Assassin's Creed Origins: Interview mit dem leitenden Historiker

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Assassin's Creed Origins: Interview mit dem leitenden Historiker
Quelle: Ubisoft

Wir waren drei Monate vor dem Release von Assassin's Creed Origins zu Besuch bei Ubisoft Montreal. Dort durften wir nicht nur selbst Hand anlegen, sondern konnten mit den leitenden Entwicklern ausführlich über die Entstehung des Ägypten-Abenteuers sprechen. Im vierten Teil unserer Artikelreihe beleuchten wir die Spielwelt und das Setting im antiken Ägypten.

In Montreal konnten wir uns ausführlich mit Maxime Durand unterhalten. Der Frankokanadier arbeitet seit seinem Geschichtsstudium bei Ubisoft in Montreal und ist dort seit Assassin's Creed: Revelations für die historischen Fragen zuständig.
Maxime Durand ist der leitende Historiker der AC-Reihe. Quelle: Computec Media GmbH Maxime Durand ist der leitende Historiker der AC-Reihe. PC Games: Wie wurdest du der Chef-Historiker der Assassin's-Creed-Reihe?
Durand: Ganz einfach - ich habe Geschichte studiert und direkt nach meinem Abschluss bei Ubisoft angefangen. Als Historiker bin ich für die AC-Reihe seit Assassin's Creed: Revelations tätig. Vor zweieinhalb Jahren begann ich dann an Origins zu arbeiten. Ich helfe den Entwicklern natürlich bei geschichtlichen Fragen, aber vor allem versuche ich dem Team die jeweilige Ära näherzubringen. So stelle ich den Entwicklern zum Beispiel Zeitzeugnisse, Literatur und andere Unterlagen zur Verfügung. Am wichtigsten ist mir aber, dass alle Beteiligten im Entwicklerteam auf demselben Nenner über die Zeitperiode sind, damit sie später selbst entscheiden können, welche Aspekte sie am ehesten beleuchten wollen. Was sollte aus der historischen Perspektive unbedingt im Spiel enthalten sein und welche Dinge können auch kaschiert werden? Das sind Fragen, für die ich zuständig bin. Wenn es aber um Gameplay-Aspekte geht, müssen die Entwickler die Entscheidungen selbst treffen.

PC Games: Allein durch die unterschiedlichen Assassin's Creed-Teile musstest du dich ja schon mit den verschiedensten historischen Perioden beschäftigen. Welcher Abschnitt interessiert dich am meisten?
Durand: Ich habe Geschichte der Kolonialzeit studiert, sprich mich als Student mit dem 18. Jahrhundert in Nordamerika beschäftigt. So kam ich auch dazu, mit dem Team von Assassin's Creed 3 zusammenzuarbeiten. Mich fasziniert aber Geschichte im Allgemeinen und so freue ich mich jedes Mal, mich in eine neue Epoche einzuarbeiten - sei es durch Fachbücher, Romane, Filme oder Comics.

PC Games: Für Historiker ist die Quellenlage entscheidend. Je mehr vertrauenswürdige schriftliche Zeugnisse einer bestimmten Zeit zur Verfügung stehen, desto besser können wir uns ein Bild darüber machen, wie die Menschen zu jener Zeit gelebt haben. Wie sieht die Quellenlage über die Zeit von Ägypten zu Kleopatras Zeiten aus?
Durand: Für manche Spiele muss ich sagen, dass die Quellenlage zu bestimmten Fragen sehr schwierig ist - es ist schlicht und einfach zu wenig da. Für Assassin's Creed: Origins sieht es hingegen genau umgekehrt aus, es sind einfach viel zu viele Quellen verfügbar! Natürlich ist nicht jeder Aspekt der Zeit Kleopatras ausführlich beleuchtet worden und außerdem geben viele populäre TV-Serien, Filme und Bücher ein wissenschaftlich verkehrtes Bild der Zeit wieder. Meine Aufgabe ist es hier, die richtigen Bücher auszuwählen und so den Entwicklern die historisch korrekte Version der Zeit zu beschreiben. In unserem Spiel verwenden wir aber auch einige der wissenschaftlich nicht ganz korrekten Klischees. Bei der Mumifizierung war es uns hingegen wichtig, dass wir alles richtig darstellen. Uns interessierte aber nicht nur, warum die Leichen der Menschen zu jener Zeit so konserviert wurden, sondern ebenso sehr wie es gemacht wurde. Auch Details wie etwa die Kleidung der Priester, ob sie eine Glatze hatten und vieles mehr haben wir beachtet. All diese kleinen Aspekte tragen dazu bei, dass unser Spiel glaubwürdig erscheint. Bei Mumifizierungen mussten die Priester sich zum Beispiel rasieren, weil sie erst so als hygienisch sauber galten. Man wollte den Verstorbenen eben keine Krankheiten mit ins Jenseits geben. Schlussendlich kann ich sagen, dass es sehr viel Material über das alte Ägypten gibt. Nicht alles davon ist gut, aber sehr vieles hat uns weitergeholfen.

