neuen God of War nicht so spektakulär ausfallen wie bei den Vorgängern. God of War 2018 (jetzt kaufen / 44,99 € ) dagegen wechselt als eine der größten Neuerungen zu einer Third-Person-Kamera - und dementsprechend guckt man großen Gegnern im neuen PS4-Spiel oft auf die Schienbeine oder noch schlimmer in den Schritt statt wie früher die imposante Inszenierung zu genießen. Kratos klettert seltener auf großen Feinden herum, stattdessen orientiert sich God of War verstärkt am Dark Souls-Kampfsystem. Das wird Fans taktischer Gefechte erfreuen. Zumal die nunmehr fehlenden Quick-Time-Events aus den Vorgängern auch nicht eben zum Komplexitätsgrad der Bosskämpfe beigetragen haben. Das Hämmern auf Tasten unter Zeitdruck war eben vor allem Beschäftigungstherapie, während man im Hintergrund der aufleuchtenden Button-Symbole die automatisch ablaufende Action verfolgte.

Diese QTE-Zeiten wünscht man sich als Hardcore-Gamer freilich nicht zurück. Doch ginge es nur um die Spielmechanik in den Bosskämpfen von God of War, hätte ich hier in der Kolumne auch kein Fass dazu aufgemacht. Doch leider haben mich der neue Kratos und sein Spiel eben auch nicht in Sachen Gegnerdesign und Abwechslung restlos überzeugt. Das liegt zum einen am Hauptantagonisten - und zum anderen an den unsäglichen Trollen.

Wie der Spieler von God of War getrollt wird

God of War Trolle Quelle: pcgames.de Die Trolle müssen in God of War 2018 immer wieder als Bossgegner-Ersatz herhalten, ihr Aussehen und ihre Taktik werden nur geringfügig variiert. Gegner-Recycling ist in Video-Spielen nichts neues. Dasselbe 3D-Modell anders anmalen und dem Spieler als eine neue Art Feind verkaufen: Diese Masche hat God of War mit Sicherheit nicht erfunden. Aber das 2018-Revival der Serie geht bei der Wiederverwertung bekannter Gegnertypen besonders offensichtlich vor. Am schlimmsten schmerzt das bei den Trollen, die regelmäßig als Zwischengegner auftauchen und die Rolle von spezifischen Bossen aus den Vorgängern übernehmen, ohne mit denen in Sachen besonderes Aussehen mithalten zu können. Darüber hinaus verändern sich auch die Kampftaktiken der Trolle im Spielverlauf nicht groß. Der eine hat eine Feuerwaffe, der andere macht Eisschaden, das war's. Selbst die Takedown-Animationen von Held Kratos werden in schöner Regelmäßigkeit wiederholt, bei den Trollen gibt es gerade mal zwei unterschiedliche Manöver zu bestaunen. Verteilt auf ein gutes Dutzend solcher Begegnungen hat man sich daran schnell sattgesehen.

Die größte Enttäuschung in Zusammenhang mit den Trollen erlebte ich beim Trip ins Totenreich. Kratos muss in die Unterwelt, um seinen Sohn Atreus zu retten. Dafür, so erzählt es mir ein wichtiger Story-NPC, benötigt er das Herz des Brückenwächters, der den Eingang zur Welt der Toten bewacht. Bei dieser Kreatur soll es sich um ein besonders gefährliches Monstrum handeln, das selbst für den Kriegsgott Kratos eine Herausforderung darstellt. Entsprechend gespannt betrat ich das Totenreich und kämpfe mich durch die Horden kleinerer Gegner, um schließlich diesem Gefängniswärter der verlorenen Seelen gegenüberzustehen ... und dann ist das ein stinknormaler Troll!

Was für eine Enttäuschung, was für ein Moment des ungläubigen Entsetzens über so viel Einfallslosigkeit seitens der Entwickler. God of War ist ein famoses AAA-Spiel mit Millionenbudget und viel Liebe zum Detail. Aber für ein anderes Gegnermodell als den Standardtroll mit grüner Farbe hat es nicht mehr gereicht? Ich kann angesichts dieser unverständlichen Design-Entscheidung von Entwickler Santa Monica Studio nur den Kopf schütteln. Und tue das dann auch ein paar Stunden später wieder, als God of War in Sachen Bosskämpfe endgültig den Gipfel der Einfallslosigkeit erreicht: Statt einem Troll bekämpfe ich ... zwei Trolle! Gleichzeitig! Wow, wie kreativ!

