Call of Duty: Advanced Warfare im Test: Kevin Spacey, Exoskelett-Gameplay und Bombast-Inszenierung. Kann das neue Call of Duty-Studio Sledgehammer Games der Ego-Shooter-Serie seinen Stempel aufdrücken? Unser Test von Advanced Warfare liefert die Antwort.
Call of Duty: Advanced Warfare im Test Eine Tüte Popcorn bitte, die kleine für 3 Euro! Mit fünf bis sechs Stunden Spielzeit ist die Kampagne von Call of Duty: Advanced Warfare schnell konsumiert und problemlos verdaut. Dabei sind die wenigen Stunden mit Kevin Spacey und den futuristischen Kampf-Features anno 2060 durchaus bekömmlich – wenngleich wieder nur Appetizer für das reichhaltige Mehrspieler-Menü.
Steckt genug Würze in der Kürze?
Gegenüber dem letzten Call of Duty-Teil hat sich die Kampagne nach vorne entwickelt. Ghosts-Symbolfigur Riley – der treudoofe Köter, bei dem wir uns heute noch fragen, warum er ständig neben uns herdackeln musste – wurde durch Hollywood-Superstar Kevin Spacey ersetzt. Ein riesiger Fortschritt! Auch wenn Spacey als Rüstungsmogul Jonathon Irons in der kurzen Spielzeit weniger Schauspielkunst zeigen kann, als etwa in der TV-Serie House of Cards, prägt er die Kampagne doch enorm. Und das ist vor allem Kevin Spaceys Verdienst (und die seines deutschen Synchronsprechers Till Hagen), nicht die des Storyschreibers. Denn die Geschichte um den Chef einer privaten Militärfirma (Irons), der seines Sohnes besten Freund (den Spieler) im Unternehmen aufnimmt, entwickelt sich ähnlich vorhersehbar wie eine Weihnachtsgans im Backofen.
Es sind andere Gründe, die für viel Spielspaß und Aha-Erlebnisse sorgen. Alleine durch das rund 50 Jahre in der Zukunft angesiedelte Setting fühlt sich Advanced Warfare viel frischer an als frühere CoD-Teile. Das beginnt bei der Architektur von Gebäuden, setzt sich bei den Designs von Autos und Militärvehikeln fort und endet bei futuristischen Features, Waffen oder Gadgets. Euch erwarten eine Reihe cooler Exoskelett-Funktionen, von denen ihr stets immer drei nutzen dürft. Welche das sind, gibt euch das Spiel vor. Logisch, Advanced Warfare ist ein Call of Duty und damit Meister der Inszenierung.
Lasst mich bitte allein!
Quelle: Activision
Call of Duty: Advanced Warfare: Test des Zukunfts-Shooters mit Kevin Spacey. (1)
Eines unserer Highlights ist jedoch eine CoD-untypische Schleichmission. Und das, wo doch unser Call of Duty-Tester gar kein Schleichfan ist. Aber es ist eine Wohltat, endlich mal alleine unterwegs zu sein und selbstständig Entscheidungen treffen zu können. Derart wohltuend, dass sogar ein sofortiger Missionsabbruch nach unfreiwilligem Alarmschlagen keinerlei Frustgefühle erzeugt. In diesem Abschnitt müssen wir das Privathaus von Jonathan Irons infiltrieren und nutzen dabei unseren Exo-Enterhaken. Damit dürfen wir uns blitzschnell von Baum zu Baum und von Dach zu Dach manövrieren – und blitzschnell ist hier wörtlich gemeint. Allerdings sind die Stellen vorgegeben, an denen wir uns einhaken können. Läuft eine Wache vorbei, können wir diese zu uns ziehen und lautlos erledigen.
