Scott the Woz: Hilfe, ich mag einen Youtuber!
Kolumne
Alle Youtuber sind doof und die jungen Leute haben sowieso keine Ahnung - als Mensch jenseits der 30 muss Redakteur Lukas Schmid natürlich diese Meinung vertreten. Aber Himmel hülf, was dieser Scott the Woz macht, ist ja richtig gut!
Hey y'all, Lukas hier, und ich muss sagen, es ist einfach menschlich nicht okay, wenn ein Mensch, der noch dazu deutlich jünger als ich ist, auf Youtube richtig gute Videos abliefert und dabei auch noch einen verdammt lustigen Humor an den Tag legt.
Denn: Junge Leute können bekanntlich nix und Youtube ist sowieso Mist, wenn man nicht gerade einem Kerl mit 9 Abonnenten zuhört, der in Eigenregie einen Quantencomputer baut.
Gut, ich übertreibe natürlich, aber ganz kann ich mich so manchem Vorurteil natürlich tatsächlich nicht entziehen. Ein Großteil der jungen oder scheinjungen Youtuber geht mir, genauso wie all die Influencer auf der Welt, ziemlich auf den Sack, ich reagiere mit gekonnten Ignorieren und Sich-trotzdem-drüber-Aufregen.
Auf dieser Seite
Allerdings, es gibt halt auch richtig gute Content-Ersteller auf der Videoplattform, und weil mich einer seit einiger Zeit ganz besonders begeistert, will ich ihm an dieser Stelle mal meinen kleinen Samstagstext widmen.
Scott the Woz heißt der Kanal des guten Mannes, er selbst Scott Wozniak und er ist 24 Jahre alt. Sein Kanal, obwohl schon deutlich länger online, wird seit Anfang 2017 mit neuen Videos versorgt. Derzeitige Abonnentenzahl: knapp unter 1,5 Millionen. Ja, ich weiß, ich komme reichlich spät zur Party.
Über den Autor
Quelle: Lukas Schmid
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Lukas Schmid arbeitet seit 2010 in unterschiedlichen Funktionen bei Computec Media und damit bei PC Games, zuerst als Praktikant, anschließend als freier Mitarbeiter, dann als Volontär, Redakteur und inzwischen als Leitender Redakteur für pcgames.de, videogameszone.de, gamesaktuell.de und gamezone.de. Er liebt Action, Adventure, Action-Adventures, Shooter, Jump & Runs, Horror und Rollenspiele, mit Strategietiteln, den meisten Rogue-likes und Militärsimulationen kann man ihn jagen. Jeden Samstag um ca. 09:00 Uhr teilt er euch in seiner Kolumne mit, was ihn gerade wieder nervt oder freut. Hasskommentare und Liebesbriefe gerne in die Kommentare unter der Kolumne, an [email protected] oder auf Twitter an @Schmid_Luki.
Nicht wie die Anderen
Auf den ersten Blick unterscheidet sich Scotts Content nicht viel von jenem anderer Gaming-Youtuber. Er nimmt sich ein Thema oder ein einzelnes Spiel her und redet drüber. Wie er das macht, ist aber einzigartig.
Erst einmal ist ausnahmslos alles, was er tut, gescriptet, und zwar bis zur Perfektion. Das heißt nicht, dass hier riesige Mengen Geld in die Produktion geschossen werden, im Gegenteil. Alles ist über weite Strecken sehr simpel, Scott sitzt meist vor seinem immergleichen, spartanischen Hintergrund, redet, dann wird Gameplay oder anders Material gezeigt, während er aus dem Off spricht.
Nein, was ich meine, ist, dass jeder Blick sitzt, jeder Cut aus gutem Grund geschieht, für eigentlich winzigkleine Sidegags riesiger Aufwand betrieben wird, etwa das gesamte Studio kurzerhand in den Garten gesetzt wird.
Qualität durch strenge Regeln
Dadurch wird aus dem, was bei jemandem wie Peanutbuttergamer, der prinzipiell einen ähnlichen Ansatz verfolgt, durch wesentlich weniger Mühe aber oft in einer dadaistischen Cringeshow endet, wofür ich wohl einfach zu alt bin, mehr ein extrem gekonnt strukturiertes Comedy-Format.
Dazu tragen natürlich auch die wirklich gut geschriebenen Texte bei. Über die Jahre hinweg hat Scott zahlreiche Running Gags etabliert, die aber nicht in dem Maß überstrapaziert werden, dass sie nerven würden; und er arbeitet mit dem ständigen Element der Überraschung, wenn eine Szene oder eine Aussage zu einer völlig anderen Aussage führt, als man es erwartet hätte.
Authentisch, aber nicht er selbst
Teil dieses Scripts und der Erzählung, die sich teilweise als roter Faden durch alle Videos zieht, ist auch die Kunstfigur Scott Wozniak selbst. Hier gelingt dem Youtuber ein faszinierender Spagat extrem gekonnt: Er erschafft eine völlig überzogene, von Komplexen und abstrusen Einstellungen geprägte Figur, die trotz alledem authentisch wirkt. Obwohl er durchgehend schauspielert - und das ziemlich gut -, wirkt es nicht, als würde er einem etwas vorspielen.
