Agents of Mayhem im Test: ​Singleplayer-Klamauk mit MMO-Flair

Test Katharina Pache
Agents of Mayhem im Test: ​Singleplayer-Klamauk mit MMO-Flair
Quelle: Volition

Seid ehrlich: Ihr habt euch doch ein neues Saints Row statt Agents of Mayhem gewünscht, oder? Wir klären im Test, ob Freunde der verrückten Open World-Serie dennoch mit den schrägen Agenten auf Tuchfühlung gehen sollten, und wieso sich der Titel an manchen Stellen anfühlt wie ein klassisches MMO - nur eben ohne Mitspieler.

Als hätte Südkoreas Hauptstadt Seoul mit der Nachbarschaft zu einer Diktatur mit Atomwaffen im Hinterhof nicht schon genug Probleme, nistet sich auch noch die internationale, ja sogar intergalaktische Terrororganisation Legion in und unter der Metropole ein. Ein klarer Fall für die Spezialisten von Agents of Mayhem! Angeführt von der Ex-Legion-Mitarbeiterin Persephone Brimstone versammelt sich eine schillernde Agententruppe in Seoul, um den Weltherrschaftsplänen von Legion Einhalt zu gebieten - und zwar mit allen Mitteln.

Eine Agentur voller Helden

Echt deutsch: Red Card alias Ingo Rotkapp mag Fußball. Legion hasst er, weil sie Spieler seines Lieblingsteams FC Rüdesheim entführt und ein Spiel unterbrochen haben. Quelle: PC Games Echt deutsch: Red Card alias Ingo Rotkapp mag Fußball. Legion hasst er, weil sie Spieler seines Lieblingsteams FC Rüdesheim entführt und ein Spiel unterbrochen haben.

Um Stilwater-Veteranen Johnny Gat als Agenten spielen zu können, müsst ihr entweder Vorbesteller sein oder die Day-One-Edition kaufen. Der gebürtige Südkoreaner kommt mit Rekrutierungsmission und sechs Cosplay-Skins daher. Mit denen könnt ihr Rockerbraut Daisy zum Beispiel in Wonder Woman verwandeln und Hollywood in Iron Man. Ganz unoffiziell natürlich. 

Agents of Mayhem ist nicht Saints Row, spielt aber im gleichen Universum, aus diesem Grund tauchen unter anderem Kingpin und Johnny Gat im Spiel auf - Letzterer aber nur, wenn ihr vorbestellt habt. Aus der Third-Person-Perspektive nehmt ihr den Kampf gegen die Schergen von Legion und Dr. Babylon auf. Widersacher gibt es in Form von flinken Ninja-Nahkämpfern, Standardeinheiten mit Gewehr, dick gepanzerten Kolossen, Golems, Robotern und vieles mehr. Jeder eurer zwölf Agenten, die ihr nach und nach freispielt, hat andere Talente. Inderin Rama schießt mit Pfeil und Bogen, der deutsche Hooligan Red Card hat sowohl eine Flinte als auch ein Gewehr dabei. Ninja-Muslima Scheherazade stellt sich Legion mit Wurfmessern und dem Schwert entgegen. Wie in einem Samstagmorgencartoon sind die Figuren Stereotype, aber sehr sympathisch und mit einem Augenzwinkern umgesetzt. Richtet ihr lange genug Verwüstung in gegnerischen Reihen an, könnt ihr eure Spezialfertigkeit einsetzen (Heldin Joule etwa aktiviert ihren Drohnenbegleiter), und ist eure Mayhem-Leiste voll, genießt ihr kurze Zeit ganz besondere Vorteile. Yeti friert dann zum Beispiel alle Feinde in einem gewissen Radius ein und Braddock fordert Raketensperrfeuer an. Das System funktioniert simpel, bietet mit dem Wechsel zwischen verschieden spezialisierten Charakteren aber viel Raum zum Experimentieren und Optimieren.

Auge in Auge: So nahe kommt ihr den Scharfschützen selten. Diese Feinde tauchen erst später im Spiel auf und werden euch gehörig das Leben schwer machen. Quelle: PC Games Auge in Auge: So nahe kommt ihr den Scharfschützen selten. Diese Feinde tauchen erst später im Spiel auf und werden euch gehörig das Leben schwer machen. Cartoonhelden: Justice League, G.I. Joe und andere Comicserien standen Pate für Agents of Mayhem. Die Zwischensequenzen sind natürlich gezeichnet! Quelle: PC Games Cartoonhelden: Justice League, G.I. Joe und andere Comicserien standen Pate für Agents of Mayhem. Die Zwischensequenzen sind natürlich gezeichnet!

