War das früher wirklich so? Die Classic-Eindrücke eines WoW-Veteranen (Kolumne)

Special André Linken Maria Beyer-Fistrich
War das früher wirklich so? Die Classic-Eindrücke eines WoW-Veteranen (Kolumne)
Quelle: Blizzard

Mit dem Launch von World of Warcraft Classic ist eine große Anzahl von Veteranen zurückgekehrt, die bereits beim ursprünglichen Start des Online-Rollenspiels vor 15 Jahren dabei gewesen sind. Einer davon berichtet in unserer Kolumne von seinen Erlebnissen am ersten Tag und sinniert ein wenig über ebenso verklärte wie romantisierte Erinnerungen.

Gleich zu Beginn muss ich ein kleines Geständnis ablegen. Die ersten Wochen nach dem ursprünglichen Launch von World of Warcraft (jetzt kaufen ) habe ich komplett verpasst. Ehrlich gesagt war ich damals ein riesiger Fan und vehementer Verfechter eines anderen MMOs, das mir zahlreiche schöne Stunden beschert hat - Dark Age of Camelot. Zunächst wollte ich den Lockrufen zahlreicher Freunde nicht nachgeben, die bereits ein Abenteuer nach dem anderen in Azeroth erlebten. Irgendwann war der (Gruppen-)Druck jedoch dermaßen groß, dass ich letztendlich nachgegeben, ein Exemplar von World of Warcraft gekauft und meinen ersten Charakter erstellt habe - eine Hexenmeisterin mit dem ziemlich albernen Namen "Hexaluda". Sehr viel kreativer war ich damals nicht. Ich war ohnehin davon überzeugt, dass es nur eine kurze Stippvisite in WoW werden dürfte. Das Spiel konnte immerhin gar nicht so gut sein wie mein geliebtes Dark Age of Camelot, zu dem ich bald wieder zurückkehren wollte. Doch selten hatte ich mich in meiner Laufbahn als leidenschaftlicher Zocker dermaßen geirrt wie in diesem Fall. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen wurden Jahre. Seither habe ich (viel zu) viele Stunden in World of Warcraft gebracht, habe im Verlauf der Jahre alle Änderungen und Umbrüche erlebt und dabei auch zahlreiche Freunde kennengelernt. Es war und ist ein nicht unbedeutender und emotionaler Teil meines Lebens.

Entsprechend euphorisch war ich, als Blizzard bei der BlizzCon 2017 nach einer Zeit der Gerüchte und Spekulationen World of Warcraft ankündigte. Vor meinem geistigen Auge tauchten Szenen aus längst vergangenen Tagen auf, die mich vor lauter Nostalgie wohlig seufzen ließen. Endlich wieder das alte World of Warcraft spielen? Ohne den ganzen modernen Schnickschnack und Komfort der aktuellen Version? Oh ja, das wollte ich unbedingt spielen. Ich habe mir den Launch-Termin im Kalender markiert, den Tag X kaum erwarten können und mich in der Nacht des 27. August 2019 voller Vorfreude ins Getümmel gestürzt - und dabei so manches Mal meine Augenbraue gehoben. Denn einiges hatte ich gänzlich anders in Erinnerung - oder zumindest wohl verdrängt. Ich will an dieser Stelle gar nicht von den ewig langen Warteschlangen anfangen, mit denen auch ich mich beim Launch von World of Warcraft Classic herumschlagen musste und auch noch immer muss. Stattdessen möchte ich über einige meiner Emotionen berichten, die sicherlich so mancher WoW-Veteran der Stunde mit mir teilen dürfte.

WoW Classic: So wenige Flugpunkte?

Verdammt noch mal, gab es damals zu Vanilla-Zeiten tatsächlich dermaßen wenige Flugpunkte in Azeroth? Mir ist bewusst, dass Blizzard deren Anzahl im Verlauf der Jahre deutlich erhöht hat, um etwas komfortable Reisen zu ermöglichen. Doch irgendwie hatte ich in Erinnerung, dass es gerade in den ersten Gebieten deutlich mehr Greifenmeister gab. Dem war aber wohl nicht so. Stattdessen muss meine Hexenmeisterin unzählige Kilometer zu Fuß laufen, wobei verdammt viel Zeit draufgeht. Bevor ich endlich Level 40 erreiche und mich erstmals auf mein Reittier schwingen darf, dürfte ich angesichts der ewigen Latscherei sicherlich noch das ein oder andere Mal beherzt fluchen.

WoW Classic: Warum treffe ich den Gegner nicht?

