20 Jahre später: Warum mich das Yu-Gi-Oh! Sammelkartenspiel heute völlig anders abholt
Kolumne
Ich liebe das Yu-Gi-Oh! TCG seit über 20 Jahren. Trotzdem habe ich mich auf der deutschen Meisterschaft gefühlt wie jemand, der aus Versehen in eine ganz andere Veranstaltung reingelaufen ist.
Karten sammeln, mit Karten spielen, sich über Karten unterhalten und mit Karte zahlen - ich liebe Karten! Meine Liebe zu Trading Card Games fing vor etwas mehr als 20 Jahren an. Mein zehn Jahre älterer Bruder kam damals mit seinen Freunden nach Hause und hat mir ein paar Karten mit bunten Bildern in die Hand gedrückt. Das Yu-Gi-Oh! Sammelkartenspiel war mein erster Berührungspunkt mit Trading Card Games. Eine Liebe, die bis heute anhält, sich über die Jahre aber stark verändert hat. Das musste ich auch merken, als ich mich zum ersten Mal auf eine deutsche Meisterschaft getraut habe und lernen musste: Ich weiß gar nichts über dieses Spiel.
Eine Karte, zwei Anime, viele Spiele
Keltischer Wächter war nicht unbedingt meine erste Karte, aber es ist immerhin die, an die ich mich am besten zurückerinnern kann. Das Design hat mir irgendwie zugesagt. Vielleicht lag es aber auch an der Nähe zu einem meiner damaligen Lieblingscharaktere aus Videospielen: Link. Also gut, die Nähe liegt vielleicht nicht unbedingt auf der Hand, aber ich meine ... beide haben diese Elfenohren, grüne Akzente und ein Schwert - das muss reichen.
Kurz darauf startete auch der Anime in Deutschland - zumindest für mich. Der lief mit Sicherheit schon ein paar Tage länger, aber ich habe ihn plötzlich für mich entdeckt. Dass dann auch noch in der Kids Zone darüber berichtet wurde, war die Kirsche auf der Torte. Jeden Tag wurde die neueste Folge rund um die Geschichten von Yugi und später Jaden diskutiert und sich danach in der Pause duelliert. Während sich die oberen Klassen noch mit Degen und Revolvern gegenüberstanden, taten wir es wie zivilisierte Menschen: mit Karten aus Pappe im Dreck auf dem Boden des Schulhofs.
Quelle: nhociory / deviantart
Ich liebe das Design bis heute. Keltischer Wächter ist mittlerweile eher nutzlos, aber der Platz im Herzen ist sicher.
TCGs waren früher ... anders
Egal, wo es hinging, ich hatte immer mein Deck in der Hosentasche. Der einzige Schutz vor den Widrigkeiten der Außenwelt war ein Gummiband, das ich darum gewickelt habe. Neue Karten habe ich selten gekauft - Booster-Packs waren ja reines Glücksspiel und viel zu teuer, wenn es nach meiner Familie ging. Also habe ich mir gleich ganze Decks holen dürfen, um mich mit den enthaltenen Karten hochzuhandeln ... und den ein oder anderen Schulkameraden über den Tisch zu ziehen - huch.
Worum es mir dabei geht: Wir haben das Yu-Gi-Oh! TCG sehr unschuldig gespielt. Und so viel Spaß wie damals hatte ich wohl selten mit den Karten aus dem Hause Konami. Klar gab es immer den einen Typen mit den krassesten Karten, aber dann haben wir uns eben zusammengetan, um ihn zu besiegen. Echte Meta-Decks gab es bei uns nicht. Das war aber unserer Naivität geschuldet. Die "echte" Herausforderung gab es dann eher in einem der unzähligen Spiele auf PlayStation, NDS oder PC.
Quelle: PC Games
Die Messehalle in Münster war prall gefüllt mit Duellanten und ihren Decks.
Mein erstes National
Meine Erfahrung mit kompetitiven Yu-Gi-Oh! TCG Turnieren beschränkte sich also auf ein paar digitale Weltmeisterschaften. Nun gut, die waren nur digital und wirkliche Weltmeisterschaften waren es dann doch nicht, aber bis 2011 habe ich fleißig die World-Championship-Spiele gespielt! Mit dieser jahrelangen Vorbereitung ging es für mich in diesem Jahr zum 2026 European WCQ National, also der deutschen Meisterschaft und Europa-Qualifikation - analog, mit echten Menschen!
