A Way Out im Test: Gemeinsam auf der Flucht ​

Test Felix Schütz
A Way Out im Test: Gemeinsam auf der Flucht ​
Quelle: Electronic Arts

Nix für Einzelspieler: A Way Out ist ein reiner Koop-Titel, den man am besten gemeinsam auf der Couch erlebt! Mit interessanten Ideen und spannenden Momenten setzt das Action-Adventure zwar frische Akzente, verliert sich aber in seichtem Gameplay und Story-Schwächen. Ein interaktiver Film für zwei Spieler, der prima berieselt, aber nur selten begeistert - A Way Out im Review.

Es war ein kleines Spiel, das große Gefühle weckte: Brothers: A Tale of Two Sons, mit dem Starbreeze vor fünf Jahren ein erzählerisches wie spielerisches Kleinod gelang! Einer der kreativen Köpfe hinter dem Überraschungshit war damals Josef Fares. Der ehemalige Filmregisseur kehrte Starbreeze nach dem Release von Brothers den Rücken zu, gründete das Studio Hazelight und begann dort mit den Arbeiten an seinem nächsten Spiel: A Way Out (jetzt kaufen 29,99 € ), ein ambitioniertes Ausbruchsdrama, das erst auf der letzten E3 unter großem Jubel angekündigt wurde. Fares, der zuletzt bei den Game Awards einen fragwürdigen Auftritt hinlegte, versprach ein intensives Story-Erlebnis mit cleverem Konzept: War Brothers noch ein reiner Einzelspielertitel, ist A Way Out ausschließlich im Koop spielbar. Einen Solo-Modus gibt's nicht! Wie gut sich das spielt und ob das Koop-Abenteuer, das sowohl lokal oder online gespielt werden, seinen Kaufpreis wert ist, überprüfen wir im Test zu A Way Out.

Lokal oder online: Was haben wir getestet?
Vor Release war nur der "Couch"-Koop spielbar, für den zwei Spieler vor dem gleichen PC bzw. der gleichen Konsole sitzen. Obwohl die Entwickler betonen, dass dies die beste Art sei, A Way Out zu genießen, bietet das Spiel auch einen Online-Koop-Modus. Das Besondere daran: Im Online-Koop kann der Käufer des Spiels einen Freund kostenlos einladen, um das Spiel gemeinsam zu erleben. Die Inszenierung bleibt dabei identisch zum lokalen Koop-Modus, ihr erlebt das Spiel also auch hier im Splitscreen.

A Way Out im Test: Zwei Knackis suchen das Weite

Fans von Brothers: A Tale of Two Sons sollten sich von A Way Out keinen geistigen Nachfolger erwarten, die Spiele sind sehr unterschiedlich. A Way Out ist in erster Linie ein spielbarer, interaktiver Film, der seine Erzählung deutlich über das Gameplay stellt. Auch erreicht die Geschichte nie ganz die emotionale Wucht eines Brothers, füllt seine fünf bis sechs Spielstunden aber zumindest mit abwechslungsreichen Schauplätzen und einigen interessanten Ideen!
A Way Out im Test Quelle: Electronic Arts A Way Out im Test Ihr und ein Mitspieler übernehmt die Kontrolle von Leo und Vincent - zwei Sträflinge, die beschließen, gemeinsam aus dem Gefängnis auszubrechen. Die beiden Knastvögel sind solide auf Englisch vertont und kommen angenehm geerdet daher, etwa wenn wir im späteren Spielverlauf die Familien der Helden näher kennenlernen und dabei tiefer in ihre Gefühlswelt abtauchen. Doch über weite Strecken sind die beiden auch überraschend austauschbare Gangstertypen, denen es an Ecken und Kanten fehlt. Vor allem Vincent bleibt in vielen Situationen derart gefasst und sachlich, dass es uns anfangs schwer fiel, mit ihm mitzufiebern. Nach ein bis zwei Stunden gewinnt die Beziehung zwischen den Knackis aber zum Glück immer mehr an Kontur, bis wir auch Vincent gern durchs Finale begleitet haben.

A Way Out im Test: Film schlägt Spiel

Wo es den Helden etwas an Pep mangelt, überzeugt dafür das Koop-Konzept. Euer Bildschirm ist grundsätzlich zweigeteilt, ihr seht also stets, was euer Partner gerade auf seiner Bildhälfte treibt. Das ermöglicht nicht nur kreative Perspektivwechsel, sondern auch clevere Spielideen: So könnt und müsst ihr euch in vielen Szenen gegenseitig unterstützen, etwa wenn ein Spieler gerade seinen Fluchtweg freischaufelt, während der andere den Gefängnisflur im Blick hat, um vor dem nahenden Wachmann zu warnen. Oder wenn sich beide Helden gemeinsam im richtigen Moment gegen eine Tür werfen müssen, die sich nur mit vereinten Kräften aufstemmen lässt. Hier haben wir uns tatsächlich "Eins... zwei... drei...!" rufend vor dem Bildschirm erwischt! A Way Out steckt voller guter Ideen dieser Art, spielt sich aber leider viel zu seicht: Knackige Rätsel gibt es nie zu lösen und Fehler kann man in aller Regel auch nicht machen, da ihr oft nicht mehr tun müsst, als eine bestimmte Taste zu hämmern. Die Quicktime-Sequenzen unterfordern selbst Einsteiger.
A Way Out im Test Quelle: Electronic Arts A Way Out im Test

