Yakuza 7: Like a Dragon - cool, tiefgründig und abgedreht - der Rock 'n' Roll unter den JRPGs
Test
Yakuza: Like A Dragon steckt die grandios-durchgeknallte Serie in ein neues Rollenspielgewand und macht dabei verdammt viel richtig. In unserem Test samt Video erklären wir, was das Abenteuer mit den Vorgängern gemein hat, wo es sich unterscheidet und warum man einen Mann, der nur mit Blubberblasen bekleidet ist, nicht gleich als Perversen abstempeln sollte.
Zu Playstation-2-Zeiten fälschlicherweise als GTA aus Japan beworben, fristete die Yakuza-Serie bislang im Westen ein Nischendasein, das sie nicht verdient hat. Die Spiele sind mit derart viel Herz und Liebe zum Detail gestaltet, dass sie von so vielen Menschen wie möglich gespielt werden sollten! Seit einer Weile wenden sich die Entwickler noch mehr dem westlichen Publikum zu, was sich durch zeitnahe Releases sowie englischer Vertonung und deutschen Untertiteln bemerkbar macht.
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Warum die durch Like a Dragon neu eingeläutete Ära von jedem Spieler eine Chance verdient hat, verraten wir euch im Test!
Bye Bye Kiryu-chan
Ichiban Kasuga ist der neue Held der Yakuza-Reihe! Nach sieben Spielen mit Kazuma Kiryu in der Hauptrolle übergibt der stoische Held nun den Staffelstab an seinen deutlich quirligeren Nachfolger. Der junge Gangster Kasuga erlebt den Silvesterabend 2000 untern den strahlenden Neonlichtern des Ausgehviertels in Tokio gemeinsam mit dem Sohn seines Clan-Patriarchen. Kasugas Leben verändert sich an diesem Abend grundlegend, denn sein Patriarch hat eine schwerwiegende Bitte an ihn. Kasuga soll für einen Mord ins Gefängnis gehen, den er nicht begangen hat, um so ein hochrangiges Mitglied der Mafia-Familie zu schützen. 18 Jahre später kommt Kasuga wieder frei, wird prompt von seinem ehemaligen Patriarchen verraten, angeschossen und in einer Mülltonne in Yokohama entsorgt.
Quelle: PC Games
Das ist der neue Held Ichiban Kasuga und wir haben ihn nach der Reise nach Yokohama so richtig ins Herz geschlossen.
Doch Kasuga überlebt und möchte nun natürlich den Grund für den Verrat herausfinden. In Yokohama legt er sich mit den einheimischen Clans an und schafft sich so viele Feinde, findet aber auch treue Verbündete. Mehr zur Story von Yakuza: Like a Dragon zu verraten, würde schon in Richtung Spoiler driften, deshalb wollen wir bei der wendungsreichen und stellenweise überraschenden Handlung nicht zu sehr ins Detail gehen. Den Autoren gelingt es jedenfalls, eine spannende, dicht verwobene und mit vielen schillernden Charakteren gespickte Geschichte zu erzählen, der man trotz turbulenter Ereignisse aber stets folgen kann. Allein am Ende treten ein paar arg konstruierte Handlungsstränge zu Tage, die den guten Gesamteindruck aber nicht schmälern.
Quelle: PC Games
Besonders Nachts sehen viele Ecken von Yokohama richtig atmosphärisch aus. Chinatown ist hier eines der Highlights.
Der Fokus liegt sowohl in der Hauptstory als auch in den Nebengeschichten auf dem Schicksal der abgehängten Personen der Gesellschaft. Nanba etwa ist ein ehemaliger Krankenpfleger, der Medikamente aus dem Krankenhaus gestohlen hat und nun als Obdachloser auf den Straßen Yokohamas überleben muss. Adachi wurde unehrenhaft aus der Polizei entlassen und sinnt wegen eines lange zurückliegenden Vorfalls auf Rache am Polizeipräsidenten. Die Sorgen ertränkt Adachi im Alkohol. Saeko wiederum muss sich als Bardame und Hostess durchschlagen, ihre Familie möchte nichts mehr von ihr wissen, obwohl ihr altersschwacher Vater Hilfe gut gebrauchen könnte. Zwei weitere Charaktere stoßen im Verlauf der Geschichte dazu, deren Identität wir aber an dieser Stelle nicht verraten möchten. Ein weiterer geheimer Charakter ist sogar komplett optional. Alle Figuren entwickeln sich im Laufe des Spiels zu wertvollen Mitgliedern der Gruppe und wir lernen sie durch Gespräche immer besser kennen.