PC Games: Ist es nicht schwierig, objektive Zeitbeschreibungen der Zeit Kleopatras zu finden? Die meisten Historiker und Schreiber waren ja politisch motiviert oder waren sonst befangen.
Durand: Wir versuchen möglichst viele Quellen zu verwenden, zum Beispiel römische, griechische und arabische. Die arabischen Autoren haben natürlich viel später erst über das alte Ägypten geschrieben, ebenso natürlich die modernen Ägyptologen. Doch anhand von DNA-Untersuchungen, zusätzlichen schriftlichen Quellen der Zeit und anderen wissenschaftlichen Methoden können manche Behauptungen der Geschichtsschreiber bestätigt werden. Aber natürlich ist es insgesamt sehr schwierig. Zum Beispiel Julius Cäsar, der über die Zeit Kleopatras in Ägypten geschrieben hat, ist politisch eindeutig motiviert. Ebenso waren die meisten anderen Autoren der Zeit auch Feinde Kleopatras und haben sie entsprechend schlecht dargestellt.

PC Games: Wie bringt ihr in Erfahrung, wie das Leben der "normalen" Ägypter zu jener Zeit war?
Durand: Dafür verwenden wir viele unterschiedliche Quellen, etwa Ausstellungsstücke aus Museen. Ebenso wichtig sind die Werke von bekannten Ägyptologen. Zudem erzählen die Hieroglyphen in den Gräbern über den Alltag der Ägypter. Hier sollte man aber beachten, dass es sich oft um eine stilisierte und verschönerte Version handelt. Fachkundige Ägyptologen können uns aber dabei helfen, eine objektivere Fassung festzumachen. So konnten wir für uns zum Beispiel in Erfahrung bringen, wie und was die Ägypter gegessen haben, wie die Götter angebetet wurden und vieles mehr. Insgesamt haben wir so mehr als 70 Aktivitäten für die Bewohner unserer Open-World festgelegt, denen sie tagtäglich nachgehen.

PC Games: Gab es für dich überraschende Dinge in der Geschichte jener Zeit?
Durand: Eigentlich wusste ich längst nicht so viel über die ägyptische Geschichte wie jetzt. Was mich aber wirklich beeindruckt hat, waren die Wissenschaften und vor allem die Mathematik. Sie wussten schon damals so viel über Wissenschaften. Zur Zeit von Kleopatra wussten sie zum Beispiel über die Krümmung der Erde Bescheid. Vieles von dem Wissen der alten Ägypter haben die Griechen übernommen und so bis in die heutige Zeit überliefert. Jedoch gab es bei uns eine dunkle Zeit im Mittelalter, in der die wissenschaftlichen Erkenntnisse für eine lange Zeit verloren gingen. Nur durch die Araber haben wir erfahren, wie viel die Ägypter vor Tausenden von Jahren wussten. Noch erstaunlicher ist es, wie viel wir von dem Wissen noch heute gebrauchen. Das wollten wir auch ins Spiel übertragen. So gibt es etwa Orte im Spiel, an denen Mathematik gelehrt wird. Ganz so einfach ist das übrigens nicht, damals verwendeten die Mathematiker keine Nummern, sondern schrieben ihre Gleichungen ganz ohne Ziffern. Dass das trotzdem funktioniert hat, zeigen zum Beispiel die monumentalen Bauwerke wie die Pyramiden, die ohne mathematische Formeln nie hätten errichtet werden können - oder jedenfalls nicht die Zeiten überdauert hätten.

PC Games: Die Epoche der ersten Pharaonen hat zeitlich einen genau so großen Abstand zu der Zeit Kleopatras wie die unsere zu der Herrschaft Kleopatras. War das den damaligen Menschen wirklich bewusst?
Durand: Ja, definitiv. Das ist auch einer der Gründe, warum Alexander der Große nach Ägypten ging. Jedoch sollte man nicht davon ausgehen, dass die "normalen" Menschen der Zeit über die lange Geschichte Ägyptens Bescheid wussten. Die meisten Bürgen waren Analphabeten, Hieroglyphen zum Beispiel waren magische Zeichen für sie. Deshalb war auch Religion in der Zeit so immens wichtig. Die Menschen waren nicht in der Lage, selbst religiöse Texte zu lesen oder schon gar nicht zu deuten. Sie kannten auch nicht die Gründe für Naturphänomene wie etwa die Gezeiten. Sie brauchten deshalb eine religiöse Erklärung und zugleich höhere Instanzen, die ihnen durch feste Regeln halfen, den Alltag zu bewältigen. Manches davon hat auch gut funktioniert. Honig wurde zum Beispiel aus religiösen Gründen für die Medizin verwendet. Die Ägypter kannten die antiseptische Wirkung nicht, weshalb Honig etwa bei der Heilung einer Wunde hilft, aber sie glaubten, dass Honig hilft, weil die Götter es gesagt haben.

PC Games: Ist die Assassin's Creed-Reihe auch gut für den Schulunterricht?
Durand: Das ist natürlich nicht der Hauptgrund, warum wir die AC-Reihe entwickeln. Was wir aber definitiv wissen, ist, dass einzelne Ableger tatsächlich zu Veranschaulichungszwecken im Unterricht eingesetzt werden. Ich finde es jedenfalls gut, dass die Reihe das Interesse an bestimmten Epochen bei Menschen weckt.

PC Games: Vielen Dank für das Interview!

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