Das eigentliche Problem von Blizzard

Kolumne Carlo Siebenhüner
Das eigentliche Problem von Blizzard
Quelle: Blizzard / pcgames.de

Diablo Immortal wurde schon weit vor Release zerrissen. Carlo Siebenhüner zeigt, wie man den Shitstorm mit einem kleinen Kniff hätte vermeiden können.

Blizzard hat während der verunglückenden Präsentation nicht verstanden, dass die Mobile-Plattform nicht das Problem war, sondern die Erwartung. Die Community hat mit einem Vollpreis-Diablo für Core-Gamer gerechnet, kurz gesagt mit Diablo 4. Bekommen haben sie ein, zumindest auf den ersten Blick, Casual-Free2Play-Mobile-Spielchen. Vor Ort kann man damals schon spielen, aber der Großteil der Fans bekommt nur die katastrophale Präsentation mit, was ebenfalls ein Fehler war. Mit dem Blick von heute muss ich sagen, dass der Kritikpunkt "billiges Handyspielchen" so nicht ganz stimmt. Immortal ist ein beinahe vollwertiges Diablo, nur eben mit InGame-Shop statt Vollpreis. Das harte Gericht der Community hat entschieden, dass dieses Immortal ein Müllspiel ist - noch bevor es die Meisten überhaupt in den Fingern hatten.

Wer mehr zur PC-Umsetzung von Diablo Immortal (jetzt kaufen ), unseren Eindrücken aus Alpha- und Beta-Phase lesen möchte, der schaut sich einfach unsere ausführliche Preview an. Wir konnten uns sowohl in Alpha- und Beta-Phase des Spiels viele Stunden durch die Dämonenhorden prügeln. Außerdem durften wir als einzige deutsche Redaktion ein ausführliches Interview mit den Entwicklern führen, wie es zum Sinneswandel der PC-Version kam.

Es geht auch anders

Natürlich könnte man sagen: Die Community ist voreilig und stur, und das stimmt vielleicht auch zum Teil, doch am Ende ist Blizzard auch schuld an der Misere. Es gibt gute Beispiele dafür, wie Publisher den Fans einer Traditionsmarke ein Mobile-Game erfolgreich untergejubelt haben und dabei ist allen voran Bethesda zu nennen. Die haben das sogar zweimal geschafft.

2015 kündigen sie auf der E3 Fallout 4 an. Das erste große Rollenspiel seit Skyrim und vor allem der neue Teil der Fallout-Serie nach der gefeierten Wiederbelebung mit Fallout 3. Im gleichen Atemzug hauen sie eine Free2Play-App namens Fallout Shelter raus.
Eine kleine App, die innerhalb kürzester Zeit ganz groß wird, die Charts erobert, fantastische Bewertungen einheimst und die, genauso wie jedes andere Free2Play-Spiel, auf Ingame-Käufe setzt. In drei Jahren sackt das Spiel 90 Millionen Dollar mit Mikrotransaktionen ein.
Das Spiel wird auch von Coregamern geliebt und ist die perfekte Überbrückung bis zu Fallout 4.Weil das so gut funktioniert hat, machen sie den Stunt 2018 gleich erneut, doch diesmal dreister. Die Fanfaren heulen auf, das Bild zeigt eine schicke Landschaft, die Menge rastet aus: The Elder Scrolls 6 wird angekündigt. Dass der Trailer völlig nichtssagend ist, interessiert vorerst niemanden. Wie TES 6 aussieht, wo es spielt und wann es überhaupt kommt - keine Ahnung, das weiß Bethesda selbst nicht, denn es gibt zu dem Zeitpunkt noch gar kein Spiel. Das Ganze ist nur ein Marketingstunt und Elder Scrolls 6 heute noch meilenweit von einem Release entfernt. Doch der Fallout Shelter war ein Renner und wird selbst heute noch mit Updates versorgt. Quelle: Interplay / Medienagentur plassma Fallout Shelter war ein Renner und wird selbst heute noch mit Updates versorgt. Hype ist da und auf dieser Welle kann man den Fans The Elder Scrolls: Blades verkaufen.

Blades ist ein weiteres Free2Play-Handyspiel mit InGame-Käufen. Die Euphorie ist diesmal zwar nicht so groß wie bei Fallout Shelter, doch das Spiel wird angenommen und erntet ebenfalls super Bewertungen. Nach einem Monat hat man bereits 1,5 Millionen Dollar eingefahren. Beide Spiele leben übrigens bis heute und erhalten regelmäßig Updates. Ich würde viel darauf verwetten, dass der Shitstorm für Bethesda ähnlich groß gewesen wäre, hätten sie die bittere Free2Play-Pille nicht in eine vollmundige Ankündigung gepackt.

Blizzard, hör deiner Community zu!

Blizzard hätte exakt nach diesem Vorbild handeln müssen. Die Community erwartete ein vollwertiges Diablo und wäre bei einer Ankündigung vor Freude im Dreieck gesprungen. Im gleichen Atemzug - gewissermaßen als Überbrückung - kommt Diablo Immortal für das Handy. Zwar gibt es Gerüchte, dass dies genau so geplant war, kurzfristig wurde jedoch entschieden, dass Diablo 4 doch nicht präsentiert wird. Das ist aber alles unbestätigtes Hörensagen. Am Ende entschied sich Blizzard dafür, Diablo Immortal als den großen Programmpunkt auszuwählen - mit dem zu erwartenden Backlash aus der Community.

Ob sich das Spiel vom Schaden erholen kann, wird sich zum Release im Juni zeigen. Schlecht stehen die Chancen tatsächlich nicht. Das liegt zum einen daran, dass mittlerweile vier Jahre seit dem Shitstorm vergangen sind. Für viele ist Gras über die Sache gewachsen. Außerdem hat Blizzard im Nachgang dazugelernt und endlich wieder angefangen, auf die Community zu hören. Während der Alpha und Beta wurden viele Spielerwünsche berücksichtigt. Jetzt gibt es sogar eine native PC-Version, obwohl diese 2018 kategorisch ausgeschlossen wurde.

Es lohnt sich durchaus, Diablo Immortal eine Chance zu geben - jetzt ja sogar auch am PC.  Quelle: Blizzard Es lohnt sich durchaus, Diablo Immortal eine Chance zu geben - jetzt ja sogar auch am PC.  Auch auf einen extrem aufdringlichen Shop verzichtet man größtenteils. Es gibt zwar die klassischen Spielereien wie die tägliche Belohnung im Shop, aber wenn man der App keine Erlaubnis für Benachrichtigungen erteilt, dann nervt sie auch nicht.
Zumindest in unserer Spielsession haben wir im Shop nur Komfortverbesserungen gesehen, die etwa das Crafting erleichtern oder mehr Belohnungen aus dem grundsätzlich kostenlosen Battle Pass ausspucken. So Pay2Win wie damals das Auktionshaus im Vollpreis-Diablo 3 ist es also auch nicht. Zumindest bisher, denn da muss sich im Endgame-Test zeigen, ob der Standard gehalten werden kann.

Ich kann nur sagen: Probiert Diablo Immortal aus, denn während der vielen Stunden hat es mir durchaus Spaß gemacht. Obendrauf ist es kostenlos und man kann es schnell in den Papierkorb pfeffern. Tja, und an Blizzard gerichtet kann ich nur betonen: Ihr hättet euch den Shitstorm schenken können, wenn ihr vorher nur einmal in eure eigene Community hineingehört hättet.

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