Nach Seoul losgeschickt wird stets ein Einsatztrio, ihr solltet bei der Zusammenstellung des Teams auf eine ausgewogene Verteilung der Talente achten, manche Agenten eignen sich im Kampf gegen gepanzerte Feinde, andere bei Horden von Zielen. Einige Talente lernen die Experten zudem erst beim Aufleveln. Ihr steuert stets nur eine Figur und wechselt auf Knopfdruck zwischen den Kämpfern hin und her, einen Mehrspielermodus gibt es nicht. Verwunderlicherweise fühlt sich Agents of Mayhem dennoch an vielen Stellen wie ein MMO-Spiel alter Schule an, die Missionsziele sind simpel und wiederholen sich oft. Säubert den Raum von Feinden, zerstört x Objekte und so weiter. Selbst die unterirdischen Labore von Legion mit ihren viel zu hohen Decken und leeren Fluren erinnern an MMOs vergangener Tage. Über den Köpfen der Feinde geben schwebende Ziffern über die Effektivität der Angriffe Auskunft, außerdem werden dort Buffs und Nerfs wie Unverwundbarkeit und Verschanzung angezeigt, auch das kennt man aus diversen klassischen Mehrspielerabenteuern. Gut, dass die Agenten so unterschiedlich begabt und mit einer ungeheuren Menge Spezialisierungsoptionen daherkommen, sonst wäre angesichts der repetitiven Natur des Spielverlaufes rasch die Luft raus. Neue Gadgets, Rollenspielelemente wie Fähigkeitspunkte, Skins und vieles mehr verführen erfolgreich zum Weiterspielen.

Sandkasten Seoul

Seoul als Spielplatz hat nicht den Anspruch, Abbild einer lebendigen Stadt zu sein. Vielmehr dient die virtuelle Metropole als Kulisse mit wenig Passanten auf den Straßen und kaum Interaktionsmöglichkeiten. Dafür ist die Umgebung schön bunt und nicht so austauschbar wie übliche Sandbox-Settings - am besten lässt sich die Welt von Agents of Mayhem mit der aus Sunset Overdrive vergleichen. Leere Stadt: Seoul erstreckt sich auch vertikal - die Fortbewegung ist jedoch recht langweilig, komplexere Parkoursmanöver gibt es nicht. Quelle: PC Games Leere Stadt: Seoul erstreckt sich auch vertikal - die Fortbewegung ist jedoch recht langweilig, komplexere Parkoursmanöver gibt es nicht. Dem Xbox-exklusiven Action-Game hinkt Volitions neuer Streich jedoch in Sachen Fortbewegungsvergnügen hinterher. Die Figuren bewegen sich viel zu langsam, der Dreifachsprung alleine unterhält nicht genug, um Seoul ausgiebig erkunden zu wollen. Mit dem Auto geht es freilich schneller, dann verpasst man aber all die versteckten Kisten und Kristallsplitter, mit denen man neue Spezialfertigkeiten einkauft und von denen Volition großzügige 350 Stück(!) auf der Karte verteilt hat. Merkwürdig auch, wie wenig die Umgebung bei einem Spiel mit dem Begriff "Verwüstung" im Titel dazu einlädt, Unheil zu stiften - Gebäude sind unzerstörbar, Interaktionen mit NPCs nicht möglich, es sei denn, man zählt Erschießen und Überfahren als Interaktion. Kommunikation findet mit den restlichen Agenten und den Vorgesetzten und Mitarbeitern in der Mayhem-Basis statt. Die schwebt getarnt über Seoul und bietet den Agenten verheißungsvolle Möglichkeiten. Bei Quartermile kauft ihr neue Fahrzeuge, in der Rüstkammer verwaltet ihr die Fertigkeiten und Bewaffnung und im VR-Areal von DJ Mixer versucht ihr euch an speziellen Herausforderungen.

