Empire of Sin: Mafia-Strategiespiel verspricht viel, kann aber nicht alles halten - Test
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Empire of Sin ist ein unglaublich ambitioniertes Mafia-Spiel, das versucht, Strategie und Stadt-Management unter einen Hut zu bekommen. Bei einer solchen Masse an Inhalten ist es natürlich schwierig, alles richtig hinzubekommen. Leider bestätigt der Titel in unserem Test diese Befürchtungen und setzt nur die wenigsten Elemente wirklich gut um. Jetzt auch mit Video!
Empire of Sin ist ein Strategiespiel, das in der goldenen Mafia-Ära spielt, den 1920ern. Das Spiel versucht Stadt-Management à la Anno und rundenbasiertes Taktik-Spiel zugleich zu sein. Dahinter steckt ein Wirtschaftssystem, welches auf Alkohol basiert, inklusive jeder Menge Brutalität und einzigartiger Mob-Bosse. Unser Ziel ist klar: Wir wollen die gesamte Stadt übernehmen! Dazu wählen wir einen der Gangster, kommen neu nach Chicago und versuchen uns an die Spitze der Nahrungskette zu kämpfen.
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Die Geschichte und Charaktere
Anfangs wählen wir einen der 14 Gangsterbosse. Diese bringen alle verschiedene Persönlichkeiten und Fähigkeiten mit sich: Die einen sind versiert im Kampf, andere verhandeln besser, während wieder andere besonders gut darin sind, Bordelle, Bars oder Brauereien aufzubauen. Nachdem wir unseren zukünftigen Leiter der Stadt gewählt haben, geht es direkt los. Und zwar mit Tutorials. Die vielen Tutorial-Texte erschlagen uns regelrecht. Danach steht uns die Stadt aber endlich offen. Ab jetzt gilt es, Gebäude zu überfallen, die wir uns unter den Nagel reißen, um darin Geschäfte aufzubauen. Wahlweise können wir uns diese auch von anderen Bossen "besorgen", für den Preis von jeder Menge umherfliegendem Blei.
In Empire of Sin (jetzt kaufen 19,95 € / 35,99 € ) zählen nur zwei Dinge: Geld und Alkohol. Zwar können wir die komplette Wirtschaft im Auge behalten und sehen so, wer in welchem Bereich mehr Einfluss hat. Jedoch ist am Ende des Tages nur wichtig, wie viel Einkommen wir zur Verfügung haben. Allzu ausufernde Kontrolle können wir uns also größtenteils sparen. Durch unsere Taten werden natürlich die anderen Gangster auf uns aufmerksam, woraufhin sie uns zu Gesprächen einladen. Diese Verhandlungen könnten in der Theorie strategisch anspruchsvoll sein, doch das Endziel des Spiels ist sowieso, alleiniger Herrscher von Chicago zu sein, sodass Bündnisse wenn, dann nur von kurzer Dauer sind. In der Theorie hält das Verhandlungssystem viel Potenzial bereit, in der Praxis wird dieses aber leider nicht so gut wie in einem Civilization ausgeschöpft.
Einen Pakt ergibt auch deswegen wenig Sinn, da wir in den Verhandlungen stets so wenige Ressourcen von den anderen Fraktionen angeboten bekommen, dass wir deutlich mehr Geld und Einfluss erhalten, wenn wir einfach deren Läden mit Gewalt übernehmen.
Noch dazu sind die Gespräche unglaublich langweilig. Die Charaktere werden kaum ausreichend in Szene gesetzt und nach einem oder zwei Gesprächen gibt es nur noch Standard-Dialoge. Außerdem ist es meistens komplett offensichtlich, welche Option zu welchem Ergebnis führt.
Nach einiger Zeit treffen wir auch zufällige Charaktere, bekommen Nachrichten überbracht oder einen Brief zugesendet. Das eröffnet uns oft Wege zu Nebenquests, die jedoch ebenfalls mehr oder weniger irrelevant sind. Die geringen Einkünfte, die wir durch diese Missionen bekommen, sind nicht der Rede wert. Zudem werden hier keinerlei interessante Geschichten erzählt, es handelt sich im besten Fall um Auftragsmorde, für die wir ein paar Moneten einkassieren können.
Eindringen, abschlachten, übernehmen!
Quelle: PC Games
Hier stehen wir direkt vor einem ungedeckten Feind, haben jedoch nur 30% Trefferchance. Warum? Das weiß keiner so genau.
Da wir hauptsächlich von Überfall zu Überfall wandern, sollten diese Momente also Spaß bereiten. Und immerhin, das tun sie, zumindest teilweise. Gekämpft wird taktisch und mit offensichtlichem XCOM-Einfluss in Gebäuden oder auf den Straßen Chicagos. In den rundenbasierten Kämpfen können wir uns in Deckung oder Halbdeckung hinter Gegenständen begeben und sehen, mit welcher prozentuellen Wahrscheinlichkeit Gegner uns treffen können. Die Waffenarten lassen ein wenig taktische Tiefe zu. So schicken wir natürlich jemanden mit einer Schrotflinte am besten nach vorne, während unsere Jäger mit Gewehr in den hinteren Linien bleiben sollten. Die Balance ist weitestgehend gut gelungen, wäre da nicht das Problem mit den übermächtigen Gangsterbossen, die stets Teil unseres Teams sind. Diese haben gefühlt unendlich Lebenspunkte, dazu sehr starke Stats und zu allem Überfluss, je nachdem, wen wir gewählt haben, eine Boss-Fähigkeit, die in den meisten Fällen viel zu stark ausfällt. So kann man besetzte Häuser mit fünf bis zehn Feinden oft schon zu dritt ohne größere Probleme einnehmen.
