Die Evolution als Survival-Adventure - Vorschau zu Ancestors: The Humankind Odyssey

Special David Benke
Die Evolution als Survival-Adventure - Vorschau zu Ancestors: The Humankind Odyssey
Quelle: Take2/Private Division

Das Leben ist ein Spiel. Selten traf dieser Spruch mehr zu als bei Ancestors: The Humankind Odyssey, dem neuesten Werk des Assassin's-Creed-Schöpfers Patrice Désilets. Darin durchlebt ihr die menschliche Evolution in Form eines Open-World-Survival-Adventures. Wir haben uns die außergewöhnliche Idee einmal näher angesehen.

Ein Blick durch die Wasseroberfläche gibt ein beeindruckendes Bild der Milchstraße frei. Ein paar Fische schwimmen einträchtig durch das tiefe Blau, am Ufer fischen ein paar Vögel nach ihrem nächsten großen Fang, in den Baumkronen tollen einige Primaten gut gelaunt durch die Gegend. Der Auftakt von Ancestors: The Humankind Odyssey (jetzt kaufen 39,99 € ) lässt einem beinahe in dem Glauben, man verfolge gerade eine harmonische National-Geographic-Tierdoku. Zumindest für wenige Sekunden. Denn das Idyll trügt, Flossentiere, Federvieh und selbst das putzige kleine Äffchen fallen innerhalb kürzester Zeit einem hungrigen Räuber zum Opfer.

Panache Digital Games, die Entwickler hinter dem Open-World-Survival-Titel, machen damit eines schnell klar: Ihr Erstlingswerk ist alles andere als ein Kinderspiel. In Ancestors geht es ums nackte Überleben. Um fressen oder gefressen werden. Das unterstreicht auch noch einmal die wenig aufmunternde Nachricht, die die Macher gleich zu Beginn des Abenteuers über die Bildschirme flackern lassen: "Viel Glück. Wir werden dir nämlich nicht viel helfen!"

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In einem Land vor unserer Zeit

Darin liegt aber auch der ganz besondere Reiz des Spiels. Ancestors ist nicht wie die anderen Titel, die es aktuell auf dem Markt gibt. Schon allein mit seiner Handlung, welche 10 Millionen Jahre vor unserer Zeitrechnung in Afrika angesiedelt ist, setzt er sich merklich von der Konkurrenz ab. Hier, quasi zur Geburtsstunde der menschlichen Existenz, übernehmt ihr die Kontrolle über einen Clan von Primaten, den ihr über den Spielverlauf hinweg stärken, vergrößern und weiterentwickeln müsst. Dafür steuert ihr verschiedene Gruppen-Mitglieder, entdeckt die offene Spielwelt und durchlebt die menschliche Evolution Stück für Stück noch einmal am eigenen Leib.

Ancestors - The Humandkind Odyssey versetzt euch zurück zur Geburtsstunde der menschlichen Existenz. Quelle: Take2/Private Division Ancestors - The Humandkind Odyssey versetzt euch zurück zur Geburtsstunde der menschlichen Existenz. Dieses wirklich außergewöhnliche Konzept wurde amüsanterweise ein wenig aus der Not geboren. Als Game Designer Patrice Désilets 2014 mit seinem frisch gegründeten Studio dastand, gab es nicht mehr als einen groben Entwurf. "Ich wollte ein Spiel, dass Sinneseindrücke und Emotionen vermittelt - aber auch die Idee von Fortschritt", erklärte uns der Game Designer in einem Interview. Erst als immer öfter die Frage nach einem Setting aufkam, entschied sich der Kanadier wie durch eine Eingebung für den prähistorischen Dschungel. So mussten sich die Verantwortlichen keine Gedanken um den Aufbau einer Stadt machen, wie uns Désilets halb scherzhaft erzählte, sondern konnten stattdessen eine einzigartige Spielerfahrung kreieren. "Ihr spielt nicht einfach nur in der Steinzeit, so wie das in anderen Titeln (u.a. Far Cry Primal Anm. d. Red.) bereits der Fall war", so der Studio-Chef weiter. "Ihr begebt euch ganz zurück bis hin zu den Wurzeln der menschlichen Existenz. Das hat bisher noch keiner gemacht."

