Gears of War 4 Test: Im Angesicht der Horde

Test Andreas Szedlak
Tollkühnes Trio: 
Kait, JD und Del (von links) werden von den deutschen Sprechern erstklassig synchronisiert. (Xbox One)
Quelle: Games Aktuell

Gears of War spielte immer in einer Liga mit Microsoft-Topmarken wie Forza oder Halo. Kann das neue Studio The Coalition diesen Status untermauern?

Herzhaft gewürzte Filetstücke nach Kettensägen-Art. Gulasch aus der Schnellkoch-Schrotflinte. Als gelernter Gears-Koch versteht man es, ein schmackhaftes Menü zuzubereiten und sich genüsslich satt zu essen. Inzwischen stammen die Zutaten jedoch nicht mehr vom epischen Bauernhof um die Ecke, sondern von den Kanadiern The Coalition. Ob man den Unterschied schmeckt? Wir haben das frische Gears-Rezept ausprobiert und das Mahl verschlungen. Lest in unserer Kritik, wie es gemundet hat.

Auf eigene Faust

Hauptdarsteller JD Fenix und seine Kameraden Kait und Del haben sich von der Koalition ordentlicher Regierungen (KOR) abgewandt, verfolgen nun eigene Ziele. Während die KOR gerade den 25. Jahrestag des Sieges gegen die Locust feiert, sind JD und seine Kameraden kurz davor, in eine Fabrikanlage einzubrechen, um einen Fabrikator zu stehlen - eine Maschine, mit der sich Waffen und Verteidigungsanlagen errichten lassen. Gerade als sie das Gelände betreten wollen, zieht ein heftiger Sturm auf. Automatisch schließt sich der riesige, ringförmige Schutzwall um die gesamte Anlage.

Gefährliches Gewitter: 
Die Blitze machen euch mächtig Aua, ihr solltet ihnen also nicht zu nahe kommen. (Xbox One) Quelle: Games Aktuell Gefährliches Gewitter: Die Blitze machen euch mächtig Aua, ihr solltet ihnen also nicht zu nahe kommen. (Xbox One) Das Wettersystem ist eine der wesentlichen Besonderheiten von Gears of War 4. Immer wenn sich der Horizont verdunkelt, vom rot gefärbten Himmel im Sekundentakt Blitze gen Boden schießen und der stürmische Wind tonnenschwere Objekte wie Papierkügelchen durch die Gegend bläst, präsentiert sich die Unreal Engine 4 von ihrer allerbesten Seite. Optisch absolut beeindruckend - und spielerisch?

Die Blitze lösen sich nach dem Einschlag nicht auf, sondern wandern einige Meter umher. Ein wenig erinnert dieses Phänomen an die vernichtende Waffe "Hammer der Morgenröte" aus früheren Gears-Teilen. Erwischt uns ein Blitz, verwandeln wir uns selbst in einen Haufen Gulasch. Um das zu verhindern, müssen wir uns blitzschnell von Deckung zu Deckung bewegen, um die Lücken zwischen den Blitzen zu erwischen und zum Zielpunkt zu gelangen. Drei, vier Male im Spiel fordern Stürme auf diese Weise unser Geschick heraus.

Einschneidendes Erlebnis: 
Die Unterlauf-Kettensäge ist eines der Aushängeschilder der Reihe. In Gears of War: Judgment hat sie uns gefehlt, diesmal dürfen wir wieder sägen. (Xbox One) Quelle: Games Aktuell Einschneidendes Erlebnis: Die Unterlauf-Kettensäge ist eines der Aushängeschilder der Reihe. In Gears of War: Judgment hat sie uns gefehlt, diesmal dürfen wir wieder sägen. (Xbox One) Auch in vorgegebenen Gefechten spielt das Wetter eine Rolle. Zum Beispiel können wir die Abgesandten der mysteriösen Schwarm-Rasse von riesigen Rohren erschlagen lassen, indem wir deren Halteseile abschießen. Auf ähnliche Art lassen sich auch Durchgänge öffnen. Im letzten Spieldrittel müssen wir ein MG-Nest per Katapultgeschoss zerstören und haben dabei den extremen Seitenwind in die Flugbahn mit einzubeziehen.

Während sich unsere Augen an den brillanten Wettereffekten kaum sattsehen können, hätten wir uns gewünscht, dass die Stürme noch viel häufiger ins Gameplay einbezogen werden.

