Selbst hundert Spielstunden wären nicht genug, um die Komplexität von Europa Universalis 5 zu erfassen. Dennoch wollen wir hier zu einem Fazit kommen.
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Menüs über Menüs
Generell besteht die Spieloberfläche von EU 5 genretypisch fast ausschließlich aus Karte, Einblendungen und unendlich vielen Menüs, die einerseits definitiv verbessert wurden. So lassen sich Tooltips endlich stapeln, es gibt Suchfelder mit zahlreichen Filtermöglichkeiten, umfangreiche Statistiken und Karten-Overlays und eine integrierte Europedia. Ein wenig geschmälert wird dieser positive Eindruck nur davon, dass man bei so einer Flut an Buttons, Reitern und Reglern nicht umhinkommt, etwas erschlagen zu werden, zumal nicht immer klar ersichtlich ist, welche Elemente interaktiv sind.
Und selbst das äußerst umfangreiche Wiki weiß nicht in allen Fällen Rat. Einmal war eines meiner Kabinettsmitglieder wochenlang mit der Angleichung einer Provinz an meine Kultur beschäftigt, ohne auch nur einen Prozentpunkt voranzukommen. Als Kirchenstaat wiederum hatte ich schnell so viel auf dem Konto, dass ich mein Reich statt über Kreuzzüge mittels Geld erweitern wollte, was mir aber partout nicht gestattet wurde. Letzteres könnte aufgrund des Kontexts zwar noch ein kleiner Bug sein, aber schlau daraus, was jetzt das Problem genau ist, wurde ich ohnehin nicht. Immerhin wird nach wie vor kräftig an dem Spiel gearbeitet und auch der Vorgänger bekam im Laufe der Jahre zahlreiche große Updates. Doch es zeigt gut, was ich zuvor bereits angerissen hatte.
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Oft sagt mir das Spiel einfach nicht, welche Konsequenzen meine Aktionen haben oder warum dies oder das jetzt nicht funktioniert. Mir ist klar, dass es bei einer 500 Jahre umspannenden Geschichte mit solch hohem Maß an Authentizität zur Immersion gehört, nicht alle Spätfolgen konkret absehen zu können. Aus Gameplay-Perspektive hielte ich es aber für deutlich sinnvoller, mir zumindest zu sagen, was vielleicht passieren könnte, damit ich nicht völlig ins Blaue hineinagiere.
Das Ziel setzt man sich selbst
Andererseits gehört es eindeutig zum Spielprinzip eines Paradox-Games, sich ein Land zu schnappen und damit selbst gesteckte Ziele zu erreichen - auch wenn das gerne mal einige Jahrhunderte dauert. Aber wenn man etwas in Europa Universalis 5 neben spielerischer Freiheit hat, dann ist es Zeit. Immerhin zieht sich das Spiel vom Beginn des Hundertjährigen Kriegs 1337 über ungefähr 500 Jahre bis ins Zeitalter der Revolutionen. Das bietet unzählige Möglichkeiten, die Geschichte umzuschreiben, um etwa als katholische Kirche entweder Guelfen oder Ghibellinen zur Vorherrschaft im Heiligen Römischen Reich zu verhelfen. Oder man sucht sich eine echte Herausforderung und versucht, als Clanreich Kanien'kehaka erst Nordamerika und anschließend die Welt zu erobern.
Jedes der sechs Zeitalter kommt dabei mit eigenen sogenannten Institutionen wie dem Bankwesen daher, die irgendwann auftauchen und sich mit genügend Geld und Stabilität einführen lassen. Gold erhält man übrigens nicht nur durch Steuern, sondern auch durch Kredite bei den Ständen oder anderen Ländern oder indem man es mit entsprechenden Edelmetallen selbst prägt. Allerdings sollte man dabei stets die Inflation im Blick behalten.
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Ferner gibt es mehrere gewaltige Forschungsbäume, die mit zunehmender Jahreszahl immer ausschweifender werden. Die Gesellschaftswerte aus EU 3 sind ebenfalls zurück. Diese bestimmen zu Anfang die Identität eines Landes, lassen sich aber durch Kabinettsaktionen sowie diverse Entscheidungen mit der Zeit langsam verändern. Und über Seuchen, das fünfjährig tagende Parlament, wie genau Klientelländer funktionieren oder beinahe den kompletten Militärzweig des Spiels haben wir auch noch nicht gesprochen. Doch da dieser Test selbst bei dreifacher Länge nicht alles abdecken könnte, was dieser Koloss von einem Strategiespiel alles zu bieten hat, wird es jetzt mal Zeit für ein Fazit.
Europa Universalis 5: Fazit
Europa Universalis 5 hat sich den Titel als größtes Grand Strategy Game aller Zeiten redlich verdient. Denn alles, was hier bisher beschrieben wurde, potenziert sich durch die wahnsinnig große Zahl spielbarer Nationen mit teilweise eigenen Inhalten noch um ein Vielfaches. Für Einsteiger ist es zwar vollkommen überwältigend. Sobald man aber die Grundlagen erst gut genug verinnerlicht hat, lädt einen die enge Verzahnung der verschiedenen Mechaniken immer weiter dazu ein, noch tiefer ins Rabbit Hole einzutauchen. Veteranen freuen sich hingegen über neue Ideen wie Kontrolle und die dynamischen Märkte bzw. das insgesamt stark erweiterte Wirtschafts- und Diplomatiesystem.
Gleichzeitig ist das Spiel trotz überarbeiteter Menüs und zahlreicher Hilfestellungen nicht immer in der Lage, wichtige Informationen an den Spieler zu kommunizieren. Oft bleibt unklar, warum diese politische Aktion gerade nicht möglich ist oder wie man jenen plötzlich sinkenden Wert wieder auf Vordermann bringt. Das kann lange vorbereiteten Plänen einen Strich durch die Rechnung machen und durchaus für Frustration sorgen. Und auch die Automatisierung, das wohl wichtigste neue Feature für eine geringere Einstiegshürde, erweist sich als zweischneidiges Schwert. Gerade am Anfang erfüllt es seinen Zweck ausgezeichnet und hilft besonders im wirtschaftlichen Teil. Mit steigender Jahreszahl und Komplexität fällt jedoch auf, dass die KI nicht immer denselben Plan verfolgt.
Dennoch bietet Europa Universalis 5 extreme spielerische Freiheit sowie einen gewaltigen Umfang und damit genau das, was Paradox-Titel seit jeher auszeichnet: Die Freude daran, sich irgendein Land zu schnappen und dann mit allen Mitteln zu versuchen, selbst gesteckte Ziele zu verwirklichen. Wer also die nötige Neugier und vor allem Geduld mitbringt, wird mit einem der tiefgründigsten Strategiespiele überhaupt belohnt, das bereits jetzt hunderte von Stunden Inhalte bietet und über die Jahre wie üblich sogar noch erweitert wird.
Meinung
Europa Universalis 5 wird ab dem 4. November auf dem PC spielbar sein. Das Hauptspiel steht in den jeweiligen Stores für knapp 60 Euro zum Kauf bereit. Transparenzhinweis: Für den Test wurde uns eine Vor-Release-Fassung von Europa Universalis 5 von Paradox Interactive zur Verfügung gestellt.