Von diesen Einzelkämpfer-Abschnitten gibt es aber nur wenige. Zumeist fühlen wir uns wie Ghosts-Hund Riley, dackeln den Kameraden hinterher, dürfen ab und an gnädigerweise eine Tür aufstoßen oder andere Befehle ausführen. Teilweise halten uns sogar unsichtbare Wände vom Vorankommen ab, wenn doch mal die Ungeduld mit uns durchgeht und wir lospreschen. Erst wenn die Kameraden den Trigger auslösen, dürfen wir weiter. All das sorgt zwar für eine perfekt getimte Inszenierung, macht Erfolgserlebnisse aber weitaus weniger befriedigend als etwa in den Crysis-Teilen.
Immerhin machen schon die Standardgefechte mehr Laune als in Ghosts, auf Grund von Boost-Jump, intelligenter Granaten, aber auch gut gepanzerter Gegner und referenzverdächtig guten Soundeffekten. Mitreißender sind aber die serientypischen Skriptsequenzen, etwa wie eine spektakuläre Verfolgungsjagd in Neu-Bagdad, ein erzwungener Flugzeugabsturz in der Antarktis oder ein Drohnenangriff in Griechenland. Bei diesen Beispielen wollen wir es aber belassen, um nicht zu viel Spannung vorwegzunehmen. Stellt euch einfach vor, ihr schaut einen James-Bond-Film und danach gleich noch einen Mission-Impossible-Streifen. Dann habt ihr die ungefähre Summe an Wow-Momenten, die euch in den wenigen Spielstunden erwarten.
Eingehämmerte "Emotionen"
Quelle: Activision
Call of Duty: Advanced Warfare: Test des Zukunfts-Shooters mit Kevin Spacey. (6)
Wie bei den ersten Matches eines neuen Fußball-Trainers hatten wir auch beim frischen CoD-Studio Sledgehammer Games ständig diese Frage im Hinterkopf: Ist eine Handschrift zu erkennen? Die Antwort lautet: nur ansatzweise. Es gibt den einen oder anderen ruhigen Moment, in dem der Spieler Atmosphäre aufsaugen und Gefühle für das Leid der (virtuellen) Welt und der beteiligten Charaktere aufbauen soll. Doch es bleibt leider beim Versuch. Dies liegt einerseits an den klischeehaften Dialogen, aber auch an der kurzen Spielzeit. Selbst bei einem The Last of Us haben wir erst ungefähr ab Spielmitte, nach 7-8 Stunden, begonnen, so richtig mit den Charakteren mitzufiebern. Bei Advanced Warfare ist nach dieser Zeit schon der Abspann den Bildschirm hinabgescrollt.
Ohnehin gibt es einige Features, die wir gerne noch viel häufiger genutzt hätten, vor allem den Tarnmodus oder den Enterhaken. Zumal letzterer im Multiplayer-Modus fehlt – zumindest haben wir ihn bislang nirgends entdeckt. Letztlich müssen wir bilanzieren, dass Sledgehammer Games jede Menge gute Ideen hatte, bei der Umsetzung aber viel Potenzial verschenkt wurde.
Ein ähnliches Gefühl hatten wir auch beim Upgradesystem. Wir dürfen zwar zwischen den Missionen unseren Exo aufmotzen, etwa den Widerstand gegen Explosionsschaden oder die Sprinttdauer erhöhen. Doch sind die Auswirkungen derart gering, dass man sie beim Spielen kaum bemerkt. Somit ist die Kampagne von Advanced Warfare zwar auf einem durchaus guten Niveau und auf jeden Fall besser als die von Ghosts, doch an die Zeiten eines Call of Duty 4: Modern Warfare kommt auch dieses Einzelspielererlebnis nicht heran.