Sprechen Sie Deutsch?
Dies alles wird in zahlreichen Zwischensequenz erzählt, die in schmucker CGI-Grafik und mit tollen Kamerafahrten inszeniert sind. Meist aber transportiert das Spiel die Handlung durch ausschweifende Dialoge. Yakuza-Puristen, die es nicht anders gewohnt sind, genießen das Ganze in der japanischen Originalvertonung. Die englische Synchronfassung ist allerdings auch sehr gut gelungen und verdient durchaus eine Chance. Die Lippenbewegungen wurden der jeweiligen Fassung angepasst, weshalb die englische Dialogregie freier als üblich agieren konnte. Deshalb sind die Sätze und Gespräche sehr glaubhaft. Die deutschen Untertitel schlagen leider in die genau andere Richtung, vor allem Bezugsfehler kommen immer wieder vor. Die Übersetzer mussten wohl mit dem reinen Text und ohne Kontext an der Translation arbeiten. Schade.
Ich beschwöre dich, Mafiaboss im Strampelanzug!
Die Actionprügeleien aus den Vorgängern haben Spaß gemacht, sich mit der Zeit aber abgenutzt. Da kommt die neue Ausrichtung auf ein rundenbasiertes Kampfsystem gerade recht. Die großen Klassiker wie die frühen Final Fantasys und Dragon Quests standen dem neuen Yakuza hier Pate. Die Reihe Dragon Quest wird sogar immer wieder von Kasuga im Verlauf der Geschichte erwähnt, denn das Waisenkind hat einen Großteil seiner Jugend mit den RPGs von Chunsoft verbracht. Es gibt auch einige Eastereggs zu alten und neuen Games in der Spielwelt zu finden, zum Beispiel auch zum relativ aktuellen JRPG Persona 5.
Quelle: PC Games
Die absurden Feinde sind eines der Highlights in Like a Dragon! Wir kämpfen gegen Exibitionisten, riesige Staubsaugerroboter und Männer mit Luftmatratzen.
Im Kampf prügelt ihr euch mit normalen Angriffen und Skills, heilt eure Gefährten und stärkt sie mit Buffs. Durch präzises Drücken auf verschiedene Buttons erhöht ihr während der Ausführung einer Fähigkeit den Schaden. Feinde können niedergeschlagen werden, wodurch ihr eine Chance auf eine kritische Angriffsverkettung erhaltet, ihr könnt Gegenstände verwenden und Gegner haben diverse Elementschwächen, normale Rollenspielkampfkost eben. Wären da nicht die toll designten, skurrilen Feinde! Manche von ihnen sind zwar stinknormale Gangster, die Messer und Knarren zücken, die allermeisten sind aber total abgefahrene Zeitgenossen, die uns mit ihren witzigen Aktionen und ihrem Aussehen zum Lachen gebracht haben. Hier liegt eine der großen Stärken von Like a Dragon!
Im Verlauf der Story und durch die Erkundung der Spielwelt erhalten wir Zugriff auf Freunde, die wir mit unserem Handy rufen können. Die sogenannten Poundmates erscheinen dann mit einer aufwendigen Animation, die man von Esper-Beschwörungen aus der Final-Fantasy-Reihe kennt. Auch sie sind skurril und amüsant gestaltet, wir haben selten eine der recht langen Animationen abgebrochen, da sie einfach lustig anzusehen sind. Das gleiche gilt für die Spezialattacken der unterschiedlichen Jobs.
Der Skiller und der Killer
In Yakuza: Like a Dragon könnt ihr euren Job beim Arbeitsamt wechseln, so ändert ihr eure Charakterklasse. Vom Koch über den Wahrsager bis hin zum Obdachlosen haben alle Jobs spezielle Angriffe und ihr müsst sie gesondert durch das Job-Level aufwerten. Spezielle Skills erhält eure Gefolgschaft aber auch, wenn ihr die Bindung zu ihnen intensiviert. Das könnt ihr auf vielen Wegen erreichen, etwa durch Kämpfe, Minispiele oder Gespräche. Ab einem gewissen Freundschaftslevel steht euch in der Survive Bar ein spezielles Bindungsgespräch zur Verfügung, durch das ihr neue Jobs und Skills freischaltet.
Quelle: PC Games
Mehrere Lokalitäten kann man in Yokohama wiedererkennen. Unter anderem die Einkaufsmeile.