Vroom: In ein Sandbox-Spiel gehören natürlich Fortbewegungsmittel und diverse Rennen. Agents of Mayhem ist da keine Ausnahme. Quelle: PC Games Vroom: In ein Sandbox-Spiel gehören natürlich Fortbewegungsmittel und diverse Rennen. Agents of Mayhem ist da keine Ausnahme. In der Mayhem-Basis schickt ihr außerdem gerade unbeschäftigte Agenten auf Tour in die weite Welt - schließlich agiert Legion ja nicht nur in Seoul. Diese Missionen laufen im Hintergrund mit einem Echtzeit-Timer ab (man denke an den Kartentisch aus Dragon Age: Inquisition), manchmal muss man drei Minuten auf die Rückkehr des Agenten warten, manchmal zwölf. Hat man in einem Winkel der Weltkarte alle diese passiv ablaufenden Aufträge abgehakt, gilt es, die dortige Legion-Basis zu erobern. Diese Aufgabe darf man dann wie üblich aktiv mit einem Dreier-Team angehen, allerdings warten auch hier nur die altbekannten Laborschlauchlevels voller Gegner auf die Eindringlinge. Als Belohnung gibt's Zugang zu einem neuen Bereich auf der Weltkarte sowie Legion-Technologie. Mit der bessert man die Fertigkeiten der eigenen Schützlinge teilweise immens auf - einer der Gründe, wieso man sich trotz wiederholender Aufgabenstellung immer wieder in Legions Geheimverstecke aufmacht.
Kinoreif: Agent Hollywood verschießt Granaten (aus dem Schritt) und zündet Explosionen. Er ist neben Hardtack und Fortune einer der drei Starthelden. Quelle: PC Games Kinoreif: Agent Hollywood verschießt Granaten (aus dem Schritt) und zündet Explosionen. Er ist neben Hardtack und Fortune einer der drei Starthelden.

Dr. Babylon und friends

Auf dem Weg zum Oberschurken Dr. Babylon vergehen etwa 20 Stunden Spielzeit, optionale Nebenmissionen wie Rennen, das Sammeln von Splittern, das Aufleveln von Kämpfern und Ähnliches nicht eingerechnet. Wie lange es dauert, wenn man wirklich alles freischalten und finden möchte, das ist schwer abzuschätzen, mindestens doppelt so lange werdet ihr zu diesem Zweck aber wahrscheinlich in Seoul unterwegs sein. Doch der Reihe nach: Bevor man an Dr. Babylon Hand anlegen darf, muss man fünf seiner Leutnants aus dem Weg räumen - diese Missionen sind spielerisch zwar den herkömmlichen Aufgaben sehr ähnlich, werden aber mit Humor der Marke Saints Row präsentiert. Auf Tuchfühlung: Scheherazade ist die einzige auf Nahkampf fokussierte Agentin. Greift sie aus der Tarnung heraus an, verursacht sie verheerenden Bonusschaden. Quelle: PC Games Auf Tuchfühlung: Scheherazade ist die einzige auf Nahkampf fokussierte Agentin. Greift sie aus der Tarnung heraus an, verursacht sie verheerenden Bonusschaden. Da gibt es etwa den Legion-General Steeltoe, der sich unsterblich in eine fünfköpfige, virtuelle K-Pop-Band verliebt hat und dessen Hochzeit die Agents crashen, oder den unausstehlichen Schönling August Gaunt, der mit seiner VR-Brille Gauntlet Milliarden von Teenies zu Sklaven der Terrororganisation macht. Bossfights gegen die besagten Leutnants gibt es auch, an dieser Stelle beweist Volition Mut und fordert vom Spieler ein bisschen mehr als bloßes Herumballern. Das Finale jedoch enttäuscht - das Aufwärmen von Bossfights gehört nicht gerade zum guten Ton und der riesige Kampfroboter, um den es sich im letzten Kapitel dreht, kommt gar nicht zum Einsatz. Wieso? Ein wichtiger Unterschied zu Saints Row ist die Präsentation des Humors: Bei den Agents of Mayhem kommt dieser vor allem in Dialogen zum Einsatz und weniger in Zwischensequenzen und in Form von Gameplay, auch wenn es durchaus einige Momente gibt, die an die Vorgängerreihe erinnern. Zum Beispiel könnt ihr in der Mayhem-Basis Unterstützungstechnik erforschen, die sogenannte Gremlin-Tech. Darunter sind ein Bowlingkugel-Gewehr und eine Mechanik, die NPCs in der Nähe vor Freude explodieren lässt. Mit einem Albernheits-Äquivalent zu Dildonator oder Dubstep-Gun ist regulär aber keiner der Agenten bewaffnet.

