Clair Obscur im Test: Ich werd' meinen Kindern sagen, dass das Final Fantasy 16 war!

Test Stefan Wilhelm
Clair Obscur im Test: Ich werd' meinen Kindern sagen, dass das Final Fantasy 16 war!
Quelle: Sandfall Interactive

Kaum zu glauben, aber wahr: Das beste JRPG des Jahres kommt aus Frankreich!

Alles eine Frage des Timings...

Zum einen setzen die Kämpfe stark auf Echtzeitelemente. Unsere Fähigkeiten, egal, ob Angriff oder Support, lösen mehr und stärkere Treffer aus, wenn wir das Quick-Time-Event meistern, mit dem jede Aktion begleitet wird.

Das ist noch der einfache Part, schließlich muss dafür nur eine Taste genutzt werden und das Spiel zeigt unmissverständlich an, wann der richtige Zeitpunkt zum Drücken gekommen ist.

Deutlich schwerer gestaltet sich das Vermeiden und Parieren feindlicher Aktionen. Schafft es einer unserer Kämpfer, eine auf ihn gerichtete Angriffsserie vollständig zu parieren, wird ein mächtiger Konter ausgelöst, dessen Schadens-Output es auch gerne mal mit dem einer mächtigen Fähigkeit aufnehmen kann.

Alternativ weichen wir Angriffen einfach aus, was minimal leichter von der Hand geht, aber je nach Charakter-Build nur mit Aktionspunkten belohnt wird.

Lune bereitet einen Zauber vor. Quelle: Sandfall Interactive Es ist ein spannendes System, das nicht nur jeden Kampf mit ordentlich Action aufpeppt, sondern auch dafür sorgt, dass Aufleveln und das Erstellen von Charakter-Builds und Teamkompositionen nicht die einzigen Wege zum Erfolg sind. Theoretisch können wir es schon früh mit viel zu starken Gegnern aufnehmen, da sich fast jeder Angriff mit dem richtigen Timing vermeiden lässt.

Allerdings ist das in der Praxis deutlich leichter gesagt als getan. So sind die Timings zum Parieren und Ausweichen oft nicht nur außerordentlich streng, sondern das Spiel macht es sich auch zur Aufgabe, die richtigen Zeitpunkte so gut es geht zu verschleiern.

Gegner verzögern ihre Angriffe, täuschen sie nur an oder lassen ellenlange Kombos vom Stapel, die uns erst einen Rhythmus einprügeln, um ihn dann im letzten Moment doch wieder zu brechen. Die vielen fiesen Tricks und die nur selten intuitiv ausweichbaren Angriffe können auch gerne mal nervig werden, vor allem, wenn sie später im Spiel noch mit Statuseffekten einhergehen.

Ich kann aber Entwarnung geben: Auf dem normalen Schwierigkeitsgrad lässt sich die Story von Clair Obscur trotzdem ohne größere Hänger durchspielen, und zwar ganz ohne grinden zu müssen.

Die richtig harten Brocken reserviert das Spiel für seinen Nebencontent, der uns locker nochmal genauso lang beschäftigt wie die knapp 30 Stunden umfassende Hauptstory.

Ob in den Dungeons oder auf der Oberweltkarte: Ständig laufen wir Feinden in die Arme, die für sehr viel stärkere Figuren vorgesehen sind. Wirklich abhaken können wir weite Teile der Spielwelt erst im Endgame.

Ein optionaler Boss auf der Oberwelt. Quelle: Sandfall Interactive

... und der Taktik!

Hier kommt dann die zweite große Besonderheit des Kampfsystems zum Tragen, denn es reicht nicht, die Party einfach nur hochzuleveln, um mit den Endgame-Herausforderungen fertig zu werden.

Die fünf Helden haben radikal verschiedene Kampfstile und eigene Zusatzressourcen, mit denen sie haushalten müssen und die alle auf unterschiedliche Weise erzeugt und genutzt werden. Wir tüfteln also nicht nur eine starke Kombination der Figuren miteinander aus, sondern auch eine sinnvolle Kampfrotation für jeden einzelnen Charakter.

Die Fechtmeisterin Maelle wechselt zum Beispiel mit jeder eingesetzten Fähigkeit ihre Kampfhaltung, was nicht nur den eingesteckten und ausgeteilten Schaden bestimmt, sondern oft auch noch Bonuseffekte auslöst, wenn der richtige Skill in der richtigen Haltung genutzt wird.

Die Reihenfolge ist bei ihr also entscheidend, und nebenbei müssen wir sicherstellen, dass sie über genügend Aktionspunkte verfügt, um ihre Angriffe überhaupt erst einsetzen zu können.

Magierin Lune profitiert auch von solchen Zusatzeffekten, aber sie muss dafür Pigmente in den richtigen Farben benutzen, die wiederum bei jeder Aktion erzeugt werden.

Die Fähigkeiten sind dabei auch nicht nur dazu gedacht, möglichst viel Schaden in den Reihen der Feinde anzurichten - jeder Held kann auch eine Support-Rolle erfüllen, indem er etwa das Team mit Buffs ausstattet oder Gegner für die Aktionen einer anderen Figur "vorbereitet".

Gustave landet einen perfekten Treffer. Quelle: Sandfall Interactive Dieser starke Fokus auf Synergien und Rotationen verleiht dem Kampfsystem und der Charakterentwicklung eine enorme Tiefe, aber, und das ist das große Kunststück, ohne dabei überkompliziert oder frustrierend zu werden.

Das gelingt Clair Obscur vor allem an Stellen, wo andere RPGs gerne danebenhauen: So fühlt sich etwa kein Aspekt der Charakterentwicklung aufgesetzt an, weil jeder davon wirklich spürbare Ergebnisse liefert.

Seien es die Effekte der Waffen, die den kompletten Spielstil einer Figur ändern können, die "Lumina" genannten Perks, mit denen eine Aktion auch gerne mal doppelt so effektiv wird, oder die freischaltbaren Skills: Hier wird man nur selten mal mit Verbesserungen im einstelligen Prozentbereich abgespeist. Hier darf man mit etwas Köpfchen durchschlagende Resultate erzielen.

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