Dragon Quest 11: Zu Besuch bei Dragon Quest-Erfinder Yuji Horii

Special Benedikt Plass-Fleßenkämper Thomas Nickel Maik Koch
Dragon Quest 11: Zu Besuch bei Dragon Quest-Erfinder Yuji Horii
Quelle: Square Enix

Studiobesuch zu Dragon Quest 11: Wenn Square Enix nach Tokio einlädt, dann gibt's auch was zu sehen. In diesem Fall standen das Phänomen Dragon Quest und der kommende elfte Teil der Rollenspielreihe im Mittelpunkt - und ein spannendes Gespräch mit dem Schöpfer der Serie.

Beim Stichwort "Rollenspiel" kommt den meisten Spielern hierzulande The Witcher, Skyrim und Final Fantasy in den Sinn. In Japan ist die erste Assoziation indes eine andere: Hier ist Dragon Quest seit 1986 nicht einfach nur der beliebteste Vertreter des Genres - Dragon Quest ist eine nationale Institution. Die Musik der Spiele ist im Land des Lächelns über Generationen hinweg bekannt, der grinsende blaue Slime eine Ikone. Kunstbegriffe aus der Welt der Dragon Quest-Spiele haben ihren Weg in den Sprachgebrauch gefunden. Und Yuji Horii, der kluge Mann, der vor mehr als 30 Jahren Dragon Quest ersann und damit den bis heute akzeptierten Prototypen des Rollenspiels japanischer Machart schuf, genießt Star-Status.

In der Höhle des Horii

Und so kommt es, dass wir uns an einem kühlen Februar-Tag in einem hier nicht näher genannten Stadtteil von Japans gewaltiger Hauptstadt Tokio wiederfinden und uns eine PR-Dame von Square Enix darum bittet, den Ort, den wir nun besuchen, doch geheim zu halten. "Nein, das Haus fotografieren wir lieber nicht von außen...", heißt es. Und: "Nein, bitte kein Bilder aus den Fenstern heraus machen, sonst könnte jemand anhand der Aussicht darauf schließen, wo wir uns gerade befinden."

Viele Aussichtspunkte laden mit ihren großartigen Vistas mal zum Verweilen ein - die Welt von Dragon Quest 11 ist einfach wunderschön.<br>
  Quelle: Square Enix Viele Aussichtspunkte laden mit ihren großartigen Vistas mal zum Verweilen ein - die Welt von Dragon Quest 11 ist einfach wunderschön.
 
Aber wo befinden wir uns eigentlich? Schwer zu sagen! Gerade waren wir noch in einem Aufzug und sind durch einen ganz gewöhnlichen Gang in einem ebenso gewöhnlichen Hochhaus gelaufen. Und auf einmal stehen wir inmitten schwerer Mauern. Da ist ein Gewölbebogen, teilweise lugt rotes Mauerwerk unter großen Quadern hervor, und in der Ecke steht eine Ritterrüstung. Ein freundlich lächelnder Mann mit getönter Sonnenbrille heißt uns willkommen: Yuji Horii, Jahrgang 1954 und Erfinder der japanischen Rollenspielreihe Dragon Quest. Wir befinden uns in seinem Büro, auf das er sichtlich stolz ist und in dem er sich rundum wohlfühlt. "Ich habe einfach darum gebeten, das so für mich zu gestalten", erklärt Horii. "Es war sehr viel freier Raum hier, und ich wollte so etwas in dieser Art. Wenn ich jetzt mein Büro anschaue, dann inspiriert es mich sehr stark für meine Spiele. Es gibt einem das Gefühl, die ganze Welt erblicken zu können. Diese Rüstung hier in der Ecke, die habe ich in Spanien gekauft. Und wissen Sie was? Vor ein paar Tagen habe ich mich hier mit Akira Toriyama und Koichi Sugiyama getroffen. Kann man sich vorstellen, dass es das erste Mal überhaupt war, dass wir drei uns gleichzeitig getroffen haben?"