Ich mag, wenn ich jemandem auf Youtube folge, dann eben diejenigen, die sich gefühlt wenig verstellen. Deswegen gefällt mir etwa auch die Reihe Boundary Break des Youtubers Shezez sehr gut, der immer wirkt, als würde er gerade persönlich mit einem plaudern. Scott the Woz gelingt das auch, aber eben auf einer ganz anderen Ebene und auf eine ganz andere Art und Weise.
Eine Einschränkung, was die hohe Qualität angeht: Mir persönlich wiederholen sich manche Aussagen zu oft, da werden Punkte aufgeworfen und drei Sätze später, teilweise fast wortgleich, wiederholt. Das könnte man straffen, es gibt den Videos aber im Gegenzug natürlich auch eine leicht nachvollziehbare Struktur.
Ausbruch aus dem blauen Rahmen
Tatsächlich ist es bei Scotts Videos durch die ständigen visuellen und erzählerischen Gags so, dass ich seinen Content, anders als andere Videos auf Youtube, nicht nebenher gucke, etwa wenn ich koche. Nein, hier will ich ohne Ablenkung dabei sein, und das, obwohl die Videos im Laufe der Jahre stetig länger wurden und heutzutage gerne mal 30 Minuten bis über eine Stunde in Anspruch nehmen.
Das gilt besonders bei den Videos, wo dann doch mal der Produktionsaufwand (geringfügig) nach oben geschraubt wird und Scott zusammen mit einer Gruppe gleichbleibender Freunde eine extrem schnelle, extrem abstruse und extrem lustige Kaskade an Blödsinnigkeiten abfeuert, stets trotzdem immer auf Content aufgebaut und nie als Selbstzweck - und immer vollkommen durchgescriptet, versteht sich. Dieses Video, in dem eine Dinner-Einladung zum völlig bescheuerten Whodunnit verkommt, ist eines meiner persönlichen Highlights.
Alleinstellungsmerkmal: Alleinstellung
Ich weiß nicht mehr, wo ich es gelesen habe, aber irgendwer meinte einmal, Scotts Charme und seine Einzigartigkeit kämen auch dadurch zustande, dass er so gut wie nie in irgendwelchen halbgaren Kooperationen mit anderen Youtubern zu sehen ist, und ich stimme zu. Er lebt und agiert in seinem eigenen kleinen Mikrokosmos, und gerade dadurch ist dieser so besonders.
Und tatsächlich verwehrt sich Scott aller Merchandise- oder sonstiger Werbekooperationen. Earbuds oder NordVPN werden bei ihm also nicht angepriesen, und sein Video, in dem er das massiv mit Geld angefütterte Raid: Shadow Legends auseinandernimmt, ist ein absolutes Highlight.
Er würde ohne jede Frage massiv mehr Geld verdienen, würde er entsprechende Deals eingehen, anderthalb Millionen Abonnenten sind ein gutes Verhandlungsargument - tut er aber nicht. Und das spricht wohl auch für ihn, man merkt Scott an, dass er das, was er macht, aus Überzeugung und Liebe zum Medium Videospiele macht. Er hat eine kreative Stimme, und die zieht er wahnsinnig glaubwürdig durch.
Die neue Generation
Für mich ist er das, was einst der Angry Video Game Nerd war, als dieser 2004 im noch vergleichsweise jungen Internet durch seine andersartigen Videos voller Herz eine teilweise bis heute treue Fanbase um sich scharte; und das, obwohl er, anders als Scott the Woz, auch zu seinen besten Zeiten immer etwas hölzern wirkte, seine Scripts nie dessen Niveau erreichten und vor allem Kack- und Rülpshumor über weite Strecken für die Lacher sorgen sollten.
Heutzutage kann man ihn und seinen Kanal Cinemassacre eh größtenteils vergessen. Klar, ich verstehe, dass man nach 17 Jahren derselben Arbeit und mit fortgeschrittenem Alter irgendwann keine Lust mehr hat. Aber dort wirken die Videos teilweise wirklich nur noch wie Träger für Product Placement und sie sind mit etwa genauso viel Liebe produziert wie TV Total in Stefan Raabs letzten Schaffensjahren.
Nerd 2.0
Scott the Woz ist für mich somit der einzige, oder zumindest der einzige mir bekannte, legitime Nachfolger, der alles mit sich bringt (minus des Retro-Fokusses), was den Nerd einst einzigartig machte, nur deutlich besser.
Falls sich jetzt jemand fragt, was der Punkt ist, zu dem ich mit dieser Kolumne hinwill: Es gibt keinen. Ich wollte tatsächlich einfach mal einen meiner Meinung nach großartigen Youtuber vorstellen, den natürlich bereits viele Menschen kennen, aber eben noch nicht genug, und ihm meine Anerkennung aussprechen. Möge er noch lange so gelungene Videos machen wie jetzt.
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