Irreführendes Tutorial

Gears of War-Erfinder Cliff Bleszinski ist als Perfektionist bekannt. Seit dem Entwicklerwechsel zum kanadischen Studio The Coalition hat er mit der Gears-Reihe jedoch nichts mehr zu tun. Wir wagen mal zu behaupten, dass "Cliffy B" folgender Fauxpas nicht passiert wäre: Während des Einbruchs in die Fabrikanlage, der als eine Art Tutorial dient, zeigt das Spiel, wie wir uns an einen Gegner heranschleichen, ihn über eine Mauer ziehen und ihn mit stichhaltigen Argumenten vom Ende seines Daseins überzeugen können. Im weiteren Spielverlauf kam uns jedoch keine einzige Szene unter, in der wir uns an einen Widersacher hätten heranschleichen können. Stattdessen stürmt das feindliche Schwarm-Gesocks aus Erdlöchern oder durch plötzlich aufspringende Tore auf uns zu. Nix mit Stealth-Gameplay.

Blöde Blechbüchse: 
Zu Beginn des Spiels kämpft ihr noch gegen mäßig intelligente KOR-Roboter. (Xbox One) Quelle: Games Aktuell Blöde Blechbüchse: Zu Beginn des Spiels kämpft ihr noch gegen mäßig intelligente KOR-Roboter. (Xbox One) Der beschriebene Kill aus der Deckung funktioniert im Spiel auf eine andere Weise: Kniet einer der ekligen Widersacher hinter einem Mäuerchen, sprintet ihr an die gegenüberliegende Seite, greift per Knopfdruck hinüber und zieht den Gegner zu euch rüber, um ihn auszuschalten. Eigentlich gibt es aber nur einen Grund, diesen Move auszuführen: Er schaut cool aus. Ansonsten ist es ratsamer, Widersacher aus sicherem Abstand niederzumähen. Denn uns ist es häufiger passiert, dass ein Feind genau in dem Moment seine Deckung verließ, als wir in seine Richtung gesprintet sind und er uns mit Kettensäge oder Schrotflinte zu Tode erschreckt hat.

Ganz viel Altbekanntes

Wesentliche Neuerungen gegenüber den erfolgreichen ersten drei Gears-Teilen (Gears of War: Judgment vom Entwicklerstudio People Can Fly kam bei Spielern wie Kritkern nicht so gut an) muss man mit der Lupe suchen. Klar, es gibt ein paar frische Waffen, etwa das schwere Sägeblatt-Gewehr Buzzkill oder die vierläufige Schrotflinte Overkill. Doch ansonsten orientiert sich Gears of War 4 arg an der bewährten Erfolgsformel.

Zähnezeigender Zeitgenosse: 
Der Springer gehört mit seinem großen Maul und den vielen Zahnleisten zu den ekligsten Schwarmmonstern. (PC) Quelle: Games Aktuell Zähnezeigender Zeitgenosse: Der Springer gehört mit seinem großen Maul und den vielen Zahnleisten zu den ekligsten Schwarmmonstern. (PC) Dass sich das Shooter-Genre in den fünf Jahren seit Gears of War 3 weiterentwickelt hat und viele Spiele etwa ein Erfahrungspunkte- oder Währungssystem bieten, wodurch sich Waffen und Ausrüstung aufmotzen lassen, blieb den Kanadiern offenbar verborgen. Warum belohnt man den Spieler zum Beispiel nicht für Finishing Moves, also für das explizit dargestellte Ausschalten von am Boden liegenden Gegnern oder für die beschriebenen Kills aus der Deckung? Dies wäre ein zusätzlicher Motivationsfaktor gewesen. Uns hätte es beispielsweise gefallen, der Lancer-Kettensäge mehr Drehmoment zu verpassen, um auch größeren Schwarm-Geschöpfen eine einschneidende Erfahrung zu ermöglichen.

Mit der erwähnten Fabrikator-Box liefern die Gears-Macher das geeignete Tool für ein Upgrade-Feature sogar schon mit. Allerdings könnt ihr hier Standardwaffen bauen, was vollkommen überflüssig ist, denn auf den Schlachtfeldern liegen mehr als genug Tötungswerkzeuge herum. Einzig die drei anstehenden Tower-Defense-Aufgaben legitimieren den Einsatz des Fabrikators.

  1. Seite 1 Story, Tutorial, Upgrades
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