Evolution in Eigenregie

Wie das gewagte Spielkonzept aufgeht, davon konnten wir uns unlängst auch erstmals selbst überzeugen. Während eines Hands-On-Events in Paris hatten wir die Chance, eine erste Alpha-Version von Ancestors: The Humankind Odyssey anzuspielen - genauer gesagt die sogenannte "Volume 1: Before Us". Diese umfasst den Zeitraum der Jahre zehn bis zwei Millionen vor Christus und soll etwa 50 Stunden Spielzeit bieten. Später sollen dann weitere Teile zu anderen Stadien der menschlichen Entstehungsgeschichte folgen. Einen episodenhaften Release, wie ursprünglich angedacht, wird es aber nicht geben.

Gerade für kleinere Kreaturen kann das Leben im urzeitlichen Dschungel ein sehr einschüchterndes Erlebnis sein. Quelle: Take2/Private Division Gerade für kleinere Kreaturen kann das Leben im urzeitlichen Dschungel ein sehr einschüchterndes Erlebnis sein. Zu Beginn zeigt sich Ancestors noch relativ zielgerichtet. Wir übernehmen etwa die Kontrolle über ein kleines Äffchen, mit dem wir eine Reihe von Aufgaben erfüllen - etwa das Finden eines Verstecks. Nach einem flinken Rollenwechsel müssen wir dann mit einem Clan-Ältesten den Nachwuchs finden und zurück zur Kolonie bringen. Spätestens ab diesem Punkt gestaltet sich das Spiel und dessen Welt dann allerdings wesentlich offener. Wir können unseren eigenen Weg gehen, unsere eigene Geschichte schreiben. Uns sind keinerlei Grenzen gesetzt. Das klingt zunächst einmal unglaublich spannend und reizvoll, entpuppt sich aber auch recht schnell als ein ziemlich überwältigendes Unterfangen. Wir dürfen zwar im Grunde alles tun, der Nutzen unserer Handlungen erschließt sich allerdings nicht auf den ersten Blick. So ist anfangs nicht genau klar, wie das finale Ziel, den Weg des Menschen zu gehen, tatsächlich umsetzbar ist.

Survival of the Fittest

Darum konzentrierten wir uns zunächst einmal auf das typische Survival-Gameplay. Sprich: Essen, trinken, schlafen. So halten wir unseren Charakter am Leben, dessen Zustand wir in einer Übersicht auf dem Bildschirm checken können. Neben den eigenen Bedürfnissen müssen wir uns aber natürlich auch um äußere Einflüsse kümmern. Im urzeitlichen Dschungel lauert nämlich an jeder Ecke Gefahr. Wir können von einem Baum stürzen und uns die Knochen brechen, eine ungenießbare Pflanze oder Wasserquelle probieren und danach an einer qualvollen Vergiftung draufgehen, oder kurz und schmerzlos von einem aggressiven Fleischfresser zerfetzt werden.
Das erfolgreiche Überleben um Urwald erfordert, dass ihr regelmäßig trinkt, esst und schlaft. Quelle: Take2/Private Division Das erfolgreiche Überleben um Urwald erfordert, dass ihr regelmäßig trinkt, esst und schlaft.
Eines wird so schon nach nur zwei Stunden mit Ancestors klar: Der Tod ist stets präsenter Teil des Spiels. Das ist aber eben auch einfach der Lauf der Dinge. Im unbarmherzigen Dschungel überlebt nur der Stärkste - so wie es Charles Darwin schon vor Jahrhunderten bedeutungsschwer verlauten ließ. Stellt euch also am besten clever an und nehmt nötigenfalls die haarigen Beine in die Hand. So etwas wie ein Kampfsystem, sei es auch noch so rudimentär, haben wir in der Demo nämlich noch nicht erkennen können.