Die einzige Hürde sind Gegner, die explosive Items mit sich tragen. Granaten und Co. können zielgenau über die komplette Karte geworfen werden, treffen immer und richten in einem großen Umfeld sehr viel Schaden an. Da wir aber nicht einsehen können, ob Gegner über Sprengstoff verfügen, kann ein Kampf sehr schnell unfair wirken. Allgemein gibt es keine Möglichkeit zu sehen, über welche Fähigkeiten und Items die befeindeten Gangmitglieder verfügen. So lässt sich nie jede Variable des taktischen Kampfes berücksichtigen.
Das Vorbereiten der Gruppe wäre jedoch spaßiger, wenn es etwas mehr Herausforderung gäbe. Selbst auf höheren Schwierigkeitsgraden ist es meistens kein Problem, Gegner ohne größeres Nachdenken zu dezimieren. Die viel zu langen Kampfanimationen helfen ebenso wenig dabei, die Motivation und den Spielspaß zu steigern, und auch die Züge der Gegner lassen sich weder beschleunigen noch überspringen. Als kleines Gimmick gibt es ein System, das uns erlaubt zu sehen, wie die Mitglieder unseres Teams zueinander stehen, also ob sie sich mögen oder eher verfeindet sind. Dies hat aber in den wenigsten Fällen Auswirkungen auf die Spielweise. Einheiten die einander spinnefeind sind, können nicht zusammen agieren, über solche Spielereien geht das System aber nicht hinaus.
Quelle: PC Games
Hier zu sehen: eines der vielen Menüs, durch die wir uns klicken dürfen. Leider sind die Menüs sehr verschachtelt aufgebaut.
Außer Balance-Problemen gibt es auch massive Schwierigkeiten bezüglich der Gegner-KI. Oft laufen Feinde direkt in die offene Schussbahn, statt Deckung zu suchen. Im ersten Bosskampf entschied sich der Gegner dazu, trotz seines mächtigen Revolvers vor eine unserer Einheiten zu laufen, nur, um ihr mit seinen Fäusten einen Nahkampfangriff zu verpassen. Auch das Deckungssystem wirkt manchmal etwas willkürlich. Unser Verbündeter steht auf der anderen Seite einer Straßenlaterne, hinter der sich ein Widersacher befindet? Das sind dann logischerweise nur 30% Trefferwahrscheinlichkeit, trotz völlig freier Schussbahn.
Zu alledem gesellt sich noch ausgeprägte Repetition. Wir finden uns immer auf den gleich aussehenden Straßen und in den ebenfalls identischen Gebäuden wieder. Keine Kampfumgebung wirkt speziell oder sticht irgendwie heraus. Eine nette Überraschung sind lediglich Polizisten, die bei Gang-Kriegen auf der Straße ab und zu hinzustoßen und ihrerseits in den Kampf einsteigen. Diese sind jedoch so unglaublich schwach, dass wir sie ohne jegliche Probleme besiegen können. Die Polizei kann theoretisch auch Razzien in unseren Läden veranstalten, dies ist uns jedoch selbst bei stundenlangem Gefahrenlevel von 80% nicht einmal passiert. Weil es der Kritik noch nicht genug ist, wollen wir uns auch noch über die unnötig verschachtelten Menüs beschweren. In den ersten Spielstunden wird man von der schieren Masse an Optionen geradezu erschlagen.
Es hätte so schön sein können
Quelle: PC Games
Gangster-Boss Salazar Reyna droht seinem Gegenüber. Leider machen die Gespräche nicht wirklich Spaß.
Immerhin, Empire of Sin verfügt über einen wirklich gelungenen Soundtrack. Für jede Situation passt die akustische Untermalung. Egal ob wir uns in hektischen Kämpfen befinden, Gespräche führen oder nur im Hauptmenü herumklicken, wir werden stets von passender Jazz-Musik begleitet und die Waffen hören sich wuchtig und befriedigend an. Die Synchronsprecher hingegen liefern qualitativ schwankende Arbeit ab. Manche Figuren wurden passend vertont, bei anderen wirkt es, als hätte man auf Herrn Müller aus der Buchhaltung zurückgegriffen.
Wenigstens sieht das 1920er-Chicago sehr überzeugend aus, von der Kleidung der Charaktere bis hin zu den atmosphärisch gestalteten und beleuchteten Straßen Chicagos. Diese wenigen, positiven Aspekte stehen aber leider den vielen genannten, negativen Punkten gegenüber. Empire of Sin ist ein ambitioniertes Werk, scheitert schlussendlich aber an viel zu vielen Fronten. Wer eine solide Mafia-Erfahrung erleben möchte und auf das Strategie-Gameplay verzichten kann, sollte lieber zur Mafia-Reihe greifen.
Das Spiel ist für Xbox One, Playstation 4, PC und Nintendo Switch erhältlich.
