Clair Obscur im Test: Ich werd' meinen Kindern sagen, dass das Final Fantasy 16 war!

Test Stefan Wilhelm
Clair Obscur im Test: Ich werd' meinen Kindern sagen, dass das Final Fantasy 16 war!
Quelle: Sandfall Interactive

Kaum zu glauben, aber wahr: Das beste JRPG des Jahres kommt aus Frankreich!

Außerdem wird bei Clair Obscur sehr wenig dem Zufall überlassen. Haben wir die vielen Zahlen und Mechaniken irgendwann verinnerlicht, können wir Pläne schmieden, die zuverlässig aufgehen, außer, wenn ein Boss mal ganz neue Mechaniken auspackt. Aber selbst dann dauert es meistens nicht lange, die passende Gegenmaßnahme zu finden.

Das Ausarbeiten der Figuren motiviert bis zum Schluss, weil Upgrades und neue Puzzlesteine für das perfekte Team kontinuierlich verteilt werden. Auch wenn ich in meinem Durchgang zwei der fünf Figuren so gut wie nicht genutzt habe, hatte ich stets das Gefühl, mein Dreiergespann in viele unterschiedliche Richtungen entwickeln zu können.

Dass die Kämpfe audiovisuell großartig präsentiert werden und dank der Echtzeit-Features immer auch mechanisches Können gefragt ist, tut sein Übriges. Es ist beeindruckend, wie viele verschiedene Gegner, Mechaniken, Fähigkeiten und Soundtracks das Entwicklerteam in Clair Obscur gesteckt hat.

Das ist auch gut so, denn beinahe alles, was wir in Clair Obscur auf der spielerischen Ebene tun können, läuft am Schluss irgendwo auf Kämpfe hinaus. Die verlieren aber über die vielen dutzend Stunden, die man im Spiel verbringen kann, nichts von ihrem Reiz.

Genau wie das Erkunden und Sammeln, denn da beschränkt sich Clair Obscur aufs Wesentliche: Die Verbrauchsgegenstände zum Heilen und Wiederbeleben der Helden werden an Checkpoints aufgefüllt, deswegen finden wir, von kosmetischen Items mal abgesehen, wirklich nur Zeug, das entweder zum Fortschritt oder zur taktischen Vielfalt beiträgt.

Das Kampfmenü aus der Sicht von Monoco. Quelle: Sandfall Interactive

Die verlorene 33

Ein kleiner Kritikpunkt an der Stelle: Während die Oberweltkarte nach und nach aufdeckt und mit Symbolen für die Orte gefüllt wird, verzichtet das Spiel innerhalb seiner Dungeons komplett auf Orientierungshilfen wie eine Karte oder Markierungen.

Klingt erstmal schlüssig, immerhin sind wir ein Expeditionstrupp auf einem fremden Kontinent und der Reiz des Unbekannten animiert stets zum Weiterspielen.

Aber so abwechslungsreich die Lokalitäten auch daherkommen, so können sich die Gänge innerhalb eines Dungeons doch manchmal etwas zu ähnlich sehen. Da fällt es schwer, sie bis aufs letzte Item abzugrasen, und die vielen Nebenquests und Geheimbosse, die uns immer wieder begegnen, können auch nirgends vermerkt werden.

Wer also wirklich alles machen will, der wird irgendwann ziellos backtracken müssen, wenn er nicht gerade über ein fotografisches Gedächtnis verfügt (oder einen halben Notizblock gefüllt hat). Der Old-School-Ansatz hat aber auch seine Schokoladenseite, immerhin sorgt er dafür, dass wir oft noch etwas zu tun finden, wenn wir im Endgame an frühe Orte zurückkehren.