Es sei dazu gesagt, dass ich selbst nicht mitgespielt habe. Der bloße Gedanke daran, gegen die besten Duellanten Deutschlands zu spielen, ließ mich erzittern. Wären die Messehallen Münster das Königreich der Duellanten, wäre ich vermutlich schon auf dem Weg dorthin ausgeschieden. Das war aber gar nicht schlimm - im Gegenteil! Ich habe mich bei dem ein oder anderen Match dazugesetzt und auf den Gängen oder bei einem kühlen Getränk mit einigen Duellanten unterhalten. Eigentlich hat nur noch gefehlt, dass ich in den Arm genommen werde und den Kopf getätschelt bekomme: Die meisten haben mich verstanden und direkt versucht, mir zu erklären, wie ich rasch wieder in das Spiel zurückfinde.
Quelle: buffed
MASTER DUEL verlagert das moderne Yu-Gi-Oh! auf mehrere Plattformen.
Eine neue Hoffnung: Yu-Gi-Oh! MASTER DUEL
Diese Erkenntnis wird nicht allzu viele Duellanten überraschen: Yu-Gi-Oh! MASTER DUEL ist der ideale Wiedereinstieg. Nachdem mir ein Duellant nach dem anderen gesagt hat, ich solle mir das Ding mal wieder anschauen, habe ich direkt meine Switch ausgepackt und mich ins Spiel gestürzt. Immerhin haben reihenweise Menschen um mich herum mit ihren Karten gespielt - klar bekomme ich da auch Lust!
Vor einigen Jahren habe ich mich schon mal an Yu-Gi-Oh! MASTER DUEL versucht, war zugegebenermaßen aber recht schnell wieder raus. Das lag eher daran, dass ich es auf dem iPhone gespielt habe. Und sind wir ehrlich: Das iPhone ist keine coole Plattform für lange Spielesessions. Als alter Liebhaber von anderen TCGs auf dem Smartphone habe ich mich dann aber doch recht schnell wieder zurechtgefunden. Vor allem, weil ich nicht online gegen andere Menschen spielen muss. Ich fühle mich einfach im Singleplayer wohler. Yu-Gi-Oh! MASTER DUEL erzählt dabei kleine Geschichten und führt an die wichtigsten Karten heran. Man lernt also nicht nur die Mechaniken, sondern auch direkt Kombos und die aktuell wichtigsten Monster-, Fallen- und Zauberkarten.
Quelle: PC Games
Das Spiel ist mittlerweile deutlich komplexer als noch vor einigen Jahren. Trotzdem reicht es nur ein paar wenige Karten zu kennen.
Eine alte Liebe neu aufgewärmt?
Und doch gibt's da eine Sache, die mich stört: meine eigene Nostalgie. Ich würde Yu-Gi-Oh! MASTER DUEL sehr gerne mögen, aber es bettet mich nicht in diese weiche Wolke aus Wohlfühlatmosphäre, wie es frühere Spiele, die Serie oder einfach das bloße Anschauen der alten Karten machen. Und schon erwische ich mich, wie ich wenige Tage nach dem Event mal wieder Forbidden Memories auf der PS1 (Kenner wissen, warum das ziemlich paradox ist) und Tag Force auf der PSP spiele.
Aber mal zurück zum National. Das Event war für mich im Grunde das Beste aus beiden Welten. Auf der einen Seite habe ich mich gnadenlos verloren, aber dann auch recht schnell aufgefangen gefühlt. Und genau das führte dann eben zum nostalgischen Herumgenerde. Viele Duellanten, mit denen ich gesprochen habe, haben die gleichen Erfahrungen gesammelt: durch den Anime angefangen, dann mit Freunden gespielt und irgendwie über lokale TCG-Stores an den ersten Turnieren teilgenommen.
Letztere gab es in meinem kleinen Dorf bei Magdeburg leider nicht. Aber auf der anderen Seite ist das vielleicht auch ganz gut so. Wenn ich an so manches Multiplayer-Spiel am PC denke, habe ich den Spaß an einigen davon durch den kompetitiven Aspekt verloren. Und so bleibt das Yu-Gi-Oh! Sammelkartenspiel für mich genau da, wo es am besten hinpasst: in meiner kleinen Wohlfühlzone. Während ich früher noch gespielt habe, sammle ich heute nur noch. Neue Karten hole ich mir immer noch gerne. Früher waren mir perfekte ATK- und DEF-Werte genauso wichtig wie coole Effekte. Heute sind es eher Artworks, die mich packen.
Hin und wieder wird dann aber doch noch das alte Deck ausgepackt, mit einem Gummiband umwickelt und in die Hosentasche gesteckt, um dann in den Park oder das nächste Lokal zu gehen und mit Freunden wie in einer Altherrenrunde zu hocken, das ein oder andere Duell auszutragen und über die guten alten Zeiten zu philosophieren.