Kreatives Dreigestirn

Viele Städte haben europäisch-mediterranes Flair. Hier spiegeln sich Yuji Horiis persönliche Vorlieben wider. Quelle: Square Enix Viele Städte haben europäisch-mediterranes Flair. Hier spiegeln sich Yuji Horiis persönliche Vorlieben wider. Nein, das ist tatsächlich kaum vorstellbar. Denn Yuji Horii, Akira Toriyama und Koichi Sugiyama bilden seit 1986 das kreative Kernteam hinter Dragon Quest: Horii denkt sich Welt und Geschichten aus, der prominente Mangaka Toriyama (Dragon Ball) verleiht Helden, Schurken und Monster ihr einzigartiges Aussehen und die Werke des klassischen Komponisten Sugiyama prägen die Identität einer jeden Dragon Quest-Episode ebenso wie Story und Figuren. Elf Dragon Quest-Teile, elf Millionenseller. Selbst der Japan-exklusive zehnte Teil, ein MMORPG, hat mittlerweile mehr als eine Million Exemplare abgesetzt und kann aktuell einen Abonnentenstamm von etwa 300.000 Spielern vorweisen. Und diese drei Genies haben bisher immer nur aus der Ferne miteinander kommuniziert? Beeindruckend. Ebenso beeindruckend wie diese Kontinuität: Dragon Quest dürfte die einzige Spielereihe überhaupt sein, an der seit den 1980er-Jahren durchgehend die gleichen kreativen Köpfe arbeiten und ihrer Vision folgen.


Serienschöpfer Yuji Horii im Gespräch

„Für Teil 11 wollten wir ein umfassendes Einzelspieler-Erlebnis mit einer tiefgründigen Geschichte erschaffen“<br>
  Quelle: Medienagentur plassma / Thomas Nickel) „Für Teil 11 wollten wir ein umfassendes Einzelspieler-Erlebnis mit einer tiefgründigen Geschichte erschaffen“
 
Mögen Sie Europa und seine Kultur sehr? Wenn man sich Ihren Büroraum so ansieht, könnte man das durchaus meinen.

Yuji Horii: Ich mag Burgen und all sowas wirklich sehr gerne. Genau in so einer Welt könnte man sich Sword & Sorcery (auch bekannt als "Low Fantasy" - eine Untergattung des Fantasy-Genres mit Helden, Schurken und Magie, bewusst kontrastiert zur "High Fantasy" à la Tolkien, Anm. d. Red.) vorstellen. Das begeistert mich und beeinflusst meine Spiele sehr. Ich denke, das ist für die Menschen im Westen ähnlich mit den Fantasien über Ninja und Samurai. Für mich ist eben das Gegenteil zutreffend, und ich liebe die europäische Kultur.

Fliegen Sie oft nach Europa, um Inspirationen und Ideen für Ihre Spiele zu sammeln?

Yuji Horii: In letzter Zeit war ich ein paar Mal drüben. Aber in den Anfangsjahren der Serie war ich dazu nicht in der Lage, daher musste ich mich auf meine Fantasie verlassen, wie es dort denn sein könnte. Aber letztes Jahr habe ich Spanien besucht!

In Dragon Quest 9 und Dragon Quest 10 stand eher das Multiplayer-Erlebnis im Vordergrund und es war wichtig, die Verbindung zwischen Spielern zu schaffen. Teil 11 ist nun wieder ein Abenteuer für Solisten. Welcher von beiden Ansätzen ist Ihrer Meinung nach besser für die Zukunft der Serie geeignet?

Yuji Horii: Dragon Quest 10 ist ein Online-Rollenspiel, und wir würden uns freuen, irgendwann wieder eins zu machen. Aber für Teil 11 wollten wir ein umfassendes Einzelspieler-Erlebnis mit einer tiefgründigen Geschichte erschaffen. Natürlich hat man außer den nummerierten Titeln auch viele Spin-offs, die verschiedene Genres abdecken wie Online oder Action und vieles anderes. Anstatt uns auf nur eine Richtung zu beschränken, wollen wir eher verschiedene Richtungen haben, damit die Serie sich als Ganzes entwickeln kann.