Quelle: Activision
Call of Duty: Advanced Warfare: Test des Zukunfts-Shooters mit Kevin Spacey. (8)
Hübsche Levels mit Framerateoptimierung
Grafisch konnten wir einige Verbesserungen gegenüber CoD: Ghosts ausmachen. Das PS4-Bild besaß zwar damals schon eine 1080p-Auflösung, auf der Xbox One lief der letzte Teil aber nur in 720p. Bei Advanced Warfare nutzt Sledgehammer Games auf der Xbox One laut eigener Aussage ein dynamisches System. Je nach Rechenaufwand der jeweiligen Szene schwankt die Auflösung zwischen 1920x1080 und 1360 x 1080, was ungefähr 30 Prozent weniger Pixel gegenüber Full-HD bedeutet. Die Weitsicht im neuen Call of Duty sehr gut ist, und die Umgebungen sind schön detailliert gestaltet.
Davon abgesehen ist beiden Versionen anzumerken, dass die Entwickler mit dynamischen Partikel- und Licht-Schatteneffekten sparsam umgegangen sind, um eine konstante Bildrate von 60 Bildern pro Sekunde nicht zu gefährden. Dieses Ziel wurde zwar erfüllt, dafür kommt Advanced Warfare grafisch nicht in die Nähe der tollen Optik eines Killzone: Shadow Fall. Zumal das Zerstörungsmodell ziemlich enttäuscht. Wenige Objekte lassen sich komplett kaputt schießen, beim Ballern auf eine Bettdecke entstehen zum Beispiel nur schwarze Flecken. Diesbezüglich hatten wir von der neuen Shooter-Generation mehr erwartet.
Advanced Multiplayer
Quelle: Activision
Call of Duty: Advanced Warfare: Test des Zukunfts-Shooters mit Kevin Spacey. (7)
Wie bei Call of Duty so üblich, findet man viele Teile der Kampagnen-Level auf den 13 Mehrspieler-Karten wieder. Einige der Maps sind größer dimensioniert, als man es von früheren Teilen gewohnt ist. Damit tragen die Entwickler den Boost-Jumps Rechnung, durch die man schneller vorankommt. Da die Karten aber verwinkelt sind, ändert sich am gewohnten Run-and-Gun-Gameplay nichts – man muss nur öfter als früher den Blick nach oben richten, kann Sniperschützen aber per Seitwärts-Dash auch leichter ein Schnippchen schlagen. Dynamische Aktionen sorgen für zusätzliche Würze. Bei einem Vulkanausbruch müsst ihr euch nicht nur vor herabfallenden Gesteinsbrocken in Acht nehmen, sondern euch auch der entstandenen Giftwolke fernhalten. Insgesamt sind Karten-Vielfalt und –Design hervorragend.
Zu der ohnehin reichhaltigen Modi-Auswahl früherer Teile kommen mit Momentum und Uplink zwei neue Spielvarianten dazu. Vor allem Uplink ist eine Bereicherung, da man den kleinen Satelliten nicht nur in das Portal werfen kann, sondern auch an einen Kollegen weiterpassen, wenn man sich einer feindlichen Übermacht gegenübersieht.
Im Grunde gilt jedoch für alle Modi: Wer neu anfängt und keine Waffenverbesserungen freigeschaltet hat, sieht kein Land, egal in welchem Spielmodus. Denn es gibt weiterhin quasi kein Matchmaking. Zwar werden die Teams kurz vor Spielstart ausgeglichen, trotzdem kämpfen auch Level-1-Noobs gegen Level-30-Veteranen – das kann für Frust sorgen.
Davon abgesehen bietet der überragende Mehrspieler-Part insgesamt aber wieder einen riesigen Umfang mit dem tollen Klassensystem Pick 13 und einem sehr spaßigen Koop-Überlebensmodus für bis zu vier Spieler: Die abzuwehrenden Angriffswellen lassen euch auch gegen Drohnen oder Hunde kämpfen. Aufzulesende Dogtags zwingen euch zudem aus eurem Versteck – normalerweise verschanzt man sich ja irgendwo und teilt sich auf die Zugänge auf. Zwischen den Runden darf man Waffen und Exoskelett aufmotzen. Der Modus macht vor allem mit Freunden riesig Spaß!