Assassin's Creed im Urwald

Die Fortbewegung innerhalb der Spielwelt geht übrigens sehr dynamisch vonstatten. Ancestors bietet euch eine Menge Vertikalität, ihr könnt die Landschaft also nicht nur in der Breite, sondern auch in der Höhe erkunden. Mit eurem Affen klettert und springt ihr lustig-launig durch die Gegend oder schwingt euch an Ranken durch die Lüfte. In manchen Momenten erinnert der Titel so schon einmal ein wenig an Désilets früheres Werk Assassin's Creed. Ihr kraxelt automatisch an Bäumen und Klippen hinauf so wie ihr es in Ubisofts Meuchelmörder-Epos mit Gebäuden tut. Und wenn ihr schließlich ganz oben in der Krone angekommen seid und euren Blick über das Panorama des Urwalds schweifen lasst, fühlt sich das entfernt ein wenig so an, als würdet ihr mit Ezio Auditore von einer Kirchturmspitze auf Florenz hinabblicken.

Klettern, hangeln, springen - die Fortbewegung in Ancestors ist sehr dynamisch und erinnert entfernt an Assassin's Creed. Quelle: Take2/Private Division Klettern, hangeln, springen - die Fortbewegung in Ancestors ist sehr dynamisch und erinnert entfernt an Assassin's Creed. Diese Quasi-Aussichtspunkte sind aber auch extrem wichtig. Die mithilfe der Unreal Engine 4 erstellte Umgebung kann manchmal nämlich wirklich zu einer grünen Hölle werden. Zugegeben, der Urwald ist mit seinen Bäumen, Flüssen und Felsen nett anzuschauen und wirkt auch dank gelungener Sound- und Musikkulisse sehr lebendig. Uns fehlte aber ein wenig die Abwechslung. Auch markante Orientierungspunkte sind eher Mangelware, sodass wir gerade am Boden gerne mal die Übersicht verloren haben.

Ein Spiel für alle Sinne

In solchen Momenten könnt ihr euch in Ancestors auf eure Fähigkeiten verlassen. Mit Hilfe eurer Sinne nehmt ihr etwa Rufe anderer Artgenossen oder Gerüche wahr und untersucht dann deren Quelle. Dank eurer Intelligenz lassen sich neue Dinge - wie Unterschlüpfe - entdecken, eurem Wissensschatz hinzufügen und dann mit einem Wegpunkt innerhalb der Spielwelt markieren. Zudem rauben euch neue Erkenntnisse stetig die Angst vor dem Unbekannten, welche in Ancestors einen wichtigen Faktor darstellt. Seid ihr beispielsweise zu weit von eurem bekannten Territorium entfernt oder werdet mit etwas Fremden konfrontiert, sorgt das bei eurer Spielfigur für Unbehagen und beeinträchtigt damit deren Wahrnehmung und Leistung.

Es bietet sich im Spiel also an, mit wirklich allem in eurer Umgebung zu interagieren und nach einem gewissen Trial-and-Error-Prinzip neue Dinge auszuprobieren. So lernt ihr stetig dazu. Ihr entdeckt zum Beispiel die Wirkung bestimmter Pflanzen, erschließt neue Wasser- und Nahrungsquellen oder entdeckt, dass sich aus Blättern ein Unterschlupf bauen lässt. Damit einhergehend erfüllt ihr verschiedenste Herausforderungen aus den Bereich "Explore", "Expand" oder "Evolve" und schaltet somit neuronale Energie frei. Mit der lässt sich dann im Evolutionsmenü die Entwicklung eures Clans vorantreiben.
Ancestors beschäftigt sich intensiv mit der Entstehungsgeschichte des Menschen und soll dabei möglichst wissenschaftlich korrekt sein. Quelle: Take2/Private Division Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Ancestors beschäftigt sich intensiv mit der Entstehungsgeschichte des Menschen und soll dabei möglichst wissenschaftlich korrekt sein.

Unendliche Möglichkeiten

Eure Gruppenmitglieder werden beispielsweise zusehends zu Allesfressern oder erhalten die Fähigkeit, beide Hände gleichzeitig zu benutzen. Wissen, das ihr dann auch an zukünftige Generationen weitervererben könnt. Welche neuen Fähigkeiten und Eigenheiten ihr freischalten könnt, hängt indes von eurer Spielweise ab. Seid ihr mehr der Macher, erhaltet ihr zusätzliche motorische Fähigkeiten. Arbeitet ihr viel mit Intelligenz und euren Sinnen, entwickelt ihr mehr sensorische Skills. So erhält jeder Spieler eine komplett eigene Spielerfahrung.

