Agony im Test: Ein echter Adventure-Höllentrip - in der Unterwelt von Agony wird selbst das Laufen zur Qual

Test Katharina Pache
Agony im Test: Ein echter Adventure-Höllentrip - in der Unterwelt von Agony wird selbst das Laufen zur Qual
Quelle: PC Games

Der Begriff Agonie basiert auf dem altgriechischen Wort agonia, das so viel bedeutet wie "Kampf" oder "Qual". Ein treffender Titel für das Horror-Adventure Agony. Die Fortbewegung: ein Kampf. Die Stealth-Elemente: eine Qual. Arme Seelen, die das höllische Adventure spielen, finden aber auch den einen oder anderen Lichtblick in der Unterwelt. Zumindest, wenn sie Durchhaltevermögen angesichts teuflischer Widrigkeiten zeigen. Alle Licht- und Schattenseiten von Agony im Test.

Agony (jetzt kaufen 10,37 € ) möchte schockieren. Welches Spiel hat sonst im Vorfeld durch eine Szene von sich reden gemacht, in der ein Baby von einem Stein zerquetscht wird? Liebhaber von extremer Unterhaltung begrüßen Tabubrüche, Gewalt- und Sexeskapaden, weshalb die erforderliche Summe zur Vollendung von Agony auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter rasch zusammenkam. Dumm nur, wenn die geplanten Schockmomente und damit der Schlüssel zu den Herzen der Unterstützer aus dem Spiel gestrichen werden müssen. Die Versprechen, dass wenigstens die PC-Spieler einfach einen Patch herunterladen können, der sämtliche Zensuren außer Kraft setzt, wurde gebrochen, auch am Rechner ist das Blut pink, pralle Hintern wackeln nicht, ihr könnt keine virtuellen Babys töten. Ist es schade um solche Geschmacklosigkeiten? Darüber kann man sicher streiten, aber de facto bekommen die Unterstützer von Agony nicht das tabulose Skandal-Adventure, für das sie Geld gespendet haben. Aber wie schlägt sich Agony von der Zensurdebatte abgesehen? So rein als Horror-Adventure betrachtet? Die ersten Meinungen zu Agony waren jedenfalls alles andere als wohlwollend ...

Willkommen in der Pixelhölle

Sieht ganz schön pixelig aus hier, denken wir uns, während wir kopfüber in die Hölle stürzen. Und wer hätte gedacht, dass die Unterwelt unter Bildzerreißen leidet? Die Technik auf der PS4 (Pro) ist ein Schatten der zuvor gezeigten Szenen. Selbst, wenn man die Unschärfe, den Vignetteneffekt und chromatische Abberation abschaltet, ist Agony (unabsichtlich!) scheußlich anzusehen. Die Einstellung der Gammawerte gleicht einem Drahtseilakt: Dreht ihr die Helligkeit auf, blendet euch das Licht und die abstoßende Umgebung tritt noch stärker zu Tage, regelt ihr das Bild dunkler, verliert ihr in der Finsternis völlig die Orientierung. Das furchterregendste an Agony sind nicht die Leichenberge, fleischfressende Dämonen oder von der Decke hängende Föten, sondern die grotesken NPC-Charaktermodelle, die frappierend an Mr. Potato Head erinnern. Die gerade erwähnten Bocksfußdämonen verlieren in dem Moment ihren Schrecken, wenn ihr sie das erste Mal albern herumstampfen seht. Die ungelenken Animationen wirken, als stammten sie (wie auch vieles andere in Agony, unter anderem das unsägliche Menü) aus den 90er Jahren. Wenn ihr ein Objekt aufnehmt, schwebt es euch in die Hand. Ihr bleibt an mikroskopischen Hindernissen hängen. Keine gute Voraussetzung bei einem Spiel, in dem man die meiste Zeit damit verbringt, herumzulaufen und Dinge aufzuheben.

Elend überall

In einer Hinsicht liefert Agony jedoch ab: Die Hölle, wie sie Madmind Studio erdacht hat, ist furchterregend, abstoßend, vielschichtig und obszön. Das Leveldesign zeigt sich dementsprechend mal klaustrophobisch, mal labyrinthartig, aber stets ziemlich verwirrend. Das kann man Agony sicher ankreiden, die verworrene Gestaltung passt aber sehr gut zum Setting - wäre ja auch merkwürdig, wenn den verlorenen Seelen zuliebe die Sehenswürdigkeiten der Hölle ausgeschildert wären. Als Orientierungshilfe greift ihr auf eine Art Navigations-Lichtspur wie in Dead Space zurück, der Einsatz ist aber begrenzt. Das gleiche gilt für die Checkpoints, ihr sichert euren Fortschritt an sogenannten Seelenspiegeln. Die zerbrechen, nachdem ihr dort zum dritten Mal neu angefangen habt. Immerhin seid ihr nicht sofort verloren, wenn euch ein Dämon vernascht: Eure Seele kann Platz nehmen in einem der anderen jämmerlichen Hölleninsassen, vorausgesetzt, er oder sie trägt keinen Jutesack auf dem Kopf. Folglich müsst ihr den Gestalten auf dem Weg die Säcke abnehmen, wenn ihr deren Körper als Wirt nutzen wollt. Später könnt ihr sogar in Dämonen schlüpfen.

