Klasse Gameplay und freche DLC-Politik: Dirt Rally 2.0 im Test
Test
Nach dem Arcade-Sim-Hybriden Dirt 4 kümmert sich Codemasters nun wieder erstmal einzig um die Fans von echten Simulationen. Dirt Rally 2.0 soll den tollen ersten Teil überholen und hat dafür ein paar neue Features im Kofferraum. In unserem Test zum Rallyespiel ärgerten wir uns aber auch über ein paar Schrammen im Lack und die geradezu freche DLC-Politik.
Als Dirt Rally 2015 für den PC und im folgenden Jahr für die Konsolen erschien, hatten Liebhaber von echten Rallye-Simulationen nach vielen Jahren des Wartens und voller spielerischer Enttäuschungen endlich wieder einen Grund zu frohlocken. Der Codemasters-Titel war ein Spin-off zur eher arcadig gehaltenen Dirt-Reihe, besann sich aber klar auf die Wurzeln der aus Colin McRae Rally hervorgehenden Rennspiel-Serie und richtete sich daher an Freunde von Hardcore-Sims.
Der Titel war bockschwer, entfaltete aber dennoch ein enormes Suchtpotenzial, da die Rasanz und Gefährlichkeit echter Rallyes gut eingefangen wurde und das Steuerungs-Feedback so überragend war, dass man sowohl am Force-Feedback-Lenkrad als auch an Controllern ein nachvollziehbares Gefühl für Vehikel und Pisten vermittelt bekam. Nach Dirt 4, wo zwar auch normale Rallyes im Mittelpunkt standen, man aber auch arcadiges Gameplay einstellen konnte, möchte man nun den Vorgänger mit Dirt Rally 2.0 (jetzt kaufen 53,26 € ) noch mal toppen. Trotz weiterhin starkem Spielgefühl schaufelt sich der Titel aber selbst auch ein paar Schlaglöcher, die er nicht so einfach umfahren kann.
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Da fehlt doch was!
Egal ob man nun eher arcadiges oder realistisches Gameplay bevorzugt, ein Hauptkritikpunkt bei den spielerisch zumeist sehr guten Titeln von Codemasters ist bekanntlich der Umfang. Dirt Rally 2.0 stellt hier auch keine Ausnahme dar. Die Hillclimb-Rennen aus dem Vorgänger wurden beispielsweise komplett gestrichen. Dafür hat man nun, wie schon in Dirt 4, die Lizenz zur offiziellen Rally-Cross-Meisterschaft mitsamt allen acht Strecken wie unter anderem Silverstone, Montalegre oder dem Circuit de Catalunya in Barcelona. Selbstverständlich darf man hier auch in die originalgetreuen Karossen der teilnehmenden Rennfahrer steigen. Insgesamt erwarten euch hier neben den offiziellen Teilnehmern zwölf Fahrzeuge aufgeteilt in vier Klassen.
Quelle: PC Games
Während der Rennen könnt ihr viele kleine Details wie herumschwirrende Drohnen oder liegengebliebene Kontrahenten beobachten.
Bei den titelgebenden Rallyes hingegen gibt es insgesamt 38 Autos, die in zehn Fahrzeugklassen unterteilt sind. Ihr dürft damit an sechs Schauplätzen mit jeweils zwölf Wertungsprüfungen über Schlamm, Schotter, Stock und Stein brettern. Die Etappen in Polen führen euch durch Wälder und Dörfer, in Australien geht es quer durchs Outback, in Spanien erwarten euch schnelle Asphaltstrecken, in den USA fahrt ihr durch die herbstlichen Wälder New Englands, während ihr in Neuseeland die Küste entlangrast und in Argentinien tückische Schikanen in den Anden meistert. Hinzu kommen natürlich überall verschiedene Tageszeiten und Witterungsbedingungen. Rallye-Veteranen wird jedoch sofort auffallen, dass nicht nur Klassiker wie die Rallye von Monte Carlo, sondern auch Schneegebiete in Schweden fehlen, die im Vorgänger noch enthalten waren.
Käufer der Standardversion von Dirt Rally 2.0 müssen dafür erneut in die Tasche greifen und sich für jeweils zehn Euro die neuen Seasons kaufen, sofern sie auf weitere Schauplätze und Boliden Wert legen. Wer hingegen die Deluxe-Variante erstanden hat, darf sich die ersten beiden Seasons gratis herunterladen. Aus dem Vorgänger bekannte und für ein Rallye-Spiel erwartbare Inhalte nun extra zu verkaufen, finden wir ganz schön frech. Gerade auch, da sich grafisch jetzt nicht so viel geändert hat, sodass man auch nicht mit einer kompletten Überarbeitung argumentieren kann. Dirt Rally 2.0 leistet sich hier auch abseits der Schlammpisten eine ziemliche Dreckigkeit.
