Call of Duty: Modern Warfare im Test - Nicht ganz so gut wie das Original
Test
Endlich wieder mal ein richtig gutes Call of Duty - das war die einhellige Meinung in den Kommentarsektionen unter Trailern und Vorschauen zum neuen Modern Warfare. Wir haben nun endlich die Vollversion vorliegen, bereits mehrere Stunden darin verbracht und verraten euch, ob das Shooter-Reboot tatsächlich so überzeugend ausfällt, wie viele Spieler es sich vorstellen.
Obwohl die Call-of-Duty-Reihe jährlich erscheint, sorgt sie immer wieder aufs Neue für Aufruhr. Das ist auch beim mittlerweile 16. Ableger namens Modern Warfare nicht anders. Im Zentrum der Debatte steht erneut die Story des First-Person-Shooters. Nicht, weil sie komplett fehlt und durch einen Battle-Royale-Modus ersetzt wurde - wie noch in Black Ops 4. Vielmehr reiben sich viele Spieler und Journalisten am Inhalt und der expliziten Inszenierung der Kampagne. Nicht nur einmal wurde im Vorfeld des Release, der am 25. Oktober für PC, PS4 und Xbox One erfolgte, darüber diskutiert, ob Entwickler Infinity Ward hier nicht eine Grenze überschreite. Und auch wir zeigten uns nach unserer ersten Anspielmöglichkeit im Mai durchaus kritisch, sprachen vom "nächsten Skandalspiel" der Reihe und fragten uns, ob Szenen wie Giftgas auf Kinder denn wirklich sein müssten.
Gut fünf Monate später liegt uns nun die Vollversion von Call of Duty: Modern Warfare (jetzt kaufen ) vor. So konnten wir uns endlich die komplette Kampagne zu Gemüte führen und davon überzeugen, ob es die Macher wirklich nur auf Schlagzeilen abgesehen haben oder hinter ihren kontroversen Designentscheidungen doch etwas mehr Sinn steckt.
In diesem Artikel
Laden und Sichern
Bevor es aber überhaupt mit irgendetwas losgeht, muss (zumindest auf den Konsolen) erst mal ein riesiges Update heruntergeladen werden. Auch wenn Modern Warfare als Retailversion mit Disc kommt, seid ihr gezwungen, über 50 Gigabyte an Updates aus dem Netz zu ziehen, gefolgt von einem knapp 15 Gigabyte großen Patch. Sonst geht rein gar nichts - abgesehen vom Hauptmenü. Und auch auf dem PC lässt sich die Kampagne ohne Internetverbindung nicht spielen. Das senkt die anfängliche Vorfreude dann doch etwas.
Quelle: PC Games
Captain Price wird vom englischen Schauspieler Barry Sloane dargestellt, der bereits in der US-Fernsehserie SIX einen Militärofficer verkörperte.
Eine knappe Stunde und diverse Neustarts später, waren wir dann endlich startklar. Zeit also, sich endlich ins Getümmel zu stürzen. Wie es ein Reboot so von Natur aus an sich hat, schmeißt Modern Warfare natürlich alles über den Haufen, was in den vorangegangenen drei Teilen der Serie passiert ist. Oberschurke Makarov, die russischen Ultranationalisten und die Invasion der USA - alles Schnee von gestern. Stattdessen schlägt der neueste Shooter-Ableger ein komplett neues Kapitel auf, das in der Gegenwart spielt und eine eigenständige, vom tagesaktuellen politischen Weltgeschehen beeinflusste Geschichte erzählt. Die einzige Konstante bleibt der gute alte Captain Price, der erneut seinen standesgemäßen Auftritt spendiert bekommt - inklusive einer kleinen Hollywood-Frischzellenkur, durch die er mit seinem prächtigen Schnurrbart nun schon fast ein wenig an Ryan Gosling in The Nice Guys erinnert.
Typisch für Call of Duty wird die Geschichte aus mehreren Perspektiven erzählt - in diesem Fall aus der des britischen SAS-Agenten Kyle Garrick sowie eines CIA-Ermittlers mit dem griffigen Codenamen "Alex", zwischen denen ihr in den insgesamt 14 Kapiteln hin- und herwechselt. Zunächst seid ihr aber erst einmal unbeteiligter Zuschauer und müsst machtlos mit ansehen, wie die Kampagne mit einem ordentlichen Knall beginnt - wortwörtlich. Ihr befindet euch in einem dunklen Van, vollgepackt mit bis an die Zähne bewaffneten, vermummten Gestalten. Eine Zigarette wird herumgereicht, während ein Fanatiker namens "der Wolf" auf einem Handybildschirm von einem Kampf ohne Reue und einem Krieg ohne Mitgefühl predigt. Schließlich schwenkt die Kamera auf die Person in der hintersten Ecke der Fahrzeugkabine. Um ihre Brust schnürt sich eine scharfgeschaltete Sprengstoffweste. Dann öffnen sich plötzlich die Türen, Licht strömt ins Innere und entsetzte Schreie sind zu hören. Dann wird das Bild schwarz. Dieser Einstieg sitzt.