A Way Out im Test: Die Show muss weitergehen

A Way Out im Test Quelle: Electronic Arts A Way Out im Test Weil A Way Out in erster Linie daran gelegen ist, die Erzählung flott voranzutreiben, schickt euch das Spiel von Szene zu Szene, von Minispiel zu Minispiel, ohne dass ihr dabei viel mitzureden habt. Innerhalb einer Location dürft ihr vielleicht mal mit ein paar anderen Knastbrüdern plaudern oder ein paar Objekte untersuchen, doch spielerische Auswirkungen gibt's dadurch nie. Hin und wieder streuen die Entwickler sogar Minispiele wie Armdrücken oder einen Spielautomaten ein, die zwar ein bisschen die Spielzeit strecken und für einen gemeinsamen Abend auf dem Sofa ganz lustig sein können, aber auch null Wert für die Story bringen. Wer darauf keine Lust hat, läuft einfach dran vorbei.

A Way Out im Test: Spannende Highlights, gut inszeniert

Der Online-Modus: Ein Freund spielt gratis!
Das Besondere am Online-Modus: A Way Out lässt sich auch mit jemandem spielen, der das Spiel gar nicht gekauft hat! Und so geht’s: Ein Freund kann sich das Spiel per Origin, PSN oder Xbox Live gratis und vollständig herunterladen. Der Käufer des Spiels schickt diesem Freund dann eine Einladung, den sogennanten Freundepass -  und schon können beide Spieler das komplette Abenteuer gemeinsam erleben, obwohl nur einer von ihnen A Way Out gekauft hat. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch der Kaufpreis von 30 Euro zu bewerten. Mehr Infos findet ihr hier und hier.

Schneller als wir denken, haben Leo und Vincent den Knast hinter sich gelassen. Ab dann entwickelt sich A Way Out vom Ausbruchsthriller zum Verfolgerdrama, in dem sich ausgedehnte Dialoge und Cutscenes immer wieder mit hektischen Fluchtsequenzen abwechseln. Dann teilen sich beide Spieler auch mal das komplette Bild, etwa als sie gemeinsam in einem Kanu einen reißenden Fluss hinabdüsen und dabei Felsen ausweichen müssen. Spannend wird's auch in einer Szene, in der Vincent einen Fluchtwagen lenkt, während Leo auf der Ladefläche hockt und heranbrausende Polizeiwagen mit der Schrotflinte beackert. Ziemlich großartig ist auch eine ausgedehnte Verfolgungsjagd, in der die Kamera ohne Schnitt zwischen den beiden Helden hin- und herwechselt, während diese sich auf völlig unterschiedlichen Wegen in Richtung Freiheit kämpfen - bei so einer gekonnten Inszenierung verzeihen wir das seichte Gameplay gern!

Auch wenn es moralisch zweifellos fragwürdig erscheint, zählt ein kurzer Abschnitt, in dem Vincent und Leo einen Raubüberfall auf eine Tankstelle verüben, zu den interessantesten Momenten von A Way Out. Hier kümmert sich ein Spieler darum, die Kassiererin einzuschüchtern, während der andere Spieler sicherstellt, dass anwesende Personen nicht heimlich die Polizei rufen oder die Flucht antreten. Auch wenn uns die Autoren hier leider viel zu wenig zutrauen und sich vor drastischen Konsequenzen drücken (bewaffneter Raub ist kein Kavaliersdelikt!), zeigt die Szene auch spannende Ansätze und beweist, dass das Koop-Konzept von A Way Out noch weitaus mehr hergegeben hätte.