Quelle: PC Games
Die Rally-Cross-Rennen sind zumeist wunderbar actionreich und spannend. Zudem ist die Weltmeisterschaft komplett lizenziert.
Ein wenig RPG tut nicht weh
Im Hauptmenü dürft ihr dafür jetzt zwischen zwei Optionen wählen: Mein Team und Freies Spiel. Im freien Spiel dürft ihr direkt zu Beginn fast an sämtlichen Wettbewerben teilnehmen. So könnt ihr beispielsweise sofort eine Rally-Cross-Weltmeisterschaft starten oder im hinzugekommenen Modus Zeitfahren sämtliche Rallye-Vehikel aus allen Klassen auf allen im Spiel enthaltenen Strecken Probe fahren. Zudem dürft ihr an historischen Rallyes teilnehmen. Diese sind unterteilt in die Gruppen Klassische Rallye, Zurück in die 80er, Moderne Klassiker sowie Gegenwart und bieten verschiedene Etappen mit unterschiedlichen Fahrzeugklassen.
Allerdings müssen neue Gruppen freigeschaltet werden, indem ihr in der vorigen Epoche bei einer Meisterschaft zumindest auf dem Treppchen landet. Wer also beispielsweise in der 80er-Rallye in Walter Röhrls legendärem Audi Quattro S1 Platz nehmen möchte, muss erst mal im alten Mini Cooper oder Lancia Fulvia was reißen. Zudem darf man im freien Modus auch eigene Rennveranstaltungen kreieren. Man legt hier selbst Etappen, Wertungsprüfungen, Tageszeit sowie Wetter fest und kann auch Rally-Cross-Rennen zwischen normalen Rallyes festsetzen.
Quelle: PC Games
Die Atmosphäre der Rallyes ist klasse. Überall stehen Zuschauer und jubeln euch kräftig zu.
Im Gegensatz zum freien Spiel setzt Mein Team eine Internetverbindung voraus. Hier dürft ihr an täglichen und wöchentlichen Herausforderungen teilnehmen oder eine Rallye-Karriere starten, in der ihr alles mit erspielten Credits freischalten müsst, die ihr in zufällig zusammengestellten Etappen erhaltet. Neue Autos kosten Credits und auch die Rally-Cross-Meisterschaft muss so freigeschaltet werden. Zudem dürft ihr mit Credits Upgrades für euer Fahrzeug erstehen oder eure Team-Mitglieder aufleveln, wodurch ihr beispielsweise bei Reparaturen Zeit spart. Dieses RPG-Element ist nicht störend, wirkt aber insgesamt ein wenig aufgesetzt.
Gummi geben für Profis
Auf der Strecke selbst macht Dirt Rally 2.0 eine sehr gute Figur. Sämtliche Fahrzeuge haben ihre Eigenheiten und spielen sich dadurch unterschiedlich. Selbst Autos aus der gleichen Klasse unterscheiden sich im Spielgefühl teils deutlich voneinander. Zudem darf man die Vehikel auch punktgenau auf die eigenen Vorlieben oder die Ansprüche der verschiedenen Strecken einstellen. Die Optionen sind hierbei so vielfältig, dass Einsteiger jedoch ein wenig überfordert sein dürften und so nicht das Beste aus ihrem Fahrzeug herausholen können. Dabei ist dies bitter nötig, denn bereits ab dem mittleren Schwierigkeitsgrad legen die KI-Fahrer sehr ordentliche Zeiten vor, die es zu schlagen gilt.
Davon sollte man sich dennoch nicht verunsichern lassen, denn das Gameplay macht wirklich Laune. Hat man sein Vehikel gut im Griff und lernt, die tückischen Strecken zu lesen, befindet man sich schon bald im Korridor und fliegt nur so dahin. Auch die Rally-Cross-Rennen mit vier weiteren Fahrern auf der Piste sind wirklich unterhaltsam. Die KI ist unerbittlich und lässt sich nicht einfach abschütteln, zudem muss man lernen, möglichst schnell die Kurven nehmen zu können und auch zum richtigen Zeitpunkt in die Joker-Runde zu fahren, die man einmal pro Rennen bewältigen muss. Dadurch sind die Rasereien richtig spannend und selbst kurz vor Schluss kommt es oftmals noch zu Führungswechseln.
Im Gegensatz zum Vorgänger dürfen Anfänger nun auch mehr Fahrhilfen einschalten und verbuchen so auch einige Erfolgserlebnisse. Arcadig wird Dirt Rally 2.0 dennoch nie. Der Titel bleibt selbst mit Hilfen eine klare Simulation. Hier muss man allerdings auch anmerken, dass der erste Teil in Sachen Spielgefühl sogar ein bisschen besser war. So fühlen sich die Autos nun etwas leichter an, während im ursprünglichen Dirt Rally das tatsächliche Gewicht der Boliden besser vermittelt wurde und sie sich dadurch nachvollziehbarer anfühlten.