Quelle: PC Games
Call of Duty: Modern Warfare startet direkt mit einem Aufreger: einem terroristischen Anschlag auf London.
Mit ihm setzen die Entwickler von Infinity Ward den Ton für den Rest des Shooter-Abenteuers. Modern Warfare will nämlich noch einmal härter, realistischer und auch unangenehmer sein als seine Vorgänger. Das gelingt dadurch, dass es den globalen Terror ins heimische Wohnzimmer bringt. Wenn ihr vom Sofa aus mitverfolgen müsst, wie sich ein Attentäter in den Straßen Londons in die Luft sprengt, lässt euch das wahrscheinlich beklemmt und fassungslos zurück. Die Szenerie wirkt fast realitätsnah, als könnte sie so auch in den Nachrichten laufen. Das liegt auch daran, dass die Macher den Storyfokus weniger auf toughe Kriegshelden, sondern vielmehr auf die hilflose zivile Bevölkerung legen. Als Schauplatz dient der fiktive, im Nahen Osten angesiedeten Staat Urzikstan. Der steht unter dauerhafter russischer Besatzung, um die nationale Terrorzelle Al-Qatala unter Führung des eingangs erwähnten "Wolfs" auszumerzen. Die ausländischen Invasoren gehen bei ihrem Vorhaben jedoch so skrupel- und rücksichtslos vor, dass sich unter den Bewohnern ein bewaffneter Widerstand bildet, der als dritte Partei in den Mehrfrontenkrieg einsteigt. Und als dann auch noch eine LKW-Ladung Giftgas verschwindet, sehen sich die westlichen Mächte schließlich gezwungen, einzugreifen. Und hier kommt ihr ins Spiel.
Die Frage nach dem Warum
Im Verlauf der folgenden knapp sechsstündigen Geschichte werdet ihr einmal quer über den Erdball geschickt. Von London geht's über Georgien bis nach St. Petrograd (aka St. Petersburg), wo ihr in schlauchartigen Levels den Friedensstifter spielt oder als "Big Brother" mit Hilfe einiger Überwachungskameras Zivilisten aus einer besetzten Botschaft lotst. Egal wohin ihr kommt, es erwarten euch überall die gleichen schrecklichen Bilder. Das Leid des Krieges wird in Modern Warfare schonungslos abgebildet - sei es nun in Form von weinenden Kindern oder sterbenden Menschen. Mit dem neuen Zerstückelungsfeature, das euch nach Aktivierung Körperteile des Gegners abschießen lässt, zeigt sich der Titel sogar noch brutaler als je zuvor. Entsprechend warnt euch das Spiel jedes Mal, wenn ihr die Kampagne startet, dass euch dort drastische und intensive Szenen erwarten, die nur für Erwachsene gedacht sind.
Quelle: PC Games
Modern Warfare zeigt sich bei der Gewaltdarstellung wenig zimperlich. Neuerdings fliegen im Shooter auch Körperteile.
Einen erzählerischen Nutzen zieht der Titel aus dieser expliziten Gewaltdarstellung leider nur bedingt. Call of Duty: Modern Warfare nimmt nämlich viel zu selten das Tempo heraus, um euch die nötige Zeit zu geben, das Gesehene auch zu verarbeiten. Meist folgt auf einen Paukenschlag direkt der nächste: Erst erlebt ihr, wie in den Straßen Leute an einem Stahlträger gehängt werden, dann durchlauft ihr aus der Sicht eines Kindes einen russischen Giftgasangriff und schließlich werdet ihr dann auch noch in Ego-Perspektive mit Waterboarding gefoltert. Das sind alles Szenen, die ohne Frage betroffen machen. Eine kritische Einordnung dieser Grenzüberschreitung folgt aber nur selten.
Das spiegeln auch die meist eher wenig selbstreflektierten Charaktere wider, die sich oft in von Pathos und Patriotismus triefendem Machogehabe verlieren. Nach einem seriösen Militärmeeting zu fragen, ob man den Bullshit auch auf Deutsch übersetzen könne, ist der Stimmung etwa nicht sonderlich zuträglich. Nur in seltenen Momenten hinterfragen die Figuren, was sie eigentlich tun, ob ihr Handeln richtig ist und das Ziel jegliche Mittel heiligt. Vereinzelt habt ihr sogar die Möglichkeit, alternative Wege auszuprobieren oder in Dialogen aus verschiedenen Antwortoptionen zu wählen. Davon hätten wir gerne mehr gesehen. Aber auch so zeigt Modern Warfare einige interessante Ansätze. Das Gesehene und Erlebte hinterlässt bleibende Spuren. So fühlt man sich nach Ende der Kampagne nicht zum zehnten Mal wie der große Kriegsheld, sondern irgendwie schmutzig. Es klebt virtuelles Blut an euren Händen. Das ist eine bisher unbekannte Spielerfahrung, gerade wenn man die Call-of-Duty-Serie in ihrer Gesamtheit betrachtet. In seiner Bildgewalt kommt der Titel dennoch nicht an die eines Spec Ops: The Line heran. Wobei natürlich auch die Frage bleibt, ob das überhaupt der Anspruch war.