Final Fantasy ist in Europa generell ein größerer Name als Dragon Quest. Glauben Sie, dass Dragon Quest 11 (jetzt kaufen ) es schaffen könnte, Final Fantasy im Westen zu übertrumpfen?

Yuji Horii: Schwer zu sagen. Final Fantasy als Rivalen zu haben, ist toll und eine Ehre. Ich freue mich, dass ich die Möglichkeit habe, mit diesen Spielen zu konkurrieren. Wenn man Dragon Quest 11 genauer unter die Lupe nimmt, dann hat es eine solide Story und eine gigantische Menge an Inhalten. Und ich freue mich darauf, die Reaktionen der westlichen Spieler zu sehen, wenn es rauskommt. Alle reden über die Unterschiede von Final Fantasy und Dragon Quest. Ich denke, dass Final Fantasy ein Spiel ist, das die Geschichte erzählt, während Dragon Quest den Spieler die Geschichte erleben lässt und zu einem Teil davon macht. Wie die westlichen Fans darauf reagieren werden, ist etwas, worauf wir uns ganz besonders freuen. Ich habe von verschiedenen Quellen gehört, dass Final Fantasy 10 und Dragon Quest 8 bei den Spielern in Europa und den USA sehr gut angekommen sind. Wir hatten tolle Reaktionen auf die Charaktere, die Geschichte und das Setting der Spiele. Wenn ihr Dragon Quest 8 mochtet, dann werdet ihr auch Dragon Quest 11 lieben, weil es so tolle Charaktere und eine sehr solide gemachte Welt hat.


Natürlich gehören mittlerweile auch zahlreiche jüngere Macher zum Entwicklerteam. Produzenten, Directors, Level- und Systemdesigner - die meisten Mitarbeiter, die heute an Dragon Quest arbeiten, haben in jungen Jahren selbst vor Famicom und Super Famicom gesessen und die klassischen Episoden der Reihe als Spieler und Fans erlebt. Doch den größten kreativen Eindruck, den hinterlassen eben auch 2018 noch die Menschen, die Dragon Quest vor 32 Jahren erstmals erdacht und ausdefiniert haben.

Die Party wartet auf den Beginn einer Zirkusvorstellung. Schon die jeweils individuelle Art, wie jede Figur sitzt, charakterisiert die Gruppenmitglieder. Quelle: Square Enix Die Party wartet auf den Beginn einer Zirkusvorstellung. Schon die jeweils individuelle Art, wie jede Figur sitzt, charakterisiert die Gruppenmitglieder. Horii erläutert die Herangehensweise der Entwickler: "Die Vision von Dragon Quest selbst hat sich über die Jahre nicht sonderlich verändert. Wir haben damals angefangen, als das Rollenspiel-Genre eher eine Nerd-Sache war und nur von einer ganz bestimmten Gruppe von Spielern gespielt wurde. Was ich versucht habe: Ich wollte mehr Menschen den Einstieg ins Genre erleichtern, daher denke ich, dass dieser Teil der Vision sich eigentlich gar nicht verändert hat. Aber natürlich ändert sich der Ansatz, wie genau wir das tun, über die Jahre."

Diese enorme Kontinuität honorieren die japanischen Spieler immer wieder mit kolossalen Verkaufszahlen. Bestes Beispiel ist das aktuelle Dragon Quest 11: Das im Sommer 2017 für 3DS und PS4 erschienene Rollenspiel hat sich mittlerweile mehr als drei Millionen Mal verkauft - alleine auf dem japanischen Markt. Die lokalisierten Versionen für Europa und die USA sind schließlich noch nicht erschienen; zum konkreten Veröffentlichungstermin will Square Enix sich allerdings nicht äußern. Irgendwann in diesem Jahr soll es so weit sein. Immerhin: Wir dürfen die lokalisierte Version von Dragon Quest 11 einen Tag später unter die Lupe nehmen.

  1. Seite 1 Dragon Quest 11 - Reisebericht aus Japan - Serienschöpfer Yuji Horii im Gespräch
  2. Seite 2 Dragon Quest 11 - Reisebericht aus Japan - Besuch in Luida's Bar
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