Das Fleisch ist schwach

In einfachen Rätseln wie diesen sammelt ihr Items, um Tore zu öffnen. Quelle: PC Games In einfachen Rätseln wie diesen sammelt ihr Items, um Tore zu öffnen. Als schwacher Mensch habt ihr den Ausgeburten der Hölle nichts außer einer Fackel entgegenzusetzen, in den meisten Fällen aber empfiehlt es sich, zu schleichen und Verstecke zu nutzen. Als Stealth-Spiel funktioniert Agony nicht sonderlich gut, zum einen wegen der ungelenken Fortbewegung. Zum anderen ist die KI der Dämonen eigenwillig - klar, Feuer zieht die Monster an, aber ansonsten folgen die Laufwege eurer Feinde an vielen Stellen keiner besonderen Logik. Da muss man manchmal einfach ein paar Minuten warten. Nicht sonderlich spannend, und auch nicht unheimlich. Auch die Rätseleinlagen in Agony enttäuschen: Malt eine Rune nach, um Türen zu entsperren, sammelt herumliegende Herzen, um Tore zu öffnen oder andere Mechanismen in Gang zu setzen, zerschlagt Hindernisse in Dämonengestalt.


Auf verlorenem Posten

Agony ist ein rätselhaftes Spiel, und das in vielerlei Hinsicht. Die bereits erwähnten Seelenspiegel etwa: Im Menü gibt es eine Möglichkeit, das Zerbrechen der Save Points außer Kraft zu setzen. Bei unserem Spielstand führte das dazu, dass beim Laden nun jedes Mal eine PS4-Fehlermeldung erscheint, kurz darauf wieder verschwindet und der Spiegel unbenutzbar wird. Ist das ein Bug oder eine Mechanik? In diesem Falle ist die Antwort zwar klar, aber an vielen anderen Stellen kommt eine ähnliche Unsicherheit auf.

Ist das korrekt so oder ein Fehler im Spiel? Bin ich hier richtig? War ich hier nicht gerade schon einmal? Wieso funktioniert das nicht? Was mache ich hier eigentlich? Fans von Dark Souls haben Erfahrung mit indirekt erzählten Storys, bei Agony wird es ähnlich gehandhabt wie in From Softwares Rollenspielen. Überall in der Hölle sind Briefe und Notizen verteilt, so ganz ohne Anhaltspunkt zu eurer eigenen Identität ist es allerdings nicht motivierend oder spannend, nach Antworten zu suchen, zumal ihr als bemitleidenswerter Märtyerwurm gefühlt ohnehin keinen Einfluss habt auf Dämonen und die Hölle. Aber dem einen oder anderen dürfte gerade diese Hilflosigkeit und Unsicherheit beim Voranschreiten gefallen.

Feuer und Eis

Im Verlauf des etwa sieben- bis zehnstündigen Abenteuers werden Steuerung und Grafik nicht besser, die offeneren Umgebungen, Eis, Wasser und Wälder sorgen aber ein wenig für Abwechslung, genauso wie die Möglichkeit, unterschiedliche Dämonen zu besetzen. Die Hölle, das sind die anderen. Zumindest, wenn sie so aussehen. Arme Frau. Quelle: PC Games Die Hölle, das sind die anderen. Zumindest, wenn sie so aussehen. Arme Frau. Wenn ihr den Nerv habt, so tief in die Hölle hinabzusteigen, bietet das Horror-Adventure zusätzlich unterschiedliche Enden, den Agony-Modus, bei dem ihr in zufallsgenerierten Levels Items sucht und Punkte sammelt und den Succubus-Modus, bei dem ihr von Anfang an einen Dämonen verkörpert.

Die Idee ist gut, die Ausführung lässt zu wünschen übrig, aber der Weg in die Hölle ist ja bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert. So bedarf es durchaus einer großzügigen Portion guten Willen und Leidensbereitschaft, um die vielen Plagen zu ertragen, die euch Agony aufbürdet. Es gibt Höllentrips, die deutlich besser funktionieren, sowohl spielerisch, als auch optisch - erinnert sich etwa noch jemand an Dante's Inferno? Oder an dieses kleine, unbekannte Spiel namens Doom? Im aktuellen Zustand, nämlich mit Patch 2.0, bleibt Agony nichts als ein Dasein in der Unterwelt der Horror-Spiele. Eine Erlösung? Nicht in Sicht. Dafür sind die Probleme zu tiefgreifend.

Metacritic bewertet das Spiel mit 45%.

Meinung

Wertung zu Agony (PS4)

Wertung:

5.0 /10
Pro & Contra
Ekelhaft-schauriges DesignVeränderungen in der Spielwelt bleiben nach dem Bildschirmtod bestehenEin paar gruselige Sound-EffekteEinige unheimliche MomenteSpielwelt wird nach dem ersten Kapitel interessanterVerteilte Notizen und Briefe bringen etwas Licht ins Story-DunkelEin paar offenere SpielumgebungenZum Thema passendes Gefühl der HilflosigkeitUnterschiedliche EndenZusätzliche Spielmodi
Mieses Beleuchtungssystem: Spiel ist immer zu dunkel oder zu hellBildzerreißen, RuckelnDiverse BugsLangweilige Stealth-AbschnitteStellenweise seltsame KIÖde RätselSpielfigur bewegt sich enervierend langsamSchlechte SynchronisationUnfreiwillig lustige NPC-ModelleSchlechte AnimationenMechaniken werden schlecht oder gar nicht erklärt
Fazit

Viele Probleme beim Abstieg in die Hölle: Das Horror-Adventure ist weder technisch noch spielerisch ausgereift.

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