Jaja, ich weiß: Gerade als WoW-Veteran sollte mir eigentlich bewusst sein, dass es zu Vanilla-Zeiten deutlich öfter vorkam, einen Gegner nicht zu treffen. Über das leidige Thema der "Trefferwertung" will ich mich gar nicht erst auslassen. Doch war das vor allem in den ersten Level echt so schlimm? Vor allem die Nahkämpfer dürften oftmals vor Frust in die Tischkante beißen, wenn ihr Gegenüber mal wieder "pariert", "blockt" oder der eigene Schlag einfach mal ins Leere geht. Selbst anfangs als sicher eingestufte Kämpfe können dann schon mal zu einer knappen Sache werden. Das fällt wohl in die Kategorie "muss ich wohl komplett verdrängt" haben.
Gut zu Fuß muss der Taure sein.  Quelle: Buffed Gut zu Fuß muss der Taure sein. 

WoW Classic: Als Sammler ein Versager?

Eine Sache, die ich wirklich völlig vergessen zu haben scheine: Bei allem Sammelberufen kann es Fehlschläge geben. Als ich im Startgebiet der Gnome voller Vorfreude meine ersten Kräuter einsammeln wollte, stand ich zunächst mit leeren Händen da. Zunächst glaubte ich an einen Bug, was angesichts der proppenvollen Server wenig verwunderlich gewesen wäre. Erst nach dem mir das mehrfach innerhalb kurzer Zeit passiert es, dämmerte es langsam. Klar, es ist kein Beinbruch, wenn ich halt mehrfach nach einer Pflanze greifen oder mehrmals mit der Spitzhacke auf das Mineralvorkommen kloppen muss. Doch es kostet Zeit und mitunter auch etwas Nerven.

WoW Classic: Der sinnlose Blick auf die Karte

Bei meinem ersten Blick auf die Weltkarte habe ich ebenfalls zunächst an einen Bug oder Verbindungsprobleme gedacht. Immerhin hatte ich doch kurz zuvor meine ersten Quests angenommen. Daher wollte ich mich mithilfe der Karte etwas orientieren. Doch dort suchte ich vergeblich nach den Quest-Icons, die mir den Weg zum Ziel oder zu wichtigen Orten zeigen. Auch in diesem Fall dauerte es ein wenig, bis mir wieder einfiel, dass diese Komfortfunktion erst deutlich später ins Spiel kam. Zu Vanilla-Zeiten standen genaues Lesen der Quest-Texte ebenso auf dem Tagesprogramm eines jeden Abenteuers wie minutenlanges Abklappern der einzelnen Gebiete bei der Suche nach dem richtigen Punkt. Ach ja, ich kann auch nur fünf Quests gleichzeitig anzeigen lassen. Mist.

WoW Classic: Verdammt ist das teuer

Was mir ebenfalls entfallen war: Das Leben als neuer Held in Azeroth ist verdammt teuer. In der aktuellen Version von World of Warcraft ist Gold überhaupt kein Thema - man bekommt es quasi überall nachgeschmissen. Doch vor allem in den ersten 20 Level von World of Warcraft Classic war ich chronisch pleite. Alles ist so verdammt teuer, so dass ich jede Investition mehrfach überdenken musste. Soll ich mir den nächsten Skill tatsächlich kaufen? Reicht das Geld noch für den Rückflug zur Späherkuppe? Meine Ausrüstung müsste ich übrigens auch mal wieder reparieren. An diesen Umstand musste ich mich erstmal ebenso mühsam wie widerwillig gewöhnen.

Ist also alles Mist?

Es gibt sicherlich noch viele weitere Details, die ich an dieser Stelle aufführen könnte. Einige davon fallen mehr ins Gewicht als andere. Insgesamt klingt es für euch sicherlich so, als würde sich ein mittlerweile verweichlichter WoW-Spieler über den mangelnden Komfort aufregen. Dem ist nicht so - im Gegenteil. Ich mag dieses gewisse spartanische Gefühl von World of Warcraft Classic - mitunter eine Art von Selbstgeißelung. Es bedarf einiges an Umgewöhnung, definitiv. Manches zeigt auch deutlich, dass Blizzard im Verlauf der Jahre hinzugelernt hat und vieles "verbessern" konnte. Ob das positiv oder negativ ist, muss jeder für sich entscheiden. Mir zeigt es jedoch vor allem eines: Vieles, was man in der Erinnerung glorifiziert, entpuppt sich bei direkter Konfrontation als hübsche Seifenblase, die relativ schnell zerplatzt. Aber man kann ja trotzdem noch jede Menge Spaß haben.

Was meint ihr: Welche Details aus den Anfangstagen von World of Warcraft hattet ihr inzwischen verdrängt und wie gefällt euch das Spielgefühl bisher? Teilt es uns in den Kommentaren mit!

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