Quelle: PC Games
An einigen Stellen lässt euch das Spiel die Wahl aus zwei verschiedenen Vorgehensweisen. Die Story verläuft dennoch sehr linear.
So ein Feuerball, Junge
Vielleicht will Call of Duty ja einfach Actionkino sein. Denn dabei weiß es erneut zu überzeugen. Modern Warfare ist bombastisch und rasant inszeniert, überall kracht und bumst es: Helikopter stürzen ab, Gebäude explodieren, Fieslinge werden zu Fuß durch enge Gassen gejagt. Das macht Eindruck - auch dank der gelungenen Grafik. Hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang besonders die aufwendig produzierten Motion-Capture-Zwischensequenzen. Alle Charaktere auf dem Bildschirm werden durch echte Schauspieler verkörpert, wodurch sie nicht nur bis in die letzte Hautpore fast lebensecht aussehen, sondern auch richtig gut vertont sind. Obendrein gehen die Cutscenes nahtlos ins Gameplay über und zerstören so nicht die Immersion. Auch die Spielwelt ist abwechslungsreich und voller Details. Ob ihr nachts durch einen mondlichtdurchfluteten sibirischen Wald schleicht oder in der Wüste einen feindlichen Konvoi in die Luft jagt, das Spiel ist ein Hingucker - dank toller Licht- und Partikeleffekte. Auf Hochglanzgrafik oder eine zerstörbare Umgebung wie in Battlefield müsst ihr zwar noch immer verzichten und vor allem auf älteren Konsolen bekommt ihr es öfters mal mit aufpoppenden Texturen oder längeren Ladebildschirmen zu tun. Das ist aber weitestgehend verschmerzbar. Wesentlich ärgerlicher sind da die Performanceprobleme auf dem PC, durch die ganze Cutscenes in ein Ruckelfest ausarten oder den Rechner zum Abstürz bringen.
Quelle: PC Games
Ob bei Tag oder Nacht: Call of Duty: Modern Warfare sieht richtig gut aus.
Dafür überzeugt der Activision-Shooter jedoch erneut durch sein gewohnt hohes spielerisches Niveau. Die Waffen steuern sich sowohl mit Maus als auch mit Controller präzise und liefern das gewünschte Feedback. Zudem verhält sich jeder Schießprügel ein wenig anders, sodass sich beispielsweise ein spürbarer Unterschied zwischen einer präzisen M4 oder der etwas rückstoßintensiveren AK-47 feststellen lässt. Entsprechend müsst ihr lernen, eurer ständig wechselndes Arsenal unter Kontrolle zu halten. Etwa, indem ihr Waffen neuerdings auf einem Fensterbrett abstützt - was neben dem Nachladen im Zielmodus, dem Öffnen und Schließen von Türen oder dem Lehnen um Ecken zu den wenigen erwähnenswerten Gameplayänderungen gehört. Besonders wichtig ist das bei den vereinzelten Sniper-Passagen, in denen ihr sowohl den Wind als auch die abfallende Flugbahn eurer Kugel einkalkulieren müsst, um einen sauberen Treffer zu landen.
Apropos Gegner: Eure Widersacher in Call of Duty: Modern Warfare machen es euch nicht zu einfach. Klar, sind auch im neuen Serienableger negative Ausreißer mit dabei, die euch doof vor die Flinte rennen oder gar nicht reagieren. In der Regel verhalten sich KI-gesteuerte Feinde aber durchaus clever, lauern euch mit Stolperfallen auf oder verstecken sich hinter Ecken oder unter dem Bett. Bereits auf dem mittleren der fünf Schwierigkeitsgrade ist der Titel somit eine ordentliche Herausforderung, zumal sich eure Gesundheit nicht mehr so schnell regeneriert wie noch in vorherigen Teilen. Macht euch also darauf gefasst, öfter ins Gras beißen - besonders, wenn ihr euch für den Realismus-Modus entschieden habt, in dem ihr gefühlt nur zwei Schüsse aushaltet und ohne HUD auskommen müsst.
Quelle: PC Games
Eine der wenigen Gameplay-Innovationen: Ihr könnt mit eurer Waffe nun auch um Ecken lunzen und so Gegner hinter einer Deckung treffen.