In der Spielwelt lauern Gefahren wie beispielsweise heißhungrige Raubtiere. Quelle: Take2/Private Division In der Spielwelt lauern Gefahren wie beispielsweise heißhungrige Raubtiere. Ein Kampfsystem haben wir aber noch nicht ausmachen können. Die ist allerdings nicht für jeden etwas. Das Spiel gibt euch keine klare Richtung vor, sondern baut zu großen Stücken auf Entdeckungsdrang und Eigeninitiative. Es zeigt euch keine Grenzen auf, versorgt euch gleichzeitig aber auch nicht mit expliziten Aufgaben oder Regeln. Es gibt keine Missionsübersicht, keine Karte. So kann es auch schon einmal vorkommen, dass ihr mehrere Minuten einfach wild durch den Urwald irrt, zum zehnten Mal dieselbe Pflanze entdeckt oder wahllos-willkürlich mit Stöcken und Steinen umher wedelt.

Das kann ein willkommener Kontrast zu einer Vielzahl anderer Open-World-Titel wie Far Cry oder Assassin's Creed darstellen, die euch mit Aufgaben, Sammelobjekten und Missionsmarkern geradezu bombardieren. Gefallen muss das aber nicht jedem, dessen sind sich auch die Entwickler bewusst. "Die heutigen Spieler sind es gewohnt, dass man sie bei der Hand nimmt. Aber so lief die Evolution nun mal nicht", äußerte sich Game Designer Désilets zu dem Thema. "Auf diese Weise wäre das Spiel langweilig geworden. Und wir hätten Spieler um den Offenbarungsmoment beraubt, etwas ganz alleine und ohne fremde Hilfe herausgefunden zu haben." Wer Interesse an Ancestors hat, muss also den Willen mitbringen, sich intensiv mit dem Spiel und dessen Inhalten auseinanderzusetzen. Wird dafür aber auch belohnt.

Vielversprechend aber nicht fehlerfrei

Alles in allem macht Ancestors: The Humankind Odyssey auf uns einen recht vielversprechenden Eindruck.

Das Survival-Adventure überzeugt nicht nur mit einer außergewöhnlichen Spielerfahrung, sondern ist dabei sogar noch ungewollt lehrreich - schließlich orientiert sich das Spiel laut eigener Aussage an aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Einige Fragen bleiben aber trotzdem noch offen. Etwa, ob das knapp 35-köpfige Team in der Lage ist, ein technisch einwandfreies Endprodukt auf den Markt zu bringen. Die Steuerung, welche in der Demo bisher nur mit dem Gamepad möglich war, entpuppte sich teils noch als ziemliche Zumutung. Gerade Schwingen, Anvisieren und Greifen fühlte sich klobig und unpräzise an. Wesentlich wichtiger wird aber wohl sein, dass es auch auf lange Sicht befriedigend bleibt, euch euren eigenen Weg durch die menschliche Evolution zu bahnen. Ob das der Fall ist, konnten wir während unserer knapp zweistündigen Anspielsession nämlich noch nicht in Erfahrung bringen. Wir bleiben aber gespannt dran und schauen, wie sich der Titel in den kommenden Monaten weiterentwickelt.

Der Release ist dann noch dieses Jahr für PC, PS4 und Xbox One geplant. Zudem soll Ancestors: The Humankind Odyssey zunächst 12 Monate exklusiv über den Epic Games Store erhältlich sein, bevor sich 2020 dann auch Steam-Nutzer von den Qualitäten des Titels überzeugen können.
Kommunikation mit Artgenossen ist im herkömmlichen Sinne nicht möglich. Quelle: Take2/Private Division Kommunikation mit Artgenossen ist im herkömmlichen Sinne nicht möglich. Ihr könnt aber Rufen und Zeichen anderer Primaten folgen.

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Meinung

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