Yokohama ist deutlich größer als die bisherigen Ausgehviertel in Tokio und Osaka. Vom Hafen über die Einkaufsmeilen bis nach Chinatown und zu eher sterilen Wohn- und Bürogebäuden ist auch deutlich mehr Abwechslung geboten. Allerdings gefielen uns persönlich die leuchtenden Neonreklamen, der Lärm der Pachinkospielhallen und die durchweg verruchte Atmosphäre von Kamurucho und Sotenbori etwas besser. Das hatte einfach mehr Yakuza-Flair. Yokohama passt aber deutlich besser zum neuen Charakter und der Geschichte von Like a Dragon, da diese ja nicht nur von Verbrechern, sondern auch von den Problemen der normalen Menschen am unteren Rand der Gesellschaft erzählt.
Minispiel mit Minipli
Die Minispiele verleihen jedem Teil der Yakuza-Reihe erst wirklich Herz. Viele Klassiker aus den vorherigen Spielen wurden wieder übernommen. Wir schwingen unsere Schläger beim Golf oder Baseball, pokern im Kasino um hohe Einsätze und versumpfen in Spielehöllen mit traditionellen japanischen Karten- und Brettspielen. Wir können aber auch wieder eine der Arcades besuchen, in denen wir mehrere alte Sega-Klassiker komplett durchspielen können. Natürlich darf auch das gute alte Karaoke nicht fehlen, das in unserem späteren Hauptquartier, der Survive Bar, zur Verfügung steht. Je mehr Partymitglieder wir sammeln, desto mehr Songs stehen uns zur Verfügung.
Quelle: PC Games
Je mehr Charaktere wir im Verlauf der Story treffen, desto mehr Lieder können wir beim Karaoke singen. Nur einer bleibt ein Muffel.
Die brandneuen Minispiele überzeugen aber noch viel mehr. In der Dosenquest sammeln wir mit dem Fahrrad die benutzten Getränkeverpackungen von der Straße, um sie anschließend zu recyclen. Doch feindliche Pfandsammler und die Müllabfuhr machen uns das umweltbewusste Leben schwer, denn fahren sie in uns hinein, verlieren wir einen Teil unserer blechernen Beute. Immerhin: Nimmt Kasuga einen Schluck Energy Drink, verleiht ihm das so viel Power, dass wir nun mit der Retourkutsche Dosendiebe rammen und ihnen das wertvolle Blech abziehen.
Wenn wir richtig auf die Tube drücken wollen, spielen wir das Dragon-Kart-Minispiel. Jede gute Videospiel-Serie braucht ja bekanntlich ein Kart-Racing-Spin-Off, und Like a Dragon liefert seines gleich mit. In mehreren Cups und Einzelherausforderungen fahren wir gegen schrille Figuren aus Yokohama um die Wette. Während der Fahrt setzen wir in alter Mario-Kart -Tradition Items ein, die unsere Geschwindigkeit boosten, Gegner abschießen oder fiese Fallen auf der Strecke verteilen. Die krude Fahrphysik lässt ab und an Frust aufkommen, aber für zwischendurch ist ein kleines Rennen ganz spaßig.
Die ultimative Alltags-Herausforderung gibt es im Seagull Cinema: Bloß nicht bei langweiligen Filmklassikern einschlafen! In immer schwieriger werdenden Quick-Time-Events müssen wir Schafböcke verscheuchen, damit sie uns nicht ins Land der Träume schicken. Die Filmauswahl ist herrlich bescheuert und die absurden Dialoge lassen einen immer wieder schmunzeln. Von der romantischen Komödie über alte Samurai-Filme bis zum Softporno wird hier alles durch den Kakao gezogen. Laden wir einen weiteren Charakter ins Kino ein, vertiefen wir unsere Beziehung zu ihm, vorausgesetzt natürlich, wir treffen mit unserer Wahl auch den Filmgeschmack des Kollegen.
Quelle: PC Games
Im Seagull Cinema dürfen wir nicht einschlafen, auch wenn die Filme hundsmiserabel und langweilig sind.
In der Berufsschule wird ordentlich gepaukt, denn die Multiple-Choice-Aufgaben sind teilweise echt knackig. Hier vertiefen wir unsere Kenntnis in wichtigen Bereichen wie Sega-Wissen und Verbrechenskunde, aber auch in exotischeren Fächern wie Mathematik oder Weltgeschichte. Schule formt den Charakter, und das ist wörtlich gemeint, denn mit dem erfolgreichen Abschluss einer Prüfung treiben wir die Charakter-Werte von Kasuga ziemlich fix in die Höhe.