Quelle: PC Games
Auf feuchten Pisten sollte noch ein wenig am Balancing gefeilt werden.
Die Rutschpartien sind nicht immer nachvollziehbar.
Überhaupt ist das Auto-Strecke-Feedback ein wenig lascher als im Vorgänger. Dies betrifft aber nur Controller-Piloten, mit einem ordentlichen Force-Feedback-Lenkrad fühlt sich auch Dirt Rally 2.0 herrlich authentisch und realistisch an. Manchmal kommt es einem so vor, als würde man jedes Steinchen auf der Piste spüren. Etwas nervig ist jedoch die teilweise seltsame Kollisionsabfrage. Kommt man nur ein klitzekleines Stückchen auf den Streckenrand, wo nur flache Wiese ist und kein Felsen, verhält sich das Fahrzeug teilweise, als wäre es gegen einen Betonpfeiler gebrettert.
Ohnehin sind auch manche Begrenzungen härter, als man glaubt. Die Kollision mit einem kleinen Holzzaun oder einem läppischen Straßenschild wird manchmal so dargestellt, als sei man gerade gegen ein Haus gefahren. Die meiste Zeit bleibt man von diesen seltsamen Kollisionen verschont, während unseres Tests fielen sie uns aber immer wieder mal auf. Wenigstens konnten wir so das nun detailliertere Schadensmodell in Aktion sehen.
Doch auch bei nasser Strecke ist Dirt Rally 2.0 seinem Vorgänger ein wenig unterlegen. Selbst wenn es nicht regnet, sind die Strecken auf Asphalt gleichmäßig rutschig, obwohl der Film nicht gleichmäßig auf der Strecke verteilt ist. Man sieht den detailliert abgebildeten Strecken zwar an, wo sie nass, ein wenig feucht und abgetrocknet sind, spielerisch merkt man hier aber oftmals keinen Unterschied. Wir wollen hier jetzt nicht komplett schwarzmalen. Dirt Rally 2.0 spielt sich insgesamt sehr gut und auch das Fahren bei Nässe lernt man zu meistern. Dennoch wurde hier mit der Glätte ein wenig übertrieben und es sollte auf jeden Fall noch gepatcht werden.
Quelle: PC Games
Sämtliche Autos steuern sich unterschiedlich und sind teils echte Biester. Der Audi Quattro S1 von Walter Röhrl will erst mal gezähmt werden.
Das geht noch schöner
Technisch ist Dirt Rally 2.0 ein wenig durchwachsen. Die Framerate bleibt jederzeit konstant, es gibt keine nervigen Pop-ups oder nachladenden Texturen und die Lichteffekte sind teilweise wirklich wunderschön. Wenn das Sonnenlicht durch die dichtstehenden Bäume im Wald bricht oder von den Pfützen auf dem feuchten Asphalt reflektiert, ist das wirklich atemberaubend toll und greift sogar ins Spiel ein. Versucht mal eine Bestzeit aufzustellen, während ihr von der gemeinen Sonne geblendet werdet! So wird sogar teilweise die Tageszeit einer Wertungsprüfung zur zusätzlichen Herausforderung.
Quelle: PC Games
Die andere Seite von Dirt Rally 2.0: Manchmal wirkt die Umgebung verwaschen und hässlich. Andere Rennspiele sind da schöner anzuschauen.
Die Fahrzeugmodelle hingegen könnten etwas schöner ausgearbeitet sein. Zwar glänzen sie mit originalgetreuen Cockpits, doch von außen wirken sie immer ein bisschen matt und reagieren kaum mit den schönen Lichteffekten. Die Ansehnlichkeit der Umgebungen schwankt stark von Land zu Land und ist auch wetterabhängig. Das Outback oder auch die Rennen in den Anden sehen wirklich toll aus. Hier könnte man sich nur daran stören, wie undetailliert die Ferne oftmals dargestellt wird - wenn es einem denn auffällt.
An Schauplätzen mit Wäldern sieht man jedoch recht klar, wie matschig und grafisch veraltet die Bäume und Büsche wirken. Bei Regen oder Nacht sehen diese Umgebungen dann sogar oftmals richtig trostlos aus. Selbst das herbstlich schillernde New England wirkt so trist wie ein Ausflug in die Gedankenwelt eines Emos. Hier hat Codemasters tatsächlich viel Copy und Paste aus Dirt 4 betrieben. Trotz der aufgezählten Mängel bleibt Dirt Rally 2.0 ein sehr gutes Rennspiel, das mit seinem Gameplay viel rausreißt. Der Vorgänger fühlte sich jedoch trotz Limitierungen etwas runder an.