Riesenschlange, Drache - und Baldur, der Hooligan

So toll die Landschaften in God of War gestaltet sind, so konservativ und - meiner Meinung nach - langweilig gibt sich zu großen Teilen das Gegner-Design. Das mag dem Szenario geschuldet sein, in der nordischen Mythologie gibt's nun mal nicht so viele coole Sagengestalten wie in der griechischen Antike (Medusa, Minotaur) - Ausnahme ist natürlich die gigantische Midgardschlange, die wirklich abgefahren aussieht. Aber dass ausgerechnet Kratos' Hauptwidersacher eine derartige Schlaftablette ist, lässt sich auch nicht durch den Verweis auf die Zwänge des Settings wegdiskutieren. Gemeint ist natürlich Odins Sohn Baldur. Der unverletztliche Gott sieht mit seinen Tattoos und seinem geflochtenem Bart wenig Furcht einflößend aus. Er machte auf mich eher den Eindruck eines englischen Hooligans, der auf dem Weg zum Fußballstadion die falsche Abzweigung genommen und aus Versehen mitten im Ragnarök gelandet ist.

God of War: Beginnt mit dem Tod von Freyas Sohn Baldur tatsächlich Ragnarök? So steht es zumindest in der nordischen Mythologie. Quelle: PC Games Baldur lässt Charisma und Bedrohungsfaktor eines wahrlich gelungenen Widersachers vermissen. Baldur nutzt keine Waffen, er besitzt keine besondere Rüstung oder Fähigkeiten, stattdessen haut er einfach mit den Fäusten zu und läuft konsequent oben ohne rum. Dazu ist er unverwundbar und kann sich selbst heilen, was in schöner Regelmäßigkeit zu demotivierenden, den Kampf in die Länge ziehenden Momenten sich regenerierender Lebensbalken führt. Jede Auseinandersetzung mit ihm spielt sich nahezu gleich, zwar variiert er im Spielverlauf seine Manöver leicht, doch letzlich wiederholen sich die unterschiedlichen Kampfphasen wie Draufhauen, Ausweichen und Blocken viel zu oft.

Einzig das allerletzte Aufeinandertreffen am Ende von God of War bietet etwas mehr Abwechslung durch die Beteiligung eines Frostriesen. Das reicht jedoch in meinen Augen nicht, damit Baldurs Charakter seiner Schlüsselrolle in der Geschichte gerecht wird; statt Gefahr auszustrahlen und die Pläne des Helden zu durchkreuzen, wirkt er eher wie ein falscher Fuffziger, der immer wieder auftaucht und dessen überhebliches Gebaren in Verbindung mit seiner Unverwundbarkeit ihn wie eine besonders lästige Nervensäge erscheinen lassen. Als er dann endlich besiegt war, atmete ich erleichtert auf: Endlich muss ich diesen Depp nicht mehr sehen! God of War Drache Bosskampf Quelle: pcgames.de Einer der wenigen imposanten Bosskämpfe in God of War für die PS4: Ein Drache hat es sich auf dem Berg gemütlich gemacht und muss abgemurkst werden.

Leicht zu übesehen: Endgame-Herausforderung dank Walküren

Die Aufzählung oben macht es klar: God of War hat ein echtes Problem mit den Bosskämpfen. Wäre da nicht der zumindest optisch eindrucksvolle Drache (den ihr aber in einer bizarren Wendung hauptsächlich mit kleinen Kristallen bewerft) und die beiden Söhne Thors, Magni und Modi, diese Schwäche in Sachen bombastisch inszenierter Showdowns hätte sich negativ auf die God of War-Wertung in unserem Test ausgewirkt. Zumindest gibt es im Endgame noch ganze neun taktisch herausfordernde Gefechte gegen besonders schlagkräftige Widersacher: Die Walküren stellen in God of War eine gänzlich optionale Herausforderung nach dem Ende der Hauptstory dar.

Vielleicht hätte Santa Monica Studios zumindest einen dieser geflügelten Racheengel direkt in die Kampagne integrieren sollen? Darüber zu spekulieren, was das für Auswirkungen gehabt hätte, ist jedoch genauso müßig wie sich zu wünschen, Donnergott Thor würde sich nicht auf einen Mini-Auftritt im God of War-Epilog beschränken. Der Mann mit dem Blitzehammer löst bei mir zumindest deutlich stärkere Gefühle aus als Tattoostudio-Besucher Baldur, möglicherweise auch wegen der Bekanntheit der Marvel-Filme. Aber durch das Auslagern in einen God of War-Nachfolger oder einen möglichen Story-DLC haben die Entwickler auf einen der heutzutage populärsten Charaktere aus der nordischen Mythologie verzichtet. Dabei stelle ich mir einen Bosskampf gegen einen Lichtblitze schleudernden Thor besonders spektakulär vor. Auf jeden Fall besser als die aktuellen God of War-Bosskämpfe!

Was denkt ihr über die God of War-Kolumne und die Bossgegner im Spiel? Seid ihr zufrieden mit Troll-Recycling und unsterblichem Baldur? Oder hättet ihr euch wie der Autor der Kolumne ein paar epischere Begegnungen im Action-Spiel gewünscht? Und sind Bosskämpfe in Videospielen überhaupt noch zeitgemäß? Schreibt uns eure Meinung in den Kommentaren!

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