A Way Out im Test: Entscheidungen ohne Wert

Den gleichen Eindruck hatten wir in den wenigen Entscheidungsmomenten. Als wir etwa während unserer Flucht eine Brücke samt Polizeisperre erreichen, haben wir die Wahl: Wollen wir unter der Brücke eine simple Klettersequenz absolvieren und so ans andere Ufer gelangen? Oder überwältigen wir einen Polizisten, stehlen seinen Dienstwagen und versuchen so, die Sperre zu überwinden? Solche Entscheidungen sind spannend, zumindest auf den ersten Blick. Tatsächlich hat nämlich keine Wahl wirklich spürbare Auswirkungen auf den Handlungsverlauf, stattdessen bekommen wir jede Konsequenz direkt in den nächsten Sekunden vorgesetzt. Darum wirken sich diese Abschnitte auch nicht nennenswert auf den Wiederspielwert aus - wer das Spiel durch hat, springt einfach in der Kapitelauswahl zurück, guckt sich die Szene kurz mit einer anderen Entscheidung an und hat danach alles gesehen. Im Zeitalter von Heavy Rain oder Telltales The Walking Dead darf man da schlichtweg mehr erwarten.

A Way Out im Test: Lahme Schießereien

Nachdem ein reichlich blasser Oberschurke die Bühne betritt, mutiert A Way Out kurzzeitig zu einem überfrachteten Action-Thriller. Spätestens als sich Vincent und Leo mit Shotgun und Maschinengewehr bewaffnen, um sich in einem uninspirierten Deckungsshooter-Part durch hirnlose Gegnerhorden zu ballern, geht der spannende Ansatz der ersten Stunden flöten. Mechanisch funktioniert der Schießbuden-Abschnitt zwar überraschend solide, doch so richtig spaßig ist er deswegen leider nicht. Viel besser hätte es uns gefallen, wenn uns das Spiel hier die Wahl lässt: Einen Schleichweg, der uns knifflige Situationen und clevere Koop-Puzzles vorsetzt - oder eben den Actionweg, für alle jene, die zur Abwechslung mal was über den Haufen schießen wollen. Doch leider zwingt uns A Way Out in feste Rollen und lässt uns keine Wahl.
A Way Out im Test Quelle: Electronic Arts A Way Out im Test

A Way Out im Test: Raffinierter Schluss mit fadem Beigeschmack

Einige der besten Ideen von A Way Out warten in den dramatischen Schlussakten des Spiels, für die unterschiedlichen Endsequenzen ließen sich die Entwickler einiges einfallen! Leider macht sich aber besonders hier der Mangel an Entscheidungen bemerkbar: So spannend es auch zugehen mag, waren wir doch enttäuscht, nicht mehr Einfluss nehmen zu können. Regisseur Fares will seine Geschichte eben so zuende erzählen, wie er es für richtig hält - der Spieler soll zwischendurch lediglich mal eine Taste drücken. Damit nimmt sich A Way Out einen Teil der emotionalen Wucht, die es eigentlich erzeugen will - denn wenn uns das Spiel eh vor vollendete Tatsachen setzt, fühlen wir uns auch nicht daran beteiligt. Liebe Entwickler: Videospiele können mehr!

A Way Out im Test: Umfang, Preis und Wiederspielwert

Mit fünf bis sechs Stunden ist A Way Out ein kurzes Vergnügen und hat obendrein mit einigen Längen zu kämpfen. Manche Dialoge und Cutscenes ziehen sich unnötig hin und bremsen den Spielfluss. Durch die wenigen Entscheidungen kann man allerdings etwas mehr Spielzeit rauskitzeln - wer alle Varianten durchprobiert und beide Enden sehen will, kommt auf rund 40 Minuten zusätzliche Spielzeit. Trotz der linearen Handlung bietet A Way Out außerdem genügend Anreize, es ein zweites Mal anzugehen - immerhin kann man das Abenteuer einfach mit dem jeweils anderen Helden bestreiten und bekommt das Spiel dadurch aus einem leicht anderen Blickwinkel zu sehen.

Der Preis von 30 Euro wirkt zunächst happig, allerdings muss man hierbei bedenken, dass A Way Out grundsätzlich für zwei Spieler ausgelegt ist - das macht also nur faire 15 Euro pro Kopf.

Die PC-Version von A Way Out erfordert einen kostenlosen Origin-Account.

A Way Out im Test: Meinung und Wertung

Meinungen

Wertung zu A Way Out (PC)

Wertung:

7.5 /10

Wertung zu A Way Out (PS4)

Wertung:

7.5 /10
Pro & Contra
Cleveres Splitscreen-Konzept mit coolen PerspektivwechselnCineastische, meist gute InszenierungEinige interessante Koop-MechanikenAbwechslungsreiche LocationsGelungene KameraführungKleine Entscheidungsmomente sorgen für etwas SpannungIm Online-Modus spielt ein Freund gratis (rechtfertigt auch den Kaufpreis)Ein wenig Wiederspielwert durch die Heldenauswahl
Spielerisch extrem simpel geratenEinige zähe Abschnitte und zu lange Dialoge/CutscenesStupider Baller-PartGeschichte driftet im letzten Drittel ordentlich abUncharismatisches HeldenduoStreng linear, Entscheidungen wirken sich kaum ausLangweiliger BösewichtKurze Spieldauer
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