Clair Obscur leistet sich also nur wenige Patzer, was bei dem gerade einmal 30-köpfigen Entwicklerteam und dem sehr fairen Startpreis von 50 Euro noch beeindruckender ist. Dass Soundtrack und Artdesign über jeden Zweifel erhaben sind, habe ich eingangs schon erwähnt, aber auch technisch ist das Unreal-Engine-5-Projekt größtenteils sauber umgesetzt. Der große Hardware-Hunger, den diese Engine nun einmal mitbringt, ist da allerdings schon mit einkalkuliert.

Esquie fliegt über die Oberwelt. Quelle: Sandfall Interactive Ich hatte am PC weder Abstürze noch störende Bugs oder Glitches, dafür aber ständig bildgewaltige Momente, und auch die Zwischensequenzen müssen sich nicht hinter Triple-A-Blockbustern verstecken, ganz im Gegenteil: Inszenatorisch wird die märchenhaft-düstere Erzählung hervorragend präsentiert.

Bei den menschlichen Figuren gibt es allerdings noch Verbesserungspotenzial: So hat die Expedition 33 mit sehr pixeligen Frisuren und fleckigen Schatten zu kämpfen und eine halbwegs aktive Mimik haben die Gesichter nur in den vorgerenderten Szenen. Das lässt so manchen emotionalen Moment flacher ausfallen, als er sein sollte.

Dafür ist die englische Vertonung, nicht nur dank ihrer bekannten Sprecher, sehr gelungen und Geschichte sowie Inszenierung leisten mehr als genug Arbeit, um sich bis zu den Credits zu tragen und darüber hinaus im Gedächtnis zu bleiben. Clair Obscur enthüllt seine großen Geheimnisse erst in den letzten Stunden und auch, wenn ich bis dahin meine Mühe damit hatte, manche Figuren wirklich greifen zu können, hat sich am Ende alles zu einem stimmigen Bild zusammengefügt. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Es ist das große Ganze, das mich letztendlich überzeugt hat, die Gründe, warum die Figuren für oder gegen die Mächte dieser schrägen Welt kämpfen, und weniger ihre persönlichen Beziehungen untereinander. Wer möchte, darf die aber auch vertiefen, und zwar in optionalen Gesprächen am Lagerfeuer.

Was bei mir vor allem hängenbleiben wird, ist der Eindruck eines Spiels, das die Extrameile geht. Clair Obscur hätte kein derart tiefes, fantastisches Kampfsystem auffahren, keine solchen Mengen an optionalem Content bieten müssen und der Soundtrack wäre auch in Ordnung gegangen, wenn er nicht so viele Register ziehen würde.

Es hätte ein simples, rundenbasiertes Fantasy-Rollenspiel sein können, das sich als Liebeserklärung an alte JRPGs vermarktet, und es hätte damit sicher auch Abnehmer gefunden. Aber dabei haben es die Entwickler nicht belassen. So ist es eine Liebeserklärung an diese vergangenen Zeiten geworden, und gleichzeitig auch sein ganz eigenes Ding.

Ein märchenhaftes, komplexes und intelligentes Rollenspiel, das Augen und Ohren verwöhnt, den Geist fordert und mich in seinen besten Momenten mit Gänsehaut zurückgelassen hat. Absolute Empfehlung!

Wertung zu Clair Obscur: Expedition 33 (PC)

Wertung:

9.0 /10
Fazit

Ein audiovisueller Genuss und ein überraschend tiefgängiges Rollenspiel: Mit seiner Geschichte, seinem Stil und seinem hervorragenden Kampfsystem pustet Clair Obscur viel frischen, nach Croissants duftenden Wind ins JRPG-Genre!

Clair Obscur: Expedition 33 erscheint am 24. April 2025 für PC, PS5 und Xbox Series S und X. Auf dem PC und den Xbox-Konsolen ist das Spiel außerdem im Game Pass enthalten und kann direkt am Veröffentlichungstag ohne zusätzliche Kosten gespielt werden. Für die PS5 wird neben der digitalen Version auch eine physische Fassung angeboten. Transparenzhinweis: Für diesen Test wurden uns Fassungen von Clair Obscur von Cosmocover zur Verfügung gestellt.

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