Baldur's Gate: Das Rollenspiel, das alles veränderte
Special
Im Dezember jährt sich der Release des ersten Baldur's Gate bereits zum 25sten Mal und Teil 3 steht nach drei Jahren Early Access nun auch in den Startlöchern - Grund genug, in unserem Retro-Special einen Blick zurück auf den Erstling zu werfen.
Planescape: Torment! Oder: Baldur's Gate 2! Das sind wahrscheinlich die häufigsten Antworten, die man bekommt, wenn man Rollenspiel-Fans nach den besten RPGs rund um die Jahrtausendwende fragt. Und damit hätten sie wahrscheinlich recht, denn die Titel gelten nach wie vor als absolute Meilensteine des Genres und bedienten sich mal mehr (BG2), mal weniger fleißig (PST) beim ersten Baldur's Gate von 1998. Doch auch dessen Bedeutung für das Genre sollte nicht unterschätzt werden (und wird es natürlich auch nicht). Ich persönlich verbinde mit dem Spiel auch einen ganz besonderen "Wendepunkt" meines spielerischen Erwachsenwerdens.
Um dies zu verstehen, muss man schauen, wie die Spielewelt kurz vor der Jahrtausendwende - nicht nur für mich - aussah. Im Strategiebereich dominierte seit Dune 2 beziehungsweise spätestens seit Command & Conquer die Echtzeitstrategie. Taktische Gefechte mit langer Planungsphase, wie es sie in diversen Hexfeld-Klassikern noch gab, waren zu einer Nische geworden. Die "coolen Kids" schickten Nod, GDI, Harkonnen, Atreides, Orks und Menschen in hektische, actionreiche Schlachten. Mit den Ego-Shootern kam zudem Anfang bis Mitte der 90er eine ganz neue Art der Unterhaltung auf, die vor allem auf schnelle Reflexe setzte und bis Ende des Jahrtausends an hiesigen Schulen Clans für Titel wie Counter-Strike, Quake oder Unreal aus dem Boden sprießen ließ. Und zu guter Letzt dürfte das wohl beliebteste Rollenspiel Mitte der 90er-Jahre eines gewesen sein, das mit rundenbasierten Dungeon Crawlern aus der Frühzeit der Videospiele auch nichts mehr am Hut hatte: Diablo. Kurz: Spiele mit einem Tiefgang wie das erste Baldur's Gat (jetzt kaufen 24,95 € ) e waren um das Jahr 1998 herum eher eine Ausnahme, der "Mainstream" wurde von einigermaßen zugänglichen, effektvollen Spielen geprägt, bei denen auch die Grafik immer wichtiger wurde.
M-M-M-M-Monsterkill!
Auch ich war damals, Teenager-Reflexen sei Dank, in actionlastigen Sphären unterwegs. Abends am PC wurden Doom und Dune 2 gezockt, mit Freunden vor der Playstation die ersten FIFA-Turniere ausgetragen und auf den zahlreichen LAN-Partys hießen die Dauerbrenner Diablo, Quake und Half-Life, später dann noch Diablo 2, Counter-Strike und ein indizierter Epic-Shooter. Facing Worlds, Instagib, ihr wisst schon, was ich meine. In diese Zeit also fiel der Release von Baldur's Gate, das zwar zusammen mit dem kurz vorher erschienenen Fallout für eine kleine Renaissance des Core-RPG-Genres sorgte, das ich anfangs aber noch ignorierte - schließlich sah Diablo deutlich besser aus und 100 Stunden Zeit hatte ich auch nicht einfach mal übrig. Natürlich nicht wegen schulischer Verpflichtungen, aber für das nächste LAN-Turnier musste fleißig trainiert werden. Irgendwann jedoch folgte ich der Empfehlung eines Schulfreunds und lieh mir Baldur's Gate aus der Videothek aus.
Und ab da war es um mich geschehen, denn die Geschichte, die Figuren, die unfassbar detaillierte Spielwelt mit all ihrer Lore zogen mich innerhalb weniger Stunden in ihren Bann. Nach einem durchzockten Wochenende wanderte die Version zurück zur Videothek und noch auf dem Rückweg wurde die Vollversion in der örtlichen Innenstadt eingekauft (das war früher ein Teil der Stadt, in dem es Geschäfte gab - also sowas wie Amazon, nur, dass man selber hinfahren musste). Es folgten die beiden Fallouts, Baldur's Gate 2, Planescape: Torment. Kurz danach dank Multiplayer-Affinität Everquest und später World of Warcraft. Und die ein oder andere LAN-Party wich ausgedehnten AD&D- oder Shadowrun-Runden. Daran hat sich bis heute nichts geändert und den Grundstein legte: Baldur's Gate. Doch was machte Biowares erst zweites Spiel (nach der Mech-Sim Shattered Steel) so besonders?
Master of Gorion
Da wäre natürlich zum einen die Story, die vergleichsweise unspektakulär beginnt. Als Mündel eines alten weisen Magiers leben wir in Candlekeep, einer von dicken Mauern umgebenen Festung mit ein paar umliegenden Gebäuden, die vor allem zahllosen Gelehrten als befestigte Bibliothek dient. Bald schon sollen wir im Schlepptau unseres Ziehvaters Gorion diesen sicheren Hafen verlassen. Warum und wieso? Wissen wir auch nicht, aber auf unserer Abschiedstournee durch die Festung erledigen wir noch ein paar simple Aufgaben für die Bewohner. Wir holen einer vergesslichen Wache ihr Schwert aus der Barracken-Heimat, wir säubern einen Lagerraum, der von einer Handvoll Ratten überlaufen wurde, wir bringen ein verlorenes Buch zu seiner Besitzerin zurück. Nebenbei bringt uns ein netter Herr bei, wie Kämpfe funktionieren, und ein Magier katapultiert uns gar in eine Gefechtssimulation, in der wir lernen, wie die Kontrolle einer ganzen Heldenparty vonstattengeht.
