Da baut Ubisoft eine tolle Open World voller Details - & das Ergebnis ist trotzdem eine Enttäuschung. Warum, steht im Test zu Avatar Frontiers of Pandora.
An James Camerons Avatar scheiden sich die Geister. Die einen lieben die simple Message des Films und den Handlungsort Pandora und würden am liebsten selbst als Na'Vi durch die Dschungellandschaften des dicht bewaldeten Mondes jagen. Für andere ist der Blockbuster nichts als seichter Schmalz, mit schablonenhaften Figuren, New-Age-Blödsinn und mit einer viel zu langen Laufzeit.
Ich selbst würde mich eher im zweiten Lager verbuchen. Ich kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, warum gerade diese Science-Fiction-Filme so wahnsinnig populär und erfolgreich sind und nicht etwa der neue Dune, Mad Max oder Blade Runner. Und obwohl ich kein Problem mit dem zentralen Konflikt zwischen friedliebenden Na'Vi und imperialistischen Menschen habe, ist mir die Handlung für sechs Stunden Laufzeit schon etwas zu dünn.
Man sollte also meinen, dass ich aufgrund meiner Abneigung gegenüber vielen Elementen der Filme voreingenommen bin und die Idee einer Videospielumsetzung von vornherein für doof halte. Schockierender Twist: Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil. All die negativen Dinge, die ich über die Filme zu sagen habe, fallen bei einem Videospiel nicht so stark ins Gewicht oder können sogar Pluspunkte sein.
Die Story hat den Tiefgang einer Cartoon-Serie für Vorschüler? Perfekt, dann braucht es keine Erklärung und wir können uns als Spieler direkt ins Gameplay stürzen.
Das einzig wirklich Außergewöhnliche sind die CGI-Landschaften? Nice, jetzt können wir sie endlich selbst besuchen und solange dort verweilen, wie wir möchten. Die Laufzeit ist lang? Videospiele sind in der Regel länger und wir können uns die Hauptstory nach Lust und Laune aufteilen und zwischendurch anderen Krempel erledigen.
Quelle: Ubisoft
Wenn man darüber nachdenkt, sind Avatar 1 und 2 bereits so etwas wie Open-World-Spiele, nur halt im Kino. Held Jake Sully hat die Persönlichkeit eines Klomännchens, sodass sich jeder leicht mit ihm identifizieren kann. Er lernt im Lauf der Handlung stetig neue Fähigkeiten. Es wird ordentlich geballert. Und das Umgebungsdesign ist der eigentliche Star. Die Zeichen stehen also gut für eine gelungene Umsetzung des Franchise.
Es handelt sich bei Frontiers of Pandora übrigens nicht um das erste Spiel im Avatar-Universum. Bereits 2009 brachte Ubisoft Montreal mehrere Umsetzungen mit dem Titel Avatar: The Game auf den Markt. Darunter einen Third Person Shooter für PC, Xbox und Playstation, bei dem man als Mensch zwischen den Fraktionen der Na'Vi und der Erd-Organisation RDA steht und sich am Ende für eine der beiden Parteien entscheiden muss.
Frontiers of Pandora, das deutlich farbenfroher daherkommt als das Teil von vor 14 (!) Jahren, lässt uns hingegen endlich in die Rolle eines der Aliens schlüpfen. Eine besondere Beziehung zu den menschlichen Invasoren, die es auf die natürlichen Rohstoffe von Pandora abgesehen haben, hat unsere Figur dennoch.
Wir können selbst entscheiden, wie unser Charakter aussehen soll und ob wir mit femininem oder maskulinem Körperbau unterwegs sein wollen. Auch für die Stimme stehen mehrere Optionen zur Wahl. Die Entscheidungen können im Spiel an bestimmten Orten noch einmal geändert und die Figur mit freigeschalteten Merkmalen weiter angepasst werden.
Nach der Charaktererstellung erfahren wir unsere Hintergrundgeschichte: Als Kind aus unserer Heimat gestohlen, wachsen wir in einer Einrichtung der Menschen auf und werden erzogen, ihren Befehlen Folge zu leisten. Unsere Schwester rebelliert und bezahlt dafür mit ihrem Leben. Jahre später brechen wir mit mehreren anderen Na'Vi aus der Einrichtung aus, nach einem längeren Aufenthalt im Cryoschlaf finden wir uns dann erstmals auf der Oberfläche von Pandora wieder.
Dort dauert es auch nicht lange, bevor wir auf Eingeborene treffen, die uns darüber in Kenntnis setzen, dass wir aus dem ausgelöschten Clan der Sarentu stammen. Die Mitglieder dieses Clans sind ganz besonders gut darin, andere zu inspirieren, weshalb wir im Verlauf des Spiels als eine Art Botschafter eingesetzt werden, um die verschiedenen Clans der Na'Vi zu vereinen und die menschliche Bedrohung zurückzudrängen.
Iv'an eht nioj
Bereits in meiner Vorschau zu Frontiers of Pandora konnte ich es mir nicht verkneifen, die Na'Vi als eindimensional und langweilig zu bezeichnen. Nach dem ersten Anspielen vermutete ich, dass Figuren und Story wahrscheinlich einer der Schwachpunkte des Spiels sein würden.
Nach mittlerweile mehr als 40 Stunden und komplettierter Kampagne muss ich aber sagen, dass ich meine anfängliche Voll-Wurstigkeit überwinden und tatsächlich Sympathie für das blaue Volk entwickeln konnte. Auseinanderhalten kann ich die einzelnen Charaktere zwar immer noch nicht, im Lauf der Geschichte wird den Kreaturen aber häufig so übel mitgespielt, dass man gar nicht umhinkommt, irgendwann Mitleid für sie zu empfinden.
Quelle: Ubisoft
Das Character-Writing gewinnt sicher keinen Blumentopf, die Story an sich geht aber vollkommen klar und ist auch nicht dümmer als die der Filme. Vor allem gegen Ende hin werden dann noch ein paar wirklich grausame Taten der RDA gezeigt, was zumindest bei mir den Wunsch auslöste, die miesen Typen von der Mondoberfläche zu böllern. Mehr brauche ich von einem Shooter eigentlich auch nicht.
Bei Avatar: Frontiers of Pandora (jetzt kaufen / 26,99 € ) handelt es sich aber nicht um ein geradliniges Ballerspiel, sondern um ein Open-World-Abenteuer mit einer großen, frei erkundbaren Karte. Und wo wir gerade bei positiven Aspekten sind: Die Spielwelt mit ihren verschiedenen Biomen, Tieren und Vegetationsformen sieht wirklich gut aus.
Bildergalerie
Bergkämme, Täler, Steppen, Flüsse und Wälder sind echt malerisch und die einzelnen Pflanzen teilweise herrlich bunt und fremdartig. Wind und Wetter sowie Tag- und Nachtwechsel sorgen zusätzlich für visuelle Abwechslung und Atmosphäre. Außerdem ist der Soundtrack des Spiels wirklich gelungen. Leider verschleiert die starke Kulisse aber nur teilweise das extrem spärliche, zugrundeliegende Gamedesign.