Im Verwaltungs-Minigame wirtschaften wir einen kleinen Süßigkeitenladen an die Spitze der Top-Unternehmen von Yokohama. Wir müssen den Laden renovieren, das richtige Personal mit den passenden Werten einstellen und können dann mit der Zeit immer mehr Geschäfte in der Stadt aufkaufen und verbessern. Die fähigsten Angestellten gibt es in der offenen Welt zu finden: Entweder warten sie auf uns am Straßenrand und wir müssen ihnen nur eine Stelle anbieten, oder wir erledigen eine der zahlreichen Nebenquests in der offenen Welt, um besonders seltene Arbeitskräfte zu rekrutieren.
Vom Soapland in die Traufe
Die Storys von Yakuza behandelten stets ernste und teils sogar tragische Themen. Das gilt auch in Like a Dragon, und einen größeren Kontrast dazu könnten die absurden kleinen Geschichten nicht darstellen, die wir abseits der eigentlichen Handlung immer wieder entdecken. Über 50 Substorys, die meisten davon sympathisch und schrullig, warten auf Kasuga. Spielerisch sind die kleinen Quests sehr einfach gestrickt. Oft müssen wir lediglich einen Kampf bestreiten oder Dialoge lesen. Allesamt sind aber mit viel Liebe zu den Charakteren und Hingabe an kleine Details gestaltet, die charmant-verrückten Substorys suchen in der Welt der Videospiele ihresgleichen.
Quelle: PC Games
Kasuga trifft auf der Straße immer wieder auf Leute die seine Hilfe benötigen. Hier zum Beispiel auf einen nackten Mann, den er zu einem Klamottenladen eskortieren muss.
Keine Geschichte gleicht der anderen - als Anschauungsmaterial dient eine davon, die sich um einen armen Mann dreht, der nackt aus dem Bordell flüchten musste. Folgendes passiert: Kasuga schlendert an einem Soapland vorbei. Soaplands sind halblegale Bordelle, die in Japan als Badehäuser getarnt sind. Auf der Straße vor dem Soapland wird Kasuga von einem nackten Mann angesprochen, nur Badeschaumreste bedecken seine Blöße. Wegen eines wichtigen Anrufes stürmte der Kerl gedankenverloren aus dem Etablissement, und jetzt lassen ihn die Türsteher nicht mehr zurück, um seine Kleidung zu holen. Der gutherzige Kasuga muss ihm nun helfen, zu einem Bekleidungsgeschäft zu gelangen, um sich dort Klamotten zu kaufen. Dabei darf ihm aber nicht der Restschaum vom Leib gespritzt werden. Natürlich spielen in diesem Moment Kinder mit Gießkannen auf der Straße, die Feuerwehr fährt einen Einsatz und weitere Gefahren lauern auf dem Weg.
Ein sauberer Spaß!
Während unserer Spielzeit kam es zu keinem Absturz und uns fielen keine größeren Bugs auf. Da das Spiel in Japan bereits seit Februar 2020 auf dem Markt ist, konnten die Entwickler die westliche Version des Spiels nochmal auf Hochglanz polieren. Die Grafik entspricht dem Vorgänger, wirkt also schon angestaubt, zaubert besonders bei nächtlichen Szenerien aber noch immer ein paar schöne Panoramen auf den Bildschirm. Die detaillierten Gesichter sind ein Markenzeichen der Yakuza-Serie und wie gewohnt hübsch anzusehen. Für die Hauptgeschichte haben wir rund 40 Stunden gebraucht. Nebenquests und Minispiele spendieren nochmal gut 20 Stunden Spielzeit extra. Wer die optionalen Dungeons und die RPG-typischen Prügeltürme meistern und dabei jeden Job maximieren möchte, ist gut und gerne 100 Stunden beschäftigt.
Quelle: PC Games
Die detaillierten Gesichter sind schon seit vielen Teilen ein Markenzeichen der Yakuza-Reihe. Besonders in den gerenderten Zwischensequenzen kommen sie zur Geltung, aber auch sonst sehen sie toll aus.
Yakuza: Like a Dragon dreht mit dem Wandel der Reihe zum rundenbasierten Rollenspiel die Regler auf 11 und beweist, dass man auch lange bewährten Tugenden mit einem Kehraus begegnen kann, der die ganze Reihe auf ein neues Level hebt. Ichiban Kasuga ist sympathisch und wir wollen mehr zusammen mit ihm erleben. Wir freuen uns auf einen weiteren Teil mit dem gutherzigen Kriminellen in der Hauptrolle!