Technische Gebrechen

Für Mütterchen Russland: Yeti ist Supersoldat und verfügt über Eiskräfte. Seine Mayhem-Fähigkeit friert Feinde in der Nähe ein, die er dann einfach zertrümmert. Quelle: PC Games Für Mütterchen Russland: Yeti ist Supersoldat und verfügt über Eiskräfte. Seine Mayhem-Fähigkeit friert Feinde in der Nähe ein, die er dann einfach zertrümmert. Technisch hat sich Agents of Mayhem seit seinen Preview-Zeiten gemacht, auf der PS4 läuft das Spiel die meiste Zeit butterweich, lediglich wenn allzu viele Explosionen und Partikeleffekte den Bildschirm füllen, kommt die Konsole ins Stottern. Die Animationen sind liebevoll und ausdrucksstark, das Design der Umwelt und Charaktere gefällt mit überzeichnetem Charme. Auffällige Pop-ins beim Fahren durch die Stadt gibt es selten, auch Kantenflimmern ist kein Problem. Dass die Ki nicht sonderlich viel auf dem Kasten hat, überrascht niemanden, ist aber auch nicht allzu schlimm, hier steht flotte Action statt langsamem Taktikspiel im Vordergrund, nicht umsonst gibt es kein Deckungssystem. Verbesserungswürdig jedoch sind Kollisionsabfrage, Hitboxen und Treffer-Feedback. Auf vielen Oberflächen innerhalb der Stadt findet man keinen richtigen Halt und schwebt deshalb ungenau an den Konturen entlang. Das ist nur ärgerlich, die Hitboxen und das mangelnde Treffer-Feedback hingegen beachteiligen den Spieler des Öfteren merklich in Auseinandersetzungen. Der Radius von Explosionen und Angriffen lässt sich trotz eingezeichnetem Wirkbereich oft nicht richtig einschätzen und verheerende Treffer erkennt man nicht an der Reaktion der eigenen Spielfigur (bei AoE-Angriffen etwa wird diese oft lediglich vage zur Seite gedrückt), sondern an der Lebensenergie- und Schildanzeige im unteren linken Bildschirmeck.

Doppel-Team: Joule hat eine Drohne im Gepäck. Gegen diesen Gegner hilft jedoch auch doppelte Feuerkraft nicht - er wird von dem Feind im Hintergrund mit Unverwundbarkeit gebufft. Quelle: PC Games Doppel-Team: Joule hat eine Drohne im Gepäck. Gegen diesen Gegner hilft jedoch auch doppelte Feuerkraft nicht - er wird von dem Feind im Hintergrund mit Unverwundbarkeit gebufft. Ganz so chaotisch, wie es sich der eine oder andere Fan von Saints Row gewünscht haben mag, ist Agents of Mayhem nicht geworden, das Missions- und Weltdesign ist sogar oft sehr konservativ. Dank des gewaltigen Umfangs und der sympathischen Helden in diesem schrägen Cartoon-Universum aber bläst man doch immer wieder und durchaus mit Vergnügen zum Angriff auf die nächste Einheit Kanonenfutter. Manchmal möchte man eben ganz unkompliziert das Hirn ab-, den Fernseher anschalten und ein paar Superterroristen verprügeln - zu diesem Zweck ist Agents of Mayhem hervorragend geeignet.

Fazit und Wertung

Meinung

Wertung zu Agents of Mayhem (PS4)

Wertung:

8.0 /10
Pro & Contra
Sympathische Charaktere mit unterschiedlichen StärkenFür Komplettierungsfanatiker extrem motivierendUnverbrauchtes SettingHumorvoll; viele Popkultur-AnspielungenNette AnimationenCartoon-CharmeSchräge Bosse
Simple Missionsziele, die sich ständig wiederholenProbleme mit der Kollisionsabfrage, Treffer-Feedback und HitboxenLangweilige Fortbewegung vermiest ErkundungIn der Stadt kaum Möglichkeiten zur InteraktionViel Recycling (Level, Bosskämpfe)
Fazit

Anarchie light: Singleplayer-Shooter mit viel Humor und tollen Charakteren, aber